„Die Sterbenden gehen oft abends oder nachts, wenn der Tag zur Ruhe kommt und es rundherum still wird.“ – Ein Gespräch mit der Autorin und Übersetzerin Barbara Imgrund | Teil 1 von 2

Barbara Imgrund, in Landshut/Niederbayern geboren und im Allgäu aufgewachsen, lebt als freie Übersetzerin und Autorin in Heidelberg. Sie arbeitete für zahlreiche renommierte Verlage als Lektorin und ist u. a. Mitglied im texttreff – Netzwerk wortstarker Frauen (http://www.texttreff.de). Barbara Imgrund engagiert sich in der Hospizarbeit, im Besuchshundedienst und international im Tierschutz. Viele ihrer Erfahrungen fanden Eingang in ihre Werke. Zuletzt erschien 2017 ihr Buch Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen. Derzeit schreibt sie an einem neuen Roman. Für mehr Information siehe Barbara Imgrunds Autorinnen-Website.

Barbara Imgrund

Barbara Imgrund / Foto: Barbara Imgrund

Vnicornis:
Barbara, Du engagierst Dich seit Jahren ehrenamtlich in der Hospizarbeit. Was bedeutet diese Tätigkeit für Dich?

Barbara Imgrund:
Um gleich mal das große Besteck auszupacken: Sie bedeutet Erfüllung und Sinn für mich. Ich kann es nicht anders sagen, so ist es eben. Wenn ich bei einem alten, schwerstkranken oder sterbenden Menschen sitze und ihm ein bisschen Last nehmen oder Freude bringen kann – und sei es nur für fünf Minuten –, dann ist das ein Geschenk. Jackpot! Dann weiß ich, dass ich in diesem Moment nirgendwo anders sein will, weil ich ja schon am richtigen Platz bin.

Die Hospizarbeit schließt Kammern in mir auf, in die ich sonst nicht vordringe, was ich übrigens für mein Schreiben gut gebrauchen kann. Denn ich als Mensch entwickle mich dabei ja auch weiter. Es ist sozusagen eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten und wiegt doppelt und dreifach die Zeit, Energie und manchmal auch Nerven auf, die ich durchaus in dieses Ehrenamt investiere.

Vnicornis:
Kannst Du mit unseren Lesern ein paar Deiner Hospizerfahrungen teilen?

Barbara Imgrund:
Vorausgeschickt sei, dass Hospizarbeit nicht nur in einem Hospiz stattfinden muss. Ich zum Beispiel bin in einem Heidelberger Pflegeheim tätig, wo ich nicht nur Sterbende begleite, sondern auch Menschen, die noch rüstig sind, aber eben Ansprache brauchen. Mitnehmen in den Einsatz darf ich auch meine Hündin Mali – wir sind als Besuchshundeteam ausgebildet und besuchen sowohl Senioren als auch Patienten auf der Palliativstation der Heidelberger Thoraxklinik.

Zudem kommt seit einigen Wochen ein fünfjähriges, schwerstbehindertes Mädchen aus der Nachbarschaft zu uns nach Hause. Die Kleine wird voraussichtlich niemals selbstständig laufen, niemals sprechen, niemals sich gezielt mitteilen können. Und doch, es ist atemberaubend, wie schnell sich eine Kommunikation und Bindung zwischen ihr, Mali und mir entwickelt hat. Kind und Hund – der als ehemaliger Straßenhund ebenfalls sein Päckchen zu tragen hat – gehen rührend neugierig und achtsam miteinander um, ich kanalisiere und moderiere ein bisschen und lasse ansonsten laufen, was laufen will.

Heute zum Beispiel war die Kleine zum ersten Mal allein bei uns – ihre Mutter hat draußen mit der Schwester gespielt –, und es war sofort, als wäre es nie anders gewesen. Die Kleine hat mir vertraut, einfach so, und sich sofort auf Mali und mich eingelassen, ohne Mama nachzuweinen. Dann hat sie das Glas mit den Leckerlis hochgehoben, obwohl sie eigentlich nicht greifen kann, und sogar von sich aus Körperkontakt zu Mali gesucht und ihre Pfote festgehalten. Wow. Nach solchen Begegnungen schweben wir alle für den Rest des Tages auf Wolke sieben herum.

Aber auch meine erste Sterbebegleitung hat mich sehr bewegt. Ich hatte die uralte, im Endstadium demente Dame, Frau B., schon fünfeinhalb Monate engmaschig besucht, als an einem Montagmorgen der Anruf aus dem Heim kam: Es gehe wohl zu Ende. Ich fuhr gleich hin, konnte aber nicht viel für sie tun, außer sie durch Körperkontakt spüren lassen, dass sie nicht allein ist, ihr vorsingen und vorlesen. Dann zeigte mir eine Schwester, wo Frau B.s Fotoalben lagen, und ich begann darin zu blättern. Es war, als würde ich eine Reise durch ihr Leben antreten, während sie selbst sich schon auf eine andere, letzte Reise aufgemacht hatte. Da sich im Heim nie jemand von der Familie hatte blicken lassen, wollte wenigstens ich dieses lange Leben, das da gerade zu Ende ging, würdigen und es noch einmal Revue passieren lassen … Mittags musste ich wegen eines Termins weg, aber ich war mir sicher, dass es ohnehin noch dauern würde. Die Sterbenden gehen oft abends oder nachts, wenn der Tag zur Ruhe kommt und es rundherum still wird.

Als ich gegen halb sechs Uhr abends zurückkehrte, saß eine Angehörige an Frau B.s Bett. Deren Atmung war unverändert kräftig und regelmäßig. Da also seit vielen Stunden nichts so recht vorwärts gegangen war, sagte ich zu der alten Dame: „Wir sind alle da, du kannst jetzt jederzeit gehen, wenn du möchtest.“ Manchmal hilft dem Sterbenden diese Art „Erlaubnis“ beim Loslassen. Und wirklich, als hätte Frau B. es verstanden – was aufgrund ihrer massiven Schwerhörigkeit zumindest auf akustischem Wege unmöglich war –, wurde ihre Atmung binnen weniger Minuten flach und es entstanden immer längere Pausen zwischen den einzelnen Atemzügen. To make a long story short: Keine Viertelstunde nach meiner Rückkehr hatte es die alte Dame endlich geschafft.

Zufall oder Zusammenhang? Das mag jeder für sich selbst entscheiden, je nachdem, was er glauben kann. Ich kann inzwischen so manches zwischen Himmel und Erde glauben und hoffe für mein Teil einfach, dass ich vielleicht eine Atmosphäre der Geborgenheit oder Sicherheit schaffen und Frau B. damit womöglich den „Absprung“ erleichtern konnte. Ich kann die Sterbenden ohnehin nur bis an die Schwelle begleiten. Den letzten Schritt müssen sie allein tun.

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2019

Teil 2 des Gespräches

2 Gedanken zu “„Die Sterbenden gehen oft abends oder nachts, wenn der Tag zur Ruhe kommt und es rundherum still wird.“ – Ein Gespräch mit der Autorin und Übersetzerin Barbara Imgrund | Teil 1 von 2

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