Shirley – Visionen der Realität: Faszinierendes Filmexperiment mit Edward-Hopper-Gemälden (Filmrezension)

5. März 2016 § 5 Kommentare

Shirley-Packshot

Shirley – Visions of Reality

Für diese Gastrezension bedanken wir uns bei Anja Rohde von „Die Nacht der lebenden Texte

Experimentalfilm // Drei Passagiere im Inneren eines luxuriösen Salonwagens. Bahnhofsgeräusche. Eine Frau betritt das Abteil, dreht sich einen Sessel zurecht, nimmt ein Buch zur Hand. Als die Frau auf der anderen Seite des Ganges den Kopf zu ihr dreht, macht es im Gehirn „klick“: Das ist es, das ist genau das Bild „Chair Car“ von Edward Hopper. Diesen Effekt wird man im Verlauf des Filmes noch einige Male haben, denn Autor und Regisseur Gustav Deutsch erzählt die Geschichte einer Frau anhand von 13 Bildern des amerikanischen Malers Edward Hopper (1882–1967).

Shirley-06-Zimmer_in_New_Y

1932

Die erste Szene aus dem Leben der von der Tänzerin Stephanie Cummings mit Grandesse, innerer Würde und Körperbeherrschung verkörperten Shirley spielt am 28. August 1931 in einem Pariser Hotelzimmer. Wir treffen Shirley erneut am 28. August 1932, und dann wieder 1939, 1940, 1942, 1952, 1956, 1957, 1959, 1961 und 1963, immer am 28. August. In so einer langen Zeit passiert viel, gesellschaftlich wie privat. Einige wichtige politische Ereignisse werden zu Beginn einer jeden Szene von einem Radiosprecher angesagt, die privaten Ereignisse erfahren wir aus den inneren Monologen, die Shirley in ihren Hopperschen Szenenbildern führt.

Shirley-02-Kino_in_NewYork

1939

Der Kamera ist es nicht erlaubt, das Szenenbild zu verlassen, den Blickwinkel zu verändern, zwischen den Agierenden hin und her zu springen. Das Bild bleibt das Bild, einzig Zooms und Nahaufnahmen sind gestattet. Das Publikum sieht, was kurz vor und kurz nach dem Moment geschah, den das Bild zeigt. Und hört, was sich die abgebildeten Personen denken. Ist das nicht der Traum jedes Museumsgastes, zu wissen, warum das Bild so ist, wie es ist? Wohin die Protagonistin schaut? Was sie dabei denkt? Was sie davor und danach macht? Warum sie so dasteht, wie sie dasteht? Im Museum kann man sich damit behelfen, sich diese Geschichten selbst auszudenken – wer fantasiert nicht gern über persönliche Schicksale, sei es die der wortkargen Nachbarn oder eben einer interessanten Person auf einem Foto oder Gemälde?

Gustav Deutsch übernimmt das in „Shirley“ für uns. Zusammen mit seiner Partnerin Hanna Schimek und genialen Beleuchtern, Kostümbildnern und Designern hat er Hoppers Bilder nachgebaut – und das war nicht immer einfach. Hoppers Spiel mit Licht und Schatten sollten so werkgetreu wie möglich dargestellt werden, ebenso die besonderen Farben. Hoppers Räume und Möbel ließen sich mitnichten als naturgetreue Räume nachbauen – mal ist ein Bett deutlich länger als normal, mal ein Sessel viel schmaler, als er es in Wirklichkeit wäre. Beim Bild „Office at Night“ mussten die Möbel so stark gekippt werden, dass beinahe nichts mehr auf den Tischen hielt. Für den Filmemacher eine spannende Herausforderung, ein zweidimensionales Bild in eine dreidimensionale Wirklichkeit zu überführen und dann wieder in ein zweidimensionales Bild rückzutransferieren, wie er im Interview im Presseheft erläutert.

