Farinelli, der Kastrat – Eine faszinierende Verhöhnung der Natur (Filmrezension)

8. November 2016 § Ein Kommentar

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Farinelli

Gastrezension von Andreas Eckenfels, Autor unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Historiendrama // Sie waren die Popstars des Barocks: Kastraten, deren Stimmen nie geahnte Höhen erklimmen konnten. Bei ihrem mehrere Oktaven umfassenden Gesang fielen die Damen reihenweise in Ohnmacht. Komponisten schlugen sich darum, für sie große Opernarien verfassen zu dürfen. Könige wollten die Sänger an ihren Hof binden.

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Farinelli singt auf den größten Bühnen der europäischen Metropolen

Als einer der bekanntesten Kastraten galt der italienische Sänger Farinelli, der mit bürgerlichem Namen Carlo Broschi (1705–1782) hieß. Frei auf seinem Leben basiert das mehrfach preisgekrönte Historiendrama „Farinelli, der Kastrat“ von Regisseur Gérard Corbiau („Der König tanzt“), welches 1995 den Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film gewann und im selben Jahr für Belgien auch ins Oscar-Rennen ging. Dort konnte allerdings „Die Sonne, die uns täuscht“ aus Russland den Filmpreis mit nach Hause nehmen.

Star-Kastrat erobert Europa

Singe nicht mehr, Carlo! Carlo, sing nicht mehr! Du weißt ja nicht, was sie dir antun! Die Stimme in deiner Kehle wird dein Tod sein. Mit Schrecken erinnert sich Carlo Broschi (Stefano Dionisi) an die warnenden Worte eines Kastraten zurück, der daraufhin in den Tod sprang. Der damals zehn Jahre alte Carlo ging dennoch seinen Weg als Kastrat und verzaubert seither als Farinelli mit seiner Stimme zunehmend die Massen.

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Farinellis Gesang raubt den Frauen den Atem

Bei seinen Reisen durch Europa ist sein Bruder und Komponist Riccardo (Enrico Lo Verso) stets an seiner Seite. Beide teilen sich auch die Frauen, die Farinelli scharenweise zu Füßen liegen. Bald wird der weltberühmte Komponist Georg Friedrich Händel (Jeroen Krabbé) auf den Star-Kastraten aufmerksam. Er bietet ihm einen Vertrag an, der aber nur ohne Riccardo seine Gültigkeit hat. Noch ist die Bindung zwischen den Brüdern zu stark, als dass Farinelli auf das Angebot eingeht. Doch insgeheim sehnt sich der Kastrat danach, die Arien des von ihm hoch geschätzten Händel singen zu dürfen.

Atemloser Gesang

Regisseur Corbiau beleuchtet in seinem leidenschaftlich gespielten Historiendrama ein Thema, welches nur äußerst selten in Filmen im Fokus steht. Da die Stimme eines Kastraten heute nicht mehr auf natürlichem Wege eingesungen werden kann – der Tonumfang bei Farinelli soll sich über drei Oktaven erstreckt haben – mussten die Macher auf die Technik zurückgreifen: Sie mischten elektronisch den Gesang des US-amerikanischen Countertenors Derek Lee Ragin mit dem der polnischen Koloratur-Sopranistin Ewa Małas-Godlewska. So wird auch für die heutigen Zuschauer erfahrbar, wodurch zahlreiche Damen im 18. Jahrhundert das Bewusstsein verloren. Ja, dieser Gesang kann einem den Atem rauben.

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Georg Friedrich Händel (l.) unterstützt Riccardo bei seinen Kompositionen

Doch wie Händel im Film moniert, ist die Kastraten-Stimme ein künstlicher Gesang und gleichzeitig „eine Verhöhnung der Natur“, dennoch kann sich auch der große Meister seiner Faszination nicht erwehren. Für seine Oper „Rinaldo“ nutzte er die Kunst dieser Sänger, welche in „Farinelli, der Kastrat“ durch die daraus wohl bekannteste Arie „Lascia ch‘io pianga mia cruda sorte“ vertreten ist. Wem dieses Stück gerade nicht im Ohr klingen sollte: Auch im Prolog zu Lars von Triers „Antichrist“ (2009) wird die Arie genutzt.

Unter Brüdern

Corbiau geht in seiner losen Künstlerbiografie nicht chronologisch vor, sondern springt häufig zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Brüder hin und her. Dabei zeigt er Farinelli nicht als „singende Maschine“, die zu keinerlei Emotionen fähig ist, wie Händel meint. Denn der Kastrat weiß, dass er hauptsächlich durch seinen lediglich mittelmäßig begabten Bruder, dessen Arien er singt, in seiner Kunst ausgebremst wird. Aus Liebe zu ihm wartet Carlo auf die Vollendung von Riccardos großer Oper, an der der Komponist seit Jahren arbeitet. Da ist der Bruderzwist nur eine Frage der Zeit, zumal Riccardo ein Geheimnis hütet.

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Kann Alexandra das Herz von Farinelli erobern?

Auch die negativen Folgen des Kastratenwahns dieser Zeit werden von Corbiau thematisiert: Während sich Farinelli durch seinen Ruhm sowie Einzigartigkeit fast gottgleich fühlt und seinen Verehrerinnen Lust ohne Nebenwirkungen verschaffen kann, zeigt der Film am Beispiel von Benedict (Renaud du Peloux de Saint Romain), dass die Praxis auch häufig schief ging. Viele Jungen starben bei der Entmannung, andere erlangten keine besondere Stimme und waren so dazu verdammt, ein erbärmliches Leben zu führen.

Die opulente Austattung, die prunkvollen Kostüme und die Musik brauchen den Vergleich zu Milos Formans „Amadeus“ (1984) nicht zu scheuen. Als Kulissen dienten unter anderem das Markgräfliche Opernhaus Bayreuth und das Markgrafentheater Erlangen. „Farinelli, der Kastrat“ ist nicht nur für Opernfreunde ein Fest für alle Sinne. Wunderbar, dass Pidax Film das beeindruckendene Werk erstmals hierzulande auf DVD präsentiert. Bei der Veröffentlichung ist es nur ärgerlich, dass für den italienischen Originalton keine Untertitel verfügbar sind.

Veröffentlichung: 14. Oktober 2016 als DVD

Länge: 106 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Farinelli
BEL/F/IT 1994
Regie: Gérard Corbiau
Drehbuch: Gérard Corbiau, Andrée Corbiau
Besetzung: Stefano Dionisi, Enrico Lo Verso, Elsa Zylberstein, Jeroen Krabbé, Caroline Cellier, Pier Paolo Capponi, Renaud du Peloux de Saint Romain
Zusatzmaterial: Presseheft mit umfangreichen Hintergrundinfos als PDF-Datei, Trailer, Wendecover
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2016 Al!ve AG / Pidax Film

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