„Nach Norden“ von Dario Azzellini und Boris Kanzleiter (Rezension)

valentino

Dario Azzellini & Boris Kanzleiter: Nach Norden

Dario Azzellini & Boris Kanzleiter: Nach Norden

Ausführlich und informativ stellt das Buch die Situation an der Grenze zwischen den USA und Mexiko der 1990er Jahre vor, insbesondere unter dem Aspekt der seit dieser Zeit in die Wege geleiteten neoliberalen Umstrukturierung und Militarisierung der USA.

„Nach Norden“ beinhaltet Interviews, Reportagen und Erfahrungsberichte von der US-mexikanischen Grenze zum Thema Arbeitsmigration und Umgangsweisen der Politik mit illegaler Einwanderung. Auch berichtet es über Maclovio Rojas, einer von Familien und Migranten aus verschiedenen Regionen Mexikos gegründeten Siedlung an der Landstraße zwischen Tijuana und Tecate. Dario Azzellini zeichnet die Entwicklung der Binnenmigration in Mexiko nach. Die Menschen sind auf die Mobilität angewiesen, um überleben zu können. Im Jahre 1992 wurde das Freihandelsabkommen NAFTA zwischen den Staaten Kanada, USA und Mexiko unterzeichnet.

Boris Kanzleiter kommt zu dem bemerkenswerten Schluss:

„Der große Widerspruch der Politik der letzten Jahre bestand darin, daß die neoliberale Umstrukturierung einerseits tatsächlich größere wirtschaftliche, politische und kulturelle Verflechtungen zwischen den Staaten zur Folge hat, gleichzeitig aber dieselbe Politik die soziale Kluft zwischen Reich und Arm sowie zwischen Nord und Süd vertieft. NAFTA läßt die mexikanische Bevölkerung verarmen und propagiert gleichzeitig den Mythos vom American Dream. Beide Faktoren wirken zusammen und verstärken die Migrationsbewegungen von Mexiko in die USA.“ (37)

Und weiter:

„Über die konkrete wirtschaftspolitische Bedeutung hinaus, zielte NAFTA auch auf eine Veränderung der Mentalität und Kultur. Die MexikanerInnen sollten sich von traditionellen Vorstellungen und Lebensweisen lösen, aus dem Schatten der Geschichte treten und ihren Blick nicht mehr nach Lateinamerika, sondern gen USA richten.“ (50)

Im Anhang findet der Leser Kontaktadressen von Institutionen an der Grenze und eine kommentierte Literaturliste.

(c) valentino 2012

Dario Azzellini und Boris Kanzleiter (Hg.): Nach Norden. Berlin, Göttingen 1999.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

2 Gedanken zu “„Nach Norden“ von Dario Azzellini und Boris Kanzleiter (Rezension)

  1. Ein endloses Thema. Nun dürfte sich mittlerweile, bedingt durch die Migrationspolitik der vergangenen wenigen Jahre, vor allem in Arizona und Texas, die Situation der Grenzgänger gegenüber den 1990er Jahren verändert haben, schliesslich schreiben wir das Jahr 2012.
    Oder deutlicher gesagt: die Situation der geduldeten Migration in die USA-Anrainerstaaten steht und fällt mit der wirtschaftlichen Lage dort. Je schlechter die Binnenkonjuntur, desto strikter die Grenzkontrollen, desto schärfer die Kontrollen bei illegalen Beschäftigungsverhältnissen.
    Nun, die allerneuesten Vorschauzahlen des Steueraufkommens aus Texas prognostizieren massive Einnahmensverluste für die kommenden 5 Jahre. Und als vorgeschobenen Grund nennt man die langen Wartezeiten z.B. am Grenzübergang El Paso, dies hielte die Mexikaner von Shopping Touren in den US-Grenzbezirken ab! Und um diesen prognostizierten Verlusten bei Steuern, Einkommen, Beschäftigungszahlen usw. entgegen zu wirken, denkt man nun doch ersthaft wieder darüber nach, wie der Einreisefluss von Mexiko in die USA erleichtert werden könne.
    Aber vielleicht gehen ihnen dort auch nur die billigen Erntehelfer, Nannies, Putzfrauen und Hilfsarbeiter aus!

    • Während meines Aufenthaltes an der Grenze lernte ich einen Mixteken kennen, der mir berichtete wie er sich eine Saison lang in Florida beim Orangen ernten die Unterarme an den Ästen aufschürfte.
      Danke für diese interessanten Ausführungen zur aktuellen Lage in der Grenzregion!

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