Hermeneutik des ewigen Nichts

hermeneutik des ewigen nichts

Hermeneutik des ewigen Nichts

Hermeneutik des ewigen Nichts / Foto: belmonte

ich bin in das dunkle getreten das alles auslöscht der große schlaf der alles schluckt ich habe geschlafen und erinnere mich nicht an den schlaf der mich ausgelöscht hat so ist totsein ewiges schlafen kein schlafen mehr wenn ich aufwache komme ich von nirgendwoher und bin aus dem nichts denn ich war im nichts und war nichts und ewiges totsein ist weniger als dunkelheit wenn dunkelheit das gegenteil von licht und wenn ich dunkelheit denke denke ich licht aber im nichts ist auch die dunkelheit ausgelöscht wenn die dunkelheit erst verschluckt vom ewigen nichts und ich mich nicht mehr erinnere und aufwache aus der ewigkeit und nirgendwo war und wach liege und mich an nichts mehr erinnere und von der ewigkeit nur eine spur übrigbleibt die ich nicht sehen kann und was ich davon sehe ist selbst nur eine spur und vom totsein habe ich nur eine spur die mich nirgendwo hinführt und ich liege wach bevor sich meine aufmerksamkeit wieder verdunkelt in eine dunkelheit die es nicht gibt und ich bin noch wach aber vor mir starrt mich eine ewigkeit an die ich nicht sehen kann und näher und näher kommt mich zu verschlucken und davor habe ich angst dass ich verschluckt werde von einem nichts das noch weniger ist als dunkelheit und habe angst aus diesem nichts nicht wieder ausgespuckt zu werden und im ewigen totsein an das ich mich nicht erinnere keine spur zu finden die mich aus der ewigkeit führt und wenn ich verschluckt werde und noch sehe wie ich die augen schließe und ich mich in nichts auflöse dann ist auch die angst weg und dann ist das spüren weg und das erinnern und ich möchte lieber in der dunkelheit liegen und an das licht denken als verschluckt zu werden und nicht mehr zu liegen und nicht mehr dunkel und nicht mehr nichts an das ich mich nicht erinnere und wenn ich wach bin und eine spur von einer spur habe will ich keine ewigkeit die ein ewiges totsein ist das in sich selber zusammengefallen ist und wenn ich wach bin und mich nicht an gestern erinnere und nicht an heute dann ist dieses nichts schon da das mich schon verschluckt hat denn ich bin der spur gefolgt die zum nichts und zum ewigen totsein geführt hat bis ich die augen – für immer schließe

(c) belmonte 2016

Der Text ist während eines KAMINA-Workshops für kreatives Schreiben entstanden, den Katharina Dück am 29. April 2016 im Marstall-Lesecafé in Heidelberg geleitet hat.

6 Gedanken zu “Hermeneutik des ewigen Nichts

  1. Ein wunderbarer Text, belmonte, der einen unglaublich faszinierenden Sog ausübt. Und das Nichts ist wie die Manifestation der Angst vor dem Nichts. Gäbe es das Nichts ohne der Angst davor? Und können Nichts und Ewigkeit nebeneinander bestehen? Fragen, auf die es wohl keine Antworten gibt, die es vielleicht aber auch nicht braucht…

    • Danke, Katharina. Ich denke schon, dass es hier Antworten gibt, zumindest auf der Ebene der Elementarerfahrungen. Das Fallen ins Nichts, das Daraus-Hervorkommen, nicht zu wissen, wer und wo ich bin, und wo ich war, und die Angst, dass das in einer Ewigkeit enden könnte … Womöglich ist gerade die Verzeitigung der Ewigkeit (in Parallele zur Materialisierung des Geistes) paradiesisch, wir wissen es nur nicht.

      • Das klingt ganz danach, als seien Ewigkeit und Nichts nicht parallel zueinander, sondern identisch. Dann wäre gerade das Sinn und Zweck der Ewigkeit: seine Unzeitigkeit. Deswegen erfordert sie ja auch gerade die Entmaterialisierung des Geistes. Entspringt daraus die Angst? Ist schließlich die Angst nicht die vor dem Nichts, sondern vor der Ewigkeit: ins Ewige zu Fallen – wie kann man daraus hervorkommen? Vielleicht durch Materialisation. Wenn diese Materialisation vollendet ist (vielleicht als immerwährender Beweger und Erzeuger nach einem Ursache-Wirkungsprinzip), dann kann man in einer Ewigkeit nicht enden.

  2. Was nur, wenn Materialisation/Verzeitigung und Entmaterialisierung/Verewigung sich in einer Pendelbewegung befinden, auf einmal aber in der Verewigung der erste Beweger abhanden kommt und das Pendel nicht mehr zurückschlägt und im Nichts zur Ruhe kommt?

    Eine Ruhe aber, die noch weniger ist als Ruhe, da Ruhe Bewegung kennt. Eine Ruhe, die um ihre Bewegung nicht weiß, die sich selber nicht als Ruhe weiß, weil da keine Ruhe mehr ist.

  3. Ist keine Ruhe Unruhe? Dann ist sie wieder Bwegung oder selber in sich selbst ruhend.
    Und macht es einen Unterschied, ob die Ruhe um sich selbst weiß? Ist nicht das Wesentliche die Ruhe und ihr Verhältnis zu… Bewegung, Nichts, Etwas, Sein, Materialität oder… Ergibt sich doch Ruhe aus einem Verhältnis zu etwas und/oder jemanden? Also zu einem anderen Zustand und einem Objekt/Subjekt.

    • Ich denke an eine Ruhe ohne Verhältnis zu etwas. Ein Schweigen, das eben kein Sprechen mehr kennt. So wie das Nichts, das eben nur noch Nichts ist. Wenn aber vom Nichts die Rede ist, dann geschieht das häufig im Mitdenken an ein Etwas. Durch dieses Mitdenken wird das Nichts durch das Etwas mitgedacht, besteht dieses Nichts durch das Etwas, hat dieses Nichts Bestand und ist selbst ein beständiges Etwas. Das Nichts aber, von dem ich rede – das ewige Nichts -, hat keinen Bestand, ist und hat kein Etwas, das mitgedacht wird und aus dem sich das Nichts denkt. Dieses Nichts wird nicht gedacht und verhält sich nicht und ist kein anderer Zustand, weil es nicht das andere eines Anderen ist.

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