Manifest einer freien Dichtung

Manifest einer freien Dichtung

1. Ziele nicht darauf ab, gelesen zu werden.

2. Schreib, wie Du gerade willst, mache einen Plan, oder mache keinen Plan, schreib irgendwie.

3. Höre nicht auf die vielen Erklärer, die Dir erklären wollen, wie Du am besten plottest, Charaktere zeichnest, Füllwörter entfernst. Im Literaturbetrieb wimmeln viele Erklärer. Sie sind alle mittelmäßig, sonst wären sie erfolgreiche Schriftsteller. Was sollten sie Dir erklären?

4. Jede Minute Dante-, Shakespeare- oder Tolstoi-Lektüre wiegt einhundert Stunden Creative Writing Workshop auf.

5. Ein roh gemeißelter Vers, während eines Spazierganges feingeschliffen, birgt häufig mehr als wochenlanges Wettschreiben.

6. Orientiere Dich nicht am Leser. Der Leser ist immer flüchtig. Willst Du der Sklave eines Flüchtigen sein? Mach Dich frei davon.

7. Laufe nicht Agenturen oder anderen Verwertern hinterher.

8. Zahle niemals für ein Lektorat. Zahle niemals dafür, dass jemand Dich liest.

9. Mache Deine Dichtung nicht von Geld abhängig, sonst verrätst Du sie.

10. Dichtung misst sich nicht in Absätzen und Leserzahlen. Sie ist gar nicht messbar.

11. Dichtung ist unbezahlbar.

12. Die Metrik steht über der Grammatik. Das hilft Dir im Zweifelsfall.

13. Es gibt nur eine Universalmetrik. Sie misst nicht mehr.

14. Achte nicht auf Kritik, wenn anders als losgelöstes Kuriosum. Kritik enlarvt zuerst immer sich selbst.

15. Lies, wenn Du vor Leuten liest, immer zu Dir selbst. Deine Dichtung bleibt immer mit Dir allein.

16. Zweifle, wenn es denn sein muss, an Deiner Dichtung, aber zweifle nie, dass Du ein Dichter bist. Du wirst immer ein Dichter sein.

17. Verteidige nie Deine Dichtung. Sie verteidigt sich selbst oder auch nicht, das ist egal.

18. Es gibt nur eine Dichtung. Manchmal kannst Du ihre Spur entdecken. Manchmal siehst du noch ihren Schatten um die Ecke huschen. Manchmal steht sie, ohne dass Du sie bemerkst, dicht neben Dir und lauscht, wie Du sie besingst. Dann wird sie vielleicht morgen oder irgendwann wiederkommen und Dir neue Sprache geben, und Du schreibst etwas von so wunderbarer Schönheit, dass es Dich umwirft.

(c) belmonte 2017

2 Gedanken zu “Manifest einer freien Dichtung

  1. Ich schmunzel, nun gibst du selber Tipps, auch wenn sie wie „Nichttipps“ daher kommen 😉
    Alles in allem aber stimme ich dir zu.
    Herzliche Grüße
    Ulli

    • Danke, Ulli.

      Der Imperativ „Sei frei!“ ist in sich in der Tat paradox. Damit komme ich aber ganz gut zurecht. Wichtiger ist mir die gelegentliche Standortbestimmung.

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