“Die staatliche Massenüberwachung ist daher von Natur aus repressiv.” – Glenn Greenwald: Die globale Überwachung: Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen (Rezension)

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Glenn Greenwald: Die globale Überwachung

Glenn Greenwald: Die globale Überwachung

Ein Jahr nach den ersten Veröffentlichungen der NSA-Dokumente Edward Snowdens ist nun der ausführliche Bericht Glenn Greenwalds erschienen. Der US-Publizist Greenwald war neben der Dokumentarfilmregisseurin Laura Poitras Snowdens wichtigste Kontaktperson in dessen Zufluchtsort in Hongkong.

Das Buch ist eine rasante, ebenso flüssig wie unheimlich zu lesende journalistische Aufbereitung der vergangenen zwölf Monate Aufklärung in der NSA-Affäre.

Die ersten beiden Kapitel über die Kontaktaufnahme Edward Snowdens mit Greenwald und ihre Zeit in Hongkong lesen sich wie ein ausgemachter Spionagethriller. Das dritte Kapitel beschreibt sehr detailliert die einzelnen Überwachungsprogramme des amerikanischen Geheimdienstes NSA und seiner britischer Schwester GCHQ. Vor allem die Systeme PRISM, Boundless Informant und XKeyscore werden ausführlich dokumentiert. Das Kapitel ist lang und anstrengend, enthält aber alle wesentlichen Fakten der Überwachung und klärt auch das vermeintlich harmlose Sammeln von Kommunikationsmetadaten auf:

„Zu den Metadaten von E-Mails beispielsweise gehören Absender und Empfänger, das Datum der Sendung und der Aufenthaltsort des Absenders. Bei Telefongesprächen gehören zu diesen Informationen die Telefonnummern des Anrufers und des Angerufenen, die Dauer des Gesprächs …“ (192).

Die amerikanische Regierung beschwichtigt, das „verletze nicht oder zumindest weniger die Privatsphäre als das Abfangen von Inhalten.“ (ebd.) Um das zu widerlegen, zitiert Greenwald den Informatik-Professor Edward Felten von der Universität Princeton, der erklärt, „warum gerade die Überwachung der Metadaten so viel über uns verrate: ‚Stellen wir uns einmal Folgendes vor: Eine junge Frau ruft ihren Gynäkologen an, gleich darauf ihre Mutter, dann einen Mann, mit dem sie während der vergangenen Monate häufiger nach 23 Uhr telefoniert hat; als Nächstes eine Familienberatung, die auch Abtreibungen durchführt. Daraus lässt sich eine schlüssige Geschichte herleiten, die sich so deutlich aus dem Abhören eines einzelnen Telefonats nicht ergeben würde.’“ (193)

Wohlgemerkt: Die Programme PRISM und XKeyscore gehen noch weit über die Metadatensammlung hinaus – sie betreiben Live-Überwachung.

Beim Lesen dieser Seiten entscheide ich mich endgültig, meine E-Mails fortan zu verschlüsseln.

Das vierte Kapitel erörtert die gesellschaftlichen Folgen der Überwachung. Greenwald geht es darin um die Privatsphäre als zentralem Kernbereich menschlicher Freiheit. Er räumt mit der weit verbreiteten Ignoranz der Bespitzelten auf, die meinen, sie hätten ja nichts zu verbergen. Das gerade Gegenteil sei der Fall. Wer möchte schon, dass seine Passwörter eingesehen werden? Es geht aber noch viel tiefer:

„Erstens verändern Menschen ihr Verhalten radikal, wenn sie wissen, dass sie beobachtet werden. Sie werden alles daransetzen, zu tun, was von ihnen erwartet wird (…). Das Spektrum der Möglichkeiten, die Menschen in Erwägung ziehen, wenn sie glauben, von andere beobachtet zu werden, ist somit weitaus kleiner als in einem gesicherten Privatbereich. Die Verweigerung der Privatsphäre bedeutet somit, dass die Wahlfreiheit des Menschen eingeschränkt wird.“ (247)

An dieser Stelle wird auch der eigentliche Zweck der Überwachung erkennbar. Weit davon entfernt, ein Mehr an Sicherheit zu bewirken, hat die Überwachung vielmehr repressiven Charakter: „Die staatliche Massenüberwachung ist daher von Natur aus repressiv (…). Ganz egal, zu welchem Zweck die Überwachung durchgeführt oder missbraucht wird – sie setzt der Freiheit natürlicherweise Grenzen.“ (249)

Vor diesem Hintergrund zitiert Greenwald Michel Foucault, der in seinem Werk „Die Wahrheit und die juristischen Formen“ das Überwachungssystem des Panoptikums erläutert, einer Überwachungseinrichtung mit einem zentralen Turm, „von dem aus Wächter jeden Raum (…) einzusehen in der Lage waren. Die Insassen hingegen sollten nicht in den Turm hineinblicken können und würden daher nie wissen, ob sie überwacht wurden oder nicht.“ (250) Dazu erklärt Foucault, „die allgegenwärtige Überwachung verleihe den Autoritäten nicht nur Macht und erzwinge Willfährigkeit, sondern führe auch dazu, dass die Einzelnen ihre Aufseher internalisieren: Sie tun instinktiv das, was von ihnen gewünscht wird, ohne auch nur zu merken, dass sie kontrolliert werden.“ (251)

