Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Neunter Teil

1. August 2017 § 6 Kommentare

valentino

Fresko

Illustration: Valentino

Cecilias Haus lag am Rande einer Siedlung. Im Garten wuchsen Früchte und Nüsse. Nachdem sie Blätter und Zweige der Indigopflanze in einem Tongefäß mit Wasser und gelöschtem Kalk eingeweicht hatte, entfernte sie grobe Pflanzenteile, indem sie die Flüssigkeit durch einen Filter in ein anderes Gefäß goss. Die restlichen festen Teilchen schwemmte sie hierin auf. Danach rührte und belüftete sie den Sud, bis dieser eine blaue Farbe angenommen hatte.

Nach dem Trocknen zerrieb sie das Indigopigment und ein filziges weißes Tonmineral mit der Handwalze auf dem Mahlstein und erhitzte alles zusammen mit dem Harz des Kopalbaums in einem Topf über dem Feuer. Die Nachmittagssonne schien von einem teils wolkenbedeckten Himmel. Cecilia hatte vergessen, wann und weshalb sie an den Ort gekommen war, an dem sie sich jetzt befand. Paläste und Tempel aus Kalkstein standen auf mehreren Hügeln in der Umgebung. Am anderen Ende der Siedlung fußten weitere Tempelgebäude auf einer Anhöhe. Hinter den Bauwerken fiel das Flussufer steil ab.

Cecilia trat aus dem Schatten eines Baumes und überquerte einen Platz. Sie stieg mit der mit Farbe gefüllten Dreifußschale aus Ton in der Hand die Steinstufen der Treppe hinauf, streifte den Vorhang beiseite und betrat einen kühlen Raum. Vor ihr breitete sich ein noch unfertiges Fresko aus, das über die gesamte Wandbreite konzipiert war: Vor einem türkisfarbenen Hintergrund blies ein Musiker eine Trompete. Um den sitzenden Maisgott tanzte der Windgott – eine menschliche Figur mit tierhafter Schnauze, krebsartigen Greifarmen und einem Tentakel als Bein. Cecilia übergab die Farbschale dem Künstler. Dieser stellte sie wortlos auf dem Steinboden ab und setzte, nachdem Cecilia den Raum wieder verlassen hatte, sein Werk fort.

(c) valentino 2017

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§ 6 Antworten auf Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Neunter Teil

  • ralphonsius sagt:

    Eindrucksvolles Bild, wie viele Deiner…
    Was ich nicht verstehe:
    Picasso malt ein paar stumme „Striche“ auf eine Leinwand und das Bild rückt ins Auge der öffentlichen, zahlungskräftigen Aufmerksamkeit.

    Du indes lässt Formen und Farben sprechen, unterlegst diese Komposition darüber hinaus noch ausschmückend mit prosaischer Tiefenwirkung.
    Und alles entflieht -früher oder später- im Archiv einer Datenbank.

    Traurig…

    Gerne würde ich dieses Gemälde auf meinen Blog laden, mit Link zu diesem Beitrag!

    • valentino sagt:

      Danke ralphonsius, für Deinen schönen Kommentar. Es freut mich, dass Dich dieser Post erreicht hat. Viellicht magst Du ihn ja rebloggen? Einen Vergleich mit Picasso möchte ich mir allerdings nicht anmaßen. Die Flüchtigkeit, denke ich, war schon immer ein Charakteristikum des Daseins. Und es braucht halt immer eine gewisse Zeit, bis etwas wirkt.
      Beste Grüße, Valentino.

  • […] Quelle: Vnicornis (Copyright) Aus: „Pakal – Auf den Spuren eines Blutherrschers | Neunter […]

  • ralphonsius sagt:

    Ja, Vieles in der Kunst wird erst in der Retroperspektive geschätzt und auch erkannt.
    Ich habe Deinen Beitrag rebloggt und mir die Freiheit herausgenommen, Dein Bild zu übernehmen (mit Copyright-Vermerk).
    Ein Bild ist immer noch am ausdruckstärksten..

    Ist dies o.k. oder soll ich das Bild wieder rausnehmen und lediglich „wort-verlinken“?

    Beste Grüße,
    Ralph

  • ralphonsius sagt:

    Oh, jetzt hatte ich doch glatt den Link vergessen:
    https://www.lyrik-klinge.de/?p=31140

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