Als Hitler den Krieg überlebte – Fesselndes Gedankenspiel über Gerechtigkeit (Filmrezension)

Já, spravedlnost

Gastrezension von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte

SF-Thrillerdrama // Das optional vorangestellte Intro zeigt Bilder letzter Straßenkämpfe und vorrückende Militäreinheiten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Eine Texteinblendung verrät, Adolf Hitler habe am 29. April 1945 im Bunker sein politisches und persönliches Testament verfasst und im Anschluss Eva Braun geheiratet. Am 30. April nahmen sich beide das Leben, ihre Leichen seien mit Benzin übergossen und vor dem Notausgang des Bunkers im Garten der Neuen Reichskanzlei verbrannt worden. Der Führerbunker wurde zerstört, Berlin war gefallen und das 3. Reich existierte nicht mehr. Der Führer war tot. Jedoch wurde nie wirklich bewiesen, was mit Hitler geschah.

Kann es Gerechtigkeit für millionenfachen Mord geben?

Die tschechoslowakische Produktion „Als Hitler den Krieg überlebte“ beginnt mit ein paar Bildern vom Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. Eine Stimme aus dem Off äußert: Die Richter sollen Gerechtigkeit üben – Gerechtigkeit gegenüber millionenfachen Mördern. Reichen dazu die Gesetze aus? Hat nicht jeder, der diesen Weltbrand überlebt hat, seine eigene Vorstellung von Gerechtigkeit?

Wird Hitler hingerichtet?

Irgendwann in der Nachkriegszeit erreicht ein Auto Schloss Lilienburg in der Schweiz, in welchem sich das Privatsanatorium von Professor Doktor Rolf Harting (Jirí Vrstála) befindet. Er und ein paar Gleichgesinnte schmieden einen Plan. Dazu benötigen sie den in einer Prager Klinik praktizierenden Doktor Josef Herman (Karel Höger), der einem verstorbenen anderen Arzt ähnelt. Herman wird entführt, man versucht, ihn einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Man redet ihm ein, er sei ein gewisser Doktor Bruno Wollmann. Dann wird er von Männern in Nazi-Uniform zu einem Patienten (Fritz Diez) gebracht. Der entpuppt sich als Adolf Hitler persönlich! Er steht offenbar unter Medikamenteneinfluss und hält Herman tatsächlich für Wollmann.

Wer kennt „Vaterland“?

Hitler hat also überlebt. Der Gedanke ist nicht neu, dazu existieren diverse Verschwörungstheorien, auf die ich hier nicht eingehen will. Auch Literatur und Film haben das Thema bereits in fiktionaler Form aufgegriffen, erinnert sei an Robert Harris’ 1992 veröffentlichten Debütroman „Vaterland“, der seinerzeit in Deutschland kontrovers aufgenommen wurde. Darin hat Hitler-Deutschland den Zweiten Weltkrieg gewonnen, die Handlung spielt zu einem Zeitpunkt, als sich das Deutsche Reich mit den USA im Kalten Krieg befindet. Ich kann die Lektüre empfehlen, auch die zwei Jahre später entstandene gleichnamige Verfilmung mit Rutger Hauer als Kriminalbeamter hat ihren Reiz.

Harting (l.) und Herman haben unterschiedliche Vorstellungen von Gerechtigkeit

Handelt es sich bei „Vaterland“ um eine Form der Alternativweltgeschichte, so verfolgt „Als Hitler den Krieg überlebte“ einen anderen Ansatz. Hier geht es nicht um einen alternativen Verlauf des Zweiten Weltkriegs, sondern darum, dass sich Hitler nach dem Untergang des „Dritten Reichs“ der Verantwortung entzogen hat und geflohen ist, dabei aber der Gruppierung um Doktor Harting in die Hände fiel. Wir haben es eher mit einer Parabel zu tun, welche die Frage aufwirft, ob es möglich ist, dass fanatischer Antifaschismus selbst in eine Form des Faschismus mutieren kann. Ebenso bekommt das Thema Gerechtigkeit in Bezug auf Schuld und Sühne breiten Raum.

