Unterwegs zu Cecilia | Fünfter Teil

valentino

Illustration: Valentino

Beim Aufwachen hatte ich das Zeitgefühl verloren. Ich blickte durchs Fenster des Comedors. Der Regen hatte aufgehört, als das milchige Mondlicht durch die Wolken brach. Noch immer war ich allein im Raum. Narcisa war nicht gekommen. Aus der Küche hörte ich Geräusche vom Schneiden und Zubereiten von Speisen. Eine leise Musik spielte im Radio.

Ich wusste nicht mehr, ob ich alles wirklich erlebt hatte oder ob ich bloß träumte und einer Illusion hinterherlaufen würde. Was war aus Sandy und den Mendozas geworden? Ich hatte Narcisa seit unserem letzten Zusammentreffen vor einem Jahr in Todos Santos nicht mehr gesehen. Hatte ich den weiten Weg auf mich genommen und einen halben Tag im Bus verbracht, um an diesem Abend alleine zu bleiben?

Essengerüche drangen aus der Küche. Nach dem Fest hatte sich eine seltsame Stille über das Bergdorf gelegt. Ich stellte mir vor, wie die Leute nach dem Regen nach Hause gegangen wären. Nebel stiege über den Berghängen auf. Am Hang gegenüber lägen im Mondlicht über dem Tal die Terrassen von K’atepan, der verlassenen Tempelanlage der Maya. Ich hing meinen Gedanken nach, als sich behutsam knarrend die Tür öffnete und aus der Nacht Narcisa in den Comedor Coyoteca eintrat.

(c) valentino 2020

Unterwegs zu Cecilia | Vierter Teil

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Illustration: Valentino

Die Fahrt von der Hauptstadt an die Nordgrenze dauerte zwei Tage und Nächte. In der ersten Nacht hielt der Bus an einem Militärposten. Ein Soldat weckte mich und forderte mich zum Aussteigen auf, indem er mir den Kolben seines Gewehrs in die Seite stieß. Er wies mir mit dem Licht seiner Taschenlampe den Weg durch die Dunkelheit bis in eine Halle, in der in einer beleuchteten Ecke mehre Soldaten um einem Tisch herum standen.

Auf dem Tisch lagen mein geöffneter Rucksack und verstreut dessen Inhalt. Die Soldaten hatten verdächtige Gegenstände in einem Beutel gefunden. Ich erklärte ihnen, es handele sich um mein Schweizer Taschenmesser und Hygieneartikel, woraufhin sie alles wieder einpackten. Auf dem Rückweg verlangte der Soldat für das Tragen meines Rucksacks eine Mordida, das in Mexiko übliche Schmiergeld.

Am nächsten Tag fuhr der Bus durch die Sonora-Wüste. Saguaros, die für diese Landschaft typischen baumartigen Kakteen, standen bis zum Horizont im Sand. Nachdem der Bus noch einmal angehalten hatte, stieg ein Soldat ein und überprüfte die Papiere der Fahrgäste. Als sich der Bus daraufhin wieder in Bewegung setzte, suchten wir aufgrund eines bei der Inspektion entdeckten Reifendefekts eine Werkstatt mitten in der Wüste auf.

(c) valentino 2020

Unterwegs zu Cecilia | Dritter Teil

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Illustration: Valentino

Damals fand gerade das jährliche Stadtfest in San Mateo statt. Ich erreichte das abgelegene Bergdorf um halb fünf Uhr nachmittags. Der Bus war um zehn Uhr morgens von Huehue abgefahren und hatte dann San Juan Ixcoy um ein Uhr mittags, Soloma um zwei und Santa Eulalia um drei Uhr nachmittags passiert. Viele Chuj, Angehörige der im Dorf lebenden Indigenen, feierten trotz des Regens auf der Straße.

Langsam brach die Dunkelheit über die Häuser herein, die sich im spärlichen Licht der untergehenden Sonne sanft an die wolkenverhangenen Hänge des Höhenzugs schmiegten. Ich hatte mir in einem höhergelegenen Bergtal ein Zimmer im Hotel San Pablo genommen und meine Sachen dort gelassen. Daraufhin war ich in den Comedor Coyoteca gegangen und hatte den Besitzer nach Narcisa gefragt. Er hatte mir gesagt, sie würde später eintreffen. Auf einem Tisch vor dem Fenster lag weißer kugelrunder Käse. Der Regen prasselte an die Scheibe.

