Brief aus London, Baltimore, Virginia und Washington, DC | 2

29. April 2017 § Ein Kommentar

Fortsetzung (zurück zu Teil 1)

belmonte

Motel in Waynesboro, VA

Motel in Waynesboro, VA / Foto: belmonte

Ich quartiere mich in einem Motel in Waynesboro ein, sehr freundliche Leute. Ohnehin scheint es mir, der ich selten über New York herausgekommen bin, dass die Leute hier noch auffälliger und breiter freundlich sind, als ich es aus New York gewohnt bin.

Waynesboro, VA

Waynesboro, VA / Foto: belmonte

Nachdem ich mich etwas ausgeruht habe, jogge ich durch den Ort, vorbei an Häusern mit Veranda und Auffahrt und Hunden und Kindern und langsam fahrenden SUVs.

Überall stehen Kirchen von Evangelikalen der letzten sieben Tage, Baptisten und anderen Pfingstgemeinden. Ich möchte nicht wissen, was die von meinen knallroten Joggingschuhen denken (wahrscheinlich nichts). Aus dem Walmart besorge ich mir Bier, Obst und Cranberrysaft.

Broad Street, Waynesboro, VA

Broad Street, Waynesboro, VA / Foto: belmonte

Die Nacht ist noch schlimmer als die Nacht zuvor. Ich kann kaum liegen, weder gestreckt noch gekrümmt, und habe Angst. Immer wieder stehe ich auf, aber ich zittere am ganzen Körper. Irgendwie komme ich durch, ich weiß nicht wie.

Shenandoah National Park im Morgenlicht

Shenandoah National Park im Morgenlicht / Foto: belmonte

Früh am Morgen frühstücke ich in der Lobby Rührei, Waffel mit Ahornsirup, Joghurt, Kaffee. Um halb acht mache ich mich auf den Weg, fahre zum Skydrive hoch und dann bei gemütlichen 35 mph in knapp vier Stunden nach Front Royal. Ich mache zahlreiche Pausen, steige immer wieder aus und mache Fotos und habe den Eindruck, dass ich immer dann Fotos mache, wenn ich bekannte Motive sehe, weite Hügel hinter Hügeln und Hügeln im bläulichen, nebligen Licht. Ich bin fast allein unterwegs, sehe zahlreiche Tiere, Rehe auf der Straße, ganz zutraulich, überall Eichhörnchen. Der Blick ins Shenandoah Valley ist herrlich. Dahinter erstreckt sich der lange Massanutten-Bergrücken und weiter hinten die westlichen Alleghany Mountains.

Shenandoah Skydrive Blick auf den Massanutten Mountain

Shenandoah Skydrive Blick auf den Massanutten Mountain / Foto: belmonte

Ich singe beim Fahren, obwohl mir alles wehtut.

Das Radio hält mich wach. Ich finde es bemerkenswert, wie die Radiomoderatoren während der Gesprächsprogramme zwischendurch Werbung für irgendwelche Angebote in Harrisonburg oder wo auch immer aufsagen.

Hügel hinter Hügeln hinter Hügeln

Hügel hinter Hügeln hinter Hügeln / Foto: belmonte

Ich höre eine Wiederholung der Anhörung der beiden Direktoren von FBI und NSA Comey und Rogers vorm Geheimdienstausschuss. So wenig aufschlussreich die beiden auch antworten, überzeugt mich doch die aggressive und kühle Art ihrer Befragung davon, dass dieses Land womöglich doch weniger gefährdet ist, als es von außen den Anschein hat.

Shenandoah Valley und River

Shenandoah Valley und River / Foto: belmonte

Am Vortag ist Trumps Versuch der Abschaffung von Obamacare kläglich gescheitert. So einfach kann er eben doch nicht durchregieren.

Capitol, Washington, DC

Capitol, Washington, DC / Foto: belmonte

Von Front Royal aus nehme ich die 66 nach Washington DC, parke auf der Independence Avenue und erlaufe mir die gesamte National Mall, gehe am Capitol bis zur Sperre (wenn ich bedenke, dass hier vor zwei Monaten der Schwachkopf vereidigt wurde, wird mir ganz anders), dann hinüber zum Washington Monument, vorbei an allen Monumentalbauten und Museen. Bei Temperaturen um die 25 Grad ist es hier viel wärmer als in den Bergen, wo vereinzelt noch Schnee lag.

Washington Monument, Washington, DC

Washington Monument, Washington, DC / Foto: belmonte

Es sind sehr viele Pilger unterwegs. Ich habe das Gefühl, dass sich nach Delhi und Peking der Kreis schließt und ich jetzt gehen kann.

Ich fahre hinterm Capitol an der Library of Congress und dem Supreme Court vorbei, dann weiter in nördlicher Richtung. Die Fahrt zurück nach Baltimore ist erstaunlich kurz. Nachdem ich das Auto abgegeben habe, fahre mit dem Shuttlebus zum Terminal, checke ein und schreibe diese Zeilen.

Wie bereits vor drei Jahren habe ich den Eindruck, einen historischen Roadtrip hinter mir zu haben, damals Thoreau am Walden Pond, jetzt Jefferson in Monticello. Vielleicht wäre ich auch ein Amerikaner geworden.

(c) belmonte 2017

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