Brief aus Italien an meine Freundinnen und Freunde der KAMINA-Gruppe und der kreativen Kumpanei – Über digitale Briefkultur

15. September 2018 § 4 Kommentare

belmonte

Liebe Freundinnen und Freunde der KAMINA-Gruppe und der kreativen Kumpanei,

Urlaubszeit ist für mich Zeit des Lesens, Zeit des etwas ungezwungeneren Nachdenkens und losen Niederschreibens. Ich bringe aus meinen Urlauben meistens eine recht umfangreiche Zahl an beschriebenen Blättern zurück, die manchmal mehr, manchmal weniger schlüssige Gedanken enthalten.

Ein Thema, das mich schon seit längerem, auch durch die wiederkehrende Lektüre von Schriftstellerbriefwechseln, umtreibt, ist der Niedergang der Briefkultur in den vergangenen zwanzig Jahren. Ich würde daher gerne ein paar Gedanken hierzu mit Euch teilen.

Die schriftliche Kommunikation unter Freunden hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren von (a) Handschrift über (b) E-Mail in (c) die sozialen Medien verlagert. Dieser Übergang ist, soweit ich das überblicken kann, beinahe vollständig. Es gibt zwischen Freunden praktisch keine handschriftliche Briefkommunikation mehr, und selbst E-Mail-Kommunikation hat den Stil sozialer Medien angenommen, so dass E-Mails nicht einmal mehr als digitale Briefe im überkommenen Sinne gehandhabt werden.

Kurz gesagt: Die Digitalisierung hat massive – und zwar destruktive – Auswirkungen auf die Briefkultur, wie ich sie kennengelernt habe.

Aus meiner Sicht zeichnet sich die Kommunikation in sozialen Medien und Messenger-Systemen durch Kürze, Unmittelbarkeit, Rasanz und ein erhöhtes Maß an Unreflektiertheit und Ressentiment aus. Tatsächlich beobachte ich in Messenger-Freundesgruppen eine Verlagerung zur Mündlichkeit, mangelnde Mimik wird durch Emojis (vor allem Gesichter) ersetzt. Ist es sinnvoll, ein Jahr Konversation in einer Messenger-Freundesgruppe zu konservieren? Womöglich als ein Buch zu drucken? Wer wählte aus? Wer editierte? Gut möglich, dass ausgewählte Passagen hohen diskursiven Wert haben, aber nach welchen Kriterien wäre der Füllkram zu entfernen? Und manch einem fehlte gerade jener Füllkram.

Nur am Rande: Wenn wir alle irgendwann einmal weltbekannte Autorinnen und Dichter geworden sind, woher nehmen dann die Verlage unsere schriftliche Kommunikation, um sie der interessierten Nachwelt öffentlich zu machen. Die Nachwelt hat doch ein Anrecht darauf, die schriftliche Kommunikation zwischen Katharina Dück und Elena Kisel der vergangenen Jahre nachzulesen. Wo liegen diese schriftlichen Schätze?

Ich stelle mir die Frage, wie sich Briefkultur und digitale Kultur verbinden lassen, ohne einem abwehrenden „Zurück zum alten Schreiben“ zu verfallen? Wie lässt sich Schriftlichkeit in Freundeskommunikation mit all den über zweitausend Jahren erlernten Fähigkeiten und Erfahrungen in digitale Schriftlichkeit überführen? Wie lassen sich Reflexivität, Offenheit, Diskursivität, schriftliche Objektivität („Ich bringe etwas zu Papier.“) in der digitalen Schriftlichkeit neu verankern, neu erproben, neu leben?

An dieser Stelle erscheint mir ein Blick in die Wissenschaftskommunikation wertvoll, insbesondere in die Begutachtungsweise des so genannten Peer-Reviews. Mag dessen Zweck auch ein anderer sein (Qualitätssicherung wissenschaftlicher Artikel durch Kollegen, Prüfung auf Aktualität, Originalität, Validität, Plausibilität), gibt es doch eine doppelte Analogie: Freunde lassen sich strukturell als Peers (Gleichrangige, Genossen) betrachten, und die Lektüre und das Beantworten von Briefen kann (mit gebotener Einschränkung) als Review verstanden werden. Wenn also die Anonymität und der Zweck der Qualitätssicherung abgeschwächt werden und das Peer-Review in eine im Prinzip endlose Kommunikationskette umgewandelt wird, so ließen sich alle Vorzüge des digitalen Peer-Reviews auf modernes digitales Briefeschreiben unter Freunden übertragen:

