Withnail and I – Im Rausch von London aufs Land (Filmrezension)

Withnail and I

Einmal mehr eine Gastrezension von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Tragikomödie // Feine Klänge leiten „Withnail and I“ ein: „A Whiter Shade of Pale“, interpretiert von King Curtis (im Original von Procol Harum). Wir befinden uns im Jahr 1969 im Londoner Stadtteil Camden Town. Marwood Paul McGann – er ist der „I“ aus dem Filmtitel – verlässt die Wohnung, die er sich mit seinem Schauspielerkollegen Withnail (Richard E. Grant) teilt. Nach einem Frühstück in einem billigen Arbeiterlokal kehrt er gerade rechtzeitig zurück, damit sich Withnail darüber beklagen kann, dass ihnen der Wein ausgegangen ist. Beide sind offenkundig berauschenden Substanzen zugetan. Als sie über den vor sich hin gammelnden Abwasch in Panik geraten, verlassen, die beiden ihr Heim, um sich bei einem Spaziergang im Park in Selbstmitleid zu üben. Beruflich läuft es suboptimal. Withnail wird nicht einmal mehr zu Vorsprechen eingeladen, und auch Marwoods letzte Rolle liegt etwas zurück. Sie sehen sich als Dandys, die über das Leben philosophieren, obwohl sie nicht einmal ihr eigenes Dasein im Griff haben und es nur mit Drogen ertragen.

Ab in die Provinz!

Ein Erholungstrip aufs Land soll ihr Leben umkrempeln. Es gelingt ihnen, Withnails begüterten Onkel Monty (Richard Griffiths, „Harry Potter“-Reihe) zu überreden, ihnen den Schlüssel zu dessen Landhaus in Nordengland zu überlassen. Anderntags begeben sie sich in Marwoods Rostlaube von Jaguar auf die Reise. Sie ahnen nicht, dass auch die Provinz ihre Tücken hat.

Abgehalftert: Marwood (l.) und Withnail

Im Vereinigten Königreich hat sich „Withnail and I“ nach verhaltenem Start eine gewisse Kult-Anhängerschaft erarbeitet. Da die zwei verkrachten Schauspieler gern mal einen heben, gibt es sogar ein Trinkspiel zum Film. Bei einer von der ehrwürdigen britischen Tageszeitung „The Guardian“ vorgenommenen Umfrage unter Filmschaffenden landete die Tragikomödie 2009 hinter Danny Boyles „Trainspotting – Neue Helden“ (1996) auf einem respektablen zweiten Rang.

Was ist ein „Toilet Trader“?

Von der britischen Bekanntheit kann in Deutschland nicht die Rede sein, dabei sprüht die Tragikomödie vor Esprit. Aufgrund des englischen Sprachwitzes empfiehlt sich die Sichtung mit Original-Tonspur, auch wenn ihr nicht immer einfach zu folgen ist. Dies ist bedingt zum einen durch spezielle Formulierungen, die sich nicht immer adäquat übersetzen lassen, zum anderen durch ein paar Landbewohner mit rustikalem Slang. So musste ich beispielsweise erst einmal nachschlagen, was ein „Toilet Trader“ ist – so bezeichnet man im Englischen einen homosexuellen Mann, der auf öffentlichen Toiletten Sex mit Gleichgesinnten sucht. Dazu passt die Anekdote, dass Regisseur Bruce Robinson bei einer ersten Vorführung des Films regelrecht entgeistert registrierte, dass das Publikum mucksmäuschenstill blieb und bei keinem Gag zu lachen begann. Anschließend stellte er fest, dass der Saal ausschließlich mit deutschen Touristinnen und Touristen gefüllt war, die zufällig in einem benachbarten Hotel abgestiegen waren und von dem englischen Wortwitz überhaupt nichts verstanden. Ob die deutsche Synchronisation dem Original gerecht wird, vermag ich nicht zu beurteilen, da ich auf den Kauf einer deutschen Edition zugunsten des schönen englischen Steelbooks verzichtet habe.

Die beiden Schauspieler beschließen …

Auf eine sonderbare Art und Weise lässt „Withnail and I“ uns schmunzeln, auch wenn sich die beiden Titelhelden schnell als mitleiderregende, von Ängsten und Neurosen getriebene Gestalten entpuppen. Während Paul McGann eher zurückhaltend agiert, spielt sich Richard E. Grant die Seele aus dem Leib. Für beide war ihr jeweils erster Auftritt in einem Kinofilm ein Sprungbrett, das sie auch nach Hollywood führte: McGann spielte unter anderem in Steven Spielbergs „Das Reich der Sonne“ (1987), David Finchers „Alien 3“ (1992) und Stephen Hereks „Die drei Musketiere“ (1993). Von 2007 bis 2011 verkörperte er den achten „Doctor Who“. Grant war 1991 in „L.A. Story“ an der Seite von Steve Martin und in „Hudson Hawk – Der Meisterdieb“ neben Bruce Willis zu sehen, 1992 gab er den Dr. Seward in Francis Ford Coppolas „Bram Stoker’s Dracula“. Mit „Logan“ (2017) und „Star Wars: Episode IX – Der Aufstieg Skywalkers“ (2019) stehen sogar zwei große Hollywood-Franchises in seiner Filmografie zu Buche. Für seine Nebenrolle in der biografischen Krimikomödie „Can You Ever Forgive Me?“ (2018) wurde er immerhin für Oscar und Golden Globe nominiert. Während sich Grant in Hollywood etabliert hat, ist McGann stets dem englischen Fernsehen treu geblieben.

