Auf der Achse des Lichts – Ein Gespräch mit dem Autor und Fotografen Rolf Krane | Teil 2 von 2

Fortsetzung (zurück zu Teil 1 des Gespräches)

Vnicornis:
Von Deinen Reisen bringst Du sehr viele Fotografien mit. Was kann Fotografie heute noch leisten, da bereits alles verbildlicht zu sein scheint und zu jedem Flecken der Erde zahllose Ausleuchtungen im Internet zu finden sind?

Rolf Krane:
Die Fotografien, die ich von meinen Reisen mitbringe, sind für mich vor allem Gedächtnisstützen für das, was ich unterwegs erlebt habe. Ich bin ein visueller Mensch und kann mich mithilfe der Fotos sehr gut in erlebte Situationen und Begegnungen zurückversetzen. Das hilft mir auch, wenn ich später darüber schreibe.

Viele Leser meines Buches Der Reisende Rahmen haben bedauert, dass ich keine Fotos von der Reise darin veröffentlich habe. Im Nachhinein habe ich deshalb zusätzliche Bildbände erstellt, die online verfügbar sind. Auf meinen Lesungen ist eine Mischung aus Vorlesen, freiem Erzählen und der Präsentation von Dias sehr gut beim Publikum angekommen. Ebenso haben sich Pausen bewährt, in denen Diashows gezeigt wurden, die mit Musik untermalt waren oder zu denen Live-Musik gespielt wurde. Deshalb bringe ich auch von meiner aktuellen Reise über die Achse des Lichts wieder viele Fotos mit.

Der Mont-Saint-Michel gehört zu den am meisten besuchten Orten auf meiner Reise und zählt etwa 2,3 Millionen Besucher im Jahr. Die Anzahl der jährlich aufgenommenen Fotos wird ein Vielfaches der Besucherzahl sein. Jeder Flecken des Mont-Saint-Michel, der für Touristen erreichbar ist, dürfte sich auf einem Foto abgelichtet wiederfinden. Einige Motive werden besonders häufig fotografiert. Jedoch kann jedes Motiv, das aus dem gleichen Blickwinkel aufgenommen wird, zu sehr unterschiedlichen Bildern führen:

Mont-Saint-Michel

Mont-Saint-Michel / Foto: Rolf Krane

Mont-Saint-Michel in der Dämmerung

Mont-Saint-Michel in der Dämmerung / Foto: Rolf Krane

Zuallererst entsteht ein Foto im Auge des Fotografen. Es liefert nicht nur die Abbildung eines Ortes auf der Erde aus einem bestimmten Blickwinkel zu einem bestimmten Zeitpunkt. Es sagt auch etwas über den Fotografen aus. Wir können uns in seine Perspektive versetzen und Vermutungen darüber anstellen, warum er sich für jene Aufnahme entschieden hat. Haben wir nicht nur Zugriff auf ein einzelnes Foto, sondern auf eine ganze Serie oder auf eine Vielzahl von Bildern eines Fotografen, können wir uns fragen, wie er die Welt sieht oder sehen möchte. Welche Auswahl von Motiven hat er im Fokus? Aus welcher Perspektive blickt er darauf? Auf welche Teile des Bilds lenkt er die Aufmerksamkeit des Betrachters mithilfe von Licht, Farbe, Schärfe und gewählten Ausschnitt oder Anschnitt? Über seine Fotos können wir etwas von dem Fotografen als Menschen erfahren, und durch die Fotos, die wir selbst machen, können wir etwas über uns selbst erfahren. In diesem Sinne kann die Fotografie zu unserem Selbstverständnis als Mensch beitragen.

Mitte Februar, noch vor dem Lockdown, war ich in der Düsseldorfer Eröffnungsausstellung Untold Stories des Fotografen Peter Lindbergh, die vom 4. Dezember 2020 bis zum 7. März 2021 im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt zu sehen sein wird. Aus seiner persönlichen Sicht stellte Lindbergh selbst die wichtigsten 140 Aufnahmen aus seinem Lebenswerk zusammen, konzipierte die Hängung und hatte dabei alle Freiheit. Über seine Einstellung zur Schönheit sagte er einmal: „Wenn man die Courage hat, man selbst zu sein – dann ist man schön.“ Er starb am 3. September 2019 im Alter von 74 Jahren in Paris, noch bevor die Ausstellung eröffnet wurde. Als sein Freund Wim Wenders ihn im vergangenen Sommer ein letztes Mal besuchte, zeigte Lindbergh ihm die ausgewählten Fotos und sagte: „Du, ich weiß jetzt, wer ich bin.“

