Gollum im Herzen Amerikas – Cormac McCarthy: Ein Kind Gottes (Rezension)

14. März 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

Cormac McCarthys erst kürzlich erstmals auf Deutsch erschienener Roman Ein Kind Gottes von 1974 beschreibt wie viele seiner folgenden Romane eine düstere, endzeitliche Welt. Dieses Mal ist es das kleinstädtische Leben im Tennessee der Sechziger Jahre mit seinen Käffern im Hinterland.

Der Roman zeigt die Verwilderung von Lester Ballard, einem örtlichen Herumtreiber, der nach der Zwangsversteigerung seines Elternhauses mehr und mehr verwahrlost, zum Höhlenbewohner wird, Liebespaare beim Stelldichein umbringt und sich an den toten Frauen vergeht.

Cormac McCarthy Ein Kind Gottes

Cormac McCarthy: Ein Kind Gottes

Wie alle Bücher McCarthys, die ich bisher gelesen habe, hat auch dieses Buch seine schockierenden Momente. Die Morde sind allesamt entsetzlich und herzzerreißend. Und dennoch bezeichnet McCarthy Lester als „ein Kind Gottes ganz wie man selbst“ (8). Tatsächlich kann sich der Leser bei aller Widerwärtigkeit seiner Taten mit Lester identifizieren, mit ihm mitfiebern, buchstäblich mitfrieren in der durchnässten Kälte der Höhlen, in denen sich Lester wie Tolkiens Gollum bewegt – „ein verrückter Wintergnom“ (106) – und seine Leichen lagert. Ein großer Teil des Romans spielt in ebendiesen Höhlen, sie haben „etwas Organisches, wie die Innereien eines großen Tieres“ (130f.). Es ist eine sehr alte mythische Unterwelt mit Fledermäusen, die „aus dem Dunkel des Tunnels kommen und in Asche und Rauch wild flatternd durch das Loch in der Decke aufsteigen, wie aus dem Hades auferstehende Seelen“ (137).

Lester Ballard ist nicht der erste verwilderte Höhlenbewohner in der Gegend. Es wird von einem früheren „zerlumpten Gnom mit Haaren bis zu den Knien“ und „Kleidern aus Laub“ (163) erzählt. Woher aber kommen diese Gestalten, was sind ihre Motive? Viel erfahren wir darüber nicht. Lester wird nicht übermäßig psychologisiert. In einem der immer wieder eingesprenkelten mündlichen Zeugnisse schildert ein Countybewohner, seine Mutter sei abgehauen und sein Vater habe sich erhängt. Der zehnjährige Lester habe dabei zusehen müssen, wie der Strick durchgeschnitten wurde, an dem sein Vater hing, wie „wenn man ein Stück Schlachtvieh abschneidet“ (24).

Auch mit Tolkiens Gollum spürt man Mitleid. Und es ist nicht so, dass in McCarthys Roman alle anderen die besseren Menschen sind, etwa Buster, der Lester so zusammentritt, dass er „den Kopf nie mehr richtig gerade halten“ (12) konnte. Oder der Müllhaldenbesitzer mit seinen neun Töchtern, der eine seiner Töchter im Wald mit einem Liebhaber erwischt und ihr selbst, nachdem er die beiden auseinandergetrieben hat, „seinen Glibber auf den Oberschenkel spritzte“ (31). White Trash im Heartland Amerikas, eine uralte Welt, die sich nicht geändert hat. Überall Wälder mit „gotischen Baumstämmen“ (123) – hier klingt er wörtlich an, der Zusammenhang mit dem Gattungsbegriff Southern Gothic, in dem McCarthy sich bewegt – oder „feldkarrengroße Steinbrocken … auf denen mit Kameen urzeitlicher Muscheln und in Kalk geätzten Fischen nur eine Geschichte von verschwundenen Meeren geschrieben stand“ (ebd.). Schön ist in dieser archaischen Welt einzig die urgewaltige Natur. Aber wer ist da, der sie sehen könnte, außer dem Autor und dem Leser.

Auf die Frage des Deputy „Glauben Sie, die Menschen waren damals schlechter als heute?“ (163) antwortet der Sheriff: „Nein, glaube ich nicht. Ich glaube, die Menschen sind immer die Gleichen gewesen, seit Gott den ersten geschaffen hat.“ (ebd.) Es ist kein Zufall, dass die Gegend kurzerhand von einem Jahrhunderthochwasser heimgesucht wird. Auch der Sheriff erkennt, dass es sich um eine Sintflut handelt: „Du hast nicht zufällig irgendwo einen alten Mann mit langem Bart ein riesengroßes Boot bauen sehen, oder?“ (156) Dieser alttestamentarische Rückbezug ist für McCarthy auch in seinen späteren Romanen immer wieder erkennbar. Aber auch auf Dantes Höllentrichter wird verwiesen, hier eine Höhle, aus welcher Lester emporklettert: „Vor Erschöpfung fast schluchzend, stieg er aus dem Trichter, um den Tag zu sehen. Nichts regte sich in dieser toten, verwunschenen Einöde, der Wald trug Girlanden aus Eisblumen, Kräuter ragten aus weißen Kristallphantasien auf, die den steinernen Spitzenmuster auf einem Höhlenboden glichen.“ (152) – Auch draußen ist also immer noch Höhle.

Cormac McCarthy: Ein Kind Gottes, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2014.

Child of God wurde 2013 unter der Regie von James Franco und Scott Haze in der Titelrolle verfilmt und ist in Deutschland auf DVD und Blu-ray erschienen. Der Autor der Rezension hat den Film zum Zeitpunkt der Rezension noch nicht gesehen.

(c) belmonte 2015

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

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