Shirley-01-Hotelhalle

1942

Deutsch betont, dass es sich nicht nur um ein Film-, sondern auch um ein Ausstellungsprojekt handelt. Jedes Utensil, das für den Film erschaffen wurde, ist ein künstlerisches Objekt, sei es ein Faltblatt, auf dem die Schrift gar nicht lesbar ist, oder ein Telefon, welches extra geschnitzt wurde. Die Verwertung im Kunstkontext hat bereits begonnen: Zwei der Filmsets wurden in Ausstellungen in Wien und Mailand gezeigt.

Shirley-03-Morgensonne

1952

Natürlich ist der Film extrem statisch. Die Bewegungen sind langsam, die inneren Monologe ruhig, die Mimik ist klar und unhektisch. Aber wer erwartet schon einen Actionfilm bei einer Erzählung, die sich an Hoppers kühlen, melancholischen Bildern entlanghangelt? Man muss es schon ertragen können, dass auch einfach mal ein leerer Raum zu sehen ist, in den ein Vorhang weht. Deutsch lässt Platz fürs Weiterträumen. Wir erfahren zwar alle paar Jahre, wie es Shirley geht – was in der Zwischenzeit passiert, bleibt unserer Fantasie überlassen.

Edward Hopper gilt als Maler des Realismus. Aber er bildet die Wirklichkeit nicht einfach ab, er inszeniert sie – ebenso wie ein Filmemacher. Der Entstehungszeitpunkt des Bildes stimmt jeweils genau mit der Geschichte überein. Sehen wir Shirley 1952 in der Morgensonne auf ihrem Bett sitzend, entspricht das dem 1952 gemalten Bild „Morning Sun“. Dass 30 Jahre vergehen, will der Regisseur weniger durch geschminkte Alterungsprozesse darstellen, sondern über Gestik, Mimik und Körperhaltung transportieren. Und natürlich erkennt man den Fortgang der Zeit auch an den Gedanken, an denen uns die Protagonisten teilhaben lassen. Deutsch wollte, dass es auch inhaltlich um eine Auseinandersetzung mit der Realität und deren Inszenierung geht, deswegen ist die Hauptperson eine Schauspielerin, ihr Lebensgefährte (Christoph Bach) ein Fotojournalist.

Shirley-05-Sonnenlicht_auf

1956

Shirley ist eine moderne, selbstständige Frau, sie spielt im Group Theatre und ist politisch interessiert – in der vorletzten Einstellung läuft im Radio die berühmte „I Have a Dream“-Rede von Martin Luther King. Übrigens der Grund, warum Deutsch den 28. August ausgewählt hat. Indem er das Datum des Marsches der Bürgerrechtsbewegung nach Washington verwendet, konterkariert er die politsche Einstellung Hoppers. „Ich kann ihm sozusagen entgegenarbeiten. Edward Hopper war ein politisch sehr konservativ denkender Mensch, etwas, das ich gar nicht mit ihm teile. Das kann ich durch meine Protagonistin auch umkehren und in eine andere Richtung führen.“ Eine geniale Idee, lässt sich das Werk eines Künstlers doch nie hundertprozentig vom Kunstschaffenden trennen.

Shirley-04-Motel_im_Westen

1957

Ein großes Filmereignis für Detailverliebte, für Hopper-Fans und für jene, denen es nichts ausmacht, wenn sich ein Film auch mal quer zu den Sehgewohnheiten stellt. Bis zum Schluss nur noch Licht und Schatten übrig ist.

Veröffentlichung: 4. März 2016 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Shirley – Visions of Reality
AUS 2013
Buch und Regie: Gustav Deutsch
Besetzung: Stephanie Cumming, Christoph Bach, Florentin Groll, Elfriede Irrall, Tom Hanslmaier
Zusatzmaterial: Kinotrailer, Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2016 by Anja Rohde
Fotos & Packshot: © 2013 Rendezvous-Filmverleih

Tagged:, , , , , , , ,

§ 5 Antworten auf Shirley – Visionen der Realität: Faszinierendes Filmexperiment mit Edward-Hopper-Gemälden (Filmrezension)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Shirley – Visionen der Realität: Faszinierendes Filmexperiment mit Edward-Hopper-Gemälden (Filmrezension) auf vnicornis.

Meta

%d Bloggern gefällt das: