Café Belgica – Besoffen in Gent (Filmrezension)

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Belgica

Gastrezension von Andreas Eckenfels, Autor unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Drama // Nach dem großen Erfolg seines Oscar-nominierten Liebesdramas „The Broken Circle“ (2012) konnte sich Regisseur Felix van Groeningen kaum vor Anfragen aus dem In- und Ausland retten. Doch der Belgier beschloss, stattdessen sein – wie er selbst sagt – bisher persönlichstes Projekt zu realisieren. Sein Vater führte von 1989 bis 2000 das Café Charlatan in Gent. In der Live-Musikkneipe stand van Groeningen aushilfsweise hinter der Theke und sog das Treiben in dem gesellschaftlichen Mikrokosmos in sich auf.

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Auf einem Auge blind: Jo hat große Pläne mit dem „Café Belgica“

Auch, wenn er viele Situationen aus dem Film so oder ähnlich selbst erlebt habe, bestreitet der Regisseur, dass „Café Belgica“ autobiografische Züge trage. Diese Zeit habe mehr als eine Art Recherche für sein Brüderdrama gedient, für das van Groeningen auf dem Sundance Filmfestival 2016 den Regiepreis für den besten
internationalen Film gewann.

Zwei Brüder im Partyrausch

Der musikbegeisterte Jo (Stef Aerts) betreibt die heruntergekommene kleine Kneipe „Café Belgica“. Die Lokalität ist beliebt, denn der auf einem Auge blinde Jo weist niemanden ab. Jeder soziale Stand und jedes Alter trinkt hier sein Bier, jede Art von Musik wird in seinem Zufluchtsort für allerlei verlorene Seelen gespielt. Eines Tages kommt Jos älterer Bruder Frank (Tom Vermeir) zu Besuch. Beide haben sich lange nicht mehr gesehen. Der Familienvater ist begeistert vom „Café Belgica“ und willigt trotz klammer Finanzlage und gegen den Willen seiner Frau Isabelle (Charlotte Vandermeersch) ein, in Jos Laden als Teilhaber zu investieren.

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Jo, Frank und Tim (v. l.) sind in Feierlaune

Gemeinsam vergrößern die Brüder das „Café Belgica“. In einem neuen Nebenraum finden nun Konzerte statt. Das Partyvolk reagiert begeistert und rennt den Brüdern die Bude ein. Doch zunehmend verlieren Jo und Frank die Kontrolle über das Geschehen. Die einst idealistischen Werte der Brüder werden zunehmend über Bord geworfen. Besonders Frank verliert sich immer mehr im täglichen Rauschzustand aus Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll. Schließlich muss Jo eine schwere Entscheidung treffen …

Vergängliche Momente

Da dröhnt der Schädel: Die Kneipen- und Partyszenen sind mitreißend inszeniert. Den Rausch, den Schweiß, das Gedränge und das Bier kann man förmlich riechen und schmecken. Für den passenden Soundtrack sorgt die belgische Kultband Soulwax, die sich mit ihren Klängen zwischen Kraut-Techno über Neo-Soul und Psychobilly in keine Schublade einordnen lässt. Van Groeningen ist seit seinem Langfilmdebüt „Steve + Sky“ (2004) mit der Band befreundet, die inzwischen sogar so bekannt ist, dass sie die Musik für das Videospiel „Grand Theft Auto V“ beisteuern durfte.

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Frank sprüht vor Tatendrang

Die Geschichte um den Aufstieg und Fall des „Café Belgica“ ist natürlich vorhersehbar. Aber van Groeningen geht es viel mehr um die Beziehung der unterschiedlichen Brüder, die nach langer Zeit wieder zusammenfinden und dann langsam erneut auseinanderdriften. Etwas schwer fällt es dabei, Frank wirklich sympathisch zu finden. Er vernachlässigt seine Familie, geht fremd, säuft und wird schnell gewalttätig. Leider wird auch nur leicht angedeutet, wie er so ein hedonistischer Mistkerl werden konnte, der auch gut in van Groeningens „Die Beschissenheit der Dinge“ (2009) gepasst hätte.

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Frank schwört seiner Frau Isabelle, dass er sich benimmt

Im Gegensatz dazu steht der zurückhaltende Jo, der seit dem Babyalter mit seiner Augenbehinderung leben muss. Es ist nicht verwunderlich, dass er zu seinem großen Bruder aufblickt, der ihn im Teenageralter vor Hänseleien geschützt hat. In einer kurzen, wunderschönen Szene sieht sich Jo ein altes Foto an. Darauf hält Frank im Kindesalter den einäugigen Säugling Jo in seinen Händen. Beide strahlen dabei über beide Ohren.

Mit Herzblut und Nostalgie

Auch wenn „Café Belgica“ nicht ganz an den tieftraurigen und höchst emotionalen „The Broken Circle“ heranreicht, spürt man jede Minute, dass van Groeningen viel Herzblut in seine Tragikomödie gesteckt hat, die sowohl als elektrisierender Musikfilm als auch als schmerzliche Charakterstudie sehr gut funktioniert. „Café Belgica“ ist ein nostalgischer Blick zurück auf eine unbeschwerte Zeit voller vergänglicher Momente – bis man schließlich von der Realität eingeholt wurde. Ein Film, der sich so anfühlt, wie die Kopfschmerzen nach einer durchzechten Nacht, die man sich aber ab und an ruhig mal gönnen sollte.

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Zwischen den Brüdern verhärten sich die Fronten

Veröffentlichung: 14. Oktober 2016 als DVD

Länge: 126 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Flämisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Belgica
BEL/F 2015
Regie: Felix van Groeningen
Drehbuch: Felix van Groeningen, Arne Sierens
Besetzung: Tom Vermeir, Stef Aerts, Hélène Devos, Charlotte Vandermeersch, Stefaan De Winter, Dominique Van Malder, Boris Van Severen, Ben Benaouisse
Zusatzmaterial: Deleted Scenes, Trailershow
Vertrieb: Pandora Film Verleih

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels

Fotos, Trailer & Packshot: © 2016 Pandora Film Verleih

Shirley – Visionen der Realität: Faszinierendes Filmexperiment mit Edward-Hopper-Gemälden (Filmrezension)

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Shirley – Visions of Reality

Für diese Gastrezension bedanken wir uns bei Anja Rohde von „Die Nacht der lebenden Texte

Experimentalfilm // Drei Passagiere im Inneren eines luxuriösen Salonwagens. Bahnhofsgeräusche. Eine Frau betritt das Abteil, dreht sich einen Sessel zurecht, nimmt ein Buch zur Hand. Als die Frau auf der anderen Seite des Ganges den Kopf zu ihr dreht, macht es im Gehirn „klick“: Das ist es, das ist genau das Bild „Chair Car“ von Edward Hopper. Diesen Effekt wird man im Verlauf des Filmes noch einige Male haben, denn Autor und Regisseur Gustav Deutsch erzählt die Geschichte einer Frau anhand von 13 Bildern des amerikanischen Malers Edward Hopper (1882–1967).

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1932

Die erste Szene aus dem Leben der von der Tänzerin Stephanie Cummings mit Grandesse, innerer Würde und Körperbeherrschung verkörperten Shirley spielt am 28. August 1931 in einem Pariser Hotelzimmer. Wir treffen Shirley erneut am 28. August 1932, und dann wieder 1939, 1940, 1942, 1952, 1956, 1957, 1959, 1961 und 1963, immer am 28. August. In so einer langen Zeit passiert viel, gesellschaftlich wie privat. Einige wichtige politische Ereignisse werden zu Beginn einer jeden Szene von einem Radiosprecher angesagt, die privaten Ereignisse erfahren wir aus den inneren Monologen, die Shirley in ihren Hopperschen Szenenbildern führt.

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1939

Der Kamera ist es nicht erlaubt, das Szenenbild zu verlassen, den Blickwinkel zu verändern, zwischen den Agierenden hin und her zu springen. Das Bild bleibt das Bild, einzig Zooms und Nahaufnahmen sind gestattet. Das Publikum sieht, was kurz vor und kurz nach dem Moment geschah, den das Bild zeigt. Und hört, was sich die abgebildeten Personen denken. Ist das nicht der Traum jedes Museumsgastes, zu wissen, warum das Bild so ist, wie es ist? Wohin die Protagonistin schaut? Was sie dabei denkt? Was sie davor und danach macht? Warum sie so dasteht, wie sie dasteht? Im Museum kann man sich damit behelfen, sich diese Geschichten selbst auszudenken – wer fantasiert nicht gern über persönliche Schicksale, sei es die der wortkargen Nachbarn oder eben einer interessanten Person auf einem Foto oder Gemälde?

Gustav Deutsch übernimmt das in „Shirley“ für uns. Zusammen mit seiner Partnerin Hanna Schimek und genialen Beleuchtern, Kostümbildnern und Designern hat er Hoppers Bilder nachgebaut – und das war nicht immer einfach. Hoppers Spiel mit Licht und Schatten sollten so werkgetreu wie möglich dargestellt werden, ebenso die besonderen Farben. Hoppers Räume und Möbel ließen sich mitnichten als naturgetreue Räume nachbauen – mal ist ein Bett deutlich länger als normal, mal ein Sessel viel schmaler, als er es in Wirklichkeit wäre. Beim Bild „Office at Night“ mussten die Möbel so stark gekippt werden, dass beinahe nichts mehr auf den Tischen hielt. Für den Filmemacher eine spannende Herausforderung, ein zweidimensionales Bild in eine dreidimensionale Wirklichkeit zu überführen und dann wieder in ein zweidimensionales Bild rückzutransferieren, wie er im Interview im Presseheft erläutert.

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1942

Deutsch betont, dass es sich nicht nur um ein Film-, sondern auch um ein Ausstellungsprojekt handelt. Jedes Utensil, das für den Film erschaffen wurde, ist ein künstlerisches Objekt, sei es ein Faltblatt, auf dem die Schrift gar nicht lesbar ist, oder ein Telefon, welches extra geschnitzt wurde. Die Verwertung im Kunstkontext hat bereits begonnen: Zwei der Filmsets wurden in Ausstellungen in Wien und Mailand gezeigt.

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1952

Natürlich ist der Film extrem statisch. Die Bewegungen sind langsam, die inneren Monologe ruhig, die Mimik ist klar und unhektisch. Aber wer erwartet schon einen Actionfilm bei einer Erzählung, die sich an Hoppers kühlen, melancholischen Bildern entlanghangelt? Man muss es schon ertragen können, dass auch einfach mal ein leerer Raum zu sehen ist, in den ein Vorhang weht. Deutsch lässt Platz fürs Weiterträumen. Wir erfahren zwar alle paar Jahre, wie es Shirley geht – was in der Zwischenzeit passiert, bleibt unserer Fantasie überlassen.

Edward Hopper gilt als Maler des Realismus. Aber er bildet die Wirklichkeit nicht einfach ab, er inszeniert sie – ebenso wie ein Filmemacher. Der Entstehungszeitpunkt des Bildes stimmt jeweils genau mit der Geschichte überein. Sehen wir Shirley 1952 in der Morgensonne auf ihrem Bett sitzend, entspricht das dem 1952 gemalten Bild „Morning Sun“. Dass 30 Jahre vergehen, will der Regisseur weniger durch geschminkte Alterungsprozesse darstellen, sondern über Gestik, Mimik und Körperhaltung transportieren. Und natürlich erkennt man den Fortgang der Zeit auch an den Gedanken, an denen uns die Protagonisten teilhaben lassen. Deutsch wollte, dass es auch inhaltlich um eine Auseinandersetzung mit der Realität und deren Inszenierung geht, deswegen ist die Hauptperson eine Schauspielerin, ihr Lebensgefährte (Christoph Bach) ein Fotojournalist.

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1956

Shirley ist eine moderne, selbstständige Frau, sie spielt im Group Theatre und ist politisch interessiert – in der vorletzten Einstellung läuft im Radio die berühmte „I Have a Dream“-Rede von Martin Luther King. Übrigens der Grund, warum Deutsch den 28. August ausgewählt hat. Indem er das Datum des Marsches der Bürgerrechtsbewegung nach Washington verwendet, konterkariert er die politsche Einstellung Hoppers. „Ich kann ihm sozusagen entgegenarbeiten. Edward Hopper war ein politisch sehr konservativ denkender Mensch, etwas, das ich gar nicht mit ihm teile. Das kann ich durch meine Protagonistin auch umkehren und in eine andere Richtung führen.“ Eine geniale Idee, lässt sich das Werk eines Künstlers doch nie hundertprozentig vom Kunstschaffenden trennen.

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1957

Ein großes Filmereignis für Detailverliebte, für Hopper-Fans und für jene, denen es nichts ausmacht, wenn sich ein Film auch mal quer zu den Sehgewohnheiten stellt. Bis zum Schluss nur noch Licht und Schatten übrig ist.

