Im zweiten Leben utopische Kunst – Nikita Afanasjew: Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt (Buchrezension)

18. November 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

Nikita Afanasjew: Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt

Nikita Afanasjew: Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt

Eines der Kriterien, die mir anzeigen, dass mir ein Buch gefällt, ist ein rasches Lesetempo. Wenn ich ein Buch zügig lese, bin ich jedenfalls erst einmal nicht davon genervt. Wenn ich dann am Ende, anders als bei einem Dan-Brown-Schmöker, nicht maßlos über die billige Auflösung enttäuscht bin, ist ein weiteres Merkmal für ein gutes Buch gegeben. (a) schnell gelesen, (b) am Ende nicht enttäuscht worden, beides trifft auf Nikita Afanasjews Debütroman Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt zu.

Das Buch ist schön gebunden, liegt gut in der Hand, erinnert irgendwie an die gebundene Ausgabe von Erich Kästners Emil und die Detektive, ist genauso urban (örbən) – ja, das ganze Buch riecht irgendwie örbən.

Jakob Ziegler ist ein erfolgloser Künstler, was ihn zu stören scheint, aber nicht zu sehr, denn Erfolg korrumpiert ja doch nur. Das Leben in Berlin ist schmutzig, Jakobs Beziehung zu Jolanda auf dem Nullpunkt, und mit Ben und Carlo ist es auch nur eine ständige Sauferei. Auf Kräne zu klettern und öffentliche Uhren zu zerdeppern, das kann noch nicht alles gewesen sein.

Also legt sich Jakob eine zweite Persönlichkeit zu: Johann Zeit, ein Mann mit allen Eigenschaften, ein Tausendsassa, der schon alles erlebt und alle Erdteile bereist hat. Ben informiert sogleich den umtriebigen Marketingprofi Dorian, der eben diesen Johann Zeit mit Performance-Kunst groß herausbringt. In einer der von Dorian angezettelten Aktionen wird die ganze Stadt mit kriegswaffenkritischen Graffiti zugesprayt, gez. Johann Zeit. In ganz Berlin und darüber hinaus und vor allem in den sozialen Netzwerken fragt man sich, wer dieser Johann Zeit sei, der in der Folge mehr und mehr ein Eigenleben führt.

Jakob gelingt es, einige seiner künstlerischen Arbeiten unter dem Namen Johann Zeit bei der Kunstschau „Utopian Art“ unterzubringen. Wie dann die Ausstellung – untergebracht in einer Stadt aus Zeltplanen und Pavillons – im Chaos der Performance-Redner und arrangierten Demonstrationen untergeht, ist exzellent dargestellt. Hier wie anderswo trifft Afanasjews Dialogduktus die Szenerie ganz hervorragend.

Jakob ist illusionslos. Alles wurde längst hinterfragt. Selbst Protest und Gegenkultur sind schon Teil der Verwertungskette geworden und stoßen ihn ab. „Sicher, er mochte Deutschland nicht besonders, den Neid, das provinzielle Gehabe, all das zwanghaft Fleißige. Vor allem mochte er nicht, was in diesem Land aus der Freiheit geworden war. Sie war so lange von Lackaffen in modisch einwandfreien Anzügen missbraucht worden, dass sie nun halb tot in einer Seitengasse lag, neben einer Mülltonne, und die Menschen eilten an ihr vorbei, um ja nicht zu spät zur Arbeit zu kommen, sonst gäbe es noch Ärger …“ (106)

Das Buch ist ein Statement zu den Urban Thirties, einer abgeklärten, desillusionierten und enttäuschten Spätjugend, die es nicht mehr schafft, irgendeinen urbanen Traum zu leben, in einem Berlin mit all seinen Abhängplätzen und bekannten Locations, Landwehrkanal und so. (Oder ist womöglich genau das der urbane Traum?)

Was hat es mit dem Titel des Buches auf sich? Es geht um einen Brief, den Jakob vor Jahren – an sich selbst adressiert – Ben übergeben hatte und den Ben pünktlich zu Jakobs dreißigstem Geburtstag einwirft, eine Nachricht mit nur wenigen Worten:

„Wenn ich das lese, bleiben mir drei Optionen: Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt.“ (9)

Wie das Buch ausgeht, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

(c) belmonte 2017

Nikita Afanasjew: Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt. Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2017, 303 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Advertisements

Tagged:, , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Im zweiten Leben utopische Kunst – Nikita Afanasjew: Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt (Buchrezension) auf vnicornis.

Meta

%d Bloggern gefällt das: