“Perplexities of Identification. Anthropological Studies in Cultural Differentiation and the Use of Resources” von Henk Driessen und Ton Otto (Hrsg.) (Rezension)

18. März 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Dieser Artikel erschien erstmals im Oktober 2000 in der Fachzeitschrift „Ethnoscripts“ (Jahrgang 2 – Heft 2 „Forensische Ethnologie“). Für die Veröffentlichung in diesem Blog ist der Text lediglich leicht überarbeitet worden.

Henk Driessen Perplexities of Identification

Henk Driessen Perplexities of Identification

Wie entstehen, erhalten und verändern sich Identitäten? Unter anderem mit dieser Frage beschäftigt sich der hier vorgestellte Sammelband „Perplexities of Identification“. In neun Beiträgen werden Prozesse der Identitätsbildung beleuchtet. Hierbei orientieren sich die jeweiligen Aufsätze an konkreten ethnographischen Beispielen. Die Beiträge behandeln Themen wie die Konstruktion von Identität in einer palästinensischen Gemeinschaft (Bowman), das Phänomen der multiplen Persönlichkeitsspaltung (Pedersen), der Fall einer Female Bricoleur (Thoonen), der Vergleich zwischen unterschiedlichen, global auftretenden Identitäten (Friedman), die Mehrdeutigkeit von Identität in Ladakh (van Beek), Aboriginality in Australien (Borsboom & Hulsker), der Wandel des polnischen Adels (Jakubowska) und das Konzept von Identität in einer indianischen Gemeinschaft Guatemalas (Siebers). Alle Arbeiten beinhalten neue Erkenntnisse, die auf der Konferenz von Plasmolen, Holland, über dieses Thema zusammengetragen wurden.

Spätestens seit Émile Durkheim wird der Dualismus zwischen Subjekt und Objekt, der fest mit der abendländischen Denktradition verhaftet ist, in Frage gestellt (12f.). Es wird nicht mehr die Existenz eines freien, individuellen Subjekts, eine Einheit, die unabhängig von ihrer Umwelt existiert, postuliert. An ihre Stelle tritt die Vorstellung einer, sich durch eine komplexe Wechselbeziehung zwischen sozialen Akteuren und kultureller Umwelt konstituierenden Identität. Inwieweit ein und dasselbe Symbol verschiedene Identitäten annehmen und diese beziehungsweise deren Bedeutung entsprechend des spezifischen kulturellen Kontextes, in dem es erscheint, verändern kann, wird am Beispiel der Mudmen von Papua Neuguinea bereits in der Einleitung verdeutlicht (9ff.). Anton Bloks Beitrag „The Narcissism of Minor Differences“ (Kapitel 2:27-55) soll im Folgenden exemplarisch für einen der Erklärungsansätze von Identitätsbildung näher erläutert werden.

Die von Blok erklärte These, nach der gerade die fehlende Unterschiedlichkeit zwischen Gruppen beziehungsweise zwischen Subjekten eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Konflikten spielt, führt er insbesondere auf die Überlegungen eines großen Klassikers zurück, auf den Erfinder der Psychoanalyse, Sigmund Freud. Freud vermutete, dass eine gegnerische Beziehung insbesondere zwischen Menschen entstehe, die sich gleich oder zumindest sehr ähnlich sind. Er nannte dieses Phänomen den „Narzissmus der kleinen Unterschiede“ (28). Später untersuchte er die Rivalität zwischen Nachbarstädten und fand dabei heraus, dass die größte Feindschaft zwischen den am nächsten liegenden Städten entsteht. Die Bedeutung der Annahme Freuds spiegelt, kurz vor seinem Tod im Jahre 1939, die gesellschaftlichen Verhältnisse wider. Die Diskriminierung der Juden in Deutschland stehe beispielhaft für die Unterdrückung von Minoritäten innerhalb einer fremden Gesellschaft. Gerade der hohe Grad der Assimilation, also eben das Fehlen großer Unterschiede, liefere die Ursache für die Entstehung von Gewalt (30). Zu nahe treten bedeutet wörtlich und im übertragenen Sinne eine Bedrohung und wird als ein Zeichen der Unhöflichkeit empfunden. Nach Blok treten gewalttätige Konflikte eben dort vermehrt auf, wo Gruppen viele soziale und kulturelle Eigenschaften wie Alter, Geschlecht, Klasse, Arbeit, Sprache und Kleidung teilen. Auch Pierre Bourdieu unterstreiche in „Die feinen Unterschiede“ die Bedeutung von kleinen Differenzen für die Formation und die Erhaltung der Identität (33f.). Die Bedrohung kommt von dem, was am nächsten liegt, zum Beispiel von einer Gruppe, die der eigenen ähnlich ist. Soziale Identität begründet sich durch Unterschiedlichkeit und wird gegen das verteidigt, was die größte Bedrohung repräsentiert. Hierbei spielen „feine Unterschiede“ eine entscheidende Rolle bei der Etablierung und Erhaltung von Identität, sozialer Distanz und Macht (vgl. Bourdieu 1999).

Ebenso wird Bloks These durch Norbert Elias untermauert. Die empirische Studie eines mittelenglischen Ortes aus den 60er Jahren zeigt auf, dass nicht etwa Religion, Ethnizität oder Nationalität für die Zugehörigkeit zu einer der beiden Gruppen ausschlaggebend sind. Die Mitglieder, die schon längere Zeit in dem Ort gelebt haben, grenzten von Anfang an die Hinzugezogenen aus. Die Machtunterschiede ließen sich also auf den Grad des sozialen Zusammenhalts der Mitglieder einer Gruppe zurückführen.