Veröffentlichung: 4. März 2016 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Shirley – Visions of Reality
AUS 2013
Buch und Regie: Gustav Deutsch
Besetzung: Stephanie Cumming, Christoph Bach, Florentin Groll, Elfriede Irrall, Tom Hanslmaier
Zusatzmaterial: Kinotrailer, Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2016 by Anja Rohde
Fotos & Packshot: © 2013 Rendezvous-Filmverleih

Sicario – Drogenkrieg im Grenzgebiet (Filmrezension)

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Gastrezension von Simon Kyprianou, Autor unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Actionthriller // Die idealistische junge FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) wird von ihrem zwielichtigen Kollegen Matt Graver (Josh Brolin) für eine Spezialeinheit rekrutiert. Dieser neu gebildeten Taskforce gehört auch der ebenfalls zwielichtige Alejandro Gillick (Benicio del Toro) an, ein mexikanischer Ex-Staatsanwalt und Söldner. Schon beim ersten – blutigen – Einsatz wird Macer klar, dass sie sich fortan nicht mehr in den Grenzen der Legalität bewegt und dass Graver und Gillick fest entschlossen sind, den Drogenkrieg mit unlauteren Mitteln zu bekämpfen. Macer will die beiden Männer ausbremsen, aber ihre Stimme der Vernunft verhallt ungehört.

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Im Grenzgebiet herrscht eine Atmosphäre des Krieges

Immer wieder gibt es Aufnahmen von oben, um das Chaos und die Ausweglosigkeit der Situation, des längst gescheiterten Drogenkriegs auch topologisch nachvollziehbar zu machen ständig untermalt vom grollenden Brummen des Soundtracks. Roger Deakins’ Kamera fängt die sengende Hitze Mexikos und das dort herrschende Chaos wahrlich bedrückend ein.

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Agentin Macer zieht in den Einsatz

„Sicario“ ist ein ungemütlicher Film, der – vor allem im Hinblick auf die Figuren – immer unheilvoll unzuverlässig erzählt und der seinen wahren Schrecken erst am Ende in einer rauschenden, von Nachtsichtgeräten in diffuses Grün gehüllten Actionszene offenbart. Denis Villeneuve spielt sein visuelles Können hier ganz und gar aus. Mit narrativem Ballast hält er sich nicht lange auf, sondern er konzentriert sich ganz darauf, aus „Sicario“ düsteres, grimmiges Genrekino zu machen. Glücklicherweise bewahrt er sich dabei die Haltung zu seinem Sujet, dem Drogenkrieg, sowie zu den Mitteln der US-Regierung, die von Emily Blunts Rolle personifiziert wird. Blunt, del Toro und Brolin sind ganz fantastisch. Für eine zweite Meinung empfehle ich Iris Jankes – ebenfalls positive – Würdigung des Films bei „Die Nacht der lebenden Texte“.

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Die Einheit arbeitet ihre Strategie aus

Nach „Prisoners“ und „Enemy“ ist „Sicario“ ein weiterer äußerst gelungener Film von Villeneuve, dessen nächstes Projekt die Fortsetzung von „Blade Runner“ sein wird, mit Ryan Gosling und erfreulicherweise auch wieder Harrison Ford. Man darf gespannt sein. Habt Ihr einen Favoriten von Denis Villeneuve?

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Kate führt einen Stoßtrupp an

Veröffentlichung: als 4. Februar 2016 als Blu-ray im Steelbook, Blu-ray und DVD

Länge: 121 Min. (Blu-ray), 117 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Sicario
USA 2015
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Taylor Sheridan
Besetzung: Emily Blunt, Josh Brolin, Benicio Del Toro, Jon Bernthal, Victor Garber, Alan D. Purwin, Jeffrey Donovan, Sarah Minnich, Lora Martinez-Cunningham, Raoul Trujillo
Zusatzmaterial: Takte aus der Wüste: Die Filmmusik, In die Finsternis eintreten: Das visuelle Design, Blunt, Brolin, & Benicio: Die Darstellung der Charaktere, Kampfzone: Der Hintergrund von „Sicario“
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2016 by Simon Kyprianou

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Fotos & Packshots: © 2016 Studiocanal Home Entertainment

Die Strohpuppe – Das Böse steht Connery gut

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Woman of Straw

Gastrezension von Andreas Eckenfels, Autor unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Thriller // „Hat Sean Connery eigentlich jemals einen echten Bösewicht gespielt?“, frage ich mich während der Sichtung von Basil Deardens „Die Strohpuppe“. Auch wenn er in Alfred Hitchcocks „Marnie“ die kleptomanische Hauptfigur erpresst und zur Heirat zwingt und in „Sein Leben in meiner Gewalt“ als gebeutelter Cop einen Kinderschänder heftig verprügelt – mir fällt keine Rolle in seiner langen Filmografie ein, in der der James-Bond-Darsteller einen wirklich skrupellosen Typen gespielt hat.

Eine fiese Intrige

In Basil Deardens Verfilmung des Romans von Catherine Arley darf Connery zumindest mal den hinterhältigen Neffen Anthony geben, der seinem schwerreichen Onkel Charles (Ralph Richardson) das Erbe abluchsen will. Dafür spinnt der Lebemann eine fiese Intrige: Er bandelt mit Maria (Gina Lollobrigida) an, der attraktiven Pflegerin seines gehbehinderten Onkels. Sie soll den alten Herren heiraten, dann wird Charles seine geliebte Maria in seinem Testament verewigen. Nach seinem Tod werden Anthony und Maria dann ein wunderbares Luxusleben miteinander führen. Doch es läuft alles anders als geplant …

Großes Starkino

Regisseur Dearden durfte aus dem Vollen schöpfen und versammelte drei namhafte Stars vor der Kamera. Nach seinen ersten beiden 007-Abenteuern kassierte Sean Connery für seinen Auftritt in „Die Strohpuppe“ erstmals eine Gage von einer Million US-Dollar. Das Böse steht dem Schotten in diesem Kriminalstück ebenso gut wie der weiße Tuxedo, den er trägt. Bei dem Maßanzug handelt es sich übrigens um denselben, den er später in der Eröffnungssequenz von „James Bond 007 – Goldfinger“ am Leib hat. Mit seinem bekannten britischen Charme wickelt er zudem als schmieriger Lebemann Anthony nicht nur die arme Maria um den Finger.

Traumfrau und Schauspiel-Veteran

Darstellerisch sind Traumfrau Gina Lollobrigida und Schauspiel-Veteran Ralph Richardson („Kleines Herz in Not“) dem Schotten eine Spur überlegen. Als temperamentvolle, aber gutgläubige Maria, die unfreiwillig zur Femme fatale mutiert, liefert sie sich besonders in der ersten Filmhälfte ein bissiges Dialogduell mit Multimillionär Charles. Richardson spielt den alten Tycoon, der seine Hunde besser behandelt als seine Bediensteten, mit boshaftem Zynismus. Man muss diesen garstigen Misanthropen einfach hassen – und wünscht ihm auch den baldigen Filmtod herbei.

Cleverer Schlussakkord

Neben dem starken Darsteller-Trio, den schönen Kulissen und den tollen Kostümen – man beachte besonders Marias Hochzeitskleid – verläuft auch die Krimihandlung nicht in den üblichen Bahnen. Wie in der klassischen Musik, mit der Charles die Mauern seines riesigen Landhauses beschallt, erklingen in der simplen, aber wendungsreichen Erzählung ständig neue Höhen und Tiefen. So bleibt die spannende Frage, ob das perfekte Verbrechen wirklich gelingt, bis zum cleveren Schlussakkord erhalten.

Veröffentlichung: 4. Dezember 2015 als DVD

Länge: 113 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Woman of Straw
GB 1964
Regie: Basil Dearden
Drehbuch: Robert Muller, Stanley Mann nach einem Roman von Catherine Arley
Besetzung: Sean Connery, Gina Lollobrigida, Ralph Richardson, Alexander Knox, Johnny Sekka, Laurence Hardy, Peter Madden
Zusatzmaterial: Booklet mit einem Nachdruck des Originalheftes „Illustrierte Film Bühne“ zu „Die Strohpuppe“, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels
Packshot: © 2015 Al!ve AG / Pidax Film

Versunkene Welt – Ein erstaunlich vergessener Film (Filmrezension)

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The Lost World

Gastrezension von Ansgar Skulme von unserem Partner-Blog Die Nacht der lebenden Texte (und stellvertretender Chefredakteur von „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“)

SF-Fantasy // Abenteuerlich und absurd erscheint es den geladenen Gästen, als Professor Challenger (Claude Rains) auf großer Bühne verkündet, in den Untiefen des südamerikanischen Urwaldes Dinosaurier entdeckt zu haben. Vor allem sein Konkurrent Summerlee (Richard Haydn) verlacht den kauzigen alten Mann. Doch als sich der Abenteurer Lord Roxton (Michael Rennie) bereit erklärt, an einer von Challenger angeregten Expedition teilzunehmen und der Global News Service für die Beteiligung des Journalisten Ed Malone (David Hedison) eine saftige Geldsumme entrichten will, kommt auch Summerlee nicht mehr umhin, sich in das Amazonas-Gebiet zu wagen. Mit Hilfe zweier Ortskundiger und begleitet von zwei weiteren Abenteuerlustigen, darunter eine Frau, die nicht locker lassen bis man sie nicht mehr wegschicken kann, ist das Ziel schon bald erreicht und es dauert nicht lange bis auch der erste Dino durchs Dickicht stampft.

Auf dem Weg zum zweiten Durchbruch

„Versunkene Welt“ war 1960 erst der zweite Spielfilm von Irwin Allen, der 1953 für die Doku „Geheimnisse des Meeres“ („The Sea Around Us“) einen Oscar gewonnen hatte. Den Sprung ins dramatische Fach vollzog er 1957 mit „The Story of Mankind“, der durch seine großartige Besetzung und als letztes gemeinsames Projekt der drei Marx Brothers Groucho, Chico und Harpo Bekanntheit erlangte, inhaltlich aber kaum positive Kritiken erntete und trotz seines Star-Ensembles nie eine deutsche Fassung erhielt. Da half auch die ambitionierte Story um den Widerstreit des Teufels (Vincent Price) mit dem guten Geist der Menschheit (Ronald Colman) nichts. Irwin Allen blieb der Fantasy und Science-Fiction dennoch treu, widmete sich diesen Genres über seine gesamte Filmkarriere hinweg beinahe exklusiv.

Fast echte Dinosaurier

Es mutet etwas kurios an, dass ausgerechnet Allen, der ehemalige Dokumentarfilmer, die Dinosaurier in „Versunkene Welt“ mit Stop-Motion realisiert sehen wollte und es schließlich nur aus finanziellen Gründen zu einer Umsetzung mit echten Waranen kam, die gewissermaßen als Dinosaurier verkleidet wurden. Man hätte denken können, er habe auf diese relativ realistische Darstellung bestanden, doch so war dem nicht. Trotz der Tatsache, dass man natürlich weiß, dass es sich um andere Tiere handelt, wohingegen animierte Figuren tatsächlichen Dinosauriern wahrscheinlich ähnlicher gesehen hätten, haben die realistischeren Bewegungsabläufe echter Tiere im Vergleich zu animierten einen durchaus positiven Effekt auf den Film. Dass die Dinosaurier von anderen Tieren verkörpert werden und nicht animiert worden sind – abgesehen davon, dass die Größenverhältnisse durch Trickaufnahmen verschoben wurden –, macht „Versunkene Welt“ zu einer besonderen Produktion. Man kann in diesem Zusammenhang durchaus von einer Art Alleinstellungsmerkmal reden, welches diesen Film ungewöhnlich und daher herausragend macht. Sicher ist die Inszenierung der Tiere teils etwas behäbig, die „Kostümierung“ der Warane als Dinosaurier hätte etwas liebevoller vollzogen werden können, aber immerhin: Es sind Lebewesen als Dinosaurier zu sehen.

Die Vorwehen der Cleopatra

Da „Versunkene Welt“ im Sommer 1960 veröffentlicht wurde, ist es durchaus erschreckend, sich zu vergegenwärtigen, dass die Sparmaßnamen schon bei der Produktion von dem erst 1963 erschienenen Epos „Cleopatra“ bedingt wurden – dessen Budget war bereits 1960 außer Kontrolle geraten. Selbst obwohl Hollywood mit seinen Jules-Verne-Verfilmungen der 50er-Jahre gute Erfahrungen gemacht hatte und „Versunkene Welt“ gewissermaßen als Teil dieser angehenden Erfolgsreihe produziert wurde, hatte der Film keinen ausreichenden Sonderstatus, um hinsichtlich des Budgets von „Cleopatra“ unbehelligt zu bleiben.

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Ob die Sparmaßnahmen auch der Grund dafür waren, dass sich mit Michael Rennie und David Hedison zwei Schauspieler die Führungsrolle teilen, die damals zwar bekannt und hauptrollenerprobt, aber nicht unbedingt große Stars waren, während „20.000 Meilen unter dem Meer“ Kirk Douglas und „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ James Mason als Headliner ins Feld führte, ist nicht einfach nachzuweisen. Es ist jedoch auffällig, dass „Versunkene Welt“ ein wenig daran krankt, keine einzige Figur zu präsentieren, mit der man sich wirklich identifizieren kann. Mit Abstrichen ist davon der kauzige Professor Challenger auszunehmen, der von Claude Rains recht sympathisch dargestellt wird, genau genommen bleiben jedoch alle Expeditionsteilnehmer oberflächlich.

Die Handlung hätte außerdem mehr Höhepunkte verdient gehabt. All dies ist in erster Linie ein Problem des Drehbuchs und weniger den Schauspielern geschuldet. Der Film ist recht schnörkellos, wirkt manchmal sogar etwas hektisch, was für Produktionen, die in Fantasy-Welten spielen, eher ungewöhnlich ist, wo man die Settings in der Regel lieber zu viel als zu wenig auskostete.

Das Vermächtnis des Sir Arthur Conan Doyle

Die von Sherlock-Holmes-Schöpfer Sir Arthur Conan Doyle erdachte Geschichte entpuppt sich schließlich aber als so eingängig, dass man dem Werk seine Schwächen gern verzeiht. Hektisch ja, aber daher auch nicht langweilig. Beinahe echte Dinosaurier und ein in der Breite doch recht gut aufgestelltes Ensemble – wenn auch ohne schillernden Superstar – geben dieser Produktion letztlich Wiedererkennungswert. Vielleicht ist dabei auch durchaus hilfreich, dass man die Story von Anfang an als albernen Quatsch verorten kann und somit gar nicht erst in Versuchung gerät, zu hohe Ansprüche an die Realitätsanbindung der Science-Fiction zu stellen. Der Film macht nie den Eindruck „sich selbst zu ernst zu nehmen“, wie man es heutzutage immer so schön formuliert – als habe ein Film ein eigenes Bewusstsein. Dass es mitten im Regenwald, wenn man nur weit genug vordringt, plötzlich Dinosaurier geben soll, die sich aus diesem Gebiet aber auch nicht entfernen, ist schon reichlich an den Haaren herbeigezogen – das dürfte selbst den Lesern zu Conan Doyles Lebzeiten bewusst gewesen sein. Aber das ist eben das Schöne an Science-Fiction: Wie hoch der Realitätsgehalt ist, ist beinahe völlig egal. Am Ende geht es nur darum, ob eine angemessene Mischung aus Unterhaltungswert und Spannung gefunden wurde und ob eine Verbindung zwischen Wahrheit und Fiktion gelingt, und sei es nur an einem kurzen Verbindungspunkt. All dies ist hier der Fall. Und zudem ist das Ende sehr versöhnlich, mit einer netten, charmant inszenierten, lustigen Pointe und einem guten Schlussbild.

Erste Tonfilm-Version des Romans

Kinder der 90er-Jahre wurden mit dem Kinofilm „Die verlorene Welt“ (1992) mit John Rhys-Davies, dessen Sequel, einer weiteren Verfilmung mit Patrick Bergin (1998) sowie der gleichnamigen TV-Serie (1999–2002) groß. 2001 folgte darauf noch ein Zweiteiler mit Bob Hoskins, James Fox und Peter Falk. Kaum zu glauben, dass es die Story davor nur zweimal im Kino zu sehen gab: in einem Stummfilm mit Wallace Beery von 1925 und eben Irwin Allens erster Tonfilm-Version von 1960.

Top 5 mit Augenzwinkern

Ich gebe zu: Dass ich „Versunkene Welt“ in meine Top 5 in Ausgabe 11 von „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ zum Thema Science-Fiction platziert habe, hat neben der Tatsache, dass ihn die „echten“ Dinosaurier ziemlich einzigartig machen, in erster Linie einen Grund: Ich halte es für ebenso schade wie unerklärlich, dass er in Deutschland noch nicht auf DVD erschienen ist – im Gegensatz zu den USA, aber auch anderen Ländern Europas. Vor allem die Nähe zu den beliebten klassischen Jules-Verne-Verfilmungen der 50er- und 60er-Jahre und die Verbindung zu den nicht wenigen, teils recht bekannten Neuverfilmungen von Conan Doyles „The Lost World“ wirft die Frage auf, warum sich hierzulande bisher niemand ausreichend um eine Veröffentlichung dieser Verfilmung von 1960 bemüht hat – eine digital remasterte Originalversion existiert ja. Die „Versunkene Welt“ scheint in den Untiefen der deutschen Filmarchive geradezu versunken zu sein – verloren allerdings nicht, denn auf Sky Nostalgie und dem Free-TV-Sender Das Vierte wurde der mit einer durchaus hörenswerten zeitgenössischen Synchronisation ausgestattete Film innerhalb der vergangenen zehn Jahre vereinzelt ausgestrahlt.

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„Versunkene Welt“ ist zweifelsohne einer der besten und epischsten klassischen Genrebeiträge, die es bei uns trotzdem noch nicht auf DVD geschafft haben, auch wenn sicherlich viele bereits veröffentlichte Filme des Genres besser sind als dieser. Insbesondere was Literaturverfilmungen anbelangt, dürfte er unter den in Deutschland bislang nicht auf DVD erschienenen Genrebeiträgen des Classical Hollywood hinsichtlich Qualität und Produktionsvolumen weitestgehend konkurrenzlos sein – es ist wohlgemerkt ein Film von 20th Century Fox und das sieht man ihm auch an.

Vergessener Film eines vergessenen Genre-Veterans

Irwin Allen lieferte mit „Unternehmen Feuergürtel“ und „Fünf Wochen im Ballon“ 1961 und 1962 noch zwei weitere Kinofilme ab, die bei uns auch bereits auf DVD erschienen sind, ehe er sich zunächst der Produktion der Serie „Die Seaview“ widmete, die auf eben jenem „Unternehmen Feuergürtel“ basiert. Danach wurde er anderweitig fürs TV tätig. Ins Kino kehrte Allen erst in den 70er-Jahren zurück, unter anderem als Ko-Regisseur beim Katastrophenfilm-Meisterwerk „Die Höllenfahrt der Poseidon“. Für Science-Fiction an der Schnittstelle zur Fantasy war er in den 1960er-Jahren sicher einer der bedeutendsten Regisseure.

Veröffentlichung: 1. Juni 2015 als Blu-ray und DVD (GB), 11. September 2007 auf DVD (USA)

Länge: 97 Min. (Kino)
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Lost World
USA 1960
Regie: Irwin Allen
Drehbuch: Charles Bennett, Irwin Allen, nach einem Roman von Arthur Conan Doyle
Besetzung: Michael Rennie, Jill St. John, David Hedison, Claude Rains, Fernando Lamas, Richard Haydn, Ray Stricklyn, Jay Novello, Vitina Marcus, Ian Wolfe
Verleih: 20th Century Fox

Copyright 2015 by Ansgar Skulme
Packshots GB: © 101 Films / Packshot USA: © Fox Home Entertainment

Victoria – Berauscht durch Berlin (Filmrezension)

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Erneut eine Gastrezension von Matthias Holm, Autor bei unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ und der „Welle Nerdpol“. Dafür herzlichen Dank.

Thriller // Eine junge Frau (Laia Costa) lernt vor einem Berliner Club vier Freunde kennen. Anfangs etwas verängstigt, lässt sie sich auf die Jungs ein und zieht mit ihnen um die Straßen. Ihre Annäherung an Sonne (Frederick Lau) ist nur von kurzer Dauer, denn schon bald wird die kleine Gruppe zu einer ungeheuren Tat gezwungen.

Ohne Schnitt durch Berlin

Es ist bezeichnend, dass im Abspann von „Victoria“ der Kameramann Sturla Brandth Grøvlen als Erster genannt wird – vor Regisseur Sebastian Schipper. In einer einzigen Einstellung, ohne Schnitt wurde der Film gedreht. Dadurch entwickelt „Victoria“ einen Sog, der enorm faszinierend ist. Er ist wie ein Rausch, der den Zuschauer wie auch seine Figuren mitreißt.

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Victoria ist noch nicht lange in Berlin

Neben dieser technischen und logistischen Meisterleistung sind großartige schauspielerische Momente zu beobachten. Laia Costa wandelt als Victoria am Anfang zwischen Neugier und Angst, um im Laufe der Geschichte immer mutiger zu werden. Frederick Lau hingegen ist ein lässiger Typ, dem man es abnimmt, dass er innerhalb kürzester Zeit und durch extreme Situationen aus dem oberflächlichen Flirt echte Gefühle entwickelt.

Story kann nicht ganz mithalten

Zwischen all diesen äußerlichen Extremen ist es schade, dass die Geschichte irgendwie etwas hinterherhinkt. Das ist insofern verzeihlich, als für diese Art von Film eine komplexe Handlung hinderlich wäre. Trotzdem ist es ein Punkt, der „Victoria“ vom ganz großen Wurf abhält.

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Die Clique feiert

Schön ist, dass die Heimkinoveröffentlichung mit vielen Möglichkeiten aufwartet: mit englischen Untertiteln, einer Mischversion aus Deutsch und Englisch sowie als Hörfilmfassung für Blinde und Sehbehinderte. Eine Praxis, die man in meinen Augen ruhig häufiger einführen könnte.

Im Feuilleton etwas überbewertet

Auch wenn ich den Film nicht als ganz so stark ansehe, wie er im Feuilleton gern gemacht wurde, ist „Victoria“ ein herausragendes Werk. Sebastian Schipper hat mit „Absolute Giganten“ nicht nur einen der besten Hamburg-Filme gedreht, sondern nun auch den wohl besten deutschen Film für lange Zeit.

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Wofür proben die Jungs?

Veröffentlichung: 20. November 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 140 Min. (Blu-ray), 133 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Victoria
D 2015
Regie: Sebastian Schipper
Drehbuch: Sebastian Schipper, Olivia Neergaard-Holm, Eike Frederik Schulz
Besetzung: Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski, Burak Yigit, Max Mauff
Zusatzmaterial: Audiokommentar, Kameratest, Interview mit Sebastian Schipper und Frederick Lau, Castingszenen, Kinotrailer, Trailershow
Vertrieb: Senator Home Entertainment

Copyright 2015 by Matthias Holm

Fotos, Packshot & Trailer: © 2015 Senator Home Entertainment

James Bond 007 – Im Geheimdienst Ihrer Majestät: Der unterschätzte Bond (Filmrezension)

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On Her Majesty’s Secret Service

Gastrezension von Simon Kyprianou von unserem Partner-Blog Die Nacht der lebenden Texte (und Autor bei 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin)

Agenten-Abenteuer // „James Bond 007 – Spectre“ wirft seine Schatten voraus. Auch wenn die Filmwelt derzeit auf „Star Wars – Episode VII: Das Erwachen der Macht“ hinfiebert – ein neuer Bond ist immer ein Großereignis. Grund genug, dass ich mir Gedanken um meine Favoriten gemacht habe – bei „Die Nacht der lebenden Texte“ könnt Ihr nachlesen, was ich dazu niedergeschrieben habe: Teil 1 findet Ihr hier, zu Teil 2 geht’s hier entlang. Einem dieser Favoriten will ich einen separaten Text widmen, weil er oft zu Unrecht geschmäht wird: dem einzigen Auftritt des australischen Dressmans George Lazenby in der Rolle des englischen Geheimagenten mit der durch die Doppelnull bescheinigten Lizenz zum Töten.

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Der kernige Superagent …

Superverbrecher Blofeld (Telly Savalas) hat einmal mehr einen teuflischen Plan entwickelt, um die Welt in Chaos und Verderben zu stürzen. James Bond (George Lazenby) ist dem Schurken mal wieder auf den Fersen. Getarnt als Wappenkundler schleicht er sich in Blofelds mysteriöse Bergfestung ein, um dessen Plan zu vereiteln, doch seine Tarnung hält nicht lange stand. Mithilfe von Tracy (Diana Rigg) versucht er, Blofeld das Handwerk zu legen. Die Tochter eines korsischen Mafioso wird für den Superagenten bald mehr als nur ein Bond-Girl …

Kein Bond nach üblichem Schema

Schon die Eröffnungsszene macht klar, dass wir es bei „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ nicht mit einem gewöhnlichen Bond-Film zu tun haben. Ein weiträumiger Strand, ein wunderliches Idyll im fragilen, milchigen Morgenlicht, eine wunderlich trübe Welt, erst leer und still, plötzlich bevölkert von Menschen, die versuchen, einander zu töten.

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… bekommt es wieder einmal mit Superschurke Blofeld zu tun …

George Lazenby ist ein ganz anderer Bond als seine Vorgänger, das sagt er selbst am Filmanfang so und löst dieses Versprechen dann auch ein. Es fehlt die wie selbstverständliche Hingabe von Sean Connery, es fehlen der charmante Witz und die allgegenwärtige Ironie. Lazenbys Bond gibt den Blick auf sein Innenleben frei, ein verkrüppeltes Innenleben – und das kann er im Film dann auch exzessiv ausleben.

