“Das Prädikat als City of Literature muss schließlich immer neu bestätigt werden.” – Ein Gespräch mit Marion Tauschwitz zur UNESCO City of Literature Heidelberg

Marion Tauschwitz ist freie Autorin und Biographin, lebt in Heidelberg und hat neben zahlreichen Veröffentlichungen eine maßgebliche Biographie über die Lyrikerin Hilde Domin, mit der sie viele Jahre eng befreundet war, vorgelegt (siehe hier …). Marion Tauschwitz ist Mitglied u. a. im Verband Deutscher Schriftsteller (VS) Baden-Württemberg und im PEN-Zentrum Deutschland sowie Sprecherin der Heidelberger AutorInnenversammlung (siehe hier …). Nach Romanen und Essays sowie Biographien zu Selma Merbaum und Pieter Sohl folgte im Juli 2019 ein Erinnerungsbuch an Hilde Domin Das unverlierbare Leben (siehe hier …). Für mehr Information zu Marion Tauschwitz siehe ihre Autorinnen-Website.

Marion Tauschwitz

Marion Tauschwitz / Foto: Gudrun-Holde Ordner

Vnicornis:
Liebe Marion, Heidelberg ist seit 2014 UNESCO City of Literature. Wie hat sich aus Deiner Sicht die Literaturszene der Stadt seitdem entwickelt?

Marion Tauschwitz:
Nach nur kurzer Anlaufphase hat sich die Wahrnehmung für Literatur, für die Vielfalt der Literatur, gefestigt. Sie verankert sich im Bewusstsein der Heidelberger, weil sich die Stadt nicht länger auf ihren Lorbeeren ausruht, vom Gewesenen zehrt, sondern Literatur jung und lebendig macht. Und auch wir AutorInnen nehmen das Angebot, uns einzubringen, wahr, weil wir Unterstützung erfahren, die Neugier des Kulturamts auf spannende Projekte spüren, die Kooperation mit der Stadtbücherei fühlen. So haben wir AutorInnen uns in der AutorInnen-Versammlung zusammengeschlossen und den Preis der Heidelberger Autorinnen und Autoren ins Leben gerufen, der sich zu etablieren scheint, denn nach privatem Sponsoring in den ersten zwei Jahren haben wir nun eine dauerhafte Sponsorin im Rohrbacher Bio-Supermarkt Alnatura. Wir freuen uns, dass Kultur und Natur regional Hand in Hand gehen. Und wissen uns auch hier von Stadtbücherei und Kulturamt und von der hiesigen Rhein-Neckar-Zeitung unterstützt, wie bei der Aktion „Wohnzimmerlesungen zugunsten der RNZ Weihnachtsaktion“.

Vnicornis:
Was hat sich speziell für Autorinnen und Autoren in Heidelberg in den vergangenen Jahren verändert?

Marion Tauschwitz:
Heidelberger AutorInnen profitieren, weil die regionale literarische Vielfalt zum Blühen gebracht worden ist. Die Heidelberger Literaturszene ist mutiger geworden, ihre Stimme hörbar zu machen, weil das Kulturamt der City of Literature uns AutorInnen in mannigfaltige Kulturprojekte einbindet, den Austausch mit LiteratInnen der anderen Cities of Literature fördert. Besonders hat mir „Poesie unterwegs“ anlässlich des Welttags der Poesie gefallen, in das so viele AutorInnen eingebunden werden, oder die Möglichkeit, während der Heidelberger Literaturtage im Spiegelzelt präsent zu sein. Sehr ansprechend sind Anstöße für städteübergreifende Projekte wie die Hörspielaktion mit der Musikschule in Trossingen oder die Präsenz der Literaten bei der langen Nacht der Naturwissenschaft im EMBL (European Molecular Biology Laboratory). Ja, ich denke, dass wir AutorInnen uns unterstützt und wahrgenommen fühlen.

Vnicornis:
Welche Chancen und Möglichkeiten wurden bis jetzt aus Deiner Sicht noch nicht genügend aufgegriffen?

Marion Tauschwitz:
Ich sehe, wie sich das Kulturamt stetig weiter um neue Impulse bemüht. Das Prädikat als City of Literature muss schließlich immer neu bestätigt werden. Ich kann also nicht sagen, was noch nicht genügend aufgegriffen worden ist, sondern freue mich auf weitere Möglichkeiten der Vernetzung im internationalen Austausch, weil ich weiß, dass genau daran schon gearbeitet wird und Möglichkeiten keine Grenzen gesetzt werden.

Vnicornis:
Erzähl unseren Lesern etwas über Deine Erfahrungen mit der Vernetzung der UNESCO Cities of Literature untereinander.

Marion Tauschwitz:
Wir AutorInnen werden vom Kulturamt bestens über Aktionen, Projekte, Stipendien etc. informiert. Dann liegt es im persönlichen Engagement, daraus etwas zu machen, sich einzubringen. Ja, die Initiative der Einzelnen ist sicherlich noch ausbaufähig. Ich habe die Möglichkeit und das Angebot wahrgenommen, Gäste aus anderen Literaturstädten zu treffen, sie zu begleiten. Ich hatte die Chance, die City of Literature Heidelberg bei der Buchmesse in Prag zu vertreten. KollegInnen waren im Poesie-Austausch mit anderen Cities of Literature. Alles ist spannend, wenn jeder einzelne neugierig bleibt und mitmacht.

Vnicornis:
Wie ist Deine Einschätzung, ob Stadt und Land dem Status Heidelbergs als UNESCO City of Literature gerecht werden?

Marion Tauschwitz:
Das kann ich wohl recht schnell beantworten: die Stadt wird dem Status gerecht. In vielfältiger Weise wird Literatur immer wieder ins Bewusstsein gehoben und nach Möglichkeiten gesucht, Literatur an Orte zu tragen, wo sie Menschen begegnet: Gedichte in Bussen, Lesungen in Straßenbahnen, nächstes Jahr Performances im Schloss und auf dem Neckar, wenn Hölderlin geehrt wird.

Vnicornis:
Buchverkäufe waren bundesweit bis vor kurzem rückläufig. Anscheinend ging das Interesse an Büchern zurück. Wie lässt sich diesem Trend durch das Konzept der UNESCO City of Literature zumindest in Heidelberg ein Stück weit gegensteuern?

Marion Tauschwitz:
Wir haben in Heidelberg schon viel Förderung der Lesekultur. Schulen, öffentliche Bücherregale, Vorlesen in der Stadtbücherei führen zum Buch. Und die neuesten Zahlen belegen ja erfreulicherweise, dass der Trend zum Bücherkauf wieder angestiegen ist.

Vnicornis:
Feiert Heidelberg seine Autorinnen und Autoren genügend?

Marion Tauschwitz:
Feiern – ein großes Wort. Hegen und pflegen ist vielleicht eher die Wahrnehmung. Mit Interesse wohlwollend unterstützt zu werden, ist schon Freude. Honorar für Lesungen zu erhalten war früher keine Selbstverständlichkeit. Und mit zwei großen Preisen – Clemens-von-Brentano-Preis, Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil – feiert Heidelberg auch überregionale AutorInnen.

Vnicornis:
Welche Empfehlungen gibst Du Autorinnen und Autoren, die nach Heidelberg ziehen?

Marion Tauschwitz:
AutorInnen können sich der AutorInnen-Versammlung anschließen, sich auf der Homepage https://heidelbergerautoren.wordpress.com/ informieren, wen sie ansprechen können. Ich weiß auch, dass das Kulturamt für Anfragen offen ist und weiterleitet. Vom eigenen Engagement enthoben ist natürlich niemand. Aber willkommen sind sie alle.

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2019

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