Unterwegs nach Sarajevo | Teil 1

BELMONTE

Andreas Kiercher, Jeanne Josquin-Brenet, Fabiu Petrescu und ein Kind

Bloß raus aus Timisoara.
Der Pick-up fast Schrott.
Damit kommen sie niemals an.

Allen ist klar,
dass es Probleme geben wird.

Überqueren die Bahngleise.

Jeanne zu Andreas:

„Bin gespannt,
wie weit wir mit dieser Kiste kommen.“

Andreas nimmt eine Ausfahrt,
verlässt die Schnellstraße,
blickt nervös hin und her.

„Nicht das Auto,
was das Problem ist,
sondern die Milizen,
die sich überall rumtreiben.
Schau mal da drüben.“

Zeigt nach der anderen Straßenseite.
Hängen drei Leichen an einer Baumgruppe.

„Die zerren uns einfach aus dem Auto,
hängen uns genauso an die Bäume.“

„Vorher schieß ich einige übern Haufen,
wirst schon sehen.“

„Rede nicht so viel.
Fahr einfach.“

Die Sonne durch die Windschutzscheibe.
Straße flimmert.
Farbloser Himmel.
Stinkt immer noch nach Schwefel.

Schüsse von der Seite.
Knattern von Maschinenpistolen.

„Duckt Euch!“

„Pass auf das Kind auf.“

Jeanne beugt sich über das Kind,
zwischen ihr und Fabiu eingeklemmt,
gehen in Deckung,
beugen sich zur Seite,
nach unten,
so gut es geht.
Wieder das Knattern.

Kugeln schlagen auf der Fahrertür auf.

„Fahr weiter,
sind ja völlig irrsinnig hier.“

„Glaubt ihr wirklich,
dass wirs schaffen,
wenn diese Ballerei jetzt schon losgeht?“

Fahren an verbrannten Fabriken und Werkhallen vorbei,
Häuserruinen,
eine Kirche,
Turm eingestürzt.
Am Straßenrand liegengebliebene Autos,
zurückgelassen,
Schrott,
genau wie ihr Pick-up.
Fährt wenigstens noch.
Wer weiß,
wie lange.

Nirgendwo jemand zu Fuß unterwegs.
Zu gefährlich,
hier rumzulaufen.
Hitze kaum zu ertragen.

Lange Straße geradeaus,
Bungalows auf beiden Seiten,
kahle Bäume.
Wieder Knattern von Maschinenpistolen,
von irgendwoher.

Fabiu in den vergangenen Jahren als Bauzeichner,
dann als Architekt in Bukarest gearbeitet.
Seine Eltern und Schwester seit Monaten nicht gesehen,
kein Kontakt,
weiß nicht,
wo sie sind,
ob überhaupt noch am Leben.

Sehnt sich nach seiner Schwester,
die nach Berlin wollte.
Wer weiß,
ob sie je angekommen ist.

Fabiu hatte als Kind immer Angst,
wenn es Nacht wurde.
Auch später noch.
Immer musste jemand bei ihm sein,
seine Mutter,
seine Schwester,
bis er einschlief.

Ging irgendwann vorbei,
aber seit ein paar Monaten ist die Angst wieder da,
den ganzen Tag nervös,
scheut den Gedanken an Dämmerung und Nacht,
niemand bei ihm.

Am helllichten Tag bricht ihm der Schweiß aus,
wenn er an die Nacht denkt.
Fürchtet sich vor der Nacht.
Gibt allen Grund,
sich zu fürchten.

Jetzt sitzt das Kind neben ihm,
müssen es nach Sarajevo bringen.
Kind sitzt ganz ruhig.

Fahren eine langgezogene Kurve.
Vor ihnen Rauch.
Fahren weiter.
Dichter Qualm.
Etwas langsamer.
Am Straßenrand ein umgekippter Tanklaster,
Tankbehälter fast vollständig vom Qualm umhüllt,
Zugmaschine komplett ausgebrannt,
kein Mensch zu sehen.

Andreas fährt den Pick-up am brennenden Wrack vorbei,
vorsichtig,
beschleunigt etwas.

Schaut auf das Kind.
Die Luft stinkt abscheulich,
Schwer zu atmen.
Kind sitzt zwischen Fabiu und Jeanne,
schläft,
Kopf an Fabius Arm gelehnt.

Irgendwas fängt an zu leuchten,
als wärs das Kind.

Der Tanklaster hinter ihnen explodiert,
Explosion so stark,
wirft den Pick-up mit einem Satz nach vorn,
zur Seite,
Andreas lenkt gegen,
stabilisiert das Fahrzeug.

„Pass auf,
dass du nicht von der Straße abkommst.“

„Tu ich ja,
ich versuchs.“

„Was war denn das?“

„Tankfahrzeug,
lag am Straßenrand,
ist einfach explodiert.
Waren schon vorbei zum Glück.“

„Hier ist alles kaputt.
Bald gibts hier nichts mehr.“

„Straße ist noch ganz gut befahrbar.“

„Freu dich nicht zu früh.
Schaut mal da.“

„Was ist da los?“

„Kontrollstelle.“

„Was schlagt ihr vor?
Anhalten oder beschleunigen und durchrasen?“

„Zu gefährlich.
Was ist,
wenn sie Reifenstopper ausgelegt haben,
dann können wir alles vergessen.“

Kommen näher an den Kontrollpunkt.
Mann in Tarnkleidung hebt die Hand,
ein anderer neben ihm.
Andreas lässt das Auto ausrollen.

„Jetzt alle ganz ruhig.
Pistolen hinter den Sitz.
Lasst mich reden.“

Kommen näher an den Kontrollpunkt.
Ein dritter Mann tritt aus einem Holzverschlag,
kommt dazu,
dunkle Tarnjacke.
Andreas bremst vor der Schranke.

Der die Hand gehoben hat,
zu Andreas:

„Was wollt ihr hier?“

„Wir fahren nach Sarajevo.“

„Warum wollt ihr da hin?“

„Treffen dort jemanden.“

„Habt euch die unpassendste Zeit ausgesucht,
nach Sarajevo zu fahren.
Werdet ihr nie ankommen.
Würde euch am liebsten zurückschicken.“

Kurze Pause,
schaut in die Richtung,
aus der sie gekommen sind,
schaut das Kind an.

„Ist das euer Kind?“

Schweigen.

Jeanne schaut ihn an.

„Ich bin die Mutter.“

Andreas nervös.

„Wir bringen sie mit dem Kind nach Sarajevo.“

Der Mann schaut wieder in die rückwärtige Richtung,
unschlüssig.
Der Andere aus der Holzhütte:

„Gibt es ein Problem?“

„Sie sagen,
sie wollen nach Sarajevo.
Haben ein Kind bei sich.
Die Frau sagt,
sie ist die Mutter.“

Der andere beugt sich zu Andreas.

„Was war das für eine Explosion?“

Andreas immer noch nervös.

„Ein Tanklaster.
Lag brennend am Straßenrand.
Heftige Explosion,
als wir vorbei waren.“

„Wer ist der da drüben?“

Zeigt auf Fabiu.

Fabiu schaut nach vorn,
regt sich nicht.

„Bist du taub?“

„Er ist ein Kollege von mir.“

„Ein Kollege,
ja?“

„Ja.“

„Okay,
ein Kollege also.
Aber er gefällt mir nicht,
Dein Kollege.
Du,
Kollege,
kannst du mich hören?“

Geht um das Auto.
Zum Anderen:

„Der da rechts im Auto,
soll rauskommen.“

Der Andere:

„Was ist mit ihm?“

„Gefällt mir nicht.“

Nimmt seine Pistole,
stellt sich abseits auf,
zielt auf Fabiu.

„Du,
der du nicht hören kannst,
steig aus,
mach keine Faxen.“

Tritt näher an die Beifahrertür.

„Ich hoffe,
du kannst mich hören.“

Fabiu schaut immer noch nach vorne,
völlig reglos,
als hört er nicht zu.
Öffnet die Beifahrertür,
drückt sie langsam auf,
setzt einen Fuß nach draußen.

Der Andere:

„Ganz langsam,
schön ruhig,
beide Hände sichtbar.
Ich sagte,
beide Hände sichtbar.“

Jetzt alles ganz schnell.

Weiter zu Teil 2

(c) belmonte 2021

Ein Gedanke zu “Unterwegs nach Sarajevo | Teil 1

  1. Pingback: Unterwegs nach Sarajevo | Teil 2 | vnicornis

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.