Lust und Lesen (Werkstatt)

10. Juni 2017 § 2 Kommentare

belmonte

George R. R. Martin: Der Winter naht

George R. R. Martin: Der Winter naht

Nach 250 Seiten habe ich den ersten Band von Game of Thrones beiseite gelegt. Ich war selten so gelangweilt. Die Kapitel haben alle denselben Aufbau: Exposition, Überraschung, Ausklang. Die Charaktere sind nicht im Ansatz tief, geschweige denn ihre Gespräche, die Landschaft hat ebenso wenig Tiefe, der gesamte Hintergrund ist so wenig intellektuell durchdacht, dass ich kontinuierlich enttäuscht war. Das Buch ist einfach nur jämmerlich. Ich habe kein weiteres Interesse, eine Fernsehserie zu lesen.

Was ist los? Es ist auf einmal heiß? Ist die Lust auf etwas, das kommt, das du erwartest, größer als dessen Vorhandensein? Du erwartest ein Theaterstück und empfindest Lust, aber während des Stückes geht dein Blick schon auf danach? Du freust dich auf das Buch, das auf deinem Nachttisch auf dich wartet, noch drei elende Wochen auf dich warten muss, und es lächelt dich an? Dann liest du es endlich, aber dein Blick geht schon darüber hinweg? Lust auf dies, Lust auf das, Lust auf das, was kommt, Droge ist Lust auf das, was noch nicht da ist, und wenn es da ist, zwischen den Fingern zerrinnt? Und die Ereignisse, die unerwartet kommen, die immer j e t z t sind, werden seltener, seltener, es gibt keine Lust auf ein Ereignis? Ereignis hat keine Wiederholung?

Ferris Jabr: The Reading Brain in the Digital Age

Ferris Jabr: The Reading Brain in the Digital Age

Ferris Jabrs Artikel The Reading Brain in the Digital Age: The Science of Paper versus Screens im Scientific American ist großartig. Das digitale Lesen ist noch gar nicht da, wo es sein könnte, und muss sich erst noch erfinden. Einstweilen steht das eBook dem analogen Buch nach, das als ein berührbarer, blätterbarer Gegenstand auch das räumliche Gedächtnis anspricht.

Ich muss noch einmal über den Unterschied zwischen einer transitiven „Lust auf …“, in der ein fiktives Ankommen angelegt ist, und einer intransitiven Lust nachdenken.

(c) belmonte 2017

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§ 2 Antworten auf Lust und Lesen (Werkstatt)

  • belmonte sagt:

    Auf Facebook entspinnt sich zu diesem Blogpost gerade eine angeregte Diskussion. Siehe https://www.facebook.com/giovanni.belmonte.37/posts/1253235648122826.

  • belmonte sagt:

    Lust ohne Lust auf … ohne Lust an …

    Einfach nur Lust.

    Wäre das eine Lust an sich? Eine Lust des In-sich-selbst-Ruhens?

    Das wäre ja immer noch reflexiv, immerhin eine innere Reflexivität.

    Selbst, wenn sich diese Lust gar nicht mehr selbst betrachtet, bliebe doch in der In-sich-ruhenden-Lust ein Rest an Transitivität.

    Ich denke, es müsste noch weniger sein. Obwohl schon das Wort „weniger“ andeutet, dass da noch etwas ist.

    Gibt es eine Lust ohne Christus oder Krishna?

    Gibt es einen intransitiven Glauben?

    Gibt es ein intransitives Vertrauen?

    Gibt es eine metaphysische intransitive Lust, aus der erst die transitive Lust auf … heraustritt?

    Und wie vollzieht sich der Übergang?

    Und kann ich dahin zurückgehen?

    Und wäre dieses Zurückgehen nicht ein Gehen ins Nichts?

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