Erste und letzte Bond-Regie für Peter R. Hunt

Es ist der erste Versuch der Reihe, ihre eigenen Mechanismen zu unterwandern und mit ihnen zu brechen. Die Melodien von allen früheren Filmen erklingen zu Anfang des Films in einer schönen Szene kurz aus dem Off, es wirkt wie ein Lebewohl. Regisseur Peter R. Hunt lasst seinen Film an wild ausgeleuchteten, in wirren Farbräuschen ertrinkenden Orten spielen. Nach dem bizarren Strand vom Anfang wechselt die Szenerie bald in Blofelds urig-düsteres Bergschloss, das Bond mit seinem Verwirrspiel in eine bizarre, modern-sterile, eiskalte Paranoia-Welt verwandelt. Später geht es in eine trügerisch-harmonische, weihnachtlich-dunkle Schnee-Landschaft, in der Hunt grandiose Action inszeniert. Der Regisseur war zuvor bei einigen Bond-Filmen für den Schnitt und als Second Unit Director tätig. Nach „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ durfte er aber keinen Bond mehr drehen.

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… trifft aber auch die bezaubernde Tracy

Zum Finale erlebt James Bond dann seine persönliche Apokalypse und aus dem Off ertönt trügerisch zum bitteren Abschied Louis Armstrongs „We Have All the Time In The World“ – übrigens die letzte Aufnahme des begnadeten Jazztrompeters, der zwei Jahre später starb. Das passt auf tragische Weise ins Bild.

Veröffentlichung: 15. September 2015 als Blu-ray und DVD, 24. Oktober 2008 als Ultimate Edition 2-Disc DVD Set, 1. Oktober 2007 als DVD, 8. Dezember 2004 als DVD

Länge: 142 Min. (Blu-ray), 136 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch u. a.
Originaltitel: On Her Majesty’s Secret Service
GB 1969
Regie: Peter R. Hunt
Drehbuch: Richard Maibaum
Besetzung: George Lazenby, Diane Rigg, Telly Savalas
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshots: © 2015 The James Bond Blu-ray Collection © 2015 Danjaq, LLC and Metro-Goldwyn-Mayer Studios Inc. TM Danjaq, LLC. All Rights Reserved.

Mad Max – Fury Road: Ein Fest der Kinetik (Filmrezension)

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Mad Max: Fury Road

Gastrezension von Andreas Eckenfels, der seine Schreibkunst ansonsten auf unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ zum Besten gibt. Vielen Dank dafür!

SF-Endzeit-Action // „We don’t need another Hero“ tönte Tina Turner 1985 im Titelsong zu „Max Mad – Jenseits der Donnerkuppel“. Im durchwachsenen dritten Teil der Endzeit-Reihe war die Sängerin die Gegenspielerin von Held Mel Gibson, der das letzte Mal in seiner Karriere Ex-Cop Max Rockatansky verkörperte. Zwar plante Regisseur George Miller bereits 2003 ein viertes „Mad Max“-Abenteuer, doch Mel Gibson wollte lieber sein Regieprojekt „Die Passion Christi“ inszenieren. Zudem gab es finanzielle Probleme, sodass Miller sogar zeitweise daran dachte, seine Geschichte als Animationsfilm zu verwirklichen. Schließlich kam dem Australier wohl der allgemeine Reboot-Wahn Hollywoods zugute, so dass „Mad Max – Fury Road“ ganze 30 Jahre nach dem letzten Teil endlich doch noch realisiert wurde. Ein Glücksfall!

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Mittendrin statt nur dabei: Max als Kühlerfigur

Mein Name ist Max. Meine Welt ist Feuer und Blut, begrüßt der neue Mad Max (Tom Hardy) die Zuschauer bevor er genüßlich in eine zweiköpfige Eidechse beißt. Ansonsten bleibt Max wie gewohnt recht wortkarg. Dass er sich allerdings in der ersten Hälfte größenteils nur grunzend verständigen kann, liegt daran, dass er von der Meute des Dispoten Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne, Bösewicht Toecutter aus „Mad Max“) eingefangen wird und einen Maulkorb verpasst bekommt. Für Immortan Joes Krieger, genannt War Boys, soll Max nun als Blutspender dienen. Als die rebellische Imperator Furiosa (Charlize Theron) die Frauen von Immortan Joe in einem Tanklaster entführt, wird Max kurzerhand als Kühlerfigur auf dem Streitwagen des War Boy Nux (Nicholas Hoult) gepackt. Auf diese Weise ist er mittendrin in der halsbrecherischen Verfolgungsjagd durch die Wüste.

Die Wüste bebt

In der Wüste von Namibia fand George Miller den perfekten Schauplatz für seine jüngste postapokalyptische Vision. Waren Auto-Verfolgungsjagden schon immer essenzieller Bestandteil jedes „Mad Max“-Teils wird dies in „Fury Road“ auf die Spitze getrieben: Mit atemberaubender Geschwindigkeit tritt Miller diesmal fast über die gesamte zweistündige Laufzeit aufs Gaspedal. Die aus zahlreichen Versatzstücken zusammengebauten Streitwagen, die albinoartigen Wild Boys, die von Valhalla träumen, ein Rockmusiker, der mit seiner Gitarre die Truppen im wahrsten Sinne des Wortes anfeuert – bei „Fury Road“ konnte Miller seine wilden Ideen voll ausleben. Auf der Leinwand geschieht ständig etwas, es gibt zahlreiche Schauwerte, nie ist Stillstand angesagt. Immerhin ist es seine von ihm erdachte Reihe, da gibt es keinen Grund für Kompromisse.

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Imperator Furiosa ist auf der Flucht vor …

Auch in der Ur-Trilogie waren diese ungezügelte Wucht und die Lust an der Geschwindigkeit immer spürbar. „Fury Road“ ist somit auch Millers Rückbesinnung an das handgemachte Actionkino, welches uns besonders im Finale von „Mad Max 2 – Der Vollstrecker“ so begeistert hat: Größenteils wurden die schier unglaublichen Zusammenstöße, Überschlagungen und Explosionen ohne computergenerierte Effekte inszeniert. Eine herausragende Arbeit der Stunt- als auch der Kameraleute.

Heimlicher Star Imperator Furiosa

Auch wenn Tom Hardy als neuer Mad Max etwas von Mel Gibsons Ironie fehlt, ist der bullige „The Dark Knight Rises“-Star ein würdiger Nachfolger. Angeblich soll er bereits für drei Fortsetzungen unterschrieben haben. Doch der heimliche Star in „Mad Max – Fury Road“ ist überraschenderweise Charlize Therons Imperator Furiosa. Mehr als einmal stiehlt sie Max die Schau – obwohl sie nur über einen Arm verfügt. Sie drückt aufs Gas, schlägt kräftig zu und trifft ihr Ziel aus der Distanz, welches Max zweimal hintereinander zuvor verfehlt hat. Zum Schluss darf Imperator Furiosa sogar wie einst Gibsons Max mit geschwollenem Auge in die Ferne blicken.

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… Bösewicht Immortan Joe

Es ist schwer zu beschreiben, was „Mad Max – Fury Road“ trotz der simplen Story laut dem internationalen Filmkritikerverband FIPRESCI zum besten Film des Jahres macht. Miller selbst meinte, er wollte einen universellen Film schaffen, der überall auf der Welt auch ohne Untertitel verstanden werden kann. Dies ist ihm bestens gelungen. „Max Max – Fury Road“ ist ein adrenalinhaltiges Fest der Kinetik, bei dem das Wort Wahnsinn fast eine neue Bedeutung erhält.

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Max lebt in einer Welt aus Feuer und Blut

Veröffentlichung: 17. September 2015 als 3D-Blu-ray, Blu-ray und DVD

Länge: 120 Min. (Blu-ray), 116 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch,
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Max Max – Fury Road
USA 2015
Regie: George Miller
Drehbuch: George Miller, Brendan McCarthy, Nick Lathouris
Besetzung: Tom Hardy, Charlize Theron, Nicholas Hoult, Hugh Keays-Byrne, Zoë Kravitz, Rosie Huntington-Whiteley, Megan Gale, Riley Keough, Nathan Jones
Zusatzmaterial: Nicht verwendete Szenen, Featurettes: Die Dreharbeiten, Auf vier Rädern – Aus Autos werden Kampfmaschinen, Die Werkzeuge der Wüste, Die Reize der fünf Frauen, Crash & Smash
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2015 by Andreas Eckenfels

Fotos, Packshot & Trailer: © 2015 Warner Home Video

Zwei ritten nach Texas – Stan und Ollie mischen den Wilden Westen auf (Filmrezension)

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Way out West

Erneut ein Gastbeitrag von Volker von „Die Nacht der lebenden Texte“.

Westernkomödie // Die Popularität von Stan Laurel und Oliver Hardy in Deutschland nahm bereits in den 1920er-Jahren ihren Lauf und überdauerte nach dem Ende der Weimarer Republik auch das sogenannte Dritte Reich. Der 1937 entstandene „Zwei ritten nach Texas“ kam allerdings erst 1965 bei uns in die Kinos und löste einen neuen Stan-und-Ollie-Boom aus.

Tipp für Anhalter: Den Daumen raus aus der Faust!

Man kann aber auch nicht erwarten, dass die Kutsche stoppt, wenn man als Anhalter vergisst, den Daumen aus der Faust zu nehmen. Bei der nächsten Kutsche denkt Stan zwar dran, sie hält aber erst für ihn und Kumpel Ollie an, als er auch noch sein sexy Bein entblößt. Das Bein ist eine schöne Hommage an Frank Capras „Es geschah in einer Nacht“ („It Happened One Night“, 1934) mit Clark Gable, in dem Claudette Colbert ihres entblößte, um als Anhalterin ein Fahrzeug zum Stehen zu bringen.

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Wo bitte geht’s nach Brushwood Gulch?

Kaum in Brushwood Gulch angekommen, legen sich die beiden Melonenträger sogleich mit dem Ehemann (Stanley Fields) einer Dame (Vivien Oakland) an, die sie in der Postkutsche belästigt hatten. Der bedeutet den beiden, sie mögen den Ort mit der nächsten Kutsche verlassen, sofern sie ihn nicht im Leichenwagen verlassen wollen. Später stellt sich heraus: Es ist der Sheriff von Brushwood Gulch.

Stan und Ollie hat’s in den Wilden Westen verschlagen, weil sie der jungen Mary Roberts (Rosina Lawrence) vom Tod ihres Vaters berichten müssen, ihr aber immerhin die Besitzurkunde der ihr vererbten Goldmine übergeben wollen. Dummerweise jubelt ihnen Marys Vormund, der zwielichtige Saloonbesitzer Mickey Finn (James Finlayson), seine Bardame Lola (Sharon Lynn) als Mary Roberts unter. Als die beiden ehrenwerten, aber naiven Erbschaftsüberbringer den Betrug bemerken, setzen sie alles daran, der echten Mary zu ihrer Goldmine zu verhelfen.

Auftritt James Finlayson

James Finlayson! Dieser großartigste aller Laurel-und-Hardy-Gegenspieler ist immer wieder schön anzuschauen. Sein stierer Blick, wenn Stan oder Ollie mal wieder etwas Groteskes gesagt oder getan haben – unerreicht. Ohnehin sind er als Saloonbesitzer und Stanley Fields als grober Sheriff feine Parodien auf archetypische Westernfiguren.

Musik ist Trumpf

Drei Musikstücke prägen den Film zusätzlich: Da ist einmal die Gesangseinlage „At the Ball, That’s All“ der „The Avalon Boys“ vor dem Saloon unmittelbar nach der Ankunft von Stan und Ollie, die die beiden zu ihrer berühmten Tanzdarbietung animiert. Zum anderen singen sie später selbst „Trail of the Lonesome Pine“, wobei Stan plötzlich für ein paar Zeilen in einem sonoren Bass intoniert, der ihm in der Tonspur in den Mund synchronisiert worden ist. Ollie gefällt das gar nicht, und er ordert beim Wirt einen Holzhammer, dessen Hieb über den Kopf bei Stan allerdings bewirkt, dass er plötzlich mit der lieblichen Stimme von Rosina Lawrence singt. Welche Komiker (neudeutsch: Comedians) kämen heute noch auf solche Ideen?

Happy End mit Bad im Fluss

Am Ende des Films schließlich ziehen Stan, Ollie und Mary nach erfolgreicher Zurückeroberung der Goldmine von dannen und singen gemeinsam „We’re Going to See My Home in Dixie“ – ein schönes und für Laurel und Hardy seltenes Happy End, wenn auch für Ollie nur bedingt: Zum wiederholten Mal nimmt er bei der Querung eines Flüsschens aufgrund einer Untiefe ein unfreiwilliges Bad.

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Ab in die Kutsche mit dem Dicken!

Wenn ich mir die gemeinsame Filmografie von Stan Laurel und Oliver Hardy anschaue, stelle ich fest, wie viele Perlen noch unentdeckt meiner Sichtung harren. Dennoch kann ich auch so konstatieren, dass die Westernparodie „Zwei ritten nach Texas“ zu den besten Filmen der beiden gehört – ganz sicher in den Top 10, wenn nicht in den Top 5 oder Top 3. Ganz vorn wird es irgendwann Geschmackssache, aber wer den beiden mit ihrem mal brachialen, mal hintersinnigen Slapstick etwas abgewinnen kann, muss den Film gesehen haben und wird ihn lieben.

Menschliche Wärme

Wie sich Stan und Ollie in ihrer Tollpatschigkeit und Arglosigkeit in der rauen Männerwelt eines Wildwestkaffs behaupten, das sprüht vor Witz, der auch heute noch famos funktioniert. Ihre Unterstützung der unschuldigen Mary bringt zudem eine Herzenswärme ins Spiel, die auf wunderbare Weise unterstreicht, dass Laurel und Hardy unter all dem gegenseitigen Piesacken Werte von Freundschaft und Güte vermitteln. Merk’s dir, Finlayson!

Dank Studiocanal Home Entertainment, vormals Kinowelt, gibt es hierzulande keine Probleme, sich mit Laurel-und-Hardy-Stoff in stattlicher Zahl einzudecken. „Zwei ritten nach Texas“ ist als Teil der 10-DVD-Box „Dick & Doof Collection 3“ erhältlich, zudem auch als Einzel-DVD inklusive zweier Kurzfilme im Bonusmaterial. Bei der deutschen Tonspur handelt es sich meines Wissens nach um die vierte Synchronfassung. Ob als Box oder einzeln – eine schöne Veröffentlichung in anständiger Bildqualität.

Mehr über das Komiker-Duo

Als Autor bei „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ erlaube ich mir einen Hinweis: Die Titelgeschichte von Ausgabe #10 des Magazins handelt von US-Filmkomikern, und ein Beitrag über Laurel und Hardy stammt von mir. Für alle, die sich näher mit dem Duo und ihren Kollegen wie Charlie Chaplin, Buster Keaton, Harold Lloyd, den Marx Brothers & Co. befassen wollen: Die Ausgabe kann hier bestellt werden – unter dem Link findet Ihr auch den Inhalt.

Veröffentlichung: 17. Juni 2010 als DVD, 16. Oktober 2009 in der 10-DVD-Box „Dick & Doof Collection 3“

Länge: 62 Min.
Altersfreigabe Einzel-DVD: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Way out West
Alternativer deutscher Titel: Dick und Doof im Wilden Westen
USA 1937
Regie: James Horne
Drehbuch: Charley Rogers, Felix Adler, James Parrott
Besetzung: Stan Laurel, Oliver Hardy, James Finlayson, Sharon Lynn, Rosina Lawrence, James Fields, Vivien Oakland
Zusatzmaterial: Kurzfilme „Putting Pants on Philip“ aus der Serie „Zwei Herren Dick und Doof“ in deutscher Fassung und „Ein brutaler Hosenkauf“, Ausschnitte aus „Ein Dankeschön an die Jungs“, Fotogalerie, Trailer, Wendecover
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

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Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshots: © 2009/2010 Studiocanal Home Entertainment

Krieg der Welten – Aliens als 9/11-Aufarbeitung (Filmrezension)

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War of the Worlds

Gastrezension von Simon Kyprianou von unserem Partner-Blog Die Nacht der lebenden Texte (und Autor bei 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin)

Science-Fiction // Der geschiedene Ray Ferrier (Tom Cruise) lebt entfremdet von seinen zwei Kindern Rachel (Dakota Fanning) und Robbie (Justin Chatwin). Als die Mutter Mary Ann (Miranda Otto) die Kinder für ein paar Tage bei ihm lässt, um mit ihrem neuen Freund zu entspannen, greifen Außerirdische die Erde an. In all dem Chaos versucht Ray, mit seinen Kindern die Mutter zu erreichen.

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Da braut sich was zusammen

Ein Fluss treibt dutzendfach Leichen ins Bild, in einem Wald regnet es Kleidungsstücke von Verstorbenen, Städte werden in Sekundenschnelle ausgelöscht und ein Kinderlied untermalt einen Mord. Spielbergs Film findet verstörende, unmittelbare, teilweise surreale Bilder für das Grauen der Apokalypse. Die Flucht vor den Aliens ist der Versuch, die Kernfamilie wiederherzustellen – die Suche nach der Mutter und die Versöhnung mit dem Vater.

Das Grauen im Keller

Die Flucht wird zu einer wahren Odyssee durch eine Welt im Ausnahmezustand, mal brachial inszeniert mit Gefechten und hektischen Massenszenen, in denen die flüchtigen Menschen einander zerfleischen, mal verdichtet als minimalistisches Kammerspiel in der hervorragenden Szene im Keller des Eigenbrötlers (Tim Robbins). Wie bei „Der weiße Hai“ und „Duell“ bleibt die Bedrohung eine unbeschriebene Projektionsfläche – sie wird nicht erläutert und ist gerade darum so erschreckend.

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Aus Staunen wird Unbehagen – dann Angst

Das Happy End hat einen wunderlichen Beigeschmack, es wirkt künstlich, wie eine verzweifelte Wunschvorstellung. Es ist immer noch überschattet von dem Grauen, das Spielberg zuvor so unmittelbar und wirkungsvoll inszeniert hat. In dieser Uneindeutigkeit und Künstlichkeit ist es vielleicht aber ein adäquates Ende für einen Film, der zweifellos aus dem 9/11-Trauma heraus entstanden ist.

Orientierung an „Kampf der Welten“ von 1953

Legendär ist Orson Welles’ Radiohörspiel, das 1938 viele US-Bürger in Angst und Schrecken versetzt haben soll – am Wahrheitsgehalt der Panik darf aber gezweifelt werden. Bereits 1953 verfilmte Byron Haskin den Roman von H. G. Wells. „Kampf der Welten“, so der deutsche Verleihtitel, wurde 1954 mit dem Oscar für die Spezialeffekte prämiert. Spielberg orientierte sich in seiner Adaption an etlichen Elementen von Haskins Version. Ein Academy Award blieb der Neuverfilmung zwar versagt, aber „Krieg der Welten“ ist unheimlich feinsinnig in seiner Figurenzeichnung, effizient erzählt und formal hervorragend – wahrscheinlich der beste Film in Spielbergs Spätwerk.

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Flucht erscheint aussichtslos

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Steven Spielberg sind dort in der Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Tom Cruise unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 19. August 2010 als Blu-ray im Steelbook, 14. Mai 2010 als Blu-ray, 15. November 2005 als DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: War of the Worlds
USA 2005
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Josh Friedman, David Koepp, nach dem Roman von H. G. Wells
Besetzung: Tom Cruise, Dakota Fanning, Tim Robbins, Miranda Otto, Justin Chatwin, Rick Gonzalez, Yul Vazquez, Lenny Venito, Lisa Ann Walter, Ann Robinson, Gene Barry
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Paramount Home Entertainment

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © Paramount Home Entertainment

Tabu der Gerechten – Damals wie heute wichtig (Filmrezension)

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Gentleman’s Agreement

Ein weiterer Gastbeitrag von Volker, Blogger von „Die Nacht der lebenden Texte“ und Autor bei 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin.

Drama // Das hat sofort gewirkt: Just als ich dachte, das recht leichtfüßige Intro habe sich zu lange hingezogen, änderte der Film nach einer halben Stunde die Tonalität – genau mit dem Moment, als Philip Schuyler Green (Gregory Peck) vorgab, ein Jude zu sein. Das macht die etwas zu lang wirkende Einführung der Figuren zu einem brillanten Schachzug, da die Prämisse des Films sofort ihre Wirkung entfaltet.

Aus Green wird Greenberg

Mit seiner Mutter (Anne Revere) und Sohn Tommy (Dean Stockwell) ist Witwer Green von Kalifornien nach New York City gezogen. Der angesehene Journalist soll dort für ein Magazin schreiben. Dessen Chefredakteur John Minify (Albert Dekker) beauftragt ihn mit einer Story über Antisemitismus. Nach einiger Zeit des Überlegens kommt ihm die zündende Idee, sich als Jude auszugeben. Aus Green wird Greenberg.

Kaum jemand wird eingeweiht, nicht einmal die Kollegen in der Redaktion. Es funktioniert sehr gut – zu gut. Umgehend schauen ihn die Menschen mit anderen Augen an. Ein paar meiner besten Freunde … – es dauert nicht lange, bis Green alias Greenberg diesen Satz zum ersten Mal hört. Selbst Minifys Nichte Kathy Lacey (Dorothy McGuire), mit der Green zügig eine Beziehung angefangen hat, lässt unbedachte Bemerkungen fallen, die ihn stutzig werden lassen. Auch Sohn Tommy muss darunter leiden.

Selbstkritik bei Gregory Peck

Bosley Crowther von der New York Times hielt 1947 Gregory Pecks Rolle für unglaubwürdig – außergewöhnlich naiv lautete sein Urteil. Für einen erfahrenen Journalisten sei er zu erstaunt über die Reaktionen, die er als Jude bekäme, derlei hätte ihm bewusst sein müssen. Da mag etwas dran sein, zumal es seine einzige Zusammenarbeit mit Regisseur Elia Kazan bleiben sollte, der mit seinem Star dem Vernehmen nach nicht zufrieden gewesen sein soll. Peck bestätigte Kazans Kritik viele Jahre später, sagte selbst, es sei nicht seine beste Arbeit gewesen. Schlecht ist es aber keineswegs, was Peck da zeigt. 16 Jahre später erhielt er den Hauptrollen-Oscar im Antirassismus-Drama „Wer die Nachtigall stört“ („To Kill a Mockingbird“, 1962).

Der New-York-Times-Rezensent kritisierte darüber hinaus, obwohl Green über Antisemitismus in der gesamten US-Gesellschaft recherchiere, beschränke er seinen Bewegungsradius auf die Upperclass. Es mag obendrein heute etwas verwundern, dass ein kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs entstandener Film über Antisemitismus den Holocaust in Europa mit keinem Wort thematisiert. Allerdings zielt „Tabu der Gerechten“ nicht darauf, offen gelebten Rassismus anzuprangern, vielmehr geht es darum, Vorurteile gebildeter Menschen zu entlarven – Menschen, die sich selbst für vorurteilsfrei halten. Insofern muss sich der Film auch nicht in die Niederungen offen judenfeindlicher Milieus begeben, so sie denn klar zu identifizieren wären.

In einer faszinierenden Szene kurz vor dem Finale zeigt sich Greens Sekretärin Elaine Wales (June Havoc), selbst Jüdin mit geändertem Namen, verwundert, als sie erfährt, dass der Journalist tatsächlich kein Jude ist. Offenkundiger kann die Absurdität dieser Vorurteile nicht zu Tage treten.

Drei Oscars und vier Golden Globes

Acht Oscar-Nominierungen erhielt das meisterhafte Schwarz-Weiß-Drama 1948, für drei Kategorien gab’s die Trophäe dann auch: als bester Film, für Elia Kazans („Die Faust im Nacken“) feinfühlige Regie und Nebendarstellerin Celeste Holm – sie spielt die Chefredakteurin eines Modemagazins. In diesen drei Kategorien hatte der Film bereits Golden Globes erhalten, dazu auch einen für Dean Stockwell als bester Nachwuchsdarsteller.

Der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten Zwölfjährige hatte noch eine lange Karriere vor sich, die bis heute anhält. Für „Die Mafiosi-Braut“ wurde Stockwell 1988 als bester Nebendarsteller Oscar-nominiert. Im selben Jahrzehnt hatte er in David Lynchs „Der Wüstenplanet“ (1984) und „Blue Velvet“ (1986) gespielt.

Erstauflage im Schuber

Twentieth Century Fox Home Entertainment hat „Tabu der Gerechten“ 2006 in einer schönen Edition mit Schuber, Booklet und Postkarte veröffentlicht. Sie ist im Handel vergriffen, aber auf dem Gebrauchtmarkt problemlos zu kriegen. Wer auf den Schuber Wert legt, sollte sich vor dem Kauf vergewissern, dass es nicht die etwas spartanischere Zweitauflage von 2007 ist. „Tabu der Gerechten“ war seinerzeit ein wichtiger Film – er ist es heute noch, wie sich auch bei uns an der unter dem Deckmantel der Israelkritik offenbarenden Judenfeindlichkeit zeigt.

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Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Gregory Peck sind in der Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 9. Januar 2006 als DVD (Zweitauflage 19. März 2007)

Länge: 111 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Gentleman’s Agreement
USA 1947
Regie: Elia Kazan
Drehbuch: Moss Hart, nach Laura Z. Hobsons Roman „Gentleman’s Agreement“
Besetzung: Gregory Peck, Dorothy McGuire, John Garfield, Celeste Holm, Anne Revere, Dean Stockwell, June Havoc, Albert Dekker, Philip Schuyler Green, Kathy Lacey, Dave Goldman
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Original Kinotrailer, Original Kinotrailer „Alles über Eva“, Booklet, Erstauflage: Postkarte, Schuber
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2015 by Volker Schönenberger

Wild Tales – Jeder dreht mal durch: Aggressionstherapie nötig? (Filmrezension)

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Relatos salvajes

Für diesen Beitrag bedanken wir uns bei Matthias Holm, Gastautor bei unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“.

Episodenkomödie // Wer hat es sich nicht schon mal gewünscht, den nervenden Autofahrer vor einem zu rammen oder den Pfeifen in der Behörde mal so richtig die Meinung zu geigen? Diesen Wunsch nach Konfrontation reizt Damián Szifrón in seinem Film „Wild Tales“ aufs Äußerste aus.

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Auf einer staubigen Landstraße …

Der argentinische Regisseur erzählt sechs voneinander unabhängige Geschichten. Alle Episoden haben eins gemeinsam: Eine der Figuren dreht durch. Das kann zu witzigen Eskapaden führen, wie in der großartigen dritten Episode „Straße zur Hölle“, oder dem Zuschauer bleibt das Lachen im Halse stecken, wie in „Die Rechnung“. Nicht alle Geschichten zünden, und doch haben sie alle ihren eigenen Charme.

Nominiert für den Auslands-Oscar

Szifrón versteht es, innerhalb kürzester Zeit sechs Mal eine komplett andere Atmosphäre zu erschaffen und die Ausgangssituationen zu erläutern. Zwischendurch verzettelt er sich ein wenig – bei einer Laufzeit von knapp zwei Stunden schleicht sich die eine oder andere Länge in den Film. Dennoch bleibt „Wild Tales – Jeder dreht mal durch“ über die gesamte Laufzeit unterhaltsam. Eine Nominierung für den Auslands-Oscar war der Lohn, zudem hagelte es Auszeichnungen, darunter zehn Preise der argentinischen Filmakademie und einen Goya für den besten iberoamerikanischen Film.

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… kommt es zum Duell zweier Männer

Viel mehr muss man nicht über den schwarzhumorigen Film verraten, denn die Kapriolen, die die einzelnen Episoden schlagen, sollte man sich nicht spoilern lassen. Denn davon leben die Geschichten: von der Unvorhersehbarkeit und diesem Gefühl, dass man fast alles, was da passiert, auch mal machen will.

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Ich schreie nicht!

Veröffentlichung: 25 Juni als Blu-ray und DVD

Länge: 123 Min. (Blu-ray), 117 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Spanisch
Originaltitel: Relatos salvajes
ARG/SP 2014
Regie: Damián Szifrón
Drehbuch: Damián Szifrón
Besetzung: Darío Grandinetti, María Marull, Mónica Villa, Rita Cortese, Leonardo Sbaraglia
Zusatzmaterial:
Vertrieb: Prokino Home Entertainment

Copyright 2015 by Matthias Holm

Fotos, Packshot & Trailer: © 2015 Prokino Home Entertainment

Blackhat – Hacker gegen Hacker in digitaler Action (Filmrezension)

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Blackhat

Diesen Gastbeitrag hat uns erneut Simon Kyprianou zur Verfügung gestellt, Gastautor bei unserem Partner-Blog Die Nacht der lebenden Texte und Autor bei 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin. Vielen Dank dafür.

Actionthriller // Ein Hackerangriff legt ein chinesisches Atomkraftwerk lahm, Börsenkurse werden manipuliert. Die USA und China sind höchst besorgt und beschließen trotz gegenseitigen Misstrauens, in diesem Fall zusammenzuarbeiten. Chen Dawai (Leehom Wang) vom chinesischen Geheimdienst will seinen alten Studienkameraden und mittlerweile inhaftierten Hacker Nick Hathaway (Chris Hemsworth) zu den Ermittlungen hinzuziehen. Die FBI-Agentin Berrett (Viola Davis) ist anfangs skeptisch, erkennt aber schnell den Nutzen von Hathaway. Der wiederum verliebt sich in Chen Lien (Wei Tang), die Schwester seines alten Freundes. Schnell merkt das Team, dass ihr Gegner nicht zu unterschätzen ist.

Michael Mann und das digitale Drehen

Michael Manns letzte Filme waren weder beim Publikum noch bei der Filmkritik besonders erfolgreich, „Miami Vice“ (2006), „Public Enemy“ (2009) und jüngst auch „Blackhat“ floppten im Kino. Dabei hat er mit ihnen einen konsequenten künstlerischen Ansatz verfolgt, ist Mann doch einer der wenigen Regisseure, die das digitale Drehen, die kühlen digitalen Bilder zum eigenständigen Stil erheben.

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Der geheimnisvolle Hacker ist Nick und Chen auf den Fersen …

Angefangen bei „Collateral“, in dem sowohl digitale als auch analoge Kameras benutzt wurden, fand Manns digitale Ästhetik ihren Höhepunkt in „Miami Vice“ und wurde fortgeführt in „Public Enemy“ und nun auch in „Blackhat“. Tendenzen hin zu dieser Ästhetik konnte man bereits in Manns frühen Arbeiten, wie „Der Einzelgänger“ („Thief“, 1981) und „Blutmond“ („Manhunter“, 1986) entdecken.

Wie inszeniert man das Hacken?

„Blackhat“, das muss man wohl einräumen, scheitert an der angemessenen Behandlung seines Sujets. Es gelingt Michael Mann nicht, Bilder für das „Digitale“, für das „Hacken“ zu finden, es misslingt ihm, diesen abstrakten technischen Vorgang in Bilder zu übersetzen. Der Versuch bremst den Film immer wieder aus, nimmt ihm Dynamik und Tempo. Gewöhnlich sind Manns Filme inhaltlich entschlackt, von allzu großem narrativen Ballast befreit, doch „Blackhat“ wird, vor allem zu Anfang dadurch etwas ausgebremst.

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… doch Nick schlägt zurück

Was Mann aber gelingt: einen hervorragenden Actionfilm zu inszenieren, vor allem in der zweiten Hälfte, in der er sich etwas vom Hacker-Thema entfernt. Digital-körnige, schwirrend-fiebrige Nachtaufnahmen, eine dynamische Kamera, ein hinreißendes Spiel mit Farben und Formen – in dieser zweiten Hälfte erhebt sich „Blackhat“ zum Action-Rausch. Die Figuren sind, typisch für Mann, gradlinig und direkt charakterisiert, da braucht es nicht mehr als einen flüchtigen Blickwechsel zwischen Frau und Mann, um einander unrettbar zu verfallen.

Zum Ende hin inszeniert Mann eine Massenszene in Jakarta, in dessen Getümmel sich die Figuren gegenseitig zerfleischen, festgehalten in eskalierenden, hitzigen digitalen Bildern. So exzessives, herrliches Actionkino findet man heute sonst beinahe nirgendwo.

Veröffentlichung: 18. Juni 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 133 Min. (Blu-ray), 127 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Blackhat
USA 2015
Regie: Michael Mann
Drehbuch: Morgan Davis Foehl, Michael Mann,
Besetzung: Chris Hemsworth, Viola Davis, Leehom Wang, Wei Tang, John Ortiz, William Mapother, Sara Finley, Spencer Garrett
Zusatzmaterial (nur Blu-ray): Die Cyber-Gefahr, Drehorte überall auf der Welt, Realität erschaffen
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2015 by Simon Kyprianou

Fotos, Packshot & Trailer: © 2015 Universal Pictures Germany GmbH

Coherence – Manchmal reicht ein Komet für eine großartige Idee (Filmrezension)

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Coherence

Für den Gastbeitrag bedanken wir uns bei Volker von „Die Nacht der lebenden Texte“.

SF-Thriller // Nicht zu viel verraten, nicht zu viel verraten – wie mach’ ich das nur? Ich beginne mit sicherem Terrain: Das Budget ist begrenzt, das Setting dementsprechend ebenfalls. Regisseur James Ward Byrkit drehte in seinem eigenen Haus, entstanden ist ein Kammerspiel in seinem Wohnzimmer, das kaum einmal verlassen wird.

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Was geht draußen vor?

Ein Komet zieht an der Erde vorbei, acht Freunde treffen sich zu einem gemütlichen Abend. Handys bekommen einen Sprung, der Strom fällt aus, im gesamten Viertel, wie es scheint. Zum Glück sind ein Notstromaggregat und zwei Pakete Leuchtstäbe vorhanden. Nur in einem weiteren Haus am Ende der Straße brennt noch Licht. Die Quantenphysik und Schrödingers Katze kommen zu ihrem Recht, auch Meteoriteneinschläge und Parallelwelten.

Von wegen Physik ist langweilig

Klingt verwirrend? Ist es gar nicht so sehr. Nach etwas bedächtigem Start, in dem wir die acht Figuren und ihre etwas zwiespältigen Beziehungen zueinander kennenlernen, entwickelt sich ein hoch spannender Science-Fiction-Thriller, der auf faszinierende Weise mit der Naturwissenschaft spielt. Soweit ich das beurteilen kann, bewahrt er sich dabei sogar seine innere Logik. Obendrein strahlt die Physik auch auf die Protagonisten zurück. Ihre Beziehungen und Entscheidungen bekommen angesichts von Alternativen Gewicht. Dass die Umsetzung gelingt, ist umso bemerkenswerter, wenn man weiß, dass die Schauspieler keine exakten Textvorgaben hatten und vieles improvisieren mussten.

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Was geht drinnen vor?

„Coherence“ beweist, dass es manchmal einzig auf die Idee ankommt, aus der auch ohne großes Budget und namhafte Darsteller eine filmische Perle entstehen kann. Von Drehbuchautor und Regisseur James Ward Byrkit bekommen wir hoffentlich bald mehr zu sehen.

Veröffentlichung: 27. März 2015 als Limited Special Edition Blu-ray (inkl. Soundtrack-CD), Limited Special Edition DVD (inkl. Soundtrack-CD), Blu-ray und DVD

Länge: 88 Min. (Blu-ray), 84 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Coherence
USA/GB 2013
Regie: James Ward Byrkit
Drehbuch: James Ward Byrkit
Besetzung: Emily Baldoni (als Emily Foxler), Maury Sterling, Nicholas Brendon, Elizabeth Gracen, Alex Manugian, Lauren Maher, Hugo Armstrong, Lorene Scafaria
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, nur Special Edition: Audiokommentar mit dem Regisseur James Byrkit und den Darstellern Emily Foxler und Alex Manugian, Making-of (Behind the Scenes), Interviews mit den Darstellern, Aufnahmen eines Testshootings, Booklet mit den Regieanweisungen für die Schauspieler
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2015 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2015 Bildstörung

Ariane Barth: Im Rotlicht – Das explosive Leben des Stefan Hentschel (Rezension)

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Wir freuen uns über eine weitere Rezension unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“. Diesen Text hat der Blogger persönlich geschrieben.

Biografie // Hast du’n Problem? Geh weiter! … Backpfeife! … Noch ’n Problem? Besser isses!

Wer kennt sie nicht, die legendäre Szene aus der Doku „Der Boxprinz“ (die allerdings nicht von Stefan Hentschel handelt, sondern von Norbert Grupe)? Wenn auf jemanden das Attribut schillernd zutraf, dann auf Hentschel, den Rotlichtpaten, den Zuhälter, die Kiezgröße, den Frauenversteher. Schillernd hin oder her, sein Ende war es weniger. Autorin Ariane Barth schreibt in einer späteren Auflage 2007 in einem Nachtrag: Stefan Hentschel genoss nach der Veröffentlichung seiner Lebensbeichte das Interesse der Medien. (…) Im Gegensatz zu seinen meist strahlenden Auftritten (…) stand sein Scheitern (…) Am 18. Dezember 2006 erhängte sich Stefan Hentschel im Boxkeller der „Ritze“. Für seine letzte Inszenierung wählte er sein „zweites Wohnzimmer“.

Recherche im Rotlicht

Der Klappentext zu „Im Rotlicht“ verrät, wie es zur Entstehung des Buchs kam: Die Autorin traf Hentschel bei Recherchen in St. Pauli. Anscheinend fanden die Publizistin und die bullige Kiezgröße einen Draht zueinander – so entstand die Idee seiner Lebensbeichte. Als feines Stilmittel erweist sich die Entscheidung, Hentschel in der Ich-Form als Erzähler fungieren zu lassen. Ariane Barth gelingt es, Hentschels Jargon in ihre Schreibe zu übertragen. Dass er es nicht selbst geschrieben hat, davon darf wohl ausgegangen werden, zumal er keine Autoren-Credits kriegt.

Der Lude und die Prinzessin

Es beginnt schon bei der Anrede: „Prinzessin“ nennt er Ariane Barth von der ersten Zeile bis zum letzten Kapitel. Ist das jetzt verniedlichend oder respektvoll? Vielleicht auf eine besondere Hentschel-Weise beides. Hentschel erzählt von der DDR-Kindheit, aufgewachsen in Sachsen, untergekommen bei Oma und Opa, nachdem erst der Vater in den Westen rübergemacht und dann die Mutter und den kleinen Bruder nachgeholt hat.