Ab hier zwei Absätze mit Spoilern

Die Organisation um Doktor Harting hält Hitler gefangen, um ihn zu quälen. Dabei zeigt sie sich von einer Skrupellosigkeit ergriffen, die der Adolf Hitlers nicht viel nachsteht. Dass dem ehemaligen GröFaZ eine Scharade vorgespielt wird, kann man womöglich noch rechtfertigen, auch wenn es völlig sinnlos erscheint. Aber die Verschwörer schrecken auch vor Mord nicht zurück, spielen sich als Richter und Henker auf, speziell nach einem Überfall von Faschisten. Auch mit Scheinhinrichtungen vermeintlicher Nazis wird Hitler getäuscht. Dies nimmt Doktor Herman alias Wollmann sichtlich mit. Schließlich kommt Hitler unter die Guillotine, doch bevor das Fallbeil ihn enthauptet, befreien ihn wiederum uniformierte Nazis. Befreien? Von wegen, auch hierbei handelt es sich um eine Illusion.

Einmal mehr verlangt Herman von Harting, Hitler der Gerechtigkeit in Nürnberg zu überantworten. Hartings Antwort: Ich bin selbst die Gerechtigkeit! Ein Anhänger rechtsstaatlicher Strukturen und Verfahren ist der Verschwörer sicher nicht. Der entführte Arzt ist zwar auch emotional mittendrin, fungiert aber auch als Meta-Ebene, auf die sich das Publikum des Films stellen kann. Mit Hermans Augen erkennen wir das perfide Spiel, das mit Hitler gespielt wird. Welchem Zweck es dient, wird nie deutlich ausgesprochen, weshalb es spekulativ bleibt. Womöglich soll es eine besondere Form der Bestrafung darstellen, weil Hitlers Taten so monströs sind, dass sie mit herkömmlichen Methoden – ob rechtsstaatlich oder diktatorisch – überhaupt nicht gesühnt werden können. Dafür spricht die von mir eingangs erwähnte, von der Stimme aus dem Off in den Raum gestellte Frage, ob die Gesetze gegenüber millionenfach verübtem Mord ausreichen, Gerechtigkeit zu üben.

Ab hier wieder spoilerfrei

Die Schwarz-Weiß-Produktion mag in den 1970er-Jahren auch im Fernsehen der Bundesrepublik oder der DDR gelaufen sein, womöglich sogar im DDR-Kino. Bemerkenswert, dass ein derartiger SF-Thriller aus der sozialistischen Tschechoslowakei es 2017 in Deutschland auf DVD geschafft hat. Wer hat den Film wohl noch in Erinnerung? Oder überhaupt je von ihm gehört? Ebenso bemerkenswert, dass ein Film, der derart differenziert Faschismus und Antifaschismus thematisiert, seinerzeit hinter dem Eisernen Vorhang überhaupt entstehen konnte. Aber vielleicht protestiert jetzt jemand und wirft mir Unkenntnis der tschechoslowakischen Filmlandschaft vor. Ich bekenne: Der Vorwurf wäre gerechtfertigt.

Regisseur Zbynek Brynych (1927–1995) hat während seiner Laufbahn auch fürs deutsche Fernsehen gearbeitet, schon 1969 und 1970 beispielsweise vier Folgen der Krimiserie „Der Kommissar“ inszeniert. Auch Episoden von „Derrick“, „Der Alte“ und „Polizeiinspektion 1“ finden sich in seiner Filmografie. Mit „Als Hitler den Krieg überlebte“ hat er einen überaus interessanten Science-Fiction-Film gedreht, der als Drama und Thriller gleichermaßen gesehen werden kann. Ein kaum bekanntes, außergewöhnliches Werk, das zum Nachdenken anregt.

Veröffentlichung: 8. Dezember 2017 als DVD

Länge: 86 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Tschechisch/Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Já, spravedlnost
Alternativtitel: Ich, die Gerechtigkeit
Internationaler Titel: I, Justice
CSSR 1968
Regie: Zbynek Brynych
Drehbuch: Zbynek Brynych
Besetzung: Karel Höger, Angelica Domröse, Jirí Vrstála, Fritz Diez, Jindrich Narenta, Karel Charvat, Otto Sevcik, Jindrich Blazicek, Karel Peyr, Rudolf Macharovsky, Oldrich Stodola
Zusatzmaterial: Intro (3:12), Bilderschau, Trailershow, Wendecover
Label: Ostalgica
Vertrieb: Media Target Distribution GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2017 Ostalgica

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