Über Dänemark und Italien – Hannah Arendts Bericht „Eichmann in Jerusalem“ (Fragmentrezension)

belmonte

Hannah Arendt: Eichmann in JerusalemBesonders lehrreich sind die Passagen über Dänemark und Italien, die auf jeweils ganz eigene Weise der von den Deutschen geforderten Auslieferung von Juden begegneten.

Zu Dänemark:

„Diese Geschichte möchte man als Pflichtlektüre allen Studenten der politischen Wissenschaft empfehlen, die etwas darüber erfahren wollen, welch ungeheure Macht in gewaltloser Aktion und im Widerstand gegen einen an Gewaltmitteln vielfach überlegenen Gegner liegt. (…) Als die Deutschen wegen der Einführung des gelben Sterns an sie [die Dänen] herantraten, (…) sagte man ihnen ganz kühl, als erster werde sich der König den Judenstern anheften; die Mitglieder der dänischen Regierung kündigten vorsorglich an, daß antijüdische Maßnahmen ihren sofortigen Rücktritt zur Folge haben würden.“ (S. 274)

Im Oktober 1943 legten die Deutschen dann das endgültige Deportationsdatum fest.

„Den Juden blieb gerade genügend Zeit, ihre Wohnungen zu verlassen und sich zu verstecken, was in Dänemark sehr einfach war, denn alle Kreise des dänischen Volkes, vom König bis zum einfachen Bürger, standen (…) bereit, sie aufzunehmen.“ (S. 277)

Anders in Italien, das sich genau wie Dänemark „nahezu immun gegen den Antisemitismus“ (S. 274) zeigte, sich aber niemals direkt gegen die „Politiker der Endlösung“ (ebd.) wandte:

„Selbst Italiens ernsthafteste Bemühungen, sich dem mächtigen Freund und Verbündeten anzupassen, entbehrten nicht der Komik. Als Mussolini unter deutschen Druck in den späten dreißiger Jahren antijüdische Gesetze einführte, sah er darin Ausnahmen vor – Kriegsveteranen, hoch dekorierte Juden, ‚Verdienstjuden’ und dergleichen –, aber er fügte noch eine Kategorie hinzu, nämlich ehemalige Mitglieder der Faschistischen Partei einschließlich ihrer Eltern und Großeltern, ihrer Geschwister, Frauen, Kinder und Enkel. Meines Wissens existieren über diese Angelegenheit keine Statistiken, doch muß infolge dieser Klausel die große Mehrheit der italienischen Juden zu den Ausnahmekategorien gehört haben. Es kann kaum eine jüdische Familie ohne wenigstens einen Angehörigen in der Faschistischen Partei gegeben haben (…).“ (S. 282)

Bemerkenswert sind Hannah Arendts Schlussfolgerungen über das unterschiedliche Staats- und Politikverständnis Dänemarks und Italiens:

„Was in Dänemark das Ergebnis eines echten Sinnes für Politik war, eines anerzogenen Verständnisses für die Voraussetzungen und die Verpflichtungen, die Bürgertum und Unabhängigkeit garantieren, das war in Italien Ausfluß einer fast automatisch gewordenen, alle Schichten erfassenden Humanität eines alten und zivilisierten Volkes.“ (S. 283)

Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München 1964, 42011.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

(c) belmonte 2012

Ein Gedanke zu “Über Dänemark und Italien – Hannah Arendts Bericht „Eichmann in Jerusalem“ (Fragmentrezension)

  1. Danke für diese interessante Fragmentrezenion! Von Hanna Arendt möchte ich schon sehr lange etwas lesen … irgendwie traue ich mich nur nicht so richtig an sie ran. Vielleicht versuche ich mich an diesem Buch!

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