Brief an Michaela – Über digitale Briefkultur

13. Oktober 2018 § Ein Kommentar

belmonte

Liebe Michaela,

vielen Dank für Deine Antwort auf meine Auslassungen über digitale Briefkultur.

Du hast genau das gemacht, was ich erhofft habe, und hast als mein Peer (nämlich meine Dichterkollegin) meinen Brief einem Review unterzogen, hast meine Gedanken und hast mich als den Anderen ernstgenommen, hast Dir Zeit genommen und meine Überlegungen an Deinen eigenen Erfahrungen reflektiert, Deiner Antwort die nötige Tiefe und mir die Möglichkeit des mehrfachen, vertiefenden Lesens gegeben. Wer weiß, wie lange dieses Experiment einer digitalen Briefkultur andauert, aber ein hoffnungsvoller Anfang ist gemacht.

Mir kommt vieles aus Deinem Brief sehr bekannt vor. Die Masse der Gedanken überflutet Deine Notizbücher? Das kenne ich nur zu gut. Mit unserem vnicornis-Blog habe ich zumindest die Möglichkeit gefunden, einige Gedanken aus der Flut wie mit einem Kescher herauszufischen, aufzuschneiden und zu säubern und auf unserem Blog zum Verzehr anzubieten. Bei meinen Überlegungen zur digitalen Briefkultur bin ich mir allerdings nicht sicher, ob es sich nicht etwa um Fisch aus der Zuchtanlage handelt.

Ich habe früher sehr viele Briefe geschrieben. Dann kam das Internet, E-Mail, Chats, Foren, Blogs, Social Media, Streaming. Und natürlich habe ich jede Stufe der Digitalisierung mit offenen Armen angenommen. Auf einmal war das Briefeschreiben wie weggewischt.

Den einzigen Schritt in der Digitalisierung, den ich – ganz bewusst – nicht mitgemacht habe, sind die Messenger-Systeme. Den Facebook-Messenger hatte ich weniger als 24 Stunden auf meinem Gerät. Womöglich war das genau der Punkt, an dem ich innegehalten und mir gesagt habe: Moment mal, was machst Du hier eigentlich? Übergibst Du wirklich Dein Schreiben dem Fleischwolf und heraus kommt nur noch Hackepetersprache?

Die Digitalisierung ist ein Fakt. Ich sehe viele ihrer Risiken, immer noch überwiegen für mich aber ihre Chancen. Dennoch möchte ich mich nicht damit abfinden, dass Dinge, die mir einmal wichtig waren und deren Wert ich nach wie vor schätze, einfach so verschwinden, obwohl sie aus meiner Sicht auch für die Zukunft einigen Wert bereitzuhalten im Stande sind.

Die strukturelle Analogie zwischen Briefkultur und wissenschaftlichem Peer-Review bietet eine Chance, Briefkultur in digitaler Form nicht bloß zu erhalten sondern neu auszuprobieren, nämlich Briefeschreiben und digitale Kommunikation miteinander zu verbinden als ein freundschaftliches, wohlwollendes und wertschätzendes gegenseitiges Erörtern und Abwägen – in der Öffentlichkeit des Internets, als Einladung auch an Dritte, in diese offene Form der digitalen Briefkultur einzusteigen.

Und wenn man in die Wissenschaftsgeschichte blickt, sind die ersten Formen dessen, was wir heute Peer-Review nennen, nichts anderes als eben Briefe. Demnach deutet sich die Analogie bereits im Ursprung an.

Vielleicht kommen wir ja über eine digitale Briefkultur auch wieder in Kontakt mit „alten, fast vergessenen Bekannten“. Dann bliebe auch dieses Phänomen des Nach-langer-Zeit-wieder-in Kontakt-Kommens nicht nur eine Domäne von Facebook und Co.

Sei herzlich gegrüßt,
belmonte

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§ Eine Antwort auf Brief an Michaela – Über digitale Briefkultur

  • michaelavogl sagt:

    Lieber belmonte,

    jetzt ist es wieder passiert. Ich habe nicht gleich geantwortet und das führte dazu, dass die Antwort über Tage und Wochen hinausgezögert wurde. Anderes kam „dazwischen“.