Mit neun gelangt dann auch Stefan nach Hamburg, leichter wird es dadurch nicht. Prügel gibt es hüben wie drüben. Heimaufenthalt, üble Erlebnisse – von Pädagogen kriegt er ’nen „Kackreiz“. Während der Bundeswehrzeit dann der erste Kontakt mit St. Pauli, dem Rotlichtmilieu. Zwischendurch verdingt er sich als Fernfahrer, doch über den ersten Job in der „Amigo-Bar“ geht die Kiez-Karriere schnell steil bergauf. Bis die ersten Frauen für ihn anschaffen, ist es kein weiter Weg mehr.

Was ist ein „Hügel“?

Man muss aufpassen, bei der Lektüre nicht dem Charme zu erliegen, den der Bericht verströmt. Vieles liest sich geradezu romantisch. Von unterdrückten Frauen, die für ihren Luden auf den Strich gehen, liest man zwar, aber es liest sich wie eine Parallelwelt. Sie scheinen gern ihren „Hügel“ bei Stefan abgegeben zu haben, wie die Geldhaufen offenbar in der Halbwelt genannt worden sind. Die Polizei nennt er übrigens Schmiere, niemals Bullen.

Die Kiez-Prominenz wird erwähnt, logisch: Ringo Klemm, der Wiener Peter, die Nutella-Bande, auch Mucki Pinzner, der Auftragskiller, der auf Hentschel angesetzt wird, bevor er Mitte 1986 im Hamburger Polizeipräsidium seine Frau, einen Staatsanwalt und dann sich selbst erschießt.

Der gesellschaftliche Abstieg

Prostitution, Gewalt, Mord, Drogen, Sex, Luxus – das ganze Programm bekommen wir von Ariane Barth mit leichter Schreibe serviert. Immerhin hat Hentschel ihr gegenüber nicht seinen Abstieg ausgespart, den Gang zum Arbeitsamt, die wenig mondäne Leitung der Putzkolonne eines Altenheims. Er hat ihn wohl nie verkraftet.

Erfahren wir die Wahrheit? Wohl kaum. Vielleicht ist es ein bisschen Hentschels Wahrheit. Wie er sich selbst sah, das mag aus seiner Lebensbeichte zum Teil hervorgehen. Er wird womöglich an der einen oder anderen Stelle strafrechtlich Relevantes verschwiegen haben müssen, um sich selbst oder alte Weggefährten nicht zu belasten.

Zwischen Kiez-Fantasie und Geschlechterrollen

Manche Abschnitte wirken märchenhaft, wie eine Kiez-Fantasie. Andere Kapitel sind deutlich rauer, dann spürt man zwischen den Zeilen, dass nicht alles Gold ist, was dort glänzt (und es glänzt vieles). Wer als Leser zu sehr in Gefahr gerät, der Faszination von Hentschels Bericht zu erliegen, möge sich vor Augen führen, wie dort die Geschlechterrollen verteilt sind: Die Männer sind die Macher, die Frauen das Material. Das nimmt „Im Rotlicht – Das explosive Leben des Stefan Hentschel“ nicht den großen Unterhaltungswert, den es hat, aber es rückt einiges wieder gerade. Und wer nach der Lektüre eine Zuhälter-Karriere anstrebt, dem ist sowieso nicht zu helfen.

Autorin: Ariane Barth
Veröffentlichung: 11. Mai 2005
Verlag: Ullstein Taschenbuch

Copyright 2015 by Volker Schönenberger

Oslo, 31. August – Von einem, der aufhört, das Leben zu suchen (Filmrezension)

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Der nächste Gastbeitrag – einmal mehr bedanken wir uns bei Simon Kyprianou, Gastautor bei unserem Partner-Blog Die Nacht der lebenden Texte und Autor bei 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin.

Oslo August 31st

Gastrezension von Simon Kyprianou

Drama // Anders (Anders Danielsen Lie), ein junger Mann, 34 Jahre alt, könnte mitten im Leben stehen, sitzt aber im Drogenentzug fest. Gleich in der ersten Filmszene will er sich umbringen, doch ihn verlässt der Mut. Nach langer Zeit darf er die Suchtklinik für einen Tag verlassen, nach Oslo fahren, alte Freunde und die Familie besuchen; ein Vorstellungsgespräch hat er auch. Er könnte die Grundsteine für sein restliches Leben legen, aber Anders ist müde, Anders ist satt.

Abbild einer Generation

„Oslo, 31. August“ ist zwar radikal an seinen Protagonisten gebunden, zeichnet aber nicht nur dessen Porträt. All die Begegnungen, Konversationen und Erlebnisse auf Anders‘ Odyssee durch Oslo lassen das mosaikhafte Abbild einer ganzen Generation, einer komplexen Gesellschaft deutlich werden. Es entstehen Sinnzusammenhänge, Schmerz und Ausweglosigkeit von Anders werden spürbar.

Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit

Regisseur Joachim Trier findet eine äußerst realistische aber vor allem eine lebendig kraftvolle, ästhetische Filmsprache, um seine zärtliche und schmerzhafte Geschichte von verlorener Jugend und dem verpasstem Einstieg ins Leben zu erzählen. Dabei verfällt der Film nie der absoluten Hoffnungslosigkeit, Trier inszeniert einen lebensklugen Film, der überall mögliche Lebenskonzepte und Auswege aufzeigt, die zwangsläufig auch Probleme und Leid mit sich bringen, aber letztlich doch erträglich sind.

Das Leben ist schön

So lebenssatt und enttäuscht der Protagonist Anders auch sein mag, Triers Film ist es nicht, er ist im Gegenteil lebenshungrig, sucht überall nach Möglichkeiten, Auswegen, Hoffnung, Schönheit und Liebe. Wenn er eine wilde Partynacht und einen Flirt einfängt, werden Triers Bilder sogar wild, hypnotisch und flirrend, er bricht aus dem nüchternen Realismus aus und zeigt das Leben in all seiner Schönheit. Denn auch an jenem schicksalshaften 31. August könnte man Schönheit finden, würde man sie nur suchen. Anders sucht sie nicht mehr.

„Oslo, 31. August“ ist gleichsam ein Film über einen Menschen, der sich und die Welt aufgegeben hat, weil sie ihm nichts mehr zu bieten hat, als auch ein differenzierter Blick auf die Welt selbst, ihre Defizite, Irrwege, aber auch Möglichkeiten.

Veröffentlichung: 10. Januar 2014 als DVD

Länge: 96 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Norwegisch
Untertitel: Deutsch, Französisch
Internationaler Titel: Oslo August 31st
NOR 2011
Regie: Joachim Trier
Drehbuch: Joachim Trier, Eskil Vogt, nach einem Roman von Pierre Drieu La Rochelle
Besetzung: Anders Danielsen Lie, Ingrid Olava, Anders Borchgrevink, Andreas Braaten, Hans Olav Brenner, Johanne Kjellevik Ledang, Malin Crépin, Renate Reinsve
Zusatzmaterial: keins
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2014 by Simon Kyprianou
Packshot: © 2014 Al!ve AG

Kinder des Olymp – Das Theater um die Liebe oder Die Liebe im Theater (Filmrezension)

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Wir freuen uns, dass sich Simon Kyprianou vom Partner-Blog Die Nacht der lebenden Texte und Autor bei 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin erneut bereit erklärt hat, uns einen Gastbeitrag zu überlassen.

Les enfants du paradis

Gastrezension von Simon Kyprianou

Melodram // Marcel Carnés leichtfüßig fließende, hochästhetische Bilderwelten schauen hinter den Vorhang des Theaters, hinter den Schleier der Kunst und auch hinter den seelischen Schutzpanzer der Menschen – Carné schaut mit brillanter Klarheit auf das Leben selbst.

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Garance – für viele das Objekt der Begierde

Das sich unaufhörlich drehende tragische Karussell der Liebe im Theatermilieu offenbart all die schillernden und abgründigen Facetten der Lebenswirklichkeit der Protagonisten, schaut in ihr Inneres und untersucht ihre Seelen. Die wirkliche Welt und die Welt der Kunst zerfließen mal miteinander, mal scheinen sie unendlich weit voneinander entfernt. Mal scheint die Kunst den Schrecken der Welt zu teilen und mal ist sie ein sicherer Zufluchtsort.

Eine Frau, diverse Verehrer

Die Geschichte, ist eigentlich von bestechender Einfachheit: Mehrere Männer gänzlich unterschiedlichen Standes verlieben sich in die selbe Frau, die schöne Garance (Arletty). Carné schöpft aus der Einfachheit dieses Szenarios ein komplexes Bild der ganzen Welt. Die Liebhaber sind alle höchst unterschiedlich, haben verschiedene Probleme, Sorgen und Aufgaben. Das zeichnet ein vielschichtiges Gesellschaftsbild und ein vielschichtiges Menschenbild. Was sie alle eint, ist die Liebe, die Carné als einzige Konstante in der Welt betrachtet, als überzeitlich und allgegenwärtig. Doch mit der Liebe gehen in „Kinder des Olymp“ auch immer Leid und Untergang einher, auch hier aus unterschiedlichen Gründen, seien es Angst, Hass oder Unentschlossenheit.

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Leben und Theater werden eins

Carné untersucht 190 betörend schöne Minuten lang mit stoischer Ernsthaftigkeit die Conditio Humana, stellt dringliche Fragen und verweigert die Antworten. Am Ende der Odyssee lässt er uns nicht viel Hoffnung, wenn die sich tödlich und tragisch Liebenden in der tosenden Menschenmenge des Karnevals untergehen und für immer verschwinden. Die Tragödie ihrer Leben gleicht denen auf den Bühnen der Theater, bei denen es keine Happy Ends gibt. Deprimierend, aber ehrlich und darum auch wunderschön.

Veröffentlichung: 23. Oktober 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 190 Min. (Blu-ray), 183 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Les enfants du paradis
F 1945
Regie: Marcel Carné
Drehbuch: Jacques Prévert
Besetzung: Arletty, Jean-Louis Barrault, Pierre Brasseur, Pierre Renoir, María Casares, Gaston Modot, Fabien Loris, Etienne Decroux
Zusatzmaterial: Original Kinotrailer, Restaurierung: Vorher-Nachher-Vergleich
Vertrieb: Concorde Home Entertainment

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2014 Concorde Home Entertainment

Feuerwerk am helllichten Tage – Zu Recht zwei Berlinale-Bären (Filmrezension)

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Simon Kyprianou ist Gastautor beim Filmblog Die Nacht der lebenden Texte, den der freundschaftlich mit uns verbundene Blogger Volker Schönenberger betreibt. Er hat sich freundlicherweise bereit erklärt, auch für vnicornis einen Text zu liefern.

Bai ri yan huo

Gastrezension von Simon Kyprianou

Krimidrama // Im Sommer 1999 werden in Nordchina männliche Leichenteile in den Kohlelagern der Region gefunden. Die Polizei nimmt an, dass der Mörder ein Serientäter ist. Der Polizist Zili (Fan Liao) übernimmt den Fall. Bei einer Festnahme wird sein gesamtes Team erschossen. Zili quittiert den Dienst.

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Zili ist ein gebrochener Mann

Einige Jahre später werden im Winter wieder Leichenteile gefunden – der Mörder ist zurück. Zili ist mittlerweile heruntergekommen und müde, ein Mann ohne Aufgabe, abgestumpft und lebenssatt. Der Jagd nach dem Serienkiller wird für ihn zu einer Erlösung, zu einer Wiedergeburt. Alle Opfer hatten eine Beziehung mit Wu Zhizhen (Lun Mei Gwei). Zili beginnt, sie zu beschatten. Nach und nach verliebt er sich in sie.

Ein Antiheld kehrt zurück ins Leben

Am Anfang des Films hat Zili mit seinem Leben abgeschlossen. Seine Frau hat ihn verlassen, seine Leute sind tot, es gibt für ihn keinen Grund mehr zu existieren. Am Ende, wenn er Jahre später den Fall endlich lösen konnte, tanzt er in einer beinahe grotesken, ausufernden Szene wie von Sinnen, wie ein Verrückter zu Musik. Der Erfolg hat ihn erlöst von seiner Depression. Aber es ging im nie um die Menschen, es ging ihm nie um die erloschene Liebe seiner Frau oder seine Zuneigung zu Wu, es ging ihm auch nie um die Wahrheit. Es ging ihm immer nur um den Erfolg, der die Rückfahrkarte in sein früheres Leben bedeutet. Zili ist ein klassischer Antiheld, ein Unmensch, ein Unsympath.

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Wieso sterben die Leute in Wus Nähe wie die Fliegen?

Regisseur Diao Yinan inszeniert mit „Feuerwerk am helllichten Tage“ eine interessante Film-noir-Hommage. Wir begegnen Antihelden, Femmes fatales, wir blicken in menschliche Abgründe und am Ende stehen Leere und Hoffnungslosigkeit. Alles wird untermalt von unaufhörlich fallendem Schnee, der die Welt zu einem surrealen, kalten Ort werden lässt, ein Ort, der das Innere der Charaktere widerspiegelt. Alle Charaktere sind innerlich längst tot, ihre Leidenschaft ist erloschen und ihr Leben vergeudet, ein konsequenter Film noir.

