„… because the only people that interest me are the mad ones …“ – Jack Kerouac: On the Road – Die Urfassung (Rezension)

18. Juli 2015 § 3 Kommentare

belmonte

Jack Kerouac: On the Road

Jack Kerouac: On the Road

Jack Kerouacs Buch On the Road – Die Urfassung (auf Deutsch zuerst erschienen unter dem Titel Unterwegs) ist für mich eines der großartigsten, schönsten und schnellsten Bücher überhaupt. Ich bin selbst viel per Anhalter unterwegs gewesen – Paris, Rotterdam, Mailand, Süditalien, Südamerika und sonst wo, Übernachtung im Gras hinter Autobahnraststätten, um am nächsten Tag – Klassiker – am Grab von Jim Morrison zu lungern. Kerouacs On the Road ist die genaue Vorlage dafür, pausenlos, schnell, immer erregt. Noch dazu ist das Buch eines der wenigen, das einen echten Soundtrack hat. Es ist nicht nur der darin beschriebene Bebop, nein, die Sprache des Buches selbst ist Bebop, der schnelle Jazz der 40er-Jahre. Inmitten findet sich sogar eine kurze Geschichte des Jazz. Charlie Parker, Count Basie, Thelonious Monk, Lester Young – Kerouac hat sie alle gehört: „Hier waren die Kinder der amerikanischen Bebop-Nacht.“ (335)

Kerouac rast von einer Küste zur anderen, und Amerika liegt dazwischen wie ein immenser Teppich, mit Straßen, die stets am Meer zu enden scheinen. Immer vorneweg: Neal Cassady, Kerouacs Intimus, eine einzige amerikanische Ekstase, der nichts anderes tut, als wie ein wilder Hengst über den Kontinent zu preschen. Das sind die Leute, die Kerouac fesseln:

„… because the only people that interest me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, desirous of everything at the same time, the ones that never yawn or say a commonplace thing but burn, burn, burn like roman candles across the night.” (113)

Das ist die lyrische Prosa, mit der auch Kerouacs Dichterkumpan Allen Ginsberg sein grandioses Poem Howl beginnt:

“I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked, dragging themselves through the negro streets at dawn looking for an angry fix, | angelheaded hipsters burning for the ancient heavenly connection to the starry dynamo in the machinery of night, | who poverty and tatters and hollow-eyed and high sat up smoking in the supernatural darkness of cold-water flats floating across the tops of cities contemplating jazz”.

Lies diese Passage in monotoner mittelhoher Tonlage, ohne Pause! Es ist Jazz, derselbe Jazz, den auch Kerouac schreibt. In dieser Hinsicht ist Kerouacs Prosa nichts anderes als eine Aneinanderreihung von Langversen. Beat Literature at its best.

Jack Kerouacs On the Road hat aber nicht nur Sound sondern auch geographische Gerüche. Ich habe beim Lesen die Luft der industriellen Atlantikküste, des entspannten Pazifik, des mediterranen Golf von Mexiko gespürt, die Kerouac alle so wunderbar darstellt. Kerouac beschreibt Amerika als ein Leben an der Peripherie: Fabrikhallen und Mietskasernen, Eisenbahner, Güterzüge, Parkplätze, Diners. Es gibt wunderschöne Amerika-Passagen. Als Jack und Neal beispielsweise den Mississippi überqueren, sehen sie „in den großen braunen Vater der Flüsse hinab, der sich als ein Strom gebrochener Seelen aus der Mitte Amerikas heranwälzte – mit Baumstämmen aus Montana, Schlamm aus Dakota und den Tälern von Iowa und allen Rätseln bis nach Three Forks hoch, wo das Geheimnis im Eis entsprang.“ (200)

Oder das wehmütige Ende:

„So in America when the sun goes down and I sit on the old brokendown river pier watching the long, long skies over New Jersey and sense all the raw land that rolls in one unbelievable huge bulge over to the West Coast, all that road going, all the people dreaming in the immensity of it, and in Iowa I know by now the evening-star must be drooping and shedding her sparkler dims on the prairie, which is just before the coming of complete night that blesses the earth, darkens all rivers, cups the peaks in the west and folds the last and final shore in, and nobody, just nobody knows what’s going to happen to anybody besides the forlorn rags of growing old, I think of Neal Cassady, I even think of Old Neal Cassady the father we never found, I think of Neal Cassady, I think of Neal Cassady.” (408)

Genau so klingen viele Jazzstücke aus. Lies das laut, lies es im Ton antiker Hexameter! Es ist Musik. Jack Kerouac ist in On the Road eigentlich ein begnadeter Jazzmusiker. Höre sich nur einmal jemand Kerouacs October in the Railroad Earth an. Das ist Jazz, nicht enden wollende Langverse.

Jack Kerouac: On the Road - The Original Scroll

Jack Kerouac: On the Road – The Original Scroll

Ich empfehle übrigens ausdrücklich die Lektüre der Urfassung On the Road. Sie ist im Unterschied zu der geglätteten Erstpublikation Unterwegs nicht nur sprachlich rauher und vulgärer sondern behält auch alle Echtnamen bei, zum Beispiel Neal Cassady anstelle von Dean Moriarty. Und wer kann, sollte das Buch natürlich im englischen Original lesen, weshalb ich hier mehrheitlich auch aus dem Englischen zitiert habe. Kerouacs Musikalität lässt sich eigentlich nur dort ganz nachempfinden.

Kerouac zieht es immer wieder nach San Francisco, immer wieder nach Westen, der Sonne hinterher:

„Jetzt sah ich, wie sich Denver undeutlich vor uns abzeichnete wie das gelobte Land, weit da draußen unter dem Sternenhimmel, hinter der Prärie von Iowa und den Ebenen von Nebraska, und in noch weiterer Ferne sah ich die noch größere Vision von San Francisco aufschimmern wie Juwelen in der Nacht.“ (28)

Was für ein Land, das Kerouac da für sich und für ganze Generationen nach ihm neu aufgetan hat.

(c) belmonte 2015

Jack Kerouac: On the Road – Die Urfassung. Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2011. 575 S.

Link zum Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek

Englisches Original:

Jack Kerouac: On the Road – The Original Scroll. Viking Penguin, New York 2007. 408 S.

Link zum Datensatz in WorldCat

Siehe auch valentinos Rezension zu Jack Kerouac: Visions of Cody sowie belmontes Rezension zu Jack Kerouac: Gammler, Zen und hohe Berge.

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