Ausbruch aus gewohnten Bahnen – Elif Shafak: Die vierzig Geheimnisse der Liebe (Rezension)

14. Dezember 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

Elif Shafak: Die vierzig Geheimnisse der Liebe

Elif Shafak: Die vierzig Geheimnisse der Liebe

Ella Rubinstein ist Ehefrau und Mutter. Ihre Kinder werden größer, ihre Ehe ist nur noch Routine, ihr Mann betrügt sie mit anderen Frauen. Alles würde einfach so weitergehen, wäre da nicht ihr neuer Job bei einer Literaturagentur, in deren Auftrag sie ein Gutachten zu einem Manuskript erstellt. Ella ist fasziniert von dem Buch, sie kontaktiert den Autor Aziz Zahara, bald telefonieren sie und verlieben sich.

Das Buch ist eine Doppelgeschichte. Die zweite Geschichte ist eben jenes Buch „Süße Blasphemie“ von Aziz. Es erzählt von dem erleuchteten Sufi-Mystiker Schams-e Tabrizi und seiner wunderbaren Freundschaft zu dem Prediger Rumi, den er nach einigem glücklichen und leidvollen Hin und Her als großen persischen Dichter zurücklassen wird.

In bester Vielstimmigkeit werden die Kapitel von den unterschiedlichen Beteiligten erzählt, von Rumi selbst und von seinen Kindern, von Schams, von einem Säufer, einem Zeloten und so fort. Durch die Kürze der Kapitel, die allesamt wie Rumis Hauptwerk, das Masnawi, mit dem Buchstaben B beginnen, stellt sich eine angenehme Kurzweiligkeit ein. Nach und nach werden die vierzig Sufi-Regeln der Liebe in die Handlung eingewoben, zum Beispiel:

„Wie der Lehm durch große Hitze gehen muss, um fest zu werden, kann sich die Liebe nur im Schmerz vervollkommnen.“ (128)

In diesen Momenten kommt es dem Leser vor, als halte er ein Paolo-Coelho-Buch in den Händen, nur eben mit einem veritablen Plot. In diesen flicht die Autorin immer wieder schöne Kernsätze ein, etwa wenn sie Rumi sagen lässt:

„Gott schuf das Leid, um die Freude durch ihr Gegenteil zu offenbaren. Alles wird sichtbar durch sein Gegenteil. Da Gott kein Gegenteil hat, bleibt er verborgen.“ (177)

Leider steigt das Buch nicht sehr tief in die Personen hinein. Ella entdeckt, dass sie aus der Familie ausbrechen kann, aus diesem Standardleben in einer Kleinstadt in Massachusetts mit ihrem festen Freundeskreis inklusive Kochgruppe. Mir scheint hier ein bisschen zu viel Schablone am Werk. Ihr Mann David ist denn auch nicht viel mehr als das Abziehbild eines erfolgreichen und von sich selbst überzeugten Arztes. All das macht aber gar nichts. Das Buch ist trotzdem schön und mit Gewinn zu lesen.

Die laut Klappentext in London und Istanbul lebende türkische Autorin Elif Shafak ist in der Türkei sehr beliebt und viel gelesen. Ihr Thema in „Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ ist das Ausbrechen aus hergebrachten und einengenden Bahnen. Es ist bemerkenswert, dass Elif Shafak dieses Ausbrechen anhand einer modernen jüdischen Frau darstellt, die sich über ihre Liebe zu Aziz auf den Sufismus einlässt. Und da der Mystiker Schams die frauenfeindlichen Passagen des Koran schlichtweg auf falsche Übersetzungen zurückführt, stehen allen Grenzgängerinnen, die den Weg in welche Richtung auch immer mitgehen, keinerlei Mauern entgegen.

Als Bonbon bietet der Verlag Kein & Aber über einen Code auf dem beiliegenden Lesezeichen den kostenlosen Zugang zum eBook an (EPUB-Format). Das ist endlich einmal eine gelungene Zusammenführung von gedrucktem und elektronischem Buch. Tatsächlich bin ich beim Lesen je nach Situation zwischen dem gebundenen Buch – ein Blickfang, angenehm gesetzt und ausgestattet (Lesebändchen, Glossar etc.) – und dem eBook hin und her gewechselt. Das ist nicht nur eine tolle Idee sondern auch ein echter Mehrwert.

Der Rezensent bedankt sich beim Verlag Kein & Aber für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Elif Shafak: Die vierzig Geheimnisse der Liebe, aus dem Englischen übersetzt von Michaela Grabinger, Zürich 2013, 510 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

(c) belmonte 2013

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