Am Anfang war das Kino – Werner Herzog: Die Höhle der vergessenen Träume (Filmrezension)

28. Januar 2012 § 8 Kommentare

valentino

Die Filmer werfen ihre Schatten auf ein schwach ausgeleuchtetes Paneel. Im unsteten Licht der Handlampe stehen sich zwei Wollnashörner gegenüber. Sie sind mit Holzkohle auf den Fels gezeichnet. Mehr als 400 solcher jungpaläolithischen, über 30.000 Jahre alten Felsmalereien gibt es in der Höhle von Chauvet. Sie wurde 1994 im Flusstal der Ardèche in Südfrankreich entdeckt. Ein Felssturz hatte sie vor circa 20.000 Jahren verriegelt: Eine Zeitkapsel, welche die Malereien konservierte.

Über weite Strecken ist der Film sein eigenes Making-of, stellt die schwierigen Drehbedingungen dar: Beengter Raum, wenig Zeit. Auf seine unverstellte, etwas verschrobene Weise interpretiert Werner Herzog die Felszeichnungen, zeigt Wissenschaftler, die derzeit anhand der Malereien etwas über die Lebensweise und die Weltsicht des steinzeitlichen Menschen herauszufinden versuchen. Ernst Reijsegers archaisch anmutende Musik begleitet den Film. Die Handkamera führt Peter Zeitlinger. Durch ständige Perspektiv- und Lichtwechsel entstehen eindrucksvolle Hell-Dunkel-Kontraste in dichter Atmosphäre.

Überlagerte Wildpferde: Steinzeitlicher Trickfilm?

Was verbindet den modernen mit dem prähistorischen Menschen? Herzogs Antwort lautet: Seine Träume. Innere Bilder bewegten ihn. Vergleichbar der Sichtweise der Romantik suchte der künstlerische Frühmensch nach einer Möglichkeit, diese inneren Bilder nach außen zu tragen. In der Weise wie er seine Visionen festhielt auf Felswänden, welche durch ihr Relief Plastizität erzeugen, könne man, so Herzogs These, diese Inszenierungen betrachten als Vorläufer des Kinos.

Die Verwendung der Stilmittel wie die Darstellung von Bewegung, zum Beispiel durch Staffelungen, sein Umgang mit den vor Ort hergestellten Malfarben wie Holzkohle, roter und hellerer Ocker, sowie Gravuren und der Duktus sprechen für die hohe Kunstfertigkeit des steinzeitlichen Menschen. Dies legt nahe: die Kunst verfeinerte sich nicht beständig im Laufe der Zeit, sondern es traten in der menschlichen Kulturgeschichte hin und wieder künstlerisch herausragende Individuen auf.

Löwendarstellung in der Höhle von Chauvet: Vorläufer des Kinos?

Den Malereien liegt ein exaktes Wissen über die gemalten Objekte zugrunde. Das zeigen Ausdruck und Individualität der Tiere. Meist handelt es sich bei den Darstellungen um Tiere, die in prähistorischer Zeit in großer Artenvielfalt auftraten: Neben anderen Wollnashörner, Wildpferde, Höhlenlöwen und -bären, Hirsche und Panther. Die Künstler ergänzten die Malereien über einen Zeitraum von tausenden von Jahren, was für ihre Bedeutung im Rahmen von Kulthandlungen spricht. Die Höhle diente als mythologischer Ort und Orientierungspunkt für das Weltverständnis.

Im Gegensatz zum modernen Menschen industriestaatlich-westlicher Prägung war der Frühmensch weitaus weniger egozentrisches Individuum, vielmehr hat er auf eine grundlegend andere Weise seine Umwelt wahrgenommen. Das Malen war für ihn kein individueller Ausdruck, sondern durch die Anfertigung einer Zeichnung festigte er seine Beziehung zur Natur, als dessen Teil er sich verstand. Er war über sein Wissen hinaus in noch größerem Maße ein spirituelles Wesen wie Jean Clottes, Prähistoriker und Präsident des wissenschaftlichen Komitees der Höhle von Chauvet, im Film sagt: eher ein „Homo spiritualis“ als „Homo sapiens“.

In der Höhle von Chauvet treffen Widersprüche aufeinander. Mit den Mitteln einer hochtechnisierten Zivilisation versucht der moderne Mensch anhand der Wandmalereien das Bild des Frühmenschen zu rekonstruieren. Die Schönheit und Ausdruckskraft der Felsmalereien stellen jedoch die technologische Analyse in Frage. Manchmal gehen Herzogs Interpretationen etwas zu weit, wenn er zum Beispiel in den Zeichnungen den „Ursprung der modernen menschlichen Seele“ vermutet. Auch hätte stellenweise weniger Musik und Kommentar dem Film gut getan, weil vielleicht doch jeder Zuschauer auf seine eigene Weise die steinzeitlichen Bilder lesen möchte. Sehenswert ist der Film in jedem Fall, denn die Felszeichnungen liefern ein beeindruckendes Exempel franko-kantabrischer Höhlenkunst.

(c) valentino 2012


Trailer: © 2011 Ascot Elite Home Entertainment

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