Das Rohe im Menschen – William Faulkner: Licht im August (Rezension)

23. Juni 2015 § Ein Kommentar

valentino

In seinem 1932 erschienenen Roman „Licht im August“ schildert der US-Autor und Literatur-Nobelpreisträger William Faulkner den moralischen Verfall in einem Landstrich in den amerikanischen Südstaaten.

Die schwangere Lena Grove wandert auf der Suche nach dem Vater des Kindes von Alabama nach Mississippi. In der Kleinstadt Jefferson trifft sie den in einem Hobelwerk arbeitenden Byron Bunch. Eine gelbe Rauchsäule steigt wie ein Menetekel in den Himmel: Zwei Meilen in der Ferne steht das alte Haus der Burdens in Flammen.

William Faulkner: Licht im August

William Faulkner: Licht im August

Dort lebt die alleinstehende Joanna Burden. Ihr Großvater Calvin war Nachfahre neuenglischer Unitarier. Er trat für die Abschaffung der Sklaverei ein. Der ehemalige Sklavenhalter Colonel Sartoris tötete 14 Jahre vor Joannas Geburt ihren Halbbruder und Calvin bei einem Streit über das Wahlrecht für Schwarze.

Byron erzählt Reverend Gail Hightower von Lena. Der weltabgewandte Geistliche lebt in einem dunklen Haus in einer Seitengasse des Ortes. Seine Frau kam unter mysteriösen Umständen in einem Hotel in Memphis bei einem Fenstersturz ums Leben. Hightowers Großvater kämpfte in der Armee der Konföderierten im amerikanischen Bürgerkrieg – er wurde beim Hühnerstehlen erschossen. Täglich sitzt Hightower gedankenversunken am Fenster seines Studierzimmers. Er blickt in das kupferfarbene Licht der Nachmittage und erwartet die Ankunft seines toten Großvaters:

„Und ich weiß, dass ich fünfzig Jahre lang nicht einmal Lehm gewesen bin – ich bin ein einziger Moment der Dunkelheit gewesen, in dem ein Pferd galoppierte und ein Schuss krachte.“ (456)

Hauptfigur des Romans ist der „weiße Neger“ Joe Christmas: Er ist auf der Suche nach seiner Identität, innerlich zerrissen zwischen den Welten der Schwarzen und der Weißen. Joe wird als Kleinkind an Heiligabend vor der Tür eines Waisenhauses gefunden. Mit fünf Jahren gibt man ihn zur Adoption frei. Es wird darüber spekuliert, es könne „Negerblut“ in seinen Adern fließen. Diese Vorstellung verfolgt Joe von klein auf, obwohl es keine Belege dafür gibt. Das strenggläubige Ehepaar McEachern adoptiert ihn. Der bigotte Pflegevater schreckt nicht vor – teils grundlosen – Prügelstrafen zurück.

Joes erste Liebe ist die Kellnerin Bobbie, die auch als Prostituierte arbeitet. Eines Tages kommt es zur handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen dem 18-jährigen Joe und seinem Pflegevater, bei der McEachern stirbt. Joe flieht von zu Hause, Bobbie weist ihn ab. Daraufhin lebt er zwölf Jahre als Wanderarbeiter auf einer Achse zwischen Michigan und Mexiko. In Jefferson zieht er in eine Hütte hinter Joannas Haus. Zusammen mit Joe Brown, dem Kindsvater unter falschem Namen, verkauft er schwarzgebrannten Whiskey.

Faulkner zeichnet seine Figuren fein und nuanciert: Die Perspektive wechselt ständig, es gibt verschiedene Erzähler, assoziative Folgen von Bildern und zahlreiche Rückblenden. Das erzeugt Mitgefühl, irritiert aber auch, weil die Figuren (als Teile einer verrohten Umwelt) roh und stumpf sind: Sie sind Opfer und Täter zugleich. Sie fügen sich stoisch ihrem Schicksal, wandeln wie Geister zwischen Leben und Tod.

