Die letzten Glühwürmchen – Trauriger geht’s nimmer (Filmrezension)

Hotaru no haka

Wieder ein Gastbeitrag von Volker Schönenberger von unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“.

Anime-Kriegsdrama // Am 21. September 1945 bin ich gestorben. Dieser „Ich“, das ist Seita, der zerlumpt und abgemagert in einer japanischen Bahnhofshalle kauert, zusammensackt und seinen letzten Atemzug aushaucht. Ein Bahnbediensteter entdeckt den Leichnam, nimmt das tragische Ereignis achselzuckend hin, weil es offenbar an der Tagesordnung ist.

Der Prolog von „Die letzten Glühwürmchen“ nimmt das Ende vorweg, und das ist auch gut so. Das Anime-Kriegsdrama von 1988 ist traurig genug. Hätten wir auch noch die Hoffnung auf ein Happy End, die aber im Finale zerstört würde, würden wir anschließend womöglich noch bedrückter und bewegter sein, als wir es ohnehin sind.

Bomben auf Kōbe

Die Handlung springt zurück in die Zeit der
Luftangriffe auf Kōbe, die von Februar bis August 1945 andauerten. US-Bomber nähern sich der japanischen Großstadt. Seita und seine kleine Schwester Setsuko verpassen den Zeitpunkt, die Luftschutzbunker zu erreichen. Um sie herum entfachen Brandbomben einen Feuersturm, dem die in typisch japanischer Leichtbauweise errichteten Häuser reiche Nahrung bieten. Er und seine auf seinen Rücken geschnallte Schwester überleben knapp. In einem behelfsmäßig eingerichteten Lazarett trifft Seita auf seine Mutter, die schwerste Verbrennungen erlitten hat und im Sterben liegt. Kurz darauf wird ihr Leichnam gemeinsam mit vielen anderen verbrannt.

Ein Junge stirbt

Die Geschwister kommen für eine Weile bei einer Tante unter, die sich nach einer Phase der Eingewöhnung als recht kaltherzig erweist. So wirft sie Seita Faulheit vor, weil er nichts tut, außer sich um Setsuko zu kümern, der sein gesamtes Pflichtbewusstsein gilt. Schließlich entscheidet der Junge, mit seiner Schwester in eine Höhle umzuziehen, die er entdeckt hat. Dort müssen die beiden fortan dem Hunger und den Krankheiten trotzen.

„Warum sterben die Glühwürmchen so schnell?“

Schon wenn Setsuko kurz nach dem Bombenangriff Ich will zu meiner Mama schluchzt, zerreißt es einem das Herz, und es wird nicht weniger traurig, im Gegenteil. Selbst wenn die Kleine unbeschwerte Gedanken äußert, bringt das keine Erholung von der Tragik, sondern vertieft sie noch, da wir wissen, dass Setsukos Unbeschwertheit eine Illusion ist. Eines Tages entdeckt Seita, wie seine Schwester ein kleines Grab für einen Haufen Glühwürmchen buddelt. Mama ist doch auch in einem Grab, oder? Längst hat Setsuko von der Tante vom Tod der Mutter erfahren. Wenn Seita daraufhin zum ersten Mal die Tränen nicht mehr zurückhalten kann, muss man schon ein arg grober Klotz sein, um keinen Kloß im Hals zu verspüren. Warum sterben die Glühwürmchen bloß so schnell, Seita? So fragt ihn Setsuko und beginnt ebenfalls zu weinen. Wir ahnen: Auch die beiden sind Glühwürmchen, die viel zu schnell verglühen werden.

Vom Regisseur von „Heidi“

Von den deutschen Anime-Fans abgesehen, dürfte die 52-teilige Anime-Serie „Heidi“ von 1974 hierzulande die bekannteste Regiearbeit von Isao Takahata sein – sie lief ab 1977 im ZDF. „Die letzten Glühwürmchen“ bildete 1988 Takahatas Debüt für die heute legendäre Anime-Schmiede Studio Ghibli, zu deren Gründern er zählt und das solche Klassiker wie „Prinzessin Mononoke“ (1997), „Chihiros Reise ins Zauberland“ (2001) und „Das wandelnde Schloss“ (2004) hervorbrachte. Er selbst inszenierte noch das Melodram „Tränen der Erinnerung – Only Yesterday“ (1991), das Märchen „Pom Poko“ (1994), die Familienkomödie „Meine Nachbarn die Yamadas“ (1999) und das Märchen „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ (JAP 2013).

Seita und Setsuko fliehen vor den Flammen

Nach einem auf Kriegserinnerungen des Schriftstellers Akiyuki Nosaka basierenden Roman gedreht, hebt sich „Die letzten Glühwürmchen“ visuell von Takahatas übrigen Ghibli-Regiearbeiten und vielen anderen Animes ab, weil viele der Hintergründe und Landschaften deutlich naturalistischer als üblich gezeichnet sind. Die Gesichter erscheinen mir recht typisch gezeichnet, wenn ich mir diese Bemerkung als Anime-Laie erlauben darf. Doch selbst wem dieser Zeichenstil fremd bleibt, wird nicht umhin kommen, das Leid von Seita und Setsuko hautnah nachzuempfinden. „Die letzten Glühwürmchen“ belässt den Fokus ununterbrochen auf den beiden Geschwistern, die uns dadurch sehr ans Herz wachsen. Das macht insbesondere das Ertragen des knapp 20-minütigen Schlussakkords umso schwerer.

Sehr erwachsenes Anime-Meisterwerk

Abschließend möchte ich auf die Rezension von „Die letzten Glühwürmchen“ bei „Die Nacht der lebenden Texte“ verweisen. Durch deren Autor Matthias Holm bin ich erstmals nachhaltig mit dem Anime-Sektor in Berührung gekommen. Ich bin kein großer Fan dieses urjapanischen Bereichs der Animationsfilme geworden, habe aber ein paar herausragende Animes entdeckt. „Die letzten Glühwürmchen“ ist eines davon. Trotz zweier Kinder als Protagonisten sehr erwachsen, meisterhaft und dabei tieftraurig. Eine Antikriegsbotschaft in Vollendung, auch wenn Isao Takahata die pazifistische Intention seiner Arbeit verneint hat.

Veröffentlichung: 30. November 2018 als Collector’s Candybox Edition Blu-ray, 27. September 2013 als Blu-ray, 26. November 2007 als Deluxe Edition Doppel-DVD, 27. August 2002 als DVD

Länge: 89 Min. (Blu-ray), 85 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Hotaru no haka
DDR-Titel: Das Grab der Leuchtkäfer
Internationaler Titel: Grave of the Fireflies
JAP 1988
Regie: Isao Takahata
Drehbuch: Isao Takahata, nach einem Roman von Akiyuki Nosaka
Zusatzmaterial: Interview mit Isao Takahata, Making-of, Gespräch mit dem Filmstab, nur Candybox Edition: 24-seitiges Booklet, 3 Artcards, Novelle „Das Grab der Leuchtkäfer“
Label/Vertrieb: KAZÉ / AV Visionen GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenbilder & Packshots: © KAZÉ / AV Visionen GmbH

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