Das Leben lieben lernen – Volker Schlöndorff: Ulzhan – Das vergessene Licht (Filmrezension)

15. Januar 2013 § 2 Kommentare

valentino

„Ulzhan – Das vergessene Licht“ von Volker Schlöndorff

„Ulzhan – Das vergessene Licht“ von Volker Schlöndorff

Charles’ Blut tropft auf beschriftete Papierschnitzel, die zu Hunderten auf der Erde verstreut liegen: Todesnachrichten von gefallenen Soldaten, die Shakunis Vater, weil er glaubte, der Tod sei keine Nachricht wert, anstelle sie zu versenden in einer Tasche aufbewahrte. Um ihren Inhalt vor Dieben zu verteidigen, griff Charles in die offene Klinge eines Messers. Diese Szene steht allegorisch für den inneren Kampf, den Charles beständig mit sich austrägt, weil er die Trauer über einen Verlust nicht zulassen will.

Lyrisch und in ästhetischer Bildsprache erzählt das bewegende und hoffnungsvoll-melancholische Roadmovie „Ulzhan – Das vergessene Licht“ die Geschichte des Franzosen Charles (Philippe Torreton), der sich auf den langen Weg macht zum Khan Tengri, einem heiligen Berg in Zentralasien, zu dem früher alte Schamanen zum Sterben gingen. Auch Charles will dort sterben, doch bleibt er unterwegs nicht allein, wie er sich das vorgestellt hat, sondern begegnet Menschen, die sich als notwendiges Korrektiv erweisen.

In der kargen kasachischen Steppe in der Ruine eines ehemaligen Gulags taucht der rätselhafte Shakuni (David Bennent) auf, der im Lager nach Wörtern sucht und immer wieder Charles’ Weg kreuzt. Die junge Nomadin Ulzhan (Ayanat Ksenbai) verkauft Charles ein Pferd für die Reise und heftet sich gegen dessen Willen an seine Fersen. Sie sorgt sich um ihn, weil er in ihren Augen ein gefährliches Verhalten an den Tag legt, und folgt ihm bis vor den Scherbenhaufen seiner Seele – in ein von Atomtests nuklear verseuchtes Gebiet. Dort lüftet sie sein Geheimnis, nämlich gekommen zu sein, um zu sterben, und begleitet ihn an den verschneiten Khan Tengri. Wen das kalt lässt, dem ist nicht zu helfen.

Während die Dialoge zuweilen ein wenig manieriert und um ihren Symbolgehalt bemüht wirken, überzeugen die Figuren, deren Charaktere sich anhand der detaillierten Schilderung mehr und mehr verdichten umso mehr. Umso mehr auch besticht als erzählerisches Motiv die atemberaubende Landschaft, die Tom Fährmann mit der Kamera einfängt. Der Film zeichnet nicht nur die zarte Annäherung zweier Menschen, ihre fein gekörnten Stimmungen nach, sondern gibt einen Einblick in ein faszinierendes Land, in dem vergangene gesellschaftliche Modelle ihre Spuren hinterlassen haben und das sich im Umbruch zwischen Tradition und Moderne befindet.

(c) valentino 2013

„Ulzhan – Das vergessene Licht“ von Volker Schlöndorff nach einem Drehbuch von Jean-Claude Carrière.

Advertisements

Tagged:, , , , , , ,

§ 2 Antworten auf Das Leben lieben lernen – Volker Schlöndorff: Ulzhan – Das vergessene Licht (Filmrezension)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Das Leben lieben lernen – Volker Schlöndorff: Ulzhan – Das vergessene Licht (Filmrezension) auf vnicornis.

Meta

%d Bloggern gefällt das: