„Los, sing, ruf deine Brüder zum Gebet.“ – Damir Ovčina: Zwei Jahre Nacht (Buchrezension)

belmonte

Damir Ovčina Zwei Jahre Nacht

Damir Ovčina: Zwei Jahre Nacht

Ich merke immer wieder, dass ich meinen Frieden mit Büchern mache, die mir während der Lektüre große Schwierigkeiten bereitet haben. Damir Ovčinas Roman Zwei Jahre Nacht über die Belagerung Sarajevos ist so ein Buch, mit dem ich mich über mehrere Wochen sehr schwergetan habe. Dieser Roman hat mich kaum berührt, und ich hätte ihn bei mangelnder Disziplin zur Seite gelegt.

Das Erzählte ist schrecklich, aber die vielen Leichen, die begraben werden, werden einfach nur in kalter und eintöniger Beschreibung begraben. Über weite Strecken konnte die Monotonie des Romans, auch die darin enthaltene Liebesgeschichte, nur Müdigkeit in mir erzeugen, und doch war ich am Ende irgendwie enttäuscht, dass es nicht einfach so weiterging. Ich hatte mich an die Monotonie gewöhnt.

Zwei Jahre Nacht beschreibt wie ein Gefängnisroman auf überwiegender Länge nur ereignislose Tage. Womöglich ist genau so das Gefängnisleben, womöglich ist genau so ein sich hinziehender Krieg, in dem die Ereignisse ereignislos werden. Das müsste aber auf andere Weise in ein 750 Seiten langes Buch eingefangen werden, oder eben auf sehr viel weniger Seiten.

Der Beginn ist vielversprechend. Die entzündeten Blutgefäße der Mutter des Erzählers sind ein treffendes Sinnbild des auseinanderbrechenden Jugoslawien und Ausblick auf den bevorstehenden Krieg. „Irgendwo eine Gewehrsalve.“ (56) Langsam und bedrohlich baut sich der Krieg auf und kommt immer näher. „Aus der Stadt immer stärkerer Beschuss. Explosion. Dann noch eine. Sirenen. Gewehrsalve. Explosion.“ (95) Die Nachrichten im Radio verheißen auch nichts Gutes.

Ein „Bulgare“ genannter Scherge geht nachts in die Stockwerke der Hochhäuser, klopft die Familien heraus und holt sich die Männer und Jungen oder ermordet sie gleich an Ort und Stelle.

Der namenlose Erzähler, ein säkularer muslimischer Jugendlicher, der eigentlich ganz andere Probleme hat, ist zur falschen Zeit am falschen Ort, nämlich im Stadtteil Grbavica, der gerade von der bosnisch-serbischen Armee und allerlei Paramilitärs besetzt und abgeriegelt wird. Unter ständiger Lebensgefahr muss er in einer Zwangsarbeitergruppe Leichen in der Umgebung und den umliegenden Wäldern begraben. Es ist eine schreckliche Aufgabe. „Wir heben einen Körper hoch, der in der Fötusstellung liegengeblieben ist. An mehreren Stellen von Schüssen getroffen. Die Tiere haben die toten Körper angefressen.“ (517) Ein mit ihm Gefangener überzeugt ihn, alles aufzuschreiben, damit die Nachwelt erfährt, was passiert ist.

Das geht monatelang so weiter, bis der Ich-Erzähler von zwei Soldaten gezwungen wird, auf den Knien laut singend zu beten. „Los, sing, ruf deine Brüder zum Gebet.“ (571) Es ist sein eigenes Totengebet, aber er lässt es sich nicht gefallen. Was dann geschieht, ist eine filmreife Szene und wird hier natürlich nicht weiter gespoilert.

Bei aller Brutalität ist Zwei Jahre Nacht keine einseitige Anklage. Der serbische Aufseher der Zwangsarbeitergruppe tut alles, um seine Gruppe zu schützen, hört sich die Klagen von Hinterbliebenen an, die nach ihren vermissten Angehörigen fragen, und versichert immer wieder, sich nach ihnen zu erkundigen. Auch die serbische Liebhaberin des Erzählers, die ihre Großmutter pflegt und den Erzähler miternährt, ist ein glückliches Gegenbild zu den aufgeflammten Nationalismen, die den grausamen Hintergrund des Buches abgeben. Neben dem Töten wird die Bösartigkeit in dem selbstgefälligen Wegraffen von Elektrogeräten aus den Wohnungen der geflüchteten oder umgebrachten Einwohner sichtbar.

Die Sommer in Sarajevo sind warm, die Winter bitterkalt. Ich habe im Internet nach Fotos gesucht, die meinem Lektüreeindruck der zerstörten Stadtteile Sarajevos im Winter nahekommen. Das folgende Foto vermag diesen Eindruck halbwegs zu vermitteln.

Sarajevo Grbavica

Blick auf den Stadtteil Grbavica (Quelle: US-Militär, Public Domain)

Der Roman wäre aus meiner Sicht großartig geworden, wenn er um 300 Seiten kürzer ausgefallen wäre. Die häufig ohne Verben auskommende Sprache ist eigentlich wunderbar karg und reporterhaft. Sätze wie „Ein Auto in der Ulica Splitska.“ wiederholen sich aber hundertfach und es wird irgendwann einfach öde. Wahrscheinlich sind die Jahre des Ich-Erzählers im eingeschlossenen Stadtteil Grbavica schrecklich und öde gewesen. Das macht aber das Buch nicht besser. Wie gesagt, am Ende habe ich mit Zwei Jahre Nacht dann doch meinen Frieden geschlossen.

(c) belmonte 2019

Damir Ovčina: Zwei Jahre Nacht. Übersetzt aus dem Bosnischen von Mascha Dabić. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2019, 750 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

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