Rosa sei pura – Laura Marchigs Gedichtband „Lilith, Sinnlichkeit und Farben“ (Rezension)

28. Februar 2012 § Ein Kommentar

belmonte

Laura Marchig: Lilith, Sinnlichkeit und Farben

Laura Marchig: Lilith, Sinnlichkeit und Farben

Kroatien Istrien Italien Lyrik ein Brunnen, der die Stille füllt (94) das Weibliche Laura Lilith die erste Unsere Körper sind hier süße Kissen (136) fiumanisches Italienisch Honig und Zwiebel Nachdenken über zwei- oder dreifache Kultur der schwarze Mond ein Rausch von Bildern con te nella dolcezza (44) wo die methodische Unordnung zur Regel wird (43) italienische Minderheit in Istrien aus Thymian und Salbei das Haar (42) Lyrik an der Peripherie der italienischen Sprache vor dem Hintergrund der kroatischen Umgebung Rosa sei pura nel tuo vermiglio (38) bisweilen zweifach ins Kroatische übersetzt von Daniel Načinović und Ljerka Car Matutinović Čista si, ružo, u rumenu žaro beziehungsweise Čista si ružo u tvom rumenilu (39) von Antonio Staude in eingängige deutsche Lyriksprache übertragen Rose rein bist du in deinem tiefen Rot (38) ein geschmackvoller, aufmerksam gesetzter Band ausgewählter Lyrik der fiumanischen Dichterin Laura Marchig aus Rijeka, nicht der erste Lyrikband aus der Feder der Autorin, Performerin und Theaterintendantin. Rimbaud wird zitiert und Blake Già respiro profondo | tuti i pichi del mondo canta forte | canti de morte e i resta in alegria (148) Das sind die Gipfel der Welt und die Todesgesänge Ich erinnere mich an diese Tage | ganz aus Nebel, ganz aus einem Licht (165) Aus jenem Fiumanischen, „das heute die Vertreter dieser glücklosen, unter dem demokratischen Sozialismus und mit Rock’n Roll als geistiger Nahrung und mit der Sprache Dante aufgewachsen und vom Krieg zermürbten Generation radebrechen“ (134) Sti nostri corpi xe cussini dolze (135) Lilith, die erste Frau Adams. Sie ist Magie und Mythologie, aus dem Garten vertrieben Brenne, o brenne meine geflügelte Erinnerung (145) Tatsächlich handelt es sich um einen Auswahlband, unterteilt in eine Reihe von Sinneinheiten und Schaffensperioden der Dichterin Colours in allem Reichtum an Farben, Formen, grünen, blauen, Veilchen, Toden Von Gold zu Schwefel mit dem Kopf voller Indianer, Schmetterlinge, Sternkonjunktionen (21) schreibt die Dichterin wie eine Verrückte (19) die Reime und Rhythmen aus ihrem platzenden Kopf erbricht. Hier spürt der Leser den Einfluss von Jazz und Beat-Literatur Auch ich schreibe gelegentlich Jazz … ich verliere den Faden | weiter vorne finde ich ihn | wieder (25) I ja gdjekad u jazzu pišem Im Abschnitt Lussignana / Aus Lussin sind es die Landschaften, Gärten, Palmen, Zitronen und Menschen der Kvarneinsel Lošinj, und immer wieder das Ich-und-Du mit dir in der Süße | wo man den Frühling durchquert | und eine Jahreszeit die Reinheit ist | die gegenüber der Zeit die Arme öffnet | und nichts gibt es mehr außer Unschuld | così la notte ha la luce del giorno (44/45) Es ist die Stärke dieser Lyrik, dass der grausame Hintergrund der 90er Jahre auf dem Balkan durch das Licht der Vielgestaltigkeit, Ironie und des Spiels gebrochen wird. Bisweilen durchbricht er die Bildfläche dann doch. Im Winter 1992 … entlaubt sich das Meer und sie fragt ihren Sohn Kind warum bist du geboren | nichts als einen Körper habe ich auf dich zu stürzen (23) bimbo perché sei nato Liest man aber diese Lyrik, dann ist alles alte noch längst nicht verschwunden. Es ist noch da, und es ist nicht ungefährlich eingefasst im Alten, im Ewigen | auf der Hölle geiferndem Mund (163) Die nächtlichen Flüge entführen ins Anekdotische, wo das Weibliche vom Wölfischen bedroht wird Hundsaugen hatte er jetzt und Wolfszähne (103) und da ist in all dem Zwischenmenschlichen ein sich selbst auffressendes Alleinsein in den eigenen Erinnerungen Non poi mai dire alle tue gambe dove andare, né ai tuoi occhi dove guardare, non puoi dire a te stesso tutto ciò che andrebbe detto a sperare di essere ascoltato (122) Das sind die Flüge. Und dann kommt Lilith, Besuch in einem italienischen Garten, Florentiner Bibliotheken, zurück in Istrien. Und da ist die Liebe als eine fixe Idee und ein Warten und Ertragen, bis es endlich soweit ist Die wiedergefundene Liebe erschüttert unerbittlich und bleibt aufrecht und starrt mich an, beherrscht meine Illusion, mein unvorsichtiges Fortschreiten in diesem schlecht gelebten Leben (183) questa vita malvissuta.

Laura Marchig: Lilith, Sinnlichkeit und Farben, Ausgewählte Gedichte. Herausgegeben von Alida Bremer. Mit einem Vorwort von Irene Visintini. Aus dem Italienischen von Antonio Staude. Übertragungen ins Kroatische von Ljerka Car Matutinović und Daniel Načinović. Drava Verlag, Klagenfurt, Wien, Celovec-Dunaj 2010.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

(c) belmonte 2012

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§ Eine Antwort auf Rosa sei pura – Laura Marchigs Gedichtband „Lilith, Sinnlichkeit und Farben“ (Rezension)

  • Vallartina sagt:

    Ein paar Halbsätze nur erinnern mich wieder an Mali und Sveti Lošinj, an Medulin, heftige Boras, und eine Nebelbank, in der wir uns vor Rovignj verirrten, auf einen anderen Segler zufällig zutrieben,, und der von Bord zu Bord schrie: „Hearn’s, wo samma denn?“ (Hören Sie, wo sind wir denn?) und die anschliessende Feier auf der Aussenmole mit slivovka!
    LG

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