Das Grauen lauert hinter einer Fassade aus falscher religiöser Moral oder fanatischem Patriotismus. Und selbst die Wohltätigkeit der Familie Burden wirkt aufgesetzt. Als Calvins Sohn Nathaniel nach 16-jähriger Abwesenheit zurückkehrt, hat dieser einen Sohn mit der Mexikanerin Juana. Sie sieht Calvins Frau zum Verwechseln ähnlich (Nathaniel nennt später seine Tochter nach ihr). Calvin sagt:

„Noch so ein verdammter schwarzer Burden. (…) Die Leute werden denken, ich hab einen verdammten Sklavenhalter aufgezogen. Und jetzt zieht er auch einen auf. (…) Diese verfluchten, klein gebauten schwarzen Menschen; klein gebaut, weil das Gewicht von Gottes Zorn auf ihnen lastet, schwarz, weil die Sünde der Versklavung von Menschen ihr Blut und ihr Fleisch fleckt. (…) Aber wir haben sie jetzt befreit, Schwarze und Weiße gleichermaßen. Jetzt werden sie ausbleichen. In hundert Jahren sind sie wieder alle weiß. Und dann lassen wir sie vielleicht wieder nach Amerika rein.“ (228f.)

Calvins Worte scheinen zunächst seinem Handeln zu widersprechen, weil er sich vehement gegen die Sklaverei einsetzt. In der Tat vermischt er beim Sprechen zwei verschiedene Konzepte miteinander: das der äußeren Erscheinungen (die unterschiedlichen Hautfarben) mit dem der inneren Aspekte (moralische Integrität versus moralische Abschweifung). Schwarzsein ist hier eher im moralischen Sinne gemeint: Schwarz sind auch die Sklavenhalter. Der in Jefferson allgegenwärtige Rassismus hat eben viele Gesichter: Während er bei Calvin quasi eine alternative Variante darstellt – begrenzt auf den häuslichen Bereich –, äußert er sich noch drastischer beim Lynchmörder Percy Grimm: Der Nationalgardist war zu jung für den Ersten Weltkrieg – jetzt paart er seine Vaterlandsliebe mit rassistischer Perversion:

„Als die anderen in die Küche kamen, sahen sie den inzwischen beiseitegestoßenen Tisch und Grimm, der sich über den Mann beugte. Und als sie näher kamen, um zu sehen, was Grimm vorhatte, sahen sie, dass der Mann noch nicht tot war, und als sie sahen, was Grimm tat, stieß einer der Männer einen erstickten Schrei aus und stolperte rückwärts gegen die Wand und erbrach sich.“ (431)

Auch Hightower wird mit Rassismus konfrontiert: Weil er Schwarze wie Weiße behandelt, findet er eines Morgens das Fenster seines Studierzimmers zerbrochen vor. Auf dem Fußboden liegt ein Backstein. Daran gebunden ist ein Zettel mit der Aufforderung, die Stadt bis Sonnenuntergang zu verlassen – signiert mit dem dreifachen Großbuchstaben „K“. Doch obwohl man ihn kurz darauf bewusstlos schlägt, bleibt er:

„Einer mag davon reden, wie gern er vor den Lebenden fliehen würde. Aber es sind die Toten, die (…) still an einer Stelle liegen und gar nicht versuchen, ihn festzuhalten, sie sind es, denen er nicht entfliehen kann.“ (71)

Die Lektüre ernüchtert und verstört. Der Blick in die menschlichen Abgründe hinterlässt Spuren. Es ist aber immer eine offene Epik mit einem Hoffnungsschimmer. So setzt Lena, nachdem sie ihr Kind zur Welt gebracht hat, unbeirrt ihren Weg nach Tennessee fort.

(c) valentino 2015

William Faulkner: Licht im August, Rowohlt Verlag, Reinbek 2010, 479 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

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