    „Die Masse der Gedanken überflutet Deine Notizbücher? Das kenne ich nur zu gut. Mit unserem vnicornis-Blog habe ich zumindest die Möglichkeit gefunden, einige Gedanken aus der Flut wie mit einem Kescher herauszufischen, aufzuschneiden und zu säubern und auf unserem Blog zum Verzehr anzubieten. Bei meinen Überlegungen zur digitalen Briefkultur bin ich mir allerdings nicht sicher, ob es sich nicht etwa um Fisch aus der Zuchtanlage handelt.“

    Ich finde das sehr interessant, wie du den Prozess des Schreibens hier beschreibst. Auch ich habe ja einen kleinen Blog und dafür schon einige Artikel geschrieben. Und meine Ambitionen gingen in eine ähnliche Richtung. Einfach erst einmal aufschreiben, aus dem Kopf „herausschreiben“, was schon da ist. Nicht zu perfektionistisch sein, sondern einfach so gut wie möglich. Und doch… wurde ich mit jedem Artikel unzufriedener, meine Wissenslücken gefühlt immer selbstbewusstseins-vernichtender. Dasselbe war mir zuvor mit meinem Youtube-Kanal passiert, dann mit meiner Facebook-Seite. Ich wollte mehr Vorbereitung. Ich wollte stolz auf das sein, was ich fabriziere.
    Ich wollte ebenfalls Gedanken „aus der Flut herausfischen“ – aber welche sind wichtig/ entscheidend/ wertvoll/ hilfreich? Zerschneiden konnte ich sie – ihre innere Logik, wie sie sich in mir gebildet hatte, aufdecken. Doch das Säubern … es war als wäre jeder Gedanke aus einem riesigen „Misthaufen“ gezogen, mehr Dreck als Goldklumpen darin. Ein Berg an Arbeit vor mir. Erschöpfung. Keine Zeit. Das Aufhören.

    Es fällt mir so viel leichter Gedichte zu schreiben, da ich dort nicht die gleichen „Ansprüche“ an mich habe. Um genau zu sein ist mein einziger Anspruch da, möglichst „authentisch“ zu schreiben, möglichst nicht zu „zensieren“, sondern dem „Fluss der Worte/ Gedanken/ Sprache“ nachzuspüren und so natürlich wie möglich mit und in ihm zu fließen. Gedichte „schreibe“ ich nicht, sie „passieren“, sie „geschehen“. Jedes einzelne ist ein Ereignis auf dem Papier. In dieser Form nicht wiederholbar. Die Aufzeichnung einer Bewegung.
    Und auch bei meinen Reden – die ich bei den Toastmastern halte – ist mir diese Tendenz bei mir aufgefallen. Denn meine Vorbereitung besteht bisher darin mir Notizen und Stichwörter zu machen. Ich kann und will keinen Text ausformulieren. Bzw. jedes Mal, wenn ich es tue, kommt ein anderer Text dabei heraus. Und wenn ich die Rede vortrage, ist es wieder ein anderer Text. Auch die Rede „ereignet sich“ in jeder Ausführung, in jeder Aufführung neu. Vielleicht fühlt es sich deshalb wie Gewalt an, „fertige“ Texte zu schreiben, weil es Gewalt ist. Gewalt an der Lebendigkeit der Sprache, des Ausdrucks und der Bedeutung des Sprechaktes, der hier eine feste Form finden soll.

    Auch dieser Brief ist eine Momentaufnahme von dem Augenblick, in dem mich deine Erinnerung erreichte. Ich hoffe darin war etwas, das wert ist, gelesen zu werden.

    Übrigens verstehe ich noch nicht so ganz, was du mit „Fisch aus der Zuchtanlage“ meinst. Dass deine Gedanken zur digitalen Briefkultur beabsichtigte Produkte einer Zucht sind? Wenn ja, wer hat sie gezüchtet? Der digitale Lebenskontext? Die Messenger? Dein Blog? Und wozu? Wem oder was dient dieses Projekt?

    Herzliche Grüße
    Michaela

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