Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod – Der Privat-Genozid von Leopold II. (Filmrezension)

White King, Red Rubber, Black Death

Diesmal rezensiert Volker Schönenberger von unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ hier eine Doku über das Wüten eines westeuropäischen Monarchen in Zentralafrika

Historien-Doku // Wer hat je den Begriff Kongogräuel vernommen? Ein Geheimnis sind die Missetaten des belgischen Königs Leopold II. (1835–1909) in seinem zynisch Kongo-Freistaat benannten Eigentum in Zentralafrika nicht. Aber ich bin kürzlich nur zufällig darauf gestoßen. Die Geschichte des Kolonialismus ist an Gräueln ohnehin nicht arm, aber das Wüten von Leopold II. ist schon ein besonderes Kapitel.

Tribunal gegen Leopold II.

Der britische (?) Regisseur Peter Bate hat die blutige Geschichte dieser belgischen Kolonie 2003 in seinem Dokumentarfilm „Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod“ festgehalten. Er verwendete dafür Archivaufnahmen in Form von Fotos und Bewegtbildern, führte Interviews mit Historikern und stellte Szenen nach. Heraus kam ein beklemmendes Werk, das uns auf nachhaltige Weise das Wüten der Weißen in Afrika in Erinnerung ruft. Zu diesem Zweck inszenierte Bate ohne jede Effekthascherei in zurückhaltenden Bildern ein Tribunal gegen Leopold II. inklusive Zeugenaussagen. In Wirklichkeit hat es einen solchen Prozess nie gegeben.

Der belgische König Leopold II. (Foto gemeinfrei, Fotograf unbekannt)

Leopold II. folgte 1865 seinem verstorbenen Vater auf den belgischen Thron. Leopold I. (1790–1865) war 1831 nach der Unabhängigkeit des Landes von den Niederlanden zum ersten belgischen König gekrönt worden. Als Monarch konnte Leopold II. seine kolonialistischen Ideen für Belgien nicht in die Tat umsetzen, zumal viele Weltregionen bereits aufgeteilt waren. Dank üppigen Vermögens war er aber in der Lage, dies als Privatmann zu tun. 1876 gründete er das Komitee zur Erforschung des oberen Kongo, das nach außen hin wissenschaftliche Forschung und humanitäre Missionen unterstützen sollte, dem König aber den Weg zu umfangreicher Landnahme ebnete. Als seine Speerspitze fungierte der bekannte Afrikaforscher Henry Morton Stanley (1841–1904), dessen Expeditionen er über das Komitee für fünf Jahre finanzierte. Der drang auf rücksichtslose Weise ins Innere Afrikas vor und ließ von zahlreichen Stammeshäuptlingen deren Land auf Leopold II. umschreiben. Nebenbei gründete er zu Ehren seines Finanziers die Stadt Leopoldville, das heutige Kinshasa, Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo.

Der belgische König als Großgrundbesitzer in Afrika

Die Kongokonferenz in Berlin regelte 1885 den Freihandel in Afrika und zementierte die Ansprüche des belgischen Königs: Die Association Internationale du Congo (AIC, Internationale Kongo-Gesellschaft, Nachfolge-Organisation des oben erwähnten Komitees) wurde als Eigentümerin des Gebiets bestätigt, und da Leopold II. mittlerweile der einzige Anteilseigner war, gehörte nun ihm das gesamte Gebiet: der Kongo-Freistaat mit von ihm erlassener Verfassung, eigener Armee (der bis 1960 existierenden Force Publique) und von ihm eingesetzter Regierung, die einzig ihm verantwortlich war – ein Paradebeispiel für absolutistische Herrschaft. Peter Bates Doku zufolge war der belgische König somit Eigentümer über eine Million Quadratmeilen zentralafrikanischen Bodens, er herrschte über 20 Millionen Menschen.

