Brief aus Worpswede

valentino

Im Rilke-Café in Fischerhude gibt es nicht nur Kuchen, man kann auch Gespräche führen mit zumeist etwas betagteren, kunstinteressierten Damen: „Sie sind also hier, um auf Paulas Spuren zu wandern?“

Rilke Café

Das Rilke-Café in Fischerhude / Foto: Valentino

Tags zuvor bei Kerzenschein und Bier auf den Hammewiesen. Während eines abendlichen Gesprächs mit Lisa und Toni über dieses und jenes zucken Blitze weit entfernt am Horizont durch den Nachthimmel über dem Moor. Toni zeigt mir seinen gekappten rechten Mittelfinger, dessen Kuppe sich bei einem Unfall absprengte unterwegs mit fahrenden Schaustellern. Weil er die anderen Fingerkuppen noch für das Akkordeonspiel benötigte, hing er kurz darauf den Job an den Nagel. Wachs tropft vom Flaschenhals einer leeren Bierflasche. Bei Tagesanbruch wollen Lisa und Toni abreisen. Ich erzähle, dass ich morgen mit dem Fahrrad nach Fischerhude fahre. Lisa empfiehlt mir daraufhin einen Besuch im Rilke-Café. Abrupt endet unser Gespräch. Einsetzender Regen, es schüttet wie aus Kübeln. Ich lese im Rilke-Buch. „Die Landschaft aber steht ohne Hände da und hat kein Gesicht, – oder aber sie ist ganz Gesicht und wirkt durch die Größe und Unübersehbarkeit ihrer Züge furchtbar und niederdrückend auf den Menschen, etwa wie jene ‚Geistererscheinung‘ auf dem bekannten Blatte des japanischen Malers Hokusai“, schreibt Rainer Maria Rilke in seinem Essay über die Landschaftsmalerei, der die Einleitung zu den Künstler-Monographien des Worpswede-Buches bildet.

Hokusais Geistergestalt [Public domain], via Wikimedia Commons

Vor allem die Landschaft wirkte anziehend auf junge Maler wie Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler, die in den 1890er Jahren sich zusammentaten, um in der Abgeschiedenheit des Moores gemeinsam ihre Kunst zu entwickeln. Damit entsprachen die Worpsweder Künstler dem Zeitgeist, denn in der Folge der Schule von Barbizon, der Landschaftsmaler wie Jean-François Millet angehörten und die sich bereits ein halbes Jahrhundert zuvor in Frankreich gegründet hatte, entstanden zahlreiche weitere Künstlergruppen in Europa.

Erfolg stellte sich 1895 bei einer Ausstellung im Münchener Glaspalast ein. Doch Homogenität und Modernität der Gruppe wurden überschätzt. Zum Bruch kam es unter den charakterlich sehr verschiedenen Künstlerfreunden, die zum Teil sehr unterschiedliche Lebensauffassungen hatten, mehr oder weniger schleichend nach der Jahrhundertwende. Paula Modersohn-Becker kam im Jahr des Erfolges zu der Gruppe und wurde ihre progressivste Vertreterin. Sie unternahm Reisen nach Paris, wo sie sich unter anderem für Bilder von Paul Cézanne begeisterte. Paula malte vereinfachte, reduzierte Formen und variierte die Farben, was sie in die Nähe der französischen Fauvisten und der Künstlergruppe Brücke rückte. Auch rückte sie den Fokus von der Landschaft auf den Menschen. So porträtierte sie zum Beispiel sehr einfühlsam Rilke. Beiden gemeinsam war ihre Weise, die Kunst geradeaus und kompromisslos zu leben.

Paula Modersohn-Beckers Porträt des Rainer Maria Rilke [Public domain], via Wikimedia Commons

Im Rahmen der diesjährigen Sommerausstellung (noch bis Ende des Monats) behandeln die vier zusammengeschlossenen Worpsweder Museen das Werk Heinrich Vogelers. Mit einer Verbundeintrittskarte schlendert man durch das Haus im Schluh, die Große Kunstschau, die Worpsweder Kunsthalle und den Barkenhoff, den ich, auf der Gartenbank hockend, mit einem stumpfen, abgegriffenen Bleistift in meiner Hand in meinem Skizzenbuch festhalte.

Im Moor

Im Teufelsmoor bei Worpswede / Foto: Valentino

(c) valentino 2012

5 Gedanken zu “Brief aus Worpswede

  1. Ein schöner Artikel! Fischerhude ist ein Stück Märchen für mich, in dem ich das Gefühl hatte, der Mensch hat sich an die Natur angepasst und nicht andersrum. Die Häuser scheinen mit den uralten Bäumen verwachsen zu sein, anstatt sie zu verdrängen und die Stämme zu fällen, das Dorf umgeben von saftigen Wiesen, Kühen und Pferden, Bächen und verwunschenen Pfaden. Lecker auch das Eis, das in Fischerhude besonders gelobt wird und tatsächlich sehr lecker ist.

  2. Worpswede, meine frühere Heimat (bis vor sechs Jahren) …. Beim Betrachten des Bildes „im Teufelsmoor …“ erfasst mich ein sonderbares Schweigen und Lauschen … : Heimat? Hm.

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