Daran anschließend beschäftigt sich das fünfte Kapitel mit dem jämmerlichen Zustand der US-Medien, die mit dem Einsetzen des Antiterrorkampfes nach den Anschlägen des 11. September 2001 in ihrer Regierungshörigkeit auf ganzer Linie versagt haben. Statt einem von Greenwald so genannten Unternehmensjournalismus seien vielmehr freie und unerschrockene Journalisten nötig, die sich nicht einschüchtern lassen.

Ganz nebenbei demaskiert Greenwald Barack Obama. Dieser wird als Wolf im Schafspelz dargestellt, der vor seiner Amtszeit den Schutz von Whistleblowern und die transparenteste Regierung seit je verheißen hatte, nur um danach noch repressivere Überwachungsprogramme als sogar seine Vorgängerregierung unter Bush zu autorisieren.

Abschließend geht Greenwalds Dank an eine lange Reihe von Whistleblowern, an deren vorläufigem Ende Edward Snowden steht: „Ich war sehr beeindruckt, dass ein ganz normaler 29-Jähriger aus prinzipiellen Erwägungen heraus und zur Verteidigung elementarer Menschenrechte sehenden Auges eine lebenslange Haftstrafe riskiert.“ (364) Bedauerlich nur, dass auch in Europa außer Sympathiebekundungen für Snowden kaum irgendein wirksames Aufbegehren gegen die Massenüberwachung stattfindet.

Glenn Greenwald: Die globale Überwachung: Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen, Droemer Verlag, München 2014, 366 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

(c) belmonte 2014

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12 Gedanken zu ““Die staatliche Massenüberwachung ist daher von Natur aus repressiv.” – Glenn Greenwald: Die globale Überwachung: Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen (Rezension)

    • Gerne. Vieles aus diesem Buch ist ja schon bekannt aus der Medienberichterstattung, aber hier wird es nochmal zusammenfassend als Gesamtbild gezeichnet.

  1. Sehr beeindruckend fand ich Deinen Verweis und die Erklärungen zu Foucaults Überlegungen zur Überwachung. Dies klärt noch einmal auf besondere Weise die Krux an der Überwachung, nämlich dass jeder, der sie auch nur im Ansatz problematisch findet, sein Verhalten ändern wird. Und das trifft ja nicht nur die staatliche Überwachung, die immerhin noch gegen Gesetze verstößt. Es trifft ja auch die Nutzer der vielen Unternehmen, die fröhlich und im besten Einverständnis mit ihren AGB unsere Daten sammeln, um sie wirtschaftlich auszubeuten. Ich beobachte an mir schon, dass ich vorsichtiger werde beim Surfen und Klicken. Und das ist schon bedenklich.
    Viele Grüße, Claudia

  2. ich hörte im SWR 2 eine Sendung über Florian Mehnert, einem Künstler aus dem badischen Raum, der zeigt, dass wir auch über die Kameras von Smartphones und Laptops überwacht werden, hier der Link zu seiner Seite und seinem Werk: http://www.menschentracks.florianmehnert.de/

    man kann das Auge der Kamera zukleben, man kann so tun, als wenn nix wäre, aber eben … es macht etwas mit uns und das gefällt mir gar nicht! danke für deinen Artikel!!!

    herzliche Grüsse
    Ulli

    • Auch mir gefällt das ganz und gar nicht. In Greenbergs Buch wird sogar beschrieben, dass Smartphones ferngesteuert als Mikrophone eingesetzt werden können, völlig unbemerkt vom Besitzer. Wenn das erst großflächig eingesetzt wird … daran möchte ich gar nicht denken.

      Vielen Dank für den Link.

      • ja, genau darum ging es bei Florian Mehnert- ich habe mir erlaubt deinen Artikel mit meinem, über diesen Künstler, zu verlinken …

  3. Pingback: Florian Mehnert – dein Handy filmt dich oder Menschentracks |

  4. Pingback: Sonntagsleserin KW #27/28 – 2014 | buchpost

  5. der in der Überschrift zitierte Satz „Die staatliche Massenüberwachung ist daher von Natur aus repressiv“ sagt im Grunde schon alles – und die Folgen sind eine unmerkliche Selbstzensur, keine schöne Perspektive. Sehr gute Besprechung, danke dafür!
    Liebe Grüsse
    Kai

    • Vielen Dank, Kai, für Deinen Kommentar. Und ja, das ist wirklich keine schöne Perspektive. Allerdings ist das Buch auch sehr aufklärerisch und zeigt einige Wege, sich vor der Überwachung zu schützen. Jedenfalls ist nach der Lektüre alle Naivität fortgespült.

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