Die soziale Identität der Etablierten gegenüber jener der Außenseiter erneuere sich durch ständige Machtkämpfe (vgl. Elias & Scotson 1993). Die soziale Distanz zwischen den Gruppen blieb bestehen, weil die Außenseiter selbst fest an das ihnen auferlegte Stigma glaubten. Das höhere Machtpotential besaß die Gruppe mit der höheren sozialen Kohäsion. Auf der einen Seite konnte es nicht zu einer Assimilation kommen, da beide an jeweils unterschiedlichen Werten und Normen festhielten. Auf der anderen Seite entstand auch keine offene Konfliktaustragung. Den Außenseitern war ihr Dilemma nicht bewusst, so dass sie die Situation nicht ändern konnten. Und solange die Machtunterschiede bestehen blieben, fühlten sich die Etablierten nicht bedroht (50). Bei der Ursache der Differenzierung handelte es sich folglich um extrem ungleiche Machtverhältnisse. Dort, wo soziale Ungleichheit größer ist, wo unterschiedliche Verteilung von Macht und kulturelle Unterschiede stärker sind, ist nach Blok die Möglichkeit eines Konflikts, eines Kampfes oder das Auftreten von extremer Gewalt deutlich geringer (38).

Welches Modell jedoch kann den Zusammenhang zwischen fehlender Unterschiedlichkeit und Entstehung von Konflikten beweisen und anhand welcher Merkmale kann Gleichheit beziehungsweise Ähnlichkeit gemessen werden? Blok gibt weder auf diese Fragen eine Antwort noch entwickelt er eine spezielle Methode. Er führt auch keine Gegenbeispiele an (Kolonialismus, Revolutionen, Guerillakriege, Aufstände, Klassenkonflikte), so dass die Allgemeingültigkeit seiner Behauptung durchaus in Frage gestellt werden kann. Die Bedeutung und die Funktion von Macht für die Bildung von Identität stellt Blok ausführlich dar. Viele Konflikte lassen sich aber auf unterschiedliches Aussehen, andere Glaubensüberzeugungen oder verschiedene Wirtschaftssysteme zurückführen. Entsteht Gewalt nicht oft gegen das Andere, Fremde und Unbekannte? Blok betont insbesondere, dass eben der Verlust von kulturellen Unterschieden eine Bedrohung bedeutet:

„I have argued that the loss of differences – especially cultural differences – represents a threat and can lead to explosive situations.“ (51)

Einerseits besteht hier die Gefahr der Rechtfertigung von Verhältnissen sozialer Ungleichheit. Andererseits spielt nach dieser Annahme die Abgrenzung vom Fremden eine entscheidende Rolle bei der Erhaltung der Identität. Nach Blok entstehen Konflikte eben nicht, solange kulturelle Unterschiedlichkeit bestehen bleibt. Widerspricht dann die Erhaltung der eigenen Identität auch jeder Form von Assimilation, Akkulturation und Integration? Wenn sowohl Ähnlichkeit als auch Unterschiedlichkeit zum Konflikt führt, welches Verhältnis von Macht- und kulturellen Unterschieden zwischen zwei Kulturen würde dann nicht zu einem Konflikt führen? Selbst innerhalb einer Identität finden Konflikte und Prozesse der Veränderung statt. Wer oder was bestimmt, dass eine gemeinsame Identität gebildet wird? Konflikte entstehen nicht erst im Moment ihrer offenen Austragung, sondern schon sehr viel früher. Durch welche Prozesse und über welchen Zeitraum hinweg macht sich der Verlust von Unterschiedlichkeit bemerkbar? Auf viele der Fragen gibt Bloks Beitrag keine Antwort.

Empfehlenswert ist das Buch vor allem wegen der Variationsbreite der ethnographischen Beispiele und der unterschiedlichen Ansätze, die vorgestellt werden. Sicherlich können nicht nur Studierende und Lehrende der Ethnologie und benachbarter Fächer wie der Psychologie und Soziologie von den Beispielen profitieren. Darüber hinaus handelt es sich speziell bei dem Thema der Identität um ein sehr diskussionswürdiges und nicht zuletzt politisches. Neben dem Streit zwischen Tamilen und Singhalesen in Sri Lanka oder Protestanten und Katholiken in Nordirland, bezieht sich Blok auch auf Konflikte aus Japan, Südamerika, dem Balkan und Ruanda.

Die Beispiele machen deutlich, wie der Verlust von Unterschieden den Gebrauch von extremer Gewalt vorantreiben kann. Auch die eigene Vergangenheit habe uns gezeigt, dass mit dem Grad der Assimilation der Juden auch der Antisemitismus in Deutschland stieg (46). Vielleicht ist die Annahme Freuds nicht zuletzt auf die eigene Doppelgängerscheu gegenüber seinem Kollegen Arthur Schnitzler zurückzuführen: Obwohl beide denselben Beruf ausgeübt und in derselben Stadt gelebt haben, hat er lange auf eine Begegnung verzichtet.

(c) valentino 2014

Driessen, Henk; Otto, Ton (eds.) (2000) Perplexities of Identification. Anthropological Studies in Cultural Differentiation and the Use of Resources, Aarhus University Press, Aarhus.

Literatur
Bourdieu, Pierre (1999[1979]) Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main.
Elias, Norbert; Scotson, John L. (1993[1965]) Etablierte und Außenseiter. Frankfurt am Main.
Freud, Sigmund (1997[1939]) Der Mann Moses und die monotheistische Religion. Und andere religionspsychologische Schriften. Frankfurt am Main.

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