Amerikas Ursprungslosigkeit – Cormac McCarthy: Die Abendröte im Westen (Rezension)

belmonte

Vorsicht, diese Rezension zitiert Textpassagen mit Darstellungen extremer Gewalt.

Vor ein paar Jahren habe ich Cormac McCarthys Roman „Die Straße“ gelesen, in welchem ein Vater mit seinem Sohn durch ein postapokalyptisches Amerika geht, Richtung Meer, in der Hoffnung, dort Überlebende zu finden. Die Lektüre war für mich so erschütternd, dass ich danach dachte, es gebe weiter nichts zu lesen, da ja mit diesem Buch alles gesagt sei.

Weitergelesen habe ich dann natürlich doch. Und nachdem ich jetzt McCarthys früheren Roman „Die Abendröte im Westen“ (Blood Meridian Or The Evening Redness in the West) beendet habe, erkenne ich, dass hier zwei Bücher wie zwei Puzzleteile zueinander passen.

Wieder geht es um einen Jungen, und auch dieser ist auf dem Weg in Richtung Meer (Kalifornien). Und obwohl das Buch um 1850 spielt, ist das gezeigte Amerika der US-mexikanischen Grenzregion – dem amerikanischen Blutmeridian – genauso postapokalyptisch dargestellt wie in dem späteren Roman „Die Straße“.

Cormac McCarthy: Die Abendröte im Westen

Cormac McCarthy: Die Abendröte im Westen

Das Buch hat keinen echten Plot. Der vierzehnjährige Junge verlässt seine Familie und schließt sich nach einiger Herumtreiberei einer Gang von Skalpjägern unter dem Kommando von Captain Glanton an, einer historisch verbürgten Person. Alles ist ursprungslos. Der Junge hat keinen Namen, kennt auch den Namen seiner Mutter nicht, die bei seiner Geburt gestorben ist, „ein Hang zu sinnloser Gewalt brütet bereits in ihm.“ (11) Ein Eremit fragt ihn: „Bist wohl vom rechten Weg abgekommen“ (28). Es schleicht sich aber das Gefühl ein, dass es gar keinen rechten Weg gibt.

Der Roman enthält grandiose Landschafts- und Wetterbeschreibungen:

„Die ganze Nacht lang zuckten Flächenblitze im Westen ursprungslos hinter mitternächtlichen Sturmwolken, machten aus der weiten Ödnis einen bläulichen Tag, die Berge am jäh aufscheinenden Horizont starr, bleiern und schwarz, als gebe es da draußen ein fremdartiges Land, dessen wahre geologische Beschaffenheit nicht Stein, sondern Angst war. Donner grollte aus dem Südwesten heran, Blitze erleuchteten ringsum die Wüste, blau und kahl, große, knisternde Arme, ausgesandt aus der umfassenden Nacht, wie ein plötzlich heraufbeschworenes Dämonen- oder Zwischenreich, das so wenig Spuren, Rauch und Zerfall zurückließ wie ein schwerer Traum.“ (61)

Dämonenreich, „Fegefeuerwüste“ (79) und Hölle wechseln einander ab:

„Das ursprungslose Wetterleuchten riß die dunklen Bergketten am Weltenrand aus der Nacht, die verstörten Pferde trotteten unter den bläulichen Blitzen über die Ebene, wie aus der Hölle heraufbeschworene, flackernde Tiere.“ (188)

Tagsüber sind es die düsteren Bilder der gleißenden Wüste, die vorherrschen, Trockenheit und totes Land: „Nach Westen hin dehnte sich der Horizont, flach und rein wie eine Geisterebene.“ (55) Überall liegen Knochen, verwesende Leichen und Tierkadaver, verrottende Wagengestelle, eine Atmosphäre wie aus dem alten Testament.

„… wenig später sahen sie weiter vorn einen mit toten Säuglingen behängten Strauch. … Den winzigen Opfern, sieben oder acht an der Zahl, waren Löcher in die Unterkiefer geschlagen worden, an den Kehlen baumelten sie von den brüchigen Zweigen eines Mezquitos, starrten blicklos zum nackten Himmel. Kahlköpfig, bleich und aufgedunsen, im Larvenstadium eines undefinierbaren Seins. … Nachmittags erreichten sie ein Dorf in der Ebene; Rauch stieg noch aus den zerstörten Gebäuden, alles war tot.“ (73)

Es ist ein Zombieroman ohne Zombies, der zahllose Passagen extremer Brutalität enthält. Diese Eroberung Amerikas fordert einen gewaltigen Blutzoll. Glanton und seine Skalpjäger schlachten einfach alle ab, derer sie habhaft werden können. Bezahlt werden sie vom Gouverneur des mexikanischen Staates Chihuahua, Ángel Trías, der sich bei ihnen sogar mit einem Festbankett für all die Skalpe bedankt. Ihre Massaker verteilen sich über den gesamten Roman:

„Innerhalb von einer Minute setzte ein allgemeines Gemetzel ein. Frauen kreischten und nackte Kinder; ein Alter wankte heran und wedelte mit einer weißen Unterhose. Die Reiter fuhren dazwischen, erschlugen oder erdolchten sie. … Menschen liefen aus ihren Behausungen, den Pferden direkt vor die Hufe, die Mustangs kamen ins Straucheln, ein paar Männer stürmten zu Fuß weiter, stürmten mit Fackeln die Wickiups, zerrten die blutüberströmten Opfer nach draußen, hieben auf die Sterbenden ein und trennten jedem, der um Gnade flehte, den Kopf ab. Es gab mehrere mexikanische Sklaven im Lager; unter lauten spanischen Rufen rannten sie aus den Hütten, die Freischärler schlugen ihnen die Schädel ein oder schossen sie nieder, einer der Delawaren, in jeder Hand einen baumelnden Säugling, tauchte aus dem Qualm, ging vor einem Steinhaufen in die Hocke, hielt die Kinder an den Füßen fest, holte aus und knallte ihre Köpfe nacheinander gegen die Steine, die Gehirne platzten in einem Blutschwall unter der Fontanelle hervor, brennende Menschen stoben unter rasendem Gebrüll aus den Hütten, die Reiter hackten sie mit ihren riesigen Messern nieder …“ (180f.)