Von Franco Zeffirelli angebaggert

Der „on location“ gedrehte „Withnail and I“ wirkt trotz des Wechsels zwischen London und dem Lande reduziert, konzentriert sich auf wenige Schauplätze, die aber umso präziser ins Bild gesetzt sind. Ungewöhnlich, in den späten 80er-Jahren einen Blick auf die ausklingenden 60er zu werfen, in der zwei kauzige Gestalten wie aus der Zeit geworfen erscheinen. Etwas aus der heutigen Zeit gefallen sind sowohl die aufdringlichen Avancen, die Withnails schwuler Onkel Monty Marwood macht, als er den beiden einen Überraschungsbesuch auf dem Lande abstattet, als auch Marwoods unbeholfene Abwehr derselben. Schuld daran ist eine kleine Gemeinheit Withnails, der zuvor Monty gegenüber eine homosexuelle Veranlagung Marwoods angedeutet hatte. Dem Vernehmen nach beruht diese Szene auf Erfahrungen, die Regisseur Bruce Robinson als Schauspieler am Set von Franco Zeffirellis „Romeo und Julia“ (1968) einst selbst gemacht hatte, als ihn der Regisseur persönlich anbaggerte.

… aufs Land zu fahren

Für den Engländer Bruce Robinson war „Withnail and I“ das Regiedebüt, das er nach eigenem Drehbuch inszenierte – sein zweites Skript nach dem zu Roland Joffés Kambodscha-Kriegsdrama „Killing Fields – Schreiendes Land“ (1984), für das er Oscar- und Golden-Globe-Nominierungen erhalten hatte. Bedauerlich, dass ihm als Drehbuchautor wie Regisseur nur eine kurze Karriere beschieden war. Nach „Kopf an Kopf“ (1989, erneut mit Richard E. Grant), „Jennifer 8 ist die Nächste“ (1992) mit Andy Garcia und Uma Thurman sowie „Rum Diary“ (2011) mit Johnny Depp wurde es ruhig um Robinson.

Schaut es euch an, ihr Deutschen!

Trotz des Alkohol- und Drogennebels, der speziell Withnail konstant umwabert, ist die Tragikomödie von großer Klarheit erfüllt. Bruce Robinson enthüllt seine Figuren, stellt sie aber niemals bloß, sondern behandelt sie mit Respekt und Liebe. „Withnail and I“ hat seinen Abdruck in der britischen Popkultur und im englischen Sprachgebrauch gleichermaßen hinterlassen. Ein höherer Bekanntheitsgrad auch in Deutschland ist der wunderbar melancholischen Tragikomödie zu wünschen. Sie hat es verdient, und bei allen britischen Eigentümlichkeiten stellt sie auch für deutsche Filmfans einen Hochgenuss dar.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Richard E. Grant sind dort in der Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Im betulichen Café machen sie sich schnell unbeliebt

Veröffentlichung: 7. September 2012 als Blu-ray und DVD, 19. Januar 2007 als DVD

Länge: 107 Min. (Blu-ray), 103 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Withnail and I
GB 1987
Regie: Bruce Robinson
Drehbuch: Bruce Robinson
Besetzung: Richard E. Grant, Paul McGann, Richard Griffiths, Ralph Brown, Michael Elphick, Daragh O’Malley, Michael Wardle, Una Brandon-Jones
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Bruce Robinson, Audiokommentar mit Paul McGann und Ralph Brown, Featurette „Die Handmade Story“ (24:36 Min.), Featurette „Postcards from Penrith (20:54 Min.), Interview mit Bruce Robinson (14:20 Min.), 2 englische Trailer, deutscher Trailer, Dokumentation „Withnail & Us“ (24:49 Min.), Hinter-den-Kulissen-Bildergalerie (0:59 Min.), Featurette „Swear-a-Thon“ (1:14 Min.), Featurette „Drinking Game“ (14:57 Min.)
Label 2012: Black Hill Pictures / Spirit Media
Vertrieb 2012: Koch Media (Koch Films)
Label/Vertrieb 2007: Sunfilm (Tiberius Film

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2012 Black Hill Pictures / Spirit Media

Ein Gedanke zu “Withnail and I – Im Rausch von London aufs Land (Filmrezension)

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