„… wir hatten diese irrsinnige Vorstellung, etwas Gemeinsames entstehen zu lassen.“ – Ein Gespräch mit Katharina Dück und Elena Kisel über KAMINA, den studentischen Dichterkreis Heidelberg | Teil 2 von 2

28. Januar 2017 § Ein Kommentar

Fortsetzung (zurück zu Teil 1 des Gespräches)

Vnicornis:
Inwiefern spielt Internationalität für KAMINA eine Rolle?

Katharina Dück:
Meines Erachtens spielt unsere Heterogenität – und dazu gehört mehr als die Internationalität, aber auch diese – eine sehr große Rolle. Es ist einfach toll, so viele unterschiedliche Menschen und ihre Sicht auf die Welt kennenzulernen und mit ihnen zusammen, wenn sie denn bei uns bleiben, weiterzuarbeiten, das heißt zu dichten. Man befruchtet und bereichert sich gegenseitig.

Elena Kisel:
Seit kurzem stört mich in diesem Begriff das Präfix „Inter“. Es versetzt den „Betroffenen“ zwischen die Nationen. Das Problem ist viel sensibler und komplizierter. In unserer Praxis spüre ich direkt und kompromisslos die Andersartigkeit und -sprachigkeit. Es entsteht starke Spannung zwischen dem Wunsch verstanden zu werden und der Intention, seine eigene künstlerische Sprache zu entwickeln und manchmal einfach bei sich zu bleiben. Eigentlich betrifft das nicht nur Anderssprachler, eine ewige poetologische Frage. Diese Spannung aber hütet Kunst und (Inter)Nationalität oft vor der Funktionalisierung.

KAMINA-Lesung im Marstall-Lesecafé

KAMINA-Lesung im Marstall-Lesecafé / Foto: Anton Dück

Vnicornis:
Spielen in der Dichtung und Literatur der KAMINA-Gruppe auch politische Themen eine Rolle?

Katharina Dück:
In den gemeinsamen Werken spielen solche Texte weniger eine Rolle, aber in den individuellen Texten durchaus mehr. Einige von uns schreiben politisch und sozial relevante und kritische Texte.

Elena Kisel:
Ich zitiere hier den Politikbegriff der Bundeszentrale für politische Bildung, der Politik als „jegliche Art der Einflussnahme und Gestaltung sowie die Durchsetzung von Forderungen und Zielen, sei es in privaten oder öffentlichen Bereichen“ bezeichnet (http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/politiklexikon/18019/politik).

Zum Teil ist das schon so, oder?

Vnicornis:
Viele von Euch sind mittlerweile keine Studenten mehr. Wie hat sich die Dichtergruppe dadurch verändert?

Elena Kisel:
Sie war von Anfang an nie einhundert Prozent studentisch. Wir hatten zu manchen Zeiten Altersunterschiede von mehr als fünfundzwanzig Jahren – ein Vierteljahrhundert Erfahrung, systematisch gesehen; leider ein von jungen Menschen oft nicht anerkanntes Potenzial – wir sehen auch so erschreckend alt aus. Aber die Dichtung braucht Erfahrung, intensiv und schnell, wo sonst bekommt man sie anders hin.

Katharina Dück:
Ich bin mir nicht sicher, ob das mit dem Studentenstatus zusammenhängt, denn es waren von Anfang an auch Nicht-Studierende bei uns. Was uns verändert hat, ist vielmehr die Zeit, in der wir nun zusammen lesen, schreiben, diskutieren, auftreten, arbeiten und zum Teil den Alltag teilen. Es hat sich ein mehr oder weniger harter KAMINA-Kern herausgebildet, der inzwischen nicht nur durch Dichtung, sondern auch durch persönliche Kontakte verbunden ist.

Auf der anderen Seite ist das Dichten neben dem Studium für viele eine Freizeitbeschäftigung. Nach dem Studium fragen sich dann doch einige, ob man diese Leidenschaft nicht professionalisieren soll.

Vnicornis:
Welche Auswirkungen hat der Status der Stadt Heidelberg als UNESCO City of Literature auf Eure Arbeit?

Elena Kisel:
Das hat zusätzliche Kräfte aktiviert, in uns und der literarischen Community der Stadt.

Katharina Dück:
Auf unsere Arbeit als Gruppe hatte dieses Label qualitativ eigentlich keine Auswirkung, jedoch auf unsere Wahrnehmung in der Literatur-Community der Stadt: Seit Heidelberg eine der UNESCO Cities of Literature ist, schauen sich alle im hiesigen Literaturbetrieb ein wenig um, und so ist man nach fast sechs Jahren auch auf uns aufmerksam geworden. Plötzlich bekamen wir Anfragen, ob wir irgendwo auftreten oder mit jemandem kooperieren möchten. Das war großartig, bedeutete aber einen quantitativen Zuwachs an Arbeit. Dementsprechend wurde die Arbeit mehr, allerdings nicht anders.

KAMINA-Performance Miriam Tag und Elena Kisel auf der Marstallbühne

KAMINA-Performance Miriam Tag und Elena Kisel im Marstallcafé / Foto: Anton Dück

Vnicornis:
Wo seht Ihr KAMINA in fünf Jahren?

Katharina Dück:
Gute Frage. Es gibt eine Antwort, die meinen Wunsch, und eine, die meinen Glauben äußert. Ich wünsche mir, dass sich KAMINA als Gruppe professionalisieren und den Poetry Jam weiter ausbauen kann, ohne dass diese Professionalisierung die individuelle Tätigkeit als Dichter/in im weitesten Sinne einschränkt. Optimalerweise ist diese Form der Tätigkeit reziprok: Die Gruppe erhält neue Impulse von der individuellen Entwicklung der Einzelnen, wodurch sich auch die Gruppe weiterentwickelt und ihrerseits jeder und jedem Einzelnen neue Impulse bietet.

Ich glaube allerdings, dass das eine Herausforderung sein wird und dass es das heutige KAMINA-Dichterkollektiv in fünf Jahren vielleicht nicht mehr geben wird: Manche ziehen weg, bei anderen verschieben sich die Prioritäten – es gibt viele Gründe. Aber es gibt eben jenen harten Kern, der voller Wünsche, Ideen und Inspiration nur so sprüht. Ich bin also guter Dinge.

KAMINA steht auf der Schwelle zu etwas Neuem – keine Frage – und ich bin gespannt, wie sich alles weiterentwickeln wird. In jedem Fall bleibt der studentische Teil des Dichterkreises KAMINA weiterhin als Hochschulgruppe der Universität Heidelberg bestehen, um auch in Zukunft Studierenden sowie Interessierten, auch außerhalb des Universitätsbetriebs, eine Plattform zu bieten, über eigene Texte – egal welcher Art sie sein mögen – konstruktiv zu diskutieren. Was sich darüber hinaus noch ergeben wird, das werden wir sehen. Künftige Projekte zeichnen sich bereits ab. Gespannt bin ich trotzdem, denn wer hätte damals vor sechs Jahren, als Elena und ich unsere Idee zu einem solchen Dichterkreis gerade erst umgesetzt hatten, gedacht, dass wir in fünf Jahren auf einer städtischen Bühne stehen, unsere Texte vortragen und dafür sogar eine Gage erhalten würden!? Wir wollten eigentlich nur mit Gleichgesinnten über unsere Texte sprechen.

Elena Kisel:
Wo steht KAMINA in fünf Jahren? Ich glaube, gerade fallen darüber einige wichtige Entscheidungen.

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2017

http://kamina-dichter.de/

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