  • Den Adressaten als gleichberechtigtes Du ansprechen, den Anderen als Du ernstnehmen und auf seine Belange eingehen
  • Komplexe Gedanken entwickeln und weiterentwickeln in der nötigen Tiefe und dem nötigen textlichen Raum
  • Diskursivität, Reflexivität und Nachhaltigkeit der Kommunikation
  • Möglichkeit einer erneuten, vertiefenden Lektüre
  • Vertrauensvolles Teilen
  • Dem Anderen wertschätzende Zeit einräumen
  • Missverständliche Kürze (Kürze um jeden Preis) vermeiden

Wie wäre es daher, wenn wir eine offene digitale Briefkultur ausprobieren nach Art eines offenen Peer-Reviews? Wie wäre es, wenn wir in dieser Kommunikation Abstand nehmen von Facebook, Twitter, Instagram und Messenger-Apps? Wie wäre es, wenn wir stattdessen auf Blogsysteme umsteigen wie zum Beispiel WordPress oder Blogspot oder ganz normale HTML-Seiten?

Ich bin gespannt, ob sich in einer solchen offenen digitalen Briefkultur die Intimität handschriftlicher Briefe aufrechterhalten lässt. Wie denkt Ihr darüber?

Herzliche Grüße,
belmonte

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§ 4 Antworten auf Brief aus Italien an meine Freundinnen und Freunde der KAMINA-Gruppe und der kreativen Kumpanei – Über digitale Briefkultur

  • michaelavogl sagt:

    Lieber belmonte,
    mit großem Interesse habe ich gerade deinen Text gelesen und stürze mich sogleich in den Kommentarbereich, bevor ich den Eindruck vergesse, den ich mitteilen möchte.

    Ich habe in meinem Leben bisher nicht sehr viele Briefe geschrieben und erhalten, doch ein paar. Als Teenager hatte ich sogar eine Brieffreundin, mit der ich ein gemeinsames Interesse hatte: Animes. Wir haben uns nie getroffen und doch habe ich vor kurzem einige ihrer Briefe gefunden. Briefe, die mir so wertvoll waren, dass ich trotz meines Vorsatzes nur Dinge zu behalten, die ich aktuell brauche und nutzen kann, dass ich sie behalten habe. Sie kamen zu meinen eigenen ersten Textfragmenten, die mir jetzt wie ein erster Schatten meiner aktuellen Schreibbemühungen vorkommen. Die anderen Briefe schrieb ich meiner Tante. Das fing damit an, dass sie uns als Kindern stets Geld zu Geburtstagen und Weihnachten schickte, auch wenn wir sie jahrelang nicht gesehen hatten. Unsere Eltern sagten immer wir müssten uns dafür schriftlich bedanken. Und obwohl ich mich gefreut hatte über ihr Geschenk, fand ich den Dankesbrief lästig und als einfachen Dank auch lächerlich – eine Beziehung vorheuchelnd, die gar nicht da war. Also entschied ich eines Tages ihr einen „richtigen“ Brief zu schreiben. Sie schrieb zurück, hatte sich sehr gefreut über meinen Brief und ein paar Jahre schrieben wir relativ regelmäßig. Ich bin inzwischen der festen Überzeugung, dass wir uns deswegen wieder annäherten und sie sogar wieder mehr Kontakt mit meinen Schwestern und Eltern hatte. Ein Kontakt, der durch Schwierigkeiten und Vernachlässigungen gelitten hatte.

    Briefe schreiben bedeutet also Beziehungen aufbauen und pflegen.

    Immer wieder nehme ich mir deswegen vor, Briefe zu schreiben. Wollte es sogar schon zu einer regelmäßigen „Schreibübung“ werden lassen, wenn ich sonntags das Writer’s Meetup besuche. Doch es kommen immer so schnell andere, dringendere Dinge dazwischen. Dazu gehören auch die täglichen Social Media-Nachrichten. Erst kürzlich habe ich einen Messenger auf meinem Handy deinstalliert, weil diese ständigen roten Zahlen und Gruppenhysterien mich mehr Kraft kosteten als ich investieren wollte.
    Doch auch zum Briefe schreiben muss ich Zeit investieren. Und dabei will ich nochmal betonen, dass es meiner Meinung nach gut investierte Zeit ist, aber es ist Zeit. Wenn ich meiner Tante schrieb – oder wie ich auch das hier schreibe – war schnell eine Stunde oder mehr vergangen. Und das nur für 2 Seiten. Und ich hatte das Gefühl ich hatte kaum angefangen zu erzählen. Die Masse der Gedanken überflutet meine Notizbücher. Es fällt mir schwer etwas „zu Ende“ zu denken, denn es ist oft eine lange und mühsame Reise dahin.

