Verstörung und Faszination – Mario Vargas Llosa: Das Fest des Ziegenbocks (Rezension)

21. April 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Gewaltherrschaft wirft langen Schatten – der peruanische Autor Mario Vargas Llosa hat mit dem 2000 erschienenen Roman „Das Fest des Ziegenbocks“ einen fesselnden Thriller über den Verfall der Diktatur in der Dominikanischen Republik geschrieben.

Nach 35 Jahren Exil kehrt Urania Cabral zurück in den Karibikstaat. Dort begegnet sie ihrem nach einem Hirnschlag invaliden Vater: Agustín Cabral war einst Minister des Trujillo-Regimes.

Doch der Tyrann verstößt ihn. Rafael Trujillo, genannt Ziegenbock, stirbt kurz darauf 1961 bei einem Attentat. Die Verschwörer kommen aus dem engsten Kreis des Regimes, wie General Pupo Román, er soll nach Trujillos Tod eine militärisch-zivile Junta anführen. Dann ist da noch Joaquín Balaguer, Lyriker und unscheinbarer „Marionettenpräsident“ – ein „kleiner Mann ohne eigene Leuchtkraft, wie der Mond, den Trujillo, das Sonnengestirn, erleuchtete.“ (300)

Mario Vargas Llosa: Das Fest des Ziegenbocks

Mario Vargas Llosa: Das Fest des Ziegenbocks

Ein Jahr vor Trujillos Tod schlägt eine kubanische Invasion fehl. Daraufhin verhaftet, foltert und exekutiert das Regime massenhaft mutmaßliche Verschwörer. Es sieht sich durch die Kirche gefährdet – Bischöfe prangern in einem Hirtenbrief die Diktatur an. Zahlreiche Länder stellen sich gegen Trujillo, als dieser ein Attentat auf den venezolanischen Präsidenten Rómulo Betancourt veranlasst. Die Organisation Amerikanischer Staaten verhängt Wirtschaftssanktionen.

Trujillos Schreckensherrschaft dauert 31 Jahre: Er nennt sich Wohltäter und die Hauptstadt Santo Domingo in Ciudad Trujillo um. Sein Regime ist repressiv, es gibt zahlreiche caliés, Spitzel – sie fahren Wannen genannte schwarze Volkswagen. Geheimdienstchef Johnny Abbes García foltert Oppositionelle auf dem berüchtigten Thron, einem zum elektrischen Stuhl umgebauten Sitz eines Jeeps, oder beseitigt für Trujillo Dissidenten im Ausland wie Jesús de Galíndez, den Verfasser eines Trujillo-kritischen Buches. Auch die im Widerstand aktiven Schwestern Mirabal fallen dem Regime zum Opfer – ihre Ermordung wird als Autounfall in den Kordilleren getarnt.

Amadito hat mit dem Chef noch eine Rechnung offen – er muss zwecks Beförderung dem Ziegenbock seine Treue beweisen: Dieser verbietet ihm die Verbindung mit seiner Verlobten aufgrund „Trujillo-feindlicher Aktivitäten“ ihres Bruders. Daraufhin wird er gezwungen, einen Gefangenen zu töten. Nach der Tat sagt man ihm, der getötete Gefangene sei der Bruder seiner ehemaligen Braut gewesen.

Der Roman vermischt Fiktion und Wirklichkeit auf subtile Weise. Die Handlung wechselt zwischen dem barocken Porträt des schrulligen Machthabers, dem Kreis der Verschwörer und Urania Cabrals Geschichte – letztere umklammert die dicht erzählten Umstände des Tyrannenmords. Immer wieder gibt es Perspektivwechsel und eingeflochtene Rückblenden. Mal umreißt der Autor eine Szene grob, um kurz darauf ein fein ziseliertes Bild zu zeichnen. Auch dieses Stilmittel des Tempowechsels beherrscht Vargas Llosa virtuos. Das Buch ist in einem suggestiven Duktus geschrieben, es entwickelt einen Sog, der den Leser mitreißt und mit nüchterner Stimme das Grauen erzählt: verstörende Bilder der Folter, die nur schwer zu ertragen sind. Hier bekommt der Leser eine vage Vorstellung von dem, was sich in den Gefängnissen abgespielt haben mag.

„Das Fest des Ziegenbocks“ ist, nach dem bereits vorgestellten „Der Geschichtenerzähler“, mein zweites Buch des 2010 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichneten Mario Vargas Llosa. Es ist ein kluges Buch über eine groteske Militärdiktatur in Lateinamerika mit authentischem Hintergrund. Übrigens hat Luis Llosa, ein Cousin des Autors, das Buch 2006 verfilmt. Den Film habe ich zum Zeitpunkt der Rezension noch nicht gesehen.

(c) valentino 2015

Mario Vargas Llosa: Das Fest des Ziegenbocks, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002, 538 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Advertisements

Tagged:, , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Verstörung und Faszination – Mario Vargas Llosa: Das Fest des Ziegenbocks (Rezension) auf vnicornis.

Meta

%d Bloggern gefällt das: