Vernetzung des Literaturbetriebs – Die Gruppe 47 – Eine neue Gesamtschau von Helmut Böttiger

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Helmut Böttiger: Die Gruppe 47

Helmut Böttiger: Die Gruppe 47

Helmut Böttigers neue Gesamtdarstellung der Gruppe 47 ist ein, nach einem etwas holprigen Einstieg, sehr angenehm lesbares Buch über die von Hans Werner Richter ins Leben gerufene und geleitete Literaturgruppe vor dem Hintergrund der Nachkriegszeit bis 1968.

Von den Anfängen der Zeitschrift „Der Ruf“ geht es über die allmähliche Übernahme der westdeutschen Literaturhoheit, die Bekämpfung des Nachkriegsrevisionismus, Tagungen in der deutschen Provinz und in Italien, Schweden und den USA, Wiederbewaffnung, Spiegel-Affäre, zahlreichen Schriftstellerauseinandersetzungen, Aufstieg Reich-Ranickis, Handkes Aufschrei der „Beschreibungsimpotenz“ („Wenn man nichts mehr weiß, dann kann man immer noch Einzelheiten beschreiben.“) bis zum allmählichen und dann ganz plötzlichen Verschwinden der Gruppe vor dem Hintergrund der 68er.

Heinz Ludwig Arnold: Die Gruppe 47

Heinz Ludwig Arnold: Die Gruppe 47

Nach dem vielleicht etwas schöneren Gruppe-47-Buch von Heinz Ludwig Arnold fördert Böttiger nichts grundsätzlich Neues zutage, aber der Stallgeruch der Anderschs und Eichs, Bölls, Celans, Bachmanns und Enzensbergers stimmt. Auch sind die Darstellungen in Teilen sehr nah am Geschehen. Und dass Grass schon damals ein Großmaul war, wird ebenso deutlich.

Das Buch zeigt erneut, was man von der Gruppe 47, unabhängig von der Literatur, lernen kann, nämlich die Notwendigkeit der Vernetzung, Unterstützung und gemeinsamen Interessenvertretung, und seien es so unterschiedlicher Rollen wie Schriftsteller, Verleger, Kritiker und Redakteure. (Heute kämen noch Blogger dazu.)

Was übrigens in beiden Büchern fehlt, ist eine echte Sozialgeschichte der Gruppe 47. Dabei wäre es eigentlich besonders interessant zu erfahren, wie die Schriftsteller gelebt und überlebt haben. Es wird darüber leider nirgendwo wirklich berichtet, außer vielleicht in dem schönen Kapitel über das Schriftstellerpaar Gisela Elsner und Klaus Roehler in Böttigers Buch.

Der Ruf: Unabhängige Blätter für die junge Generation

Der Ruf: Unabhängige Blätter für die junge Generation

Hans Werner Richter wird nachgesagt, er sei ein genialer Organisator aber miserabler Schriftsteller gewesen, der, wenn überhaupt, nur Reportagestil konnte. Ohne Richters Gesamtwerk zu kennen, empfehle ich doch mal, seinen Bericht „Wo sollen wir landen, wo treiben wir hin …“ aus dem 1976 erschienenen Sammelband „Der Ruf: Unabhängige Blätter für die junge Generation“ zu lesen. Es handelt sich um Richters Darstellung einer 1946 stattgefundenen Reise von Bad Pyrmont, zu Fuß über die noch durchlässige innerdeutsche Grenze in das zerstörte, vom Schwarzhandel gezeichnete Berlin, weiter nach Usedom und wieder zurück. Kahlschlagstil der unmittelbaren Nachkriegszeit:

„Wir gehen der Grenze zu. Wir fragen zwei junge Frauen, die am Wege sitzen und stricken, wo die beste Grenzübergangsstelle sei. Sie sind beide entsetzt. Sie raten uns, um Gottes willen ja nicht über die Grenze zu gehen. Die Leichen der kürzlich Erschossenen lägen noch drüben im Birkenwäldchen.“ (44)

Sie haben es dann doch geschafft, wieder in die englische Zone zu gelangen.

Helmut Böttiger: Die Gruppe 47: Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb, Deutsche Verlags-Anstalt 2012, 480 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Heinz Ludwig Arnold: Die Gruppe 47, Rowohlt Verlag 2004, 160 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Hans A. Neunzig (Hg.): Der Ruf: Unabhängige Blätter für die junge Generation, Eine Auswahl, Vorwort von Hans Werner Richter, Nymphenburger Verlagsanstalt 1976, 302 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

(c) belmonte 2013

3 Gedanken zu “Vernetzung des Literaturbetriebs – Die Gruppe 47 – Eine neue Gesamtschau von Helmut Böttiger

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