    In letzter Zeit träume ich oft von Zeiten, die ich nie erlebt habe. Denke an das ausklingende 20. Jahrhundert, Menschen, die noch kein Telefon hatten und überall zu Fuß hinlaufen mussten. Hier, scheint es, hatten die Menschen Zeit und Muße Briefe zu schreiben…. doch am Ende fühlt es sich doch nur wie eine Ausrede an. Und Faulheit.

    In diesem Sinne bin ich eine große Freundin des Briefeschreibens. Ohne moderne Formen der Kommunikation verteufeln zu wollen. Denn mir fiel auf wie leicht es ist mit alten, fast vergessenen Bekannten, über Facebook wieder Kontakt aufzunehmen. Es ist eine schnelle und bequeme Kommunikation. Und das kann die Hürde des Anfangens bedeutend erleichtern.

    Aber, ehrlich gesagt, habe ich den Vorschlag mit dem Peer-Review noch nicht richtig verstanden. Wer soll wo, womit, wie und mit wem schreiben? Belmonte, das musst du mir nochmal erklären!

    Ich fände es auch schön, wenn wir uns – als Kamina oder in anderem Rahmen – zum gemeinsamen Briefeschreiben treffen könnten. Denn Kamina bedeutet für mich gemeinsames Schreiben.

    Viele liebe Grüße
    Michaela

  • AMN sagt:

    Belmonte, sei gegrüßt,
    Florian hat mich vor einiger Zeit auf Deinen Beitrag aufmerksam gemacht. Allerdings komme ich jetzt erst dazu ihn zu lesen.
    Ich selbst habe schon lange das Verlangen ein literarisches Projekt zu realisieren, dem Briefe als Grundlage dienen – inspiriert durch Briefe von Charles Bukowski, Wiliam S. Burroughs, Allen Ginsburg und Jack Kerouac, die als Sammlung in Buchform veröffentlicht worden sind. Ein ähnliches Vorhaben konnte ich zwar mit einem eurer Kamina-Mitglieder verwirklichen, aber etwas fehlt…
    Ich verstehe das Anliegen Deines Beitrages und wenn ich in dieses Thema hineinspüre, dann öffnet sich der Raum der Abwesenheit.
    Was fehlt ist die Anwesenheit!
    „Digitale Briefkultur“ ist für mich ein Begriff, der nicht funktioniert. Codes sind Digital. Kultur ist lebendig. Der Brief trägt den Geruch des Absenders. Er trägt einen Teil von ihm. Der Brief ist intim. Nur der Empfänger darf ihn öffnen und lesen. Der Brief (an einen Freund) enthält keine Information. Er soll etwas lebendig halten – zwischen zwei Seelen, zwischen zwei Liebenden. Der Brief ist in der Dauer verankert. Der Brief kostet Mühe und signalisiert wie wichtig der Andere ist. Der Brief schafft Vertrautheit. Schon seine Aufbewahrung in Papierform kann eine Art Ritual sein. Der Brief ist Dokument. Der Brief ist Zeuge der Zeit. Der Brief ist wie ein persönliches Gespräch. Wo ist die digitale Nachricht abgelegt? Wen „berührt“ sie? Tanzen meine Augen, wenn sie über den Schirm gleiten?
    Meine persönliche Erfahrung hat gezeigt, dass die Digitalisierung Kommunikation vernichtet. Wir sind jeder Zeit vernetzt, sind aber nicht in der Lage uns zu verabreden. Wir sind auf Knopfdruck erreichbar, schaffen es aber nicht spontan zu sein. Der letzte intensive Austausch, den ich erlebt hatte, fand auf der Straße statt, als mir ein Bettler von seinem Leben erzählt und ich ihm zum Abschied die Hand gereicht hatte.
    Wir brauchen keine neuen Formen der Briefkultur oder Literatur im digitalen Raum. Wir brauchen Menschen, die zusammen in einem Café sitzen und gemeinsam über ein Thema sprechen. Unser Vermögen zu diskutieren und argumentieren geht verloren, weil der digitale Raum mehr einer Einbahnstraße gleicht. Kommunikation aber ist ein Kreislauf.
    Ich könnte noch lange über dieses Thema schreiben. Also komme ich zum Punkt: Wie wäre es, wenn wir von Blogsystemen auf einen Tisch mit vier Stühlen umsteigen? Kommunikation an der Theke. Kommunikation auf dem Kopfsteinpflaster. Kommunikation unter einer brennenden Glühbirne. Das Analoge ist poetisch und sinnlich. Das Digitale ist leblos.
    Betrachte dies bitte als meinen persönlichen Gedankenstrom bezüglich dem Thema digitale Briefkultur. Ich horche auf und werde schauen zu was mich diese Gedanken nun inspirieren werden.
    Viele Grüße,
    AMN

  • […] Dank für Deine Antwort auf meine Auslassungen über digitale […]

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