Brief aus Mailand | 3 | Alessandro Manzoni: Die Verlobten (Rezension)

Belmonte

Brief aus Mailand

3

Mailand im Februar 2013. Es hat geschneit. Drei Tage lang bleibt der Schnee liegen. Dann taut es schnell. Ich besuche das Geburts- und Sterbehaus Alessandro Manzonis in der Via Morone, sehe sein Arbeitszimmer mit der Bibliothek, den Soggiorno, das Schlaf- und Sterbezimmer. Zahlreiche Utensilien sind akkurat auf dem Schreibtisch ausgelegt, Ölbilder hängen an den Wänden unter geschachtelten Holzdecken, blinde Türen spiegeln Größe vor. Das europäische Bürgertum ahmt gerne aristokratische Lebenswelten nach. Das ganze Haus mit seiner Fassade und seinem Hof atmet Großbürgertum in engen Gassen.

Casa Manzoni

Casa Manzoni / Foto: Belmonte

Seit Monaten lese ich Manzonis I promessi sposi (Die Verlobten). Mein Inseltaschenbuch wird überall mit hingenommen und ist mehr und mehr zerlesen. Der Romananfang führt an den Comer See und ist wohl jedem Italiener aus der Schulzeit geläufig:

“Quel ramo del lago di Como, che volge a Mezzogiorno, tra due catene non interrotte di monti, tutto a seni e a golfi, a seconda dello sporgere e del rientrare di quelli, vien, quasi a un tratto, a ristringersi, e a prender corso e figura di fiume, tra un promontorio a destra, e un’ampia costiera dall’altra parte.” (“Jener Arm des Comer Sees, der sich nach Süden wendet und dessen Gestade zwischen zwei sich fortlaufenden Gebirgsketten so buchtenreich ihrem Vordrängen und Zurückschwingen folgt, verengt sich fast urplötzlich und nimmt, zwischen einem Vorgebirge zur Rechten und einer weiten Uferhalde gegenüber, Gestalt und Verlauf eines Stromes an.“)

Besonders die Abschweifungen in dem 850 Seiten langen Roman sind fabelhaft, die ausgreifenden Personenbeschreibungen, zum Beispiel der Monaca di Monza, einer unglückseligen Nonne im Kloster von Monza, oder des Dorfpfarrers Don Abbondio, einem Jammerlappen, wie er im Buche steht, der Lichtgestalt Fra Cristoforo, einem Mönch, der nach einem jugendlichen Totschlag ein Leben in tätiger Nächstenliebe führt. Fabelhaft sind auch die historischen Hintergründe im wörtlichen Sinne. Vor allem die Beschreibung der Mailänder Pest sucht ihresgleichen. Es ist eines der seltenen Bücher, nach dessen Auslesen ich sofort nach einem gleichartigen Buch suche. Dabei ist der Plot erstaunlich übersichtlich.

Der junge Renzo und seine Verlobte Lucia wollen heiraten. Alles ist vorbereitet, als ein benachbarter Potentat, der sich in einer Laune in Lucia verguckt hat, die Heirat mit allen Mitteln verhindern will. Der Dorfpfarrer Don Abbondio, der sich von seiner sprichwörtlichen Haushälterin Perpetua aushalten lässt, spielt dabei eine unrühmliche Rolle. Nach langer Trennung und zahlreichen Wendungen, die in der katholischen Atmosphäre des Romanes eher als Fügungen zu verstehen sind, finden Renzo und Lucia am Ende wieder zusammen. Vorher aber muss Renzo nach Mailand fliehen, schwingt dort im Brotaufstand und später im Suff allerlei Reden gegen die Autoritäten, worauf er in Bergamo untertauchen muss. Lucia dagegen wird von einem anderen, noch gewalttätigeren Potentaten, dem Namenlosen, entführt, bis dieser vom Mailänder Kardinal Borromeo zum Christentum bekehrt wird. Schließlich bringen deutsche Landsknechte des Dreißigjährigen Krieges die Pest über die Alpen, die über Mailand herfällt und die Stadt in eine Apokalypse verwandelt.

Alessandro Manzoni: Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten

All das schreibt Manzoni als angebliche Wiedergabe einer zweihundert Jahre älteren anonymen Handschrift. Das ist die italienische Romantik, etwas anders gelagert zwar als ihre deutsche Schwester. Aber bereits Renzos Wanderung von Mailand nach Bergamo macht die Verbindungen sichtbar. Genauso sind auch die zahlreichen Tiecks, Wackenroders und Brentanos gewandert.

Manzoni schrieb ursprünglich im Lombardischen, überarbeitete aber dann den gesamten Roman ins Toskanische. Nach Dantes Göttlicher Komödie 500 Jahre zuvor handelt es sich dabei um die zweite „Erfindung“ der italienischen Sprache. Durch alle Seiten des Romanes weht bereits der Wind des italienischen Nationalstaates.

Alessandro Manzoni: Die Verlobten – Eine Mailändische Geschichte aus dem siebzehnten Jahrhundert, Insel Verlag 2008, 873 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

(c) belmonte 2013

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