Gewinner des Goldenen und eines Silbernen Bären

Die Reise in den Abgrund wird in ausgesucht schönen Bildern erzählt. Elegisch hält Regisseur Yi’nan Diao die kalte, menschenfeindliche Schneewelt fest, durch die er seine Figuren wie innerlich tote Geister wandeln lässt. Grandios ist das mit dem Silbernen Bären der Berlinale prämierte Spiel von Fan Liao. Mit erschreckender Intensität spielt er das Leiden und die moralische Verwahrlosung seiner Figur. So langsam und gelegentlich vielleicht auch etwas schleppend der Gewinner des Goldenen Bären der Berlinale auch inszeniert ist, er bewahrt sich immer eine düstere Poesie, eine abgründige Trauer und eine grandiose Atmosphäre. Ein beachtlicher Film!

Veröffentlichung: 6. November 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 106 Min. (Blu-ray), 102 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Hochchinesisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Bai ri yan huo
CHN 2014
Regie: Yi’nan Diao
Drehbuch: Yi’nan Diao
Besetzung: Fan Liao, Lun Mei Gwei, Xuebing Wang
Zusatzmaterial: Pressekonferenz der Berlinale, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

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Eine Festnahme kurz vor der Eskalation

Copyright 2014 by Simon Kyprianou
Packshot & Fotos: © 2014 Studiocanal Home Entertainment

Star Trek – Into Darkness (Filmrezension)

V. Beautifulmountain

Kinostart: 9. Mai 2013

Um die Jahrtausendwende schien das Star-Trek-Universum zu Ende erzählt (auch wenn etliche Trekkies den Autor dieser Zeilen für diese These womöglich steinigen würden): Nach dem grandiosen 1996er-Kinohit „Der erste Kontakt“ hatten die beiden Nachfolger „Der Aufstand“ (1998) und „Nemesis“ (2002) nur solide Science-Fiction-Unterhaltung geboten. Auch die als Prequel konzipierte bislang letzte Star-Trek-Fernsehserie „Enterprise“ (2001–2005) brachte keine entscheidend neuen Impulse. Trotzdem begann schon 2005 die Arbeit an einem weiteren Kinofilm. „Star Trek“ schlug 2009 ein wie eine Bombe, was einerseits an der Wucht der großartigen Bilder lag, andererseits nicht zuletzt auch an der Idee, zu den Anfängen der Serie zurückzukehren und den Werdegang von James T. Kirk und Spock zu beleuchten.

In der Fortsetzung „Star Trek – Into Darkness“ sind erneut Chris Pine („Carriers“) als Kirk und der durch die TV-Serie „Heroes“ zum Star gewordene Zachary Quinto als Spock zu sehen. Speziell Quinto hatte sich bereits in „Star Trek“ als Idealbesetzung des rein logisch vorgehenden Vulkaniers erwiesen; er überzeugt auch beim zweiten Mal. Die anderen tragenden Säulen der Enterprise-Crew sind ebenfalls erneut an Bord, darunter Simon Pegg als Scotty und Zoe Saldana als Uhura.

Als feinster Besetzungsstreich erweist sich der bei uns als Sherlock Holmes bekannt gewordene Engländer Benedict Cumberbatch in der Rolle des Gegenspielers John Harrison. Und da die Information bereits vor Kinostart durchs Netz gegeistert ist, verraten wir nicht zu viel, wenn wir an dieser Stelle Harrisons Alias preisgeben: Khan – genau: der Übermensch, den u. a. im zweiten Kinofilm „Der Zorn des Khan“ (1982) Ricardo Montalban verkörpert hat. Cumberbatch wirft ein britisch-aristokratisches Charisma in die Waagschale und liefert Schauspielkunst ab, die dem ansonsten eher auf wuchtige Bilder und Action setzenden Film gut zu Gesicht steht.

Im Prolog rettet die „Enterprise“ eine kleine Welt samt ihrer rückständigen Einwohner vor der Zerstörung, indem sich Spock ins Innere eines kurz vor der Eruption stehenden Vulkans abseilt und die Lavamassen zum Gefrieren bringt. Klingt hanebüchen? Egal – is’ ja kein Doku-Drama hier. Um Spocks Überleben zu retten, ignoriert Heißsporn Kirk kurzerhand ein paar Direktiven der Sternenflotte. Dummerweise kann Spock nicht lügen – er petzt bei Admiral Pike (Bruce Greenwood). Das kostet Kirk das Kommando der „Enterprise“. Kurz darauf erschüttert ein Terroranschlag London. Die Krisensitzung des Sternenflotten-Kommandos unter Admiral Marcus (Peter Weller, „Robocop“) offenbart eine weitaus größere Dimension der Bedrohung – Stichwort Khan. Der flieht ausgerechnet ins Reich der – Trommelwirbel – Klingonen!

Damit die Trekkies nicht allzu enttäuscht sind, sei an dieser Stelle verraten, dass die Klingonen im Film lediglich eine untergeordnete Rolle spielen. Da freuen wir uns auf die nächste Fortsetzung. Dennoch bietet „Star Trek – Into Darkness“ genügend Schauwert für Trekkies. Nicht-Trekkies können sich an einem actionreichen und bombastischen Weltraum-Abenteuer erfreuen, auch wenn J. J. Abrams gegenüber dem Vorgängerfilm ein wenig auf der Stelle tritt. Vielleicht steckte der Regisseur mental bereits in der Vorbereitung zum nächsten Star-Wars-Film, einem Franchise, dem er nach eigener Aussage deutlich mehr abgewinnen kann als dem Star-Trek-Universum.

Abschließend ein Wort zu 3D: Der Trailer sah in 3D herausragend aus und weckte hohe Erwartungen, die der Film leider nicht einhält. Es scheint sich zu etablieren, die 3D-Technik bei Trailern mehr auszureizen. Das mag kurzfristig den einen oder anderen Zuschauer mehr zur Zahlung des Aufpreises bewegen; ob sich dieser Schmu am Kinogänger auf Dauer auszahlt, sei dahingestellt. „Star Trek – Into Darkness“ sieht gut aus, mehr aber auch nicht. 2D hätte völlig ausgereicht, zumal gelegentlich undefinierbare Teilchen vor der Leinwand zu schweben scheinen, die eher stören als dass sie ein räumliches Erlebnis bewirken. Schade drum.

USA 2013
Regie: J. J. Abrams
Drehbuch: Roberto Orci, Alex Kurtzman, Damon Lindelof
Besetzung u. a.: Chris Pine, Zachary Quinto, Benedict Cumberbatch, Zoe Saldana, Simon Pegg, Peter Weller, Karl Urban, Alice Eve, Bruce Greenwood

(c) V. Beautifulmountain 2013

Django Unchained (Filmrezension)

V. Beautifulmountain

In einem Interview zum Film hat Regisseur Quentin Tarantino gesagt, er wüsste nicht, ob ihm die Figur des King Schultz eingefallen wäre, würde er nicht Christoph Waltz kennen. Der Darsteller des eloquenten Kopfgeldjägers in „Django Unchained“ sei seit „Inglourious Basterds“ in seinem künstlerischen Denken verankert. Dieser Ritterschlag durch Hollywoods heißesten Regisseur macht den deutsch-österreichischen Schauspieler zu einer der coolsten Säue unter der Sonne Kaliforniens. Tarantino hatte eigenen Angaben zufolge vor dem Casting zu „Inglourious Basterds“ (2009) noch nie von Waltz gehört.

„Django Unchained“ ist klassischer Western, Italo-Western, Historien-Drama und Action-Abenteuer in einem – und ein dialogstarker Schauspielerfilm, der bei aller Bildgewalt seine Akteure stets im Vordergrund belässt. Obwohl sowohl die Oscar-verleihende Academy als auch der für die Golden Globes zuständige Verband der Hollywood-Auslandspresse die Figur des King Schultz als Nebenrolle klassifiziert haben, ist Waltz doch eindeutig einer von zwei Hauptdarstellern – der die Titelrolle verkörpernde Jamie Foxx ist der andere.

Foxx spielt Django, einen schwarzen Sklaven, der sich im Jahr 1858 – angekettet an andere Sklaven – durch einen texanischen Wald schleppt. Schultz befreit ihn, weil Django ihm bei der Jagd auf drei Ganoven helfen kann, auf die ein lukratives Kopfgeld ausgesetzt ist. Schultz unterweist Django in der Kunst der Kopfgeldjagd, der erweist sich als gelehriger Schüler. Auf Schultz’ Frage, wie ihm diese Form des Broterwerbs gefalle, erwidert er: „Kill white people and get paid for it? What’s not to like?“ Für Geld Weiße zu töten, was könne einem daran nicht gefallen? Stichwort Sprache: Wer des Englischen ausreichend mächtig ist, möge sich den Film im Original anschauen. Quentin Tarantino beweist auch in diesem Film, dass er ein Meister der coolen Dialoge ist. Christoph Waltz’ besonderer Zungenschlag tut ein Übriges.

Das ungleiche Paar begibt sich auf die Suche nach Djangos Ehefrau (Kerry Washington). Der Deutsche Schultz ist verzückt, als Django ihm ihren Namen verrät: Broomhilda! Und sie spricht sogar deutsch! Broomhilda befindet sich als Sklavin auf dem Anwesen des reichen Plantagenbesitzers Calvin Candie – Auftritt Leonardo DiCaprio, erstmals als Schurke zu sehen, der keine Hemmungen hat, Hunde auf einen Sklaven zu hetzen und Schwarze in blutigen Mandingokämpfen aufeinanderzuhetzen. Wo Tarantino draufsteht, ist eben stets auch eine gehörige Portion Gewalt drin, ebenso stilisiert wie drastisch. Der Regisseur schreckt nicht einmal davor zurück, sich selbst in die Luft – aber lassen wir das Spoilern.

Samuel L. Jackson füllt eine kleine, aber wichtige Rolle als Calvin Candies Butler und Obersklave Stephen aus, der die menschenverachtende Haltung seines Herrn längst selbst verinnerlicht hat. Und wie es Quentin Tarantino gern hat, gibt er auch diesmal wieder einem Ex-Star einen Part, der zuletzt nicht mehr in großen Hollywood-Produktionen zu sehen war: Don Johnson ist als vornehmer Südstaaten-Grundbesitzer Big Daddy Bennet zu sehen. Erwähnt sei auch der klitzekleine, aber feine Gastauftritt von Franco Nero, dem Titelhelden aus – wie hieß der Film nur?

Der Film hat humorige Szenen zu bieten – vor allem schwarzhumorige, versteht sich. Dennoch ist „Django Unchained“ auch eine knallharte Aussage zur Sklaverei-Vergangenheit des US-Südens und eine Abrechnung mit dem „Grand Old South“, die Quentin Tarantino in den USA auch Kritik eingebracht hat. Der Regisseur bevorzugt als Genre für sein Werk übrigens den Ausdruck Southern. Von „Vom Winde verweht“ zu „Django Unchained“ ist es so oder so ein weiter und blutiger Weg.

So aufregend jeder Tarantino-Film auch ist, so hat der Gute seinen Claim doch mittlerweile abgesteckt – was auch für den erneut frech-dreisten Soundtrack gilt. Wer Tarantino bislang nicht mochte, wird sich durch „Django Unchained“ keines Besseren belehren lassen. Die Tarantino-Connaisseure hingegen werden den Film irgendwo zwischen sehr gut und Meisterwerk verorten. Der Verfasser dieser Zeilen jedenfalls hat sich 165 Minuten lang blendend unterhalten gefühlt.

Zusatzinfo: „Mandingo“

Sklaverei als zentrales Thema eines Spielfilms – da muss man jenseits der TV-Serie „Roots“ recht lange suchen. 1975 drehte Richard Fleischer („Soylent Green – Jahr 2022 … Die überleben wollen“) „Mandingo“ mit James Mason. Darin spielt der Schwergewichtsboxer Ken Norton einen Sklaven, der trainiert wird, gegen andere Sklaven zu kämpfen. Der Film wurde überaus kontrovers aufgenommen, die Urteile deckten von „rassistischer Müll“ bis „großartig“ eine große Bandbreite ab. Wie auch immer – ob es zu Zeiten der Sklaverei in den US-Südstaaten die sowohl in „Mandingo“ als auch in „Django Unchained“ thematisierten Mandingo-Kämpfe zwischen Sklaven zum Entertainment der weißen Herrenmenschen wirklich gegeben hat, ist unbelegt.

USA 2012
Drehbuch & Regie: Quentin Tarantino
Besetzung u. a.: Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio, Kerry Washington, Samuel L. Jackson, Don Johnson, Walton Goggins, Robert Carradine, Tom Savini, Michael Parks, Quentin Tarantino, Franco Nero
Kamera: Robert Richardson

(c) V. Beautifulmountain 2013