„Die Stille war wie ein gewaltiger Schrei.“ – Jack Kerouac: Gammler, Zen und hohe Berge (Rezension)

25. Juli 2015 § 8 Kommentare

belmonte

Jack Kerouac: Gammler, Zen und hohe Berge

Jack Kerouac: Gammler, Zen und hohe Berge

Ganz anders als On the Road (Rezension) ist Kerouacs Buch The Dharma Bums (deutsch: Gammler, Zen und hohe Berge), das mit der berühmten Lesung in der Six Gallery in San Francisco beginnt, wo Allen Ginsberg sein Poem Howl zum ersten Mal vorgetragen hat.

The Dharma Bums unterscheidet sich von On the Road vor allem durch die Hintergrundstimmung. Zwar trampt Kerouac auch hier mehrmals quer über den Kontinent, aber es ist weniger ein Straßenroman als eine großartige und oftmals sehr stille Aneinanderreihung von Naturschilderungen. Bei der Bergbesteigung des so genannten Matterhorn in der Sierra Nevada, die das erste Drittel des Buches füllt, klingt das so: „Die Stille war wie ein gewaltiger Schrei.“ (99) (Sehr schön nacherlebt übrigens auf Thomas Beckers Hiking-Seiten In the Footsteps of Jack Kerouac on Matterhorn Peak.)

Wieder zurück in San Francisco trifft Kerouac, der hier als Ray Smith auftritt, seinen Reisegefährten Neal Cassady wieder (im Buch: Cody Pomeray), dessen Freundin unter Polizeiverfolgungswahn Selbstmord begeht. Eine solche Todeslinie zieht sich durch den gesamten Untergrund des Romans. Kerouac säuft so viel, dass sein früher Alkoholikertod sich bereits andeutet.

Dennoch, schmeiß alle Outdoor-Ratgeber fort! Der einzig wahre Ratgeber für Backpacker ist Kerouacs The Dharma Bums. Auch eine Outdoor-Einkaufsliste wird sich der Leser daraus zusammenstellen können: Flanellhemden, Aluminiumtöpfe und Besteck, Bergstiefel, Kunststoffflaschen, Blechtassen, Trockenverpflegung und was nicht alles. Auch Rezepte werden zum Besten gegeben: „… und ich nahm etwas Maismehl und mischte es mit gehackten Zwiebeln und Salz und Wasser und goss mit dem Esslöffel kleine Maisfladen in der heißen Bratpfanne aus (mit Öl) und versorgte die ganze Bande mit köstlichem heißem Gebäck zum Tee.“ (237) An anderer Stelle werden Roggenmuffins gebacken (304).

Anders als On the Road hat The Dharma Bums keinen eindeutigen Soundtrack. Und an die Stelle des ekstatischen Neal Cassady ist der ruhigere Buddhist Gary Snyder (im Buch: Japhy Ryder) getreten, mit dem Kerouac in den Bergen unterwegs ist, ein Prachtkerl von einem Naturburschen, dabei ganz zierlich und gebildet: „Japhy Ryder ist der große neue Held der amerikanischen Kultur.“ (53) Mit ihm und an ihm festigt Kerouac seinen eigenen, amerikanischen Buddhismus, den er nach North Carolina mitnimmt, um im Haus seiner Mutter zu überwintern: „Als ich daher in meiner Buddha-Laube saß, in der (Colyalcolor-)Wand aus rosa und roten und elfenbeinweißen Blumen, zwischen Gehegen magischer, transzendentaler Vögel, und meinen erwachsenden Geist erkannte, süße, überirdische Schreie dabei ausstieß, in dem ätherischen Duft, geheimnisvoll altertümlich, der Seligkeit der Buddha-Acker, da sah ich, dass mein Leben eine riesige, glühende, leere Seite war und dass ich alles tun konnte, was ich wollte.“ (196)

Jack Kerouac / Bild: Tom Palumbo/wikimedia unter CC-by-SA 2.0

Jack Kerouac / Bild: Tom Palumbo/wikimedia unter CC-by-SA 2.0

Im Frühjahr kehrt Kerouac nach Kalifornien zurück, um noch einmal mit Snyder zu wandern, bevor dieser sich nach Japan einschifft. Vorher wird aber noch eine Party gefeiert, und es ist eine der coolsten mehrtägigen Garten- und Lungerpartys Kaliforniens der Literaturgeschichte:

„Sean legte im Hof eine Planke aus und deckte einen königlichen Tisch mit Wein und Buletten und Pökelfleisch und machte ein großes Feuer im Freien und holte seine beiden Gitarren raus, und ich stellt fest, das war wirklich eine überwältigende Art, im sonnigen Kalifornien zu leben, verbunden mit all diesem schönen Dharma und der Bergsteigerei, alle hatten Rucksäcke und Schlafsäcke (…). So war die Party die ganze Zeit in drei Gruppen geteilt: diejenigen, die im Wohnzimmer Hi-Fi hörten oder Bücher durchblätterten, diejenigen, die im Hof saßen und Gitarrenmusik hörten, und diejenigen, die oben auf dem Hügel in der Hütte Tee aufbrühten und im Schneidersitz über Lyrik und anderes und Dharma diskutierten oder auf der Hochwiese umherwanderten, um zuzusehen, wie die Kinder Drachen steigen ließen oder wie alte Damen zu Pferde vorüberritten.“ (233)

Danach geht es auch schon weiter nach Norden. Kerouac verbringt den Sommer über als Waldbrandwächter an der kanadischen Grenze einsam in einer Hütte auf dem Desolation Peak, mit Blick auf den Nachbarberg Mount Hozomeen:

„Hozomeen, Hozomeen, der düsterste Berg, den ich je gesehen, und der schönste, sobald ich ihn näher kennenlernte und sah, wie hinter ihm das Nordlicht das ganze Eis des Nordpols von der anderen Seite der Welt spiegelte.“ (301)

Da oben verdreht sich für Kerouac die Perspektive:

„Die Welt stand auf dem Kopf und hing in einem Ozean von endlosem Raum.“ (307)

Immerhin gibt es da oben noch eine Welt. Ein paar Seiten weiter vorn ist selbst das nicht mehr vorausgesetzt:

„Was für ein Gräuel wäre es gewesen, wenn die Welt wirklich wäre.“ (181)

Der Leser merkt an solchen Passagen, dass Kerouac zehn Jahre älter geworden ist im Vergleich zu der Zeit, als er mit Neal Cassady kreuz und quer durch Amerika gerast ist. Kerouac ist mittlerweile abgeklärter, vielleicht sogar verhärmter:

„Sind wir gefallene Engel, die nicht glauben wollten, dass nichts nichts ist, und die wir daher geboren wurden, um unsere lieben und teuren Freunde einen nach dem anderen und schließlich unser eigenes Leben zu verlieren, damit wir am eigenen Leibe erfahren: Es ist so!?“ (308)

(c) belmonte 2015

Jack Kerouac: Gammler, Zen und hohe Berge. Deutsch von Werner Burckhardt. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1971, überarbeitete Neuausgabe 2010. 348 S.

Link zum Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek

Siehe auch valentinos Rezension zu Jack Kerouac: Visions of Cody sowie belmontes Rezension zu Jack Kerouac: On the Road – Die Urfassung.

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