Kein großes Mosaik – Richard Overy: Russlands Krieg – 1941-1945 (Rezension)

21. November 2015 § Ein Kommentar

belmonte

Seit längerer Zeit schon hatte ich mir vorgenommen, eine Gesamtgeschichte des Deutsch-Sowjetischen Krieges zu lesen. Es sollte möglichst keine Darstellung aus einer deutschen Feder sein, sondern entweder von einem russischen Historiker oder von anderer Seite. Der 2013 ausgestrahlte Fernseh-Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter war zwar recht beeindruckend, durch die deutsche Perspektive aber doch wieder recht einseitig.

Richard Overy: Russlands Krieg 1941-1945

Richard Overy: Russlands Krieg 1941-1945

Meine Recherche brachte mich auf das Buch Russlands Krieg – 1941-1945 des britischen Historikers Richard Overy. Vor allem waren die Rezensionsnotizen auf Perlentaucher vielversprechend. Anscheinend fanden drei überregionale Zeitungen das Buch außerordentlich überzeugend.

Overys Darstellung liest sich in der Tat flüssig und eingängig und hat mich nicht wie andere historische Werke über Wochen gebunden. Das umfangreiche, mit zahlreichen Bildern und Karten ausgestattete Werk lässt an Ausführlichkeit nichts zu wünschen übrig und bettet den Krieg in eine größere Zeitlinie ein, beginnend mit dem Jahr 1919 während des Russischen Bürgerkrieges bis nach Stalins Tod und der langen Nachkriegszeit inklusive Kalter Krieg.

Dennoch bin ich von dem Werk alles andere als begeistert. In der Perlentaucher-Notiz zur Rezension in der Süddeutschen Zeitung heißt es: „Zudem vermag dieser Autor ‚packend’ zu erzählen und streckenweise liest sich das Buch in seiner ‚eleganten’ Darstellungsweise eher wie ein Roman als wie ein Geschichtsbuch …“

Mein Eindruck ist ein diametral entgegengesetzter. Dieses Werk ist ein traditionelles Geschichtsbuch ohne jeglichen Romancharakter. Hauptaugenmerk wird auf politische Einzelpersonen – allen voran Stalin, Hitler, Schukow, Molotow – und ihr Umfeld, Beziehungs- und Entscheidungsgefüge gelegt. Darüber hinaus wird von der bedrückenden Lage der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zwar sehr häufig aber nur allgemein gesprochen, in der Art, dass diese eben unter schlimmstem Hunger, Deportation oder den zahlreichen Säuberungen litten.

Immer wieder ist von den abscheulichen Verbrechen der Deutschen und der Brutalität Stalins und seines Geheimdienste-Chefs Berija zu lesen. Was aber diese Verbrechen und die dauernde Angst mit einzelnen Menschen gemacht haben, wird an keiner Stelle näher ausgeleuchtet.

Der Krieg wird größtenteils als ein mechanisches Vor und Zurück von Truppen, Heeresgruppen, Panzerkontingenten und Fliegerbataillonen dargestellt, ein Aufrechnen unterschiedlicher Rüstungsstärken und Kriegsproduktionsressourcen.

Auch Overys Sprache macht sich nicht frei vom Militärjargon: So sei beispielsweise der sowjetische General Konjew „auf eine gründliche Aufklärung der feindlichen Feuerstellungen angewiesen [gewesen], damit diese bei Angriffsbeginn durch genaues Punktfeuer seiner Artillerie neutralisiert werden konnten.“ (406) Diese Art militärischer Sprache („neutralisiert“) zieht sich durch das gesamte Buch, wodurch der Autor bedauerlicherweise in seinem Thema steckenbleibt. Er vermag es nicht, sich von der militärhistorischen Ebene zu lösen, um diesen Krieg in ein adäquates Gesamtbild zu setzen.

Ebenso wenig schafft er es, den eigentlichen Krieg, den Krieg der Soldaten, der betroffenen Bevölkerungen, der Verfolgten, Partisanen, Hinterbliebenen – eben ein Krieg vor allem von Einzelpersonen – zu erfassen und dadurch zumindest im Ansatz erfahrbar zu machen. Das Buch ist weder eine Darstellung des Krieges von oben noch von unten, sondern über weite Teile lediglich eine aneinanderreihende Dokumentation politischer und militärischer Entscheidungen und des durch sie betroffenen Kriegsgefüges. Wo sind all die Augenzeugenberichte, Briefe und Aufzeichnungen? Es handelt sich lediglich um politische und militärische Geschichtsschreibung, nicht um eine Mentalitäts- oder Gedächtnisgeschichte und noch viel weniger um eine Kulturgeschichte des Deutsch-Sowjetischen Krieges. Ich kann daher der ZEIT-Rezension, die das Werk als ein „großes und stimmiges Mosaik“ bezeichnet, überhaupt nicht zustimmen.

Das Buch ist nicht vollständig misslungen. Es hat mir einen Wissensmehrwert geliefert, den ich vorher nicht hatte. Von der Panzerschlacht bei Kursk wusste ich beispielsweise vor der Lektüre dieses Buches nur wenig (wobei ich den Wikipedia-Artikel gelungener finde). Mir war auch nicht klar, dass es über lange Zeit überhaupt nicht ausgemacht war, dass die Sowjetunion den Krieg sicher gewinnen würde. Auch fördert das Buch sicherlich durch die Verarbeitung mittlerweile zugänglicher Quellen aus russischen Archiven ganz neue Gesichtspunkte und Zusammenhänge zutage.

Eine moderne Darstellung des Krieges sieht dennoch aus meiner Sicht anders aus. Ich bin froh, dass Wassili Grossmans Großroman Leben und Schicksal noch auf meiner Lektüreliste steht. Womöglich finde ich darin, wonach ich gesucht habe.

(c) belmonte 2015

Richard Overy: Russlands Krieg – 1941-1945. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2011. 553 S.

Link zum Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek

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