Immer mit dabei, und neben dem Jungen der zweite Protagonist des Romans, ist der sogenannte Richter Holden, ein haarloser Hüne, gebildeter Feingeist von äußerster Brutalität, der nur an den Krieg glaubt: „Krieg ist Gott.“ (283), dagegen sei Moral nur „eine Erfindung des Menschen und dient dazu, die Starken zugunsten der Schwachen herabzuwürdigen.“ (283) Er vergleicht Krieg mit einem Duell, in dem sich die beiden Kontrahenten gegenüberstehen und nicht mehr über Moral und Gerechtigkeit reden: „Entscheidungen über Leben und Tod, über das, was sein wird und was nicht, machen Fragen der Gerechtigkeit ganz und gar überflüssig.“ (284) Richter Holden ist ein Mephisto, der seinen Faust sucht, während er in seinem Notizbuch Zeichnungen der Natur anfertigt. Am Ende tanzt er nackt in einem Bordell, ein Satan als Oberhaupt der gefallenen Engel aus Miltons verlorenem Paradies.

Das Buch erinnert an einen Tierfilm mit einzigartigen Landschaftsaufnahmen und Darstellungen einer grausamen Tierwelt. Auch dort gibt es keine Moral, nur naturwüchsiges Leben – und Vegetieren. Genau so veranschaulicht Cormac McCarthy die amerikanische Wirklichkeit.

Ich bin ein schlechter Wahrsager, würde mich aber nicht wundern, wenn wir es hier mit einem zukünftigen Literaturnobelpreisträger zu tun hätten, sollte der Preis überhaupt mal wieder an einen US-Amerikaner gehen.

Cormac McCarthy: Die Abendröte im Westen, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1998.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

(c) belmonte 2013

11 Gedanken zu “Amerikas Ursprungslosigkeit – Cormac McCarthy: Die Abendröte im Westen (Rezension)

  1. Ja, Cormac McCarthy ist ein ganz Großer… Vielen Dank für Deinen Beitrag. Ich habe große Lust bekommen, die „Abendröte“ und auch „Grenzgänger“ noch einmal zu lesen…

  2. Ich habe „Kein Land für alte Männer“ und „Die Straße“ gelesen. Schwere, archaische Kost, aber dieses hier scheint mir wohl noch härter zu sein. Alttestamentarisch trifft es wahrscheinlich überhaupt. Ich hab’s mir auf jeden Fall vorgemerkt…

    • „Kein Land für alte Männer“ habe ich noch nicht gelesen, ich kenne bisher nur den Film. Du hast wohl recht, „Die Abendröte im Westen“ ist härter als „Die Straße“, die Gewalt wird ungefiltert dargestellt, und es gibt einfach keine Guten.

  3. Seine „Border Trilogie“: Grenzgänger; Land der Freien; All die schönen Pferde …… unbedingt lesen. Der Protagonist John Grady Cole ist DER heroische Held. It’s not hard to fall in love for him *g

    • Kenne bisher nur „All die schönen Pferde“, das ich toll fand (den Film mit Matt Damon dagegen etwas schwächer). Die beiden anderen Roman der Border-Trilogie liegen noch vor mir. Freue mich drauf. Danke jedenfalls für den Hinweis.

  4. Die Romane von ihm sind eine Zumutung an den Leser, man möchte flüchten vor all der beschriebenen Grausamkeit und Ausweglosigkeit und doch sollte man sich ihnen aussetzen, sie ertragen lernen…sie sind grundehrlich und beschönigen nichts…archaisch ist der richtige Ausdruck…aber das waren auch Homer, Euripides , das Alte Testament usw……
    Mich haben sie emotional so aufgewühlt, daß ich Tage brauchte, mich von ihnen zu lösen.
    Die Straße z.B. würde ich als Pflichtlektüre für Schüler vorschlagen.

    Der Nobelpreis ist eine ungerechte Sache: es wimmelt von Autoren, die ihn bekommen sollten, allen voran P.Roth , die Munro u.a. , dieses Fokussieren auf einen Autor kann nie gerecht sein…..

    • Liebe Karin, Du hast recht, McCarthy ist eine Zumutung. Und auch ich war, insbesondere nach der Lektüre der „Straße“, lange aufgewühlt.

      Pflichtlektüre für Schüler … ich bin nicht ganz sicher. Vielleicht eher für Eltern?

      Auch mit dem Nobelpreis hast Du wohl recht, jede Vorauswahl ist ungerecht gegenüber all den anderen großen Schriftstellern. Meine Erwähnung des Nobelpreises ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass ich während der McCarthy-Lektüre mehrfach den Eindruck hatte, es sei damit einfach alles auf dem Tisch und darüber hinaus lasse sich nichts mehr sagen.

  5. Ich habe No Country for Old Men gestern aufgegeben. McCarthy und ich werden in absehbarer Zeit so leider keine Freunde. Die Gewaltdarstellung hat sich da noch in Grenzen gehalten, aber die „Drehbuchartigkeit“ seiner Prosa hat es mir schwer gemacht.

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