Die zahllosen Fotos, die man heute im Internet findet, sind vielleicht ein Ausdruck der vergeblichen Suche von Menschen nach sich selbst, der unbeantworteten Frage nach ihrer Identität in einer zunehmend von Krisen erschütterten globalisierten Welt. Finden sie selbst keine befriedigende Antwort, dann übernehmen sie gerne die Trugbilder, die populistische Führer ihnen vorgaukeln.

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2020

Auf der Achse des Lichts – Ein Gespräch mit dem Autor und Fotografen Rolf Krane | Teil 1 von 2

Rolf Krane, 1952 geboren und in Oelde, Westfalen, aufgewachsen, hat Mathematik, Pädagogik und Informatik in Bielefeld, Münster und Paderborn studiert. Nach dem Zweiten Staatsexamen als Gymnasiallehrer war er Mathematikdidaktiker an der Universität Bielefeld. Seit 1988 lebt er in Wiesloch und arbeitete 24 Jahre als Entwickler für ein Software-Unternehmen, zuletzt als Chief Development Architect. 2016 gründete er den Verlag heil.reisen. Er ist Autor des Buches Der Reisende Rahmen über eine Pilgerfahrt an der Westküste der USA. Autoren-Website: www.heil.reisen. Fotografen-Website: www.krane.photography.

Rolf Krane

Rolf Krane / Foto: Michael Benz

Vnicornis:
Du hast Dich auf die Linie der Michaelsheiligtümer begeben. Was hat es damit auf sich und warum ist das für Dich von Bedeutung?

Rolf Krane:
In den vergangenen zwei Jahren hatte ich einige bemerkenswerte Begegnungen und Erlebnisse, die mich auf die Spur des Erzengel Michael brachten. Sie gipfelten darin, dass sich mein T-Shirt an einem Stand mit Opferkerzen in der Michaelskapelle bei Bruchsal entzündete. Ich spürte nur eine große Wärme in meinem Unterbauch. Ein Freund reagierte geistesgegenwärtig und erschlug die Flammen mit seinen bloßen Händen. Wie durch ein Wunder blieb mein Rücken bis auf eine Spur Ruß und eine leichte Rötung unversehrt, obwohl das Feuer ein großes Loch in das Hemd gebrannt hatte. Eine Freundin meinte danach: „Das war das Flammenschwert des heiligen Michael.“ Daraufhin begann ich mich mit ihm zu beschäftigen. Die Deutung eines Traumes, auch wenn es nicht mein eigener war, führte mich schließlich im Frühjahr 2019 zu der folgenden Karte:

Ein heiliger Schauer durchfuhr mich, als ich sie das erste Mal erblickte: Sieben Heiligtümer des Erzengel Michael, die durch eine gerade Linie verbunden waren. Ich hatte das Gefühl, als ob alle Zellen meines Körpers in Schwingung versetzt worden waren. Schlagartig wusste ich, wohin meine nächste Reise gehen sollte. In Vertrauen auf mein Gefühl begann ich unmittelbar danach mit Nachforschungen und ersten Reisevorbereitungen.

Die Linie wurde in den 70er Jahren von den Brüdern Jean und Lucien Richer wiederentdeckt. Sie verläuft von Irland bis nach Israel über mehr als 4.000 Kilometer quer durch Europa und wurde von Lucien L’Axe de Saint Michel et d’Apollon genannt. Auf ihrem nordwestlichen Abschnitt waren Michaelsheiligtümer und auf ihrem südöstlichen Abschnitt bedeutende Tempel des Apollon errichtet worden. Die auf der Achse residierenden christlichen Mönchsorden klammerten die Heiligtümer des Apollon aus und reduzierten die Linie auf das Schwert des Michael.

In seinem 2016 erschienenen Buch The Axis of Mithras argumentiert Lukas Mandelbaum, dass der durch römischen Soldaten verbreitete Mysterienkult des Mithraismus (1.-3. Jahrhundert) die von den Griechen begonnene Achse nach Nordwesten weitergeführt und Tempel darauf errichtet hatte, die später vom Christentum mit Michael-Heiligtümern überbaut worden sind.

