“I saw that there were patterns and gates and paths beyond the real.” – Neil Gaiman: The Ocean at the End of the Lane (Rezension)

8. März 2014 § 3 Kommentare

belmonte

Neil Gaiman: The Ocean at the End of the Lane

Neil Gaiman: The Ocean at the End of the Lane

Rahmenhandlung: Der Ich-Erzähler kehrt nach der Beerdigung eines nahen Verwandten, vermutlich seines Vaters, an den Ort seiner Kindheit im ländlichen Sussex zurück. Am Ende der Straße, in der auch sein Elternhaus stand, liegt Hempstock Farm – genau wie ehedem. Dort trifft er nicht nur Großmutter Hempstock wieder. Auch der Ententeich befindet sich immer noch an Ort und Stelle. Der Erzähler beginnt sich an die Geschehnisse von damals zu erinnern.

Auf Hempstock Farm gab es immer tolles Essen, „pie, stuffed with apples and with swollen raisins and crushed nuts, and topped with a thick yellow custard, creamier and richer than anything I had ever tasted at school or at home“ (Position 1340). Oder Porridge mit Honig und gelbem Rahm, Toast mit selbstgemachter Blaubeermarmelade. Auf Hempstock Farm lebte auch die elfjährige Lettie Hempstock, zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter. Sind sie Hexen oder Schicksalsgöttinnen oder Wächterinnen der Tore zu anderen Welten? Jedenfalls Wesen aus einer anderen Welt.

Der erwähnte Teich, über dem immer der Vollmond scheint, ist in Wahrheit ein Ozean und als solcher Einfallstor aus anderen Welten (Narnia lässt grüßen), eine Art Multiversum. Unvorsichtigerweise lässt der siebenjährige Junge Letties schützende Hand los, und schon erhebt sich Skarthach of the Keep über dem Teich, ein Fluggeschöpf aus weiten, verrotteten Laken, das sich als ein Wurm in den Fuß des Jungen bohrt, sich in dessen Herz verkriecht und nebenbei als verhasste Kinderfrau getarnt seinen Vater verführt. Ganz besessen von ihr bricht dieser die Tür zum Bad auf, in dem sich der Junge eingeschlossen hat, und ertränkt ihn beinahe im kalten Wasser der Badewanne, eine der eindringlichsten und schauerlichsten Passagen des Buches.

Lettie zwingt Scarthak in ihre Welt zurück, benötigt dazu aber die Hilfe von Hungervögeln, albtraumhaften Schattenwesen, die den Raum verschlucken und es dann leider auch auf den Jungen abgesehen haben. Hier bricht sich die Dunkelheit der ganzen Erzählung Bahn, wenn der Junge die Stimmen der Hungervögel hört: „Give us the boy.“ (Position 2228) Kann Lettie den Jungen retten? Wer rettet Lettie? Und welche Rolle spielen die Kätzchen, insbesondere jenes vom Jungen zärtlich „Ocean“ genannte?

„The Ocean at the End of the Lane” ist ein Buch über Kindheit und Erwachsenwerden, ein Buch über Erinnerung und Vergessen. Am Ende ist der Vollmond über Hempstock Farm verschwunden, „now it was gone, and faded into the past like a memory forgotten, or a shadow into the dusk.” (Position 2586)

Zwischenzeitlich versteht der Junge, als er selbst in den Ozean steigt, alle Zusammenhänge:

„I knew everything. (…) I knew what Egg was – where the universe began, to the sound of uncreated voices singing in the void – and I knew where Rose was – the peculiar crinkling of space on space into dimensions that fold like origami and blossom like strange orchids, and which would mark the last good time before the eventual end of everything and the next Big Bang, which would be, I knew now, nothing of the kind. (…) I saw the world I had walked since my birth and I understood how fragile it was, that the reality I knew was a thin layer of icing on a great dark birthday cake writhing with grubs and nightmares and hunger. I saw the world from above and below. I saw that there were patterns and gates and paths beyond the real.” (Position 2077f.)

Leider verliert er all dieses Wissen wieder, als er aus dem Wasser steigt.

Handelt das Buch wirklich vom Erwachsenwerden und nicht eher vom Kindbleiben? Gaiman macht daraus eine Frage über das Wesen von Erzählungen: „A story only matters, I suspect, to the extent that the people in the story change. But I was seven when all of these things happened, and I was the same person at the end of it that I was at the beginning, wasn’t I? So was everyone else. They must have been. People don’t change.” (Position 2464f.)

Passenderweise ist dem Buch ein Zitat von Maurice Sendak („Wo die wilden Kerle wohnen“) vorangestellt:

„I remember my own childhood vividly … I knew terrible things. But I knew I mustn’t let adults know I knew. It would scare them.“

Gaiman zitiert noch weitere englische Kinderbuchautoren, Lewis Carroll zum Beispiel. Als Kinderbuch fällt es womöglich dennoch etwas zu düster aus. Ein spannendes und mitreißendes Buch für Jugendliche und Erwachsene ist es allemal, nicht ganz so tolldreist vielleicht wie Gaimans Sternwanderer, vermutlich aber umso persönlicher.

Neil Gaiman: The Ocean at the End of the Lane, HarperCollins Publishers, Sydney, Toronto, Auckland, London, New York 2013, 259 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Library of Congress

(c) belmonte 2014

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