Elfenbein und Kautschuk

Was ich hier tue, geschieht aus Christenpflicht gegenüber den armen Afrikanern, und ich will von all dem Geld, das ich ausgegeben habe, keinen einzigen Franc zurück. So zitiert „Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod“ Leopold II. Kann sich jemand mehr in die Taschen lügen, die er sich zuvor rücksichtslos und grausam vollgestopft hat? In der Tat steckte der König viel Geld in die Erschließung des Gebiets. Diese Investition diente jedoch in erster Linie der Ausbeutung. Wichtigster Rohstoff noch vor dem ebenfalls begehrten Elfenbein war Naturkautschuk, das per Vulkanisation zu Gummi wurde und so verarbeitet für die Industrie der Kolonialstaaten einen wichtigen Werkstoff darstellte.

Völkermord an zehn Millionen Kongolesen

Zur systematischen Ausbeutung des Landes wurde ein System der Zwangsarbeit eingerichtet, dem von 1888 bis 1980 bis zu zehn Millionen Kongolesen zum Opfer fielen, mithin die Hälfte der einheimischen Bevölkerung. So wurden nicht nur Befehlsverweigerung und Widerstand hart bestraft, sondern auch nicht erreichte Mengenvorgaben bei der Kautschukgewinnung. Das übernahmen angeworbene Söldner und die oben erwähnte Force Publique, deren 19.000 afrikanische Soldaten von europäischen Offizieren angeführt wurden. Um ihre Arbeiter zum Erreichen von Lieferquoten und -fristen zu bewegen, nahmen die Aufpasser deren Ehefrauen als Geiseln, die ermordet wurden, wenn die Männer verspätet oder mit zu wenig Ertrag aus dem Dschungel zurückkehrten. Prügelstrafe, Auspeitschungen mit der aus Nilpferdhaut hergestellten Chicotte, Vergewaltigungen, Verstümmelungen, Mord und Massenmord (wenn sich etwa ein gesamtes Dorf unkooperativ zeigte) waren gängige Mittel.

Ein Soldat der Force Publique züchtigt einen Mann mit einer Peitsche aus Nilpferdhaut (Foto gemeinfrei, Fotograf unbekannt)

Besonders beliebt und auch in „Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod“ thematisiert: das Abhacken von Händen. So mussten die afrikanischen Soldaten der Force Publique über jede verschossene Gewehrpatrone genau Rechenschaft ablegen, indem sie die rechte Hand des oder der Erschossenen vorlegten. Diese brutale Amputation erstreckte sich selbstverständlich nicht nur auf Leichen. Und weil ein Arbeiter mit nur einer Hand natürlich nutzlos war, hackte man einem seiner Kinder die Hand ab. Diese grausame Praxis wurde nicht zuletzt durch das Foto „ Nsala of Wala in the Nsongo District (Abir Concession)“ in Europa bekannt, zu deutsch: „Nsala aus Wala im Nsongo-Distrikt (Konzessionsgebiet Abir)“. Es zeigt einen Mann namens Nsala, der auf die abgehackte Hand und den abgehackten Fuß seiner etwa fünfjährigen Tochter Boali blickt. Die Kleine war zuvor erschossen, Teile von ihr sind womöglich auch verspeist worden. Das Bild hatte die englische Missionarin Alice Seeley Harris (1870–1970) am 14. Mai 1904 geknipst.

Früher Menschenrechtler: Edmund Morel

Dass die Kongogräuel in Europa Aufmerksamkeit erhielten, lag in erster Linie an dem britischen Journalisten Edmund Dene Morel (1873–1924), dem Peter Bate in seiner Doku breiten Raum gewährt. Morel nahm als junger Mann eine Beschäftigung bei der britischen Reederei Elder Dempster an, die das Monopol auf den Transport der Handelsgüter aus dem Kongo-Freistaat besaß. Morel bemerkte, dass die Schiffe, die mit Kautschuk beladen im Hafen von Antwerpen eintrafen, diesen mit Waffen und Munition beladen wieder verließen. Weitere Nachforschungen ergaben ein Bild von Zwangsarbeit und Sklaverei. Fortan schrieb sich Morel den Kampf dagegen auf die Fahnen; er gründete zu diesem Zweck die Congo Reform Association, die als eine der ersten Menschenrechtsorganisationen gesehen werden kann, und wurde als Publizist aktiv. So war er es auch, der das erwähnte Foto von Alice Seeley Harris veröffentlichte.

„Nsala of Wala in the Nsongo District (Abir Concession)“ (Foto gemeinfrei, Fotografin: Alice Seeley Harris)

Der öffentliche und internationale Druck auf Leopold II. wuchs durch Edmund Dene Morels leidenschaftlichen Einsatz enorm, was den König 1908 zwang, den Kongo-Freistaat an den belgischen Staat zu verkaufen. So wurde daraus bis zur Unabhängigkeit 1960 eine herkömmliche Kolonie: Belgisch-Kongo. Aufgrund der ans Tageslicht gekommenen Machenschaften im Kongo-Freistaat war Leopold II. bei anderen europäischen Herrschaftshäusern nicht mehr unbedingt gern gesehener Gast. Er starb am 17. Dezember 1909, ohne je für die Kongogräuel zur Rechenschaft gezogen worden zu sein.

Die belgische Königsfamilie drückt ihr Bedauern aus

Die belgische Königsfamilie schreibt auf ihrer offiziellen Internetpräsenz: Aufgrund der durch die Europäer in Afrika begangenen Exzesse wird der Ruf von Leopold sowie der seines überseeischen Werkes in Frage gestellt. Etwas euphemistisch formuliert, aber wer gibt schon gern zu, einen für Massenmord bis hin zum Genozid verantwortlichen Vorfahr in der Familie zu haben? Erlaubt sei allerdings die Frage: Hat das belgische Königshaus der kongolesischen Bevölkerung einen nennenswerten Anteil des Privatvermögens der Familie überlassen, um wenigstens ein Mindestmaß an Entschädigung zu leisten? Jedenfalls ist das Thema dank #BlackLivesMatter in Belgien wieder aktuell geworden, jüngst entbrannte eine heftige Debatte um Standbilder Leopolds II. und die koloniale Vergangenheit. Erstmals drückte der belgische König Philippe am 30. Juni 2020, dem 60. Jahrestag der Unabhängigkeit der Demokratischen Republik Kongo, in einem Schreiben an den kongolesischen Staatspräsidenten Félix Tshisekedi sein tiefstes Bedauern über die Verletzungen der Vergangenheit aus. Ich bin gespannt, wie sich der Diskurs dort entwickelt.

Verstümmelte Kongolesen, Anfang des 20. Jahrhunderts (Fotos gemeinfrei, Fotografinnen/Fotografen: Alice Harris, Daniel Danielson u. a.)

Die internationale Koproduktion „Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod“ wirft einen Blick zurück auf unfassbares Unrecht. Das Leid, das die Kolonialmächte ohne jeden Skrupel über die Menschen gebracht haben, lässt sich nicht erspüren, aber mit Dokumentationen wie dieser in der Erinnerung halten. Jede Nation, die als Kolonialmacht in Erscheinung getreten ist, hat großes Unrecht begangen. König Leopold II. war ein Despot, der sich besonders übel hervorgetan hat, auch ohne sich persönlich die Hände blutig zu beflecken.

In den USA auch auf DVD erschienen

„Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod“ ist nur in den USA auf DVD veröffentlicht worden. Die Doku kann in englischer Sprache gratis und legal im Internet Archive angeschaut und heruntergeladen werden. In Deutschland hat der Fernsehsender Arte sie seinerzeit mit deutschem Sprecher ausgestrahlt, diese Version findet sich noch bei YouTube, wenn auch vermutlich nicht autorisiert, weshalb ich auf das Verlinken verzichte.