In der altplatonischen Lehre von der Reise der Seele beschreibt die Achse offenbar auch den Kurs, über den die Seele mit der Geburt ihres Leibes auf der Erde landet und nach seinem Tode wieder in den Himmel aufsteigt. Um die Deutung der Achse möglichst offen zu lassen, habe ich ihr den Namen Die Achse des Lichts gegeben.

Im vergangenen Jahr bin ich über diese Achse in einer ersten Etappe von der Insel Skellig Michael in Irland nach Le Mans in Frankreich und in einer zweiten von Piemont in Italien nach Rhodos in Griechenland gereist. Meine dritte und letzte Etappe sollte dieses Jahr Anfang Mai in Israel enden. Aufgrund der Corona-Pandemie musste ich sie in eine ungewisse Zukunft verschieben.

Meine Pilgerfahrt mit dem Fahrrad an der Westküste der USA von Seattle nach San Francisco im Jahr 2013 konnte ich aufgrund der Entzündung einer Achillessehne ebenfalls nicht wie geplant fortsetzen. Also packte ich mein Rad in den Kofferraum eines Einweg-Mietwagens und fuhr mit dem Auto weiter. Ich begann ein Tagebuch zu führen, das ich später in eine Reisebeschreibung umschrieb: Der Reisende Rahmen.

Nun bin ich gespannt, wohin mich meine Reise über Die Achse des Lichts bringen wird. Ihre Bedeutung wird sich wahrscheinlich wie bei meiner Reise in den USA erst nach ihrem Ende offenbaren. Von dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber (1878-1965) stammt das treffende Zitat: „Alle Reisen haben eine heimliche Bestimmung, die der Reisende nicht ahnt.“

Vnicornis:
Der Untertitel Deiner Internetseite Die Achse des Lichts lautet Turning Darkness Into Light. Welche Dunkelheit wird hier in Licht verwandelt?

Rolf Krane:
Ausgangspunkt meiner Reise über Die Achse des Lichts war Dublin, wo ich einen Blick in das Book of Kells werfen durfte. Die einzigartige illustrierte Handschrift aus der dunklen Zeit des Frühmittelalters überlebte die Zerstörungswut der Wikinger. Den Titel der Ausstellung Turning Darkness Into Light habe ich als Motto für meine Reise übernommen.

Michael, Apollon und die anderen Lichtgestalten der Achse wurden in dunklen Epochen ihrer jeweiligen Kulturen verehrt und angerufen.

Michael gilt als bedingungsloser Schützer des Lebens und tritt jedem, der versucht, sich über Gott und das Leben zu stellen, mit der Frage „Wer ist wie Gott?“ entgegen. In der Johannes-Offenbarung 12 schützt der Erzengel eine Gebärende und ihr Kind, die von einem Drachen in tödlicher Absicht angegriffen werden, und sichert ihr Überleben. Der heilige Michael war Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches und später auch von Frankreich und Deutschland. Er soll in bedeutende Schlachten eingegriffen haben, in denen es um die Befreiung von fremden Besatzungsmächten ging. In Zeiten von Seuchen wurde er angerufen, die Menschen zu schützen. Im April zogen Priester mit dem Schwert aus der Michaelstatue des Heiligtums durch Monte Sant’Angelo, einem Ort auf der Achse. Sie beteten um Michaels Fürsprache, Gott möge nicht nur ihre Stadt, sondern den ganzen Gargano, ganz Italien und die ganze Welt vor dem Corona-Virus schützen. Das letzte Mal hatte man diese Zeremonie während der Pest im Jahr 1656 durchgeführt.

In der Griechischen Mythologie verfolgt und tötet Apollon, der griechische Gott des Lichts, einen Drachen, der vergeblich darauf angesetzt war, ihn und seine Zwillingsschwester Artemis sowie ihre Mutter Leto noch vor der Niederkunft zu töten. Als Gott der Mäßigung bringt er eine Seuche mit seinen Pfeilen ins Lager der Griechen, die bei einem Angriff auf Troja die Tochter eines Apollonpriesters versklavt hatten. Apollon ist es auch, der den Pfeil in Achilles Sehne lenkt und damit seinem Hochmut ein Ende setzt.

