Die Künstlerkolonie Tromm | 4 | Ein Dialog | 1

20. September 2014 § Ein Kommentar

BELMONTE:
Was bedeutet für Dich „Künstlerkolonie“? Und kann „Künstlerkolonie“ – zumindest als Idee – unter heutigen Gegebenheiten Bestand haben?

VALENTINO:
Seit der Industrialisierung haben wir uns immer mehr von unserer Natur entfremdet. In der Folge bildete sich die Künstlerkolonie als Gegenbewegung. Für mich geht es darum, das Gleichgewicht zwischen uns und unserer Natur wieder herzustellen. Da finde ich die Künstlerkolonie – als Idee – durchaus reizvoll, auch wenn sie heute nicht mehr zeitgemäß erscheint. Mich beschäftigt, wie wir miteinander leben wollen, wo die Muße, die gegenseitige Unterstützung bleibt.

Himmel über der Tromm

Himmel über der Tromm / Foto: belmonte

BELMONTE:
Muße und Muse, würde ich sagen. Mir gefällt, dass du die gegenseitige Unterstützung erwähnst, also den gemeinschaftlichen Aspekt der Künstlerkolonie. Ich denke, dieser gemeinschaftliche Charakter einer Künstlerkolonie – beziehungsweise der Idee Künstlerkolonie – ist enorm wichtig. Er sollte aber nie das Einzelgängerische des Künstlertums zerstören, sollte es vielmehr fördern. Denn der Ausdruckswille der Kunst ist aus meiner Sicht immer ein Ausdruckswille des Einzelnen. Künstlerkolonie sollte nach meinem Dafürhalten nicht in der Bildung einer künstlerischen Schulrichtung münden.

VALENTINO:
Ich denke an eine Vielfalt von Ideen und Herangehensweisen – allein neigt man ja dazu, auf immer dieselben Muster zurückzugreifen, bekannte Wege zu gehen. In einer Kolonie oder in einer Gruppe (was für mich irgendwie vertrauter klingt) kann man sich, so stelle ich mir jedenfalls vor, gegenseitig inspirieren und von ausgetretenen Pfaden abbringen. Als Individualist stehe ich einer solchen Gruppenarbeit allerdings skeptisch gegenüber. Denkst du nicht, dass sich die hochgeistigen Ideale oft an kleingeistigem Geplänkel aufreiben?

BELMONTE:
Kleingeistiges Geplänkel ist doch aber manchmal das Salz in der Suppe, wenn man über die zahlreichen Künstlergruppen der letzten beiden Jahrhunderte liest. Findest Du nicht? Und tatsächlich hatten die meisten Künstlergruppen keinen dauernden Bestand. Irgendwann ist die gegenseitige Inspiration ausgeatmet und es werden wieder die eigenen Wege beschritten. Das spricht meiner Ansicht nach noch nicht gegen die Künstlergruppe an sich.

Ich würde aber gerne noch auf den Begriff der Kolonie zu sprechen kommen. Kolonisation ist Landnahme, ein Suchen-Finden, ein Dort-gehen-wir-hin (mit Betonung auf jedem einzelnen Wort). Wahrscheinlich steckt darin aber schon die Paradoxie, wenn man das Urbarmachen der Kolonisation auf den Ausdruckswillen der Kunst anwendet. Wir suchen das unbebaute Land, den Ursprung, und machen es urbar, formen es aus. Wenn diese Ausformung aber geschehen ist, dann ist der Zeitpunkt gekommen, dass die Gruppe sich wieder trennt – nach Jahren oder womöglich bereits nach einem Wochenende.

VALENTINO:
Aus Sicht zum Beispiel der Künstlerkolonie Worpswede oder der Schule von Barbizon kann ich – im Kontext ihrer Zeit – durchaus nachvollziehen, warum die Künstler in die Landschaft gingen. Bei den Künstlern aus Worpswede war es ja vor allem der Widerwille gegen eine verstaubt anmutende Akademie-Malschule. Das Bedürfnis, der Natur wieder näher zu kommen, ist wohl heute kaum geringer als damals. Unbebaut und unbevölkert war das Land allerdings auch damals schon nicht. Und so ergab sich eben auch das Problem der Parallelwelt: Die Einheimischen konnten einfach nicht nachvollziehen, was die Maler dort treiben, was sie bewegt.

BELMONTE:
Das betrachte ich nicht als Problem. Wer mit Kunst oder Literatur nichts anfangen kann, soll es bleiben lassen oder es später nochmal versuchen. Ich stoße mich indes ein wenig an dem Begriff der Parallelwelt, bei dem ein bisschen der naheliegende Begriff der Parallelgesellschaft anklingt. Künstler schaffen aus meiner Sicht keine Parallelwelten sondern Welten. Problematisch wird es dann, wenn diese neuen Welten andere bereits bestehende Welten zerstören. Der Kolonialismus ist ja in weiten Teilen genau so vorgegangen. Etwas Ähnliches kann ich allerdings bei den Worpsweder Künstlern nicht erkennen. Deine Frage „Wie sollen die Menschen nachvollziehen, was die Künstler bewegt?“ ist sicherlich aus vielen Lebenssituationen nachvollziehbar. Aber ist das tatsächlich relevant? Wer nachvollziehen will, kann nachvollziehen. Und was geht es den Künstler an, der aus seinem Ausdruckswillen heraus lebt. Viel wichtiger ist, dass dieser Ausdruckswille nicht von außen, durch welche Ideologie auch immer, gelenkt wird und eben die Welt schaffen kann, die er will.

(Fortsetzung …)

(c) valentino und belmonte 2014

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