Buch und Doku „Schatten über dem Kongo“

Ein ausführlicher Bericht über die Geschehnisse im Kongo-Freistaat findet sich bei „all that’s interesting“. Wer das gedruckte Wort einem Online-Text vorzieht, kann auf das Sachbuch „King Leopold’s Ghost – A Story of Greed, Terror, and Heroism in Colonial Africa“ zugreifen, das der US-Publizist Adam Hochschild 1998 veröffentlichte. Es ist zwei Jahre später unter dem Titel „Schatten über dem Kongo – Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechens“ auch in Deutschland erschienen. 2006 entstand eine gleichnamige Doku zu Hochschilds Buch. Sie ist 2014 als DVD-Beilage der Zeitschrift „Geo Epoche – Afrika“ in Deutschland erschienen und kann ebenfalls bei YouTube gefunden werden.

Joseph Conrads „Herz der Finsternis“

Einen literarischen Kommentar zur Ausbeutung der Menschen im Kongo-Freistaat gab 1899 Joseph Conrad mit seinem Roman „Heart of Darkness“ („Herz der Finsternis“) ab. Francis Ford Coppola nahm sich 1979 ganz viele Freiheiten, verlegte die Handlung des Buchs in den Vietnamkrieg und schrieb mit „Apocalypse Now“ Filmgeschichte.

Veröffentlichung (USA): 28. Februar 2006 als DVD

Länge: 84 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Niederländisch, Englisch, Französisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: White King, Red Rubber, Black Death
Französischsprachiger Titel: Le Roi blanc, le caoutchouc rouge, la mort noire
BEL/AUS/KAN/DK/FIN/F/D/NL/GB 2003
Regie: Peter Bate
Drehbuch: Peter Bate
Mitwirkende: Elie Lison, Roger May, Steve Driesen, Tshilombo Imhotep, Annette Kelly, Dirk Beirens, Nick Fraser (Erzähler), Guido Grysseels, Elikia M’Bokolo, Maria Misra, Daniel Vangroenweghe
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: Art Mattan

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2006 Art Mattan

3 Gedanken zu “Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod – Der Privat-Genozid von Leopold II. (Filmrezension)

    • Hallo Tanja,

      gern. Halt mal beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen Ausschau, ob die Doku dort beizeiten mal wieder ausgestrahlt wird. Da das Thema ja wieder aktuell geworden ist, halte ich das durchaus für denkbar. Vielleicht findet sich im Netz ja auch ein Tool, mit dem du dich benachrichtigen lassen kannst.

      Gruß aus Hamburg,
      Volker

  1. Dein Text ruft bei mir Erinnerungen an meinen Besuch der Ausstellung „Der Kongo – Gedächtnis und Erinnerung“ im Musée royal de l’Afrique centrale im belgischen Tervuren vor fünfzehn Jahren wach, wo ich mir einen umfassenden Eindruck von König Leopolds II. Schreckensregime und der kolonialen Ausbeutung des Kongo durch sein „Mutterland“ verschafft habe, welche natürlich – ohne beschönigen zu wollen – vor dem Hintergrund beziehungsweise im Kontext der damals weltweit herrschenden Kriege und Krisen zu betrachten ist.

    Wenn man bedenkt, dass nach der Unabhängigkeit im Jahre 1960 Lumumba, der erste demokratisch gewählte Präsident, mit Hilfe von CIA und belgischem Geheimdienst „beseitigt“ wurde und auf diesen die über dreißigjährige Schreckensherrschaft des Despoten Mobutu folgte, kann man wohl nur von einem mühsamen, langen Weg zur Unabhängigkeit sprechen.

    Als Teil der Aufarbeitung seiner traumatischen Vergangenheit sollte man jedoch, denke ich, den Aspekt der Kunst und Kultur des Landes in den Vordergrund stellen, welche die Ausstellung damals ebenfalls präsentiert hat –, und die mir ebenso im Gedächtnis geblieben ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.