In den vergangenen Jahren haben sich nicht nur in den Großmächten USA, China und Russland politische und wirtschaftliche Führungsschichten etablieren können, die ihren Machterhalt, um jeden Preis zu sichern suchen. Um die öffentliche Meinung zu steuern, ist ihnen jedes Mittel recht, sei es durch die Unterdrückung freier Meinungen, durch eine totale Überwachung oder durch eine mediale Verdummung und Verwirrung der Gesellschaft.

Anstatt sich der Klimakrise zu stellen, wird sie von verantwortungslosen Führern weiter geleugnet und vorangetrieben. Anstatt unser brennendes Haus zu löschen, schütten sie Kohle und gießen weiter Öl ins Feuer, getrieben von Egomanie und der Profitgier einer fossilen Industrie. Anstatt den Artenreichtum und die kulturelle Vielfalt des Lebens zu bewahren und zu schützen, treiben sie den tödlichen Kurs weiter voran.

Doch in dieser unheilvollen dunklen Entwicklung erwachsen auch lichtvollen Kräfte. Laotse hatte diese Erkenntnis in dem Satz zusammengefasst: „Wo viel Schatten ist, muss viel Licht verborgen sein.“

Und so erschienen zeitgleich die ersten weiblichen Lichtgestalten auf den Leinwänden der Lichtspielhäuser. Es begann mit einer wiederholten Neuverfilmung der Lebensgeschichte Johanna von Orléans durch Luc Besson. Bereits im Alter von 13 Jahren hatte Jeanne ihre ersten Visionen und hörte Stimmen von Heiligen. Der Erzengel rief ihr zu: „Ich bin Michael, der Schutzherr Frankreichs. Erhebe dich und eile dem französischen König zu Hilfe.“ Mit sechzehn Jahren verließ sie ihr Elternhaus und führte bereits ein Jahr später die Truppen in Orléans siegreich aus der Belagerung durch die Engländer. Als sie ihrem König unbequem wurde, landete sie als Hexe auf dem Scheiterhaufen und wurde 500 Jahre später vom Papst heiliggesprochen. Nach Leeloo in Das Fünfte Element hatte Luc Besson mit Angel-A einen weiteren weiblichen Schutzengel auf die Leinwand gebracht. Mit Lucy schuf er schließlich ein engelsgleiches Wesen, das sich am Ende des Films von ihrem Körper löst und allgegenwärtig wird.

In den letzten drei Episoden der Star-Wars-Saga wird die junge Schrottsammlerin Rey von Luke Skywalker als Jedi ausgebildet und kämpft in der abschließenden Episode erfolgreich an der Spitze des Widerstandes. Als Drehort für ihre Ausbildung diente die Insel Skellig Michael, der nordwestliche Ausgangspunkt der Achse des Lichts. In Wonder Woman lässt die Regisseurin Patty Jenkins die Amazonen-Prinzessin Diana (römische Entsprechung der Artemis) in einem Kampf um das Überleben der Menschheit erfolgreich gegen den griechischen Kriegsgott Ares antreten. Im August soll die Fortsetzung Wonder Woman 1984 in die deutschen Kinos kommen. Schließlich inszenierte James Cameron Alita – Battle Angel, eine Manga-Figur aus den 90er Jahren, als schützenden und kämpfenden weiblichen Engel auf der Leinwand.

Die nächsten Lichtgestalten erschienen als junge weibliche Aktivistinnen für das Überleben der Menschheit in einer durch Klimawandel, Waffen und soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit existentiell bedrohten Welt. Die bekannteste von ihnen, Greta Thunberg, trat im jugendlichen Alter von 15 Jahren in die Weltöffentlichkeit. Mit ihrem Handeln und ihren Reden, die in ihrer Schärfe und Klarheit dem Schwert des Michael und den Pfeilen des Apollon entsprechen, löste sie eine Jugend-Bewegung aus. Von den vielen weiteren jungen Aktivistinnen seien hier erwähnt:

Die letzten Lichtgestalten kamen in der Gestalt eines Virus, der von einem Strahlenkranz umgeben ist und in seinem Erscheinungsbild der Sonne ähnelt. Die Viren werfen Licht auf existentielle Fragen. Was bedeutet uns das Leben? Was brauchen wir zum Überleben? Sie werfen Licht auf unsere Führungen. Sie entblößen politische Populisten in ihrer Unfähigkeit, die Bevölkerung zu schützen, und entlarven Superreiche, die sich mit eigenen Krankenstationen, Ärzten und Pflegekräften auf ihre Farmen zurückziehen. Sie machen die Gier von Wirtschaftsführern sichtbar, die mit Milliardengewinnen Firmenaktien vom Markt zurückkaufen, um ihre Kurse und Boni zu maximieren, und in der Krise staatliche Subventionierung einfordern. Sie werfen aber auch Licht auf die wahren Helden, die Menschen im Gesundheitswesen, die in selbstloser Weise andere Menschen retten und dabei ihr eigenes Leben gefährden.

Mit meiner Reise und ihrer Beschreibung möchte ich herausfinden, was wir für unseren Kampf ums Überleben der Menschheit von Michael, Apollon und anderen Lichtgestalten auf der Achse des Lichts lernen können.

Weiter zu Teil 2 des Gespräches.

(c) belmonte 2020

Der Gott des Gemetzels (Virtueller Theaterabend)

Da zur Zeit viele Bühnen Theateraufzeichnungen online stellen, haben wir am 25. April auf Facebook zu einem virtuellen Theaterbesuch eingeladen.

Nach ebenso virtueller Abstimmung haben wir uns auf Yasmina Rezas Der Gott des Gemetzels verständigt. Die parallele Videokonferenz war wenig sinnvoll. Dafür gab es Sekt und Brezeln.

Das Stück in seiner Premiere von 2006 am Schauspielhaus Zürich ist fabelhaft. Auch wenn das alte Thema des Abgrundes hinter der bürgerlichen Fassade nicht neu ist, ist die Ausführung umso hervorragender. Die Figuren geben sich nichts. Wer weiß, wie oft ich mich selbst im Spiegel wiedererkannt habe.

Mir war gar nicht klar, dass das Stück mit Christoph Waltz, Jodie Foster und Kate Winslet verfilmt wurde (Polański). Den Film muss ich mir irgendwann nochmal zu Gemüte führen.

Intellektuellenbashing

belmonte

Auf Facebook verschwinden die Einträge sehr schnell im Nirgendwo, aber manchmal sind die Diskussionen so gut, dass es schade ist, sie nicht etwas länger nachlesbar zu halten.

Auf einen meiner Facebook-Posts vom April hin hat sich eine Diskussion zu den Ausgangsbeschränkungen entsponnen, die ich charakteristisch für den aktuellen Diskurs finde, der zur Zeit in vielen Ländern geführt wird. Daher mache ich diese Diskussion auf unserem Blog nochmal nachträglich verfügbar.

Heribert Hansen Die Maßnahmen sind richtig. Aber es werden nicht nur Intellektuelle gebasht, sondern jeder, der sie als unverhältnismäßig ansieht. Was sie nicht sind, siehe New York. Und Bashing ist nicht immer Bashing, sondern normaler Streit.

Die Fronten der Ablehner und Befürworter der Maßnahmen gehen durch alle Gesellschaftsschichten, und es schwingt alles mit. Kleinkindaufstand, Blockwartmentalität, Ignoranz und Hysterie. Und jetzt haben wir nicht mal zwei Wochen. In Wuhan, zwei Monate komplette Ausgangssperre. Aber hier … Nicht umsonst sind die Infiziertenzahlen wunschgemäß flach geblieben. Eine Katastrophe a la Lombardei wurde abgewendet.

Da kann man nicht meckern. Aber gemeckert wird immer. Gehört dazu. Und allen kann man’s nie Recht machen.

Volker Schönenberger Wenn Leute von der Polizei gemaßregelt werden, die allein auf einer Bank ein Brötchen essen, ist das nicht verhältnismäßig.

Wenn einzelne Leute auf der Straße gegen die asoziale Flüchtlingspolitik der EU demonstrieren und dabei niemandem zu nahe kommen, dann aber von der Polizei daran gehindert werden, ist das sicher nicht verhältnismäßig.

Heribert Hansen Das sind absolute Einzelfälle und: wo einer ne Demo macht, gesellen sich bald viele dazu.

Wenn einer ne Bank benutzt, die gesperrt ist, ist Ansprache gerechtfertigt. Es gibt Orte, wo Bänke gesperrt sind, damit sich nicht mehrere draufsetzen. Was den meistem fehlt, ist Geduld. Zwei Wochen Beschränkungen sind wohl schon zