Unterwegs nach Sarajevo | Teil 2

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BELMONTE

Fabiu stößt die Tür mit einem Schlag auf,
wirft den anderen zurück,
langt hinter sich,
greift eine Pistole,
wirft sich nach draußen auf den Boden,
schießt auf den anderen,
der krümmt sich,
stöhnt auf.

Der Erste gibt mehrere Schüsse auf Fabiu ab,
trifft mehrmals seinen Kopf.
Fabiu sinkt in sich zusammen,
bleibt liegen.
Andreas tritt auf das Gaspedal,
fährt mit einem Ruck durch die Schranke,
Beifahrertür schlägt von der Beschleunigung zu.
Schreit:

„Köpfe runter!“

Von hinten mehrere Kugeln.
Das Kind drückt sich an Jeannes Seite,
Jeanne beugt sich nach vorn,
Andreas jagt den Pick-up voran.

„Was sollte das denn?
Was hat Fabiu sich dabei gedacht?
Aussteigen und einfach alle übern Haufen schießen?
Nur weil dem einen sein Gesicht nicht gefiel?“

„Er ist wohl einfach ausgetickt.“

„Wer weiß,
wo die noch überall Leute stehen haben,
wen die jetzt alles benachrichtigen.
Noch so ne Straßensperre,
und die wissen,
dass wir kommen,
dann sind wir geliefert.“

„Vielleicht sollten wir eine andere Straße fahren.“

„Ich bin diese Straße so oft gefahren.
Es gibt noch die Schnellstraße,
aber da schaffen wir es noch viel weniger.
Sehr weit sind wir jedenfalls noch nicht gekommen.“

Andreas beschleunigt den Pick-up,
so schnell es geht,
hält ihn mit Ach und Krach auf der Straße,
in den Kurven.
Kein Mensch weit und breit.

„Die Straße wird sicher nochmal gesperrt sein.
Vielleicht sollten wir etwas langsamer fahren,
oder uns für ein paar Stunden in die Büsche schlagen.“

„Du hast recht.
Wenn sie uns verfolgen,
werden sie bald aufgeben.
Es sind schon genug Monster unterwegs.“

„Schau mal,
zwischen den Bäumen,
der Weg da vorne.“

Andreas bremst,
biegt ab,
ungepflasterter Weg,
fährt langsam,
über ihnen entlaubte Bäume,
weicht Schlaglöchern aus.

Fahren eine Weile.
Der Weg endet vor einem offenen Tor,
dahinter ein Bungalow zu erkennen,
überall entlaubte Bäume,
das Haus grau,
früher vielleicht mal weiß.
Fahren durch das Tor,
Andreas bremst ein paar Meter vor dem Haus.

„Was denkst du?
Sollen wir hierbleiben?“

„Keine Ahnung.
Lass mal schauen,
ob jemand hier ist.“

Andreas wendet den Pick-up,
stellt den Motor ab,
langt hinter sich,
greift zwei Pistolen,
reicht Jeanne eine davon.

„Lass mich zuerst schauen.
Bleib du beim Kind.“

Sie nimmt das Kind,
hebt es auf Andreas Seite,
öffnet die Beifahrertür
steigt aus.

Jeanne kommt aus Paris,
paar Jahre in Leipzig,
Grundschullehrerin.
Ständig wechselnde Partner,
Scheiß auf Beziehungen,
Zukunft sowieso desolat,
leben okay,
aber nicht für irgendwas,
oder jemanden.
Einzig Kinder reißen sie raus,
sie weiß nicht warum,
Mütterlichkeit jedenfalls nicht,
Mitleid auch nicht.
Sie tritt zur Haustür,
öffnet sie,
ohne zu klopfen,
tritt ins Haus,
läuft schnell,
richtet die Pistole nach allen Seiten,
in den angrenzenden Raum,
kleine Küche,
weiterer Raum.

Das Haus kleiner,
als es von außen den Anschein hat,
wenige Möbel,
alles etwas unordentlich,
nicht sehr sauber,
aber nicht verwahrlost.

Niemand da.
Zurück in die Küche,
am wenigen Geschirr nicht erkennen,
wann zuletzt jemand hier war.
Öffnet den Wasserhahn,
kein Wasser.
In einem Schrank alte Konserven,
Büchsenfleisch,
ein paar leere Flaschen,
sonst nichts.

Nochmal in das dritte Zimmer,
zwei Holzbetten,
unbezogene Matratzen.
Die Luft abgestanden,
genauso heiß wie draußen,
keine Abkühlung.

Nach draußen,
zurück zum Auto.

Zu Andreas:

„Keiner da,
kein Lebenszeichen.
Schau selbst.
Wer immer hier war,
ich weiß nicht,
wie lange der oder die schon weg sind.“

„Wir können ein bisschen hierbleiben.
Werden schon aufpassen,
wenn jemand kommt.“

„Fahr das Auto am besten hinters Haus,
falls jemand kommt,
dass ers nicht sofort sieht.“

Jeanne nimmt das Kind auf den Arm,
zurück ins Haus,
öffnet ein paar Fenster,
setzt das Kind auf den Boden.
Andreas kommt rein,
Pistole in der Hand,
Rucksack in der anderen,
schaut sich um,
nimmt eine Flasche Wasser aus dem Rucksack.
Alle trinken nacheinander.
Andreas gibt dem Kind das Wasser,
hilft ihm.

„Tut mir leid,
dass es Fabiu erwischt hat.“

„Tut mir auch leid.“

„Und jetzt?“

„Und jetzt was?“

„Was machen wir jetzt?“

„Jetzt warten wirn paar Stunden,
dann gehts weiter.“

„Können die Nacht über hierbleiben.“

„Weiß nicht.
Heute Abend weiterfahren,
wohl keine gute Idee.“

Schweigen.
Kind schaut sie an.
Andreas setzt sich neben das Kind,
nimmt Zwieback aus dem Rucksack,
getrocknetes Obst,
gibt dem Kind davon,
isst selbst etwas.
Steht auf,
schaut in die anderen Zimmer
kommt zurück,
packt die Konserven,
die Jeanne gefunden hat,
in den Rucksack.

„Ziemlich trostlos hier.“

„Überall trostlos,
würde ich sagen.“

„Lass uns rübergehen,
ich hab im anderen Zimmer zwei Betten gesehen.

Jetzt,
dass Fabiu nicht mehr da ist,
wer weiß,
wann wir wieder dazu kommen.“

Gehen in das Zimmer mit den Betten,
legen die Pistolen neben eines der Betten,
Andreas schiebt seine Hose runter,
greift nach Jeanne,
sie greift nach ihm,
zieht ihre Hose aus,
legen sich hin,
sie spürt ihn,
gefällt ihr,
geht schnell,
gefällt ihm auch.

Schweigen eine Weile,
liegen nebeneinander.
Ein Mann im Trainingsanzug tritt ein,
umgehängte Maschinenpistole.

„Schön habt ihrs hier,
würde gern dabei sein.
Macht euch sicher nichts aus.“

Weiter zu Teil 3

(c) belmonte 2021

2 Gedanken zu “Unterwegs nach Sarajevo | Teil 2

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