Spät abends spielten Musiker die Marimba. Tänzer in Stierkostümen tanzten den Baile de los Toritos, den Stiertanz, auf dem Platz gegenüber der Kirche. Sie feuerten Feuerwerkskörper ab, die an ihren Kostümen befestigt waren und die kreisend Flammen schlugen oder ziellos durch die Luft flogen. Die dicht gedrängt stehenden Zuschauer waren ständig auf der Hut vor Blindgängern und wichen vor ihnen aus, wobei sie sich gegenseitig schubsten oder rempelten.

(c) valentino 2020

Unterwegs zu Cecilia | Zweiter Teil

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Illustration: Valentino

Ich saß auf einem roten Plastikstuhl in der Wartehalle im Busterminal im Norden von Mexiko-Stadt. Mein Bus in den Norden des Landes würde in drei Stunden abfahren. Die Wartezeit vertrieb ich mit Sitzen, Lesen und Herumlaufen. Ich war mir sicher, Cecilia wäre auf demselben Weg unterwegs und ich würde ihr nun auf der Spur sein. Eine Durchsage ertönte über den Lautsprecher, der Bus sei eingetroffen und man solle einsteigen.

Ich glaubte, ein Bild von Cecilia rekonstruieren zu können, wenn es mir gelänge, in meiner Vorstellung an die Orte zurückzukehren, an denen ich Narcisa begegnet war. Während unterwegs die Erinnerungen auftauchten, versiegten sie nach der Heimkehr. Beim Versuch, sie zu Hause niederzuschreiben, war mein Kopf leer und mein Schreiben blockiert. So ging viel Zeit mit Warten verloren.

Narcisa blieb seit unserer letzten Begegnung in Todos Santos verschwunden. Jedoch war ich ihr danach noch einmal wieder begegnet. Ein Jahr später reiste ich in ein benachbartes Bergdorf im Hochland Guatemalas. San Mateo Ixtatán (kurz: San Mateo) lag noch abgelegener als Todos Santos im Cuchumatanes-Gebirge. Die Busfahrt über steile Gebirgspässe und schmale Passstraßen ohne Asphalt mit tiefen nebelverhangenen Schluchten am Straßenrand dauerte mehrere Stunden.

(c) valentino 2020

Unterwegs zu Cecilia | Erster Teil

valentino

Illustration: Valentino

Narcisa und ich waren eine Station zu früh aus dem Bus ausgestiegen. Es war auch keine Station in dem Sinne, dass es dort eine Haltestelle mit Schild und Wartehäuschen gegeben hätte. Stattdessen hatte der Bus vor einem Wohnhaus am Straßenrand gehalten. Eine flache Steinmauer umgab einen Hof, auf dem im Wind Wäsche trocknete. Die vorbeifahrenden Fahrzeuge wirbelten Staub auf.

Am Nachmittag erreichten wir die Basilika. Sie lag in einem Labyrinth aus verwinkelten, kopfsteingepflasterten Gassen in Trastevere, am Ufer des Tiber. Wir gelangten durch das Tor des Eingangsgebäudes auf den Innenhof. Vor uns ragte der Kampanile in den leicht bewölkten blauen Himmel. Wasser plätscherte aus einem Springbrunnen in ein Becken mit einer großen Henkelvase. Wir schritten durch den Portikus unter dem Architrav und betraten den kühlen Innenraum.

Im Nachhinein tauchen die Bilder in meinem Bewusstsein auf: Raffaels Dame mit Einhorn in der Galleria Borghese auf dem Pincio und die Transfiguration, wie sie Wackenroder in seinen Herzensergießungen beschrieben hatte, oder Leonardos unfertiger Hieronymus in den Vatikanischen Museen. Doch keines dieser Kunstwerke sollte die vollkommene Schönheit des Werkes erreichen, das ich vor einer scheinbaren Ewigkeit in jenem lange vergessenen Sommer in der Basilika erblickte.

(c) valentino 2020