Brief aus Mailand | 1

belmonte

brief aus mailand

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appartment in nächster nähe zur basilica di san lorenzo maggiore alle colonne
tiefschlaf nach der langen fahrt

am morgen besuch der basilica
einem zentralbau aus dem vierten jahrhundert
an der westseite von römischen kollonaden begrenzt

Basilica di San Lorenzo Maggiore

Basilica di San Lorenzo Maggiore / Foto: Belmonte

gerade wird die messe gefeiert
der priester gestikuliert und predigt ganz modern
denn am abend vorher ist das festival di sanremo zu ende gegangen
bei dem adriano celentano über das katholische priestertum hergezogen ist
das zu sehr von politik und zu wenig vom paradies spreche

draußen ist der himmel milchig
das licht diffus
ein doppelgesichtiger elvis schmückt eine hauswand

Römische Kollonaden vor der Basilica di San Lorenzo Maggiore

Römische Kollonaden vor der Basilica di San Lorenzo Maggiore / Foto: Belmonte

am nächsten tag sitze ich im lesesaal der bibliothek der università cattolica
während es draußen regnet
ich bin wahrscheinlich der älteste im saal
einem lernenden ameisenhaufen
vor mir liegt die geheimschrift

abends besuch einer lesung in der buchhandlung equilibri
nähe piazza lima
autor francesco macciò
der zum kreis um angelo tonelli und der mitomodernisten gehört

ein zweiter autor ist anwesend
marco bellini
beide stellen ihre neuen bücher vor
gedichte über die landschaften liguriens
artemis hier
empedokles dort

cos’è la poesia

poesia lasse sich nicht festhalten
das könne kein dichter
kein leser
kein hörer
es gebe keine lichter
die man angeschaltet lassen könnte

bellini fragt
was von uns bleibt
wenn wir alles verlieren
haare
nägel
schweiß

der raum ist halbvoll und hellerleuchtet
man scheint sich zu kennen
hellgelbe wände
die klimaanlage läuft geräuschvoll
es werden keine fragen gestellt
also fragen die beiden moderatoren
die sich offensichtlich gerne selbst reden hören
die autoren aus
blättern gelangweilt in ihren büchern und hören kaum den antworten zu

abendessen
unterhaltung was wäre
wenn wir unser leben nach der aufgehenden sonne ausrichten würden
ich trinke eine flasche wein leer und bin etwas duhn

in der via santa marta gibt es einen schönen palazzo mit der portalschrift
società d’incoraggiamento d’arti e mestieri
ich finde
das ist ein ganz besonders gelungener ausgangspunkt
denn in der tat gehört mut dazu
und warum gibt es nicht mehr gesellschaften
die zu den künsten ermutigen

(c) belmonte 2012

2 Gedanken zu “Brief aus Mailand | 1

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