Rechte Sesselfurzer, Menschlichkeit und Epik (Werkstatt)

7. Oktober 2017 § 5 Kommentare

belmonte

Auf Facebook bin ich mit Horst Samson befreundet, der genau wie ich im Pop-Verlag publiziert, vor Jahrzehnten aus Rumänien nach Deutschland gekommen ist und seit längerer Zeit auf Facebook gegen Flüchtlinge, Islam, vermeintliche Indifferenz der Politik und Staatsversagen polemisiert. Ausgangspunkt ist häufig ein wie auch immer passender Zeitungsartikel, der sich natürlich immer findet und die vorausgesetzten Fakten liefert. Ich finde diese Verhärmtheit, die sich als Abgeklärtheit ausgibt, erbärmlich (und würde gerne den Zusatz „unter Schriftstellern“ vermeiden), Verbitterung mit gesteigerter Verschlossenheit, die in schlechten Nachrichten immer nur sich selbst erkennt.

Horst Samson auf Facebook

Horst Samson auf Facebook

Da wird irgendein Artikel geteilt, in dem Flüchtlinge (natürlich synonym für: Terroristen) als gefährlicher als Nazis bezeichnet werden, worauf sich augenblicklich die Follower-Glocke an rechten Sesselfurzern, die nie aus ihrer Mulde herausgeschaut haben, zu Wort meldet. Dabei hat Samson vor Jahrzehnten selbst Aufnahme gefunden, jetzt will er womöglich besonders deutsch sein. Es ist läppisch. Was mich zuversichtlich macht: Rechte Schriftsteller fallen erfahrungsgemäß reihenweise der Vergessenheit anheim. Ich frage mich aber, ob Nichtbeachtung die bessere Strategie wäre.

Es ist jetzt schon über einen Monat her, dass ich Wassili Grossmanns Leben und Schicksal ausgelesen habe, das mich am Ende sehr beeindruckt hat. Es ist ein Krieg und Frieden der Stalingradschlacht mit unglaublicher Eindringlichkeit in der Darstellung der deutschen Vernichtungsindustrie. Viele Personen sind mir ans Herz gewachsen. Es ist schwierig, unschuldig zu bleiben, aber unter den Schuldigen machen sich viele sehr schuldig. Menschlichkeit ist dennoch der einzige Ausweg und Lichtblick. Kern des Werkes ist eine Phänomenologie der Menschlichkeit, die im Mahlstrom der zerstörerischen Gesellschaftssysteme und Ideologien immer wieder durchleuchtet. Es war „dem Weltschicksal, dem verhängnisvollen Lauf der Geschichte, dem Zorn des Staates, dem Ruhm und der Schmach im Schlachtengetümmel doch nicht überlassen, die Wesen zu verändern, die sich Menschen nannten. Was immer sie erwartete – Ruhm für ihre Leistungen oder Einsamkeit, Verzweiflung und Elend, Lager und Hinrichtung –, sie würden als Menschen leben und als Menschen sterben, und jene, die umgekommen waren, hatten es geschafft, als Menschen zu sterben.“ (1037)

Wassili Grossmann

Wassili Grossmann / Foto: Unbekannter Fotograf (Public domain)

Ich habe Wassili Grossmann erst spät entdeckt. Er gehört für mich in dieselbe Riege der großen russischen Romanautoren des 20. Jahrhunderts wie Pasternak, Bulgakow und Bunin, ein Dichter, dessen Werk von tiefer Epik durchdrungen ist. Gerade habe ich Grossmanns ebenso umfangreiches Vorgängerwerk Wende an der Wolga in der Post gefunden. Es ist ein wunderbares Gefühl zu wissen, dass dieses Buch noch vor mir liegt.

Epik ist das Erscheinen eines hellen Sternes im finsteren All, der immer näher kommt und nach und nach immer mehr Details und Personen und Schicksale erkennen lässt und daran teilhaben lässt und Freiheit und Verhängnis und den Kampf in diesem Verhängnis miterleben lässt und am Ende unvermittelt wieder herauszoomt und sich in den Weiten des dunklen Alls verliert. Von genau dieser Art ist Tomasi di Lampedusas Gattopardo, der in den beiden zwanzig bzw. fünfzig Jahre nach der Haupthandlung angefügten Schlusskapiteln den entschwindenden Stern sogar in der Kapitelstruktur sichtbar werden lässt.

Ich mag deshalb das Theater sehr, weil es mich an diesem hellen Stern aus einem dunklen Raum heraus teilhaben lässt. Womöglich bin ich auch deshalb ein begeisterter Science-Fiction-Leser.

Ich beobachte auf Twitter und Facebook das Phänomen, dass Leute Markenprodukte (z. B. Strohhalmgetränke) zu ihrem Erkennungsmerkmal machen, dabei aber nicht merken, dass sie sich selbst zum Konsumierten machen und von der Marke gemacht werden.

(c) belmonte 2017

Wassili Grossmann: Leben und Schicksal. Aus dem Russischen übersetzt von Madeleine von Ballestrem, Arkadi Dorfmann, Elisabeth Markstein und Annelore Nitschke. Claassen, Berlin 2007, 1084 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Wassili Grossman. Wende an der Wolga. Aus dem Russischen übersetzt von Leon Nebenzahl. Dietz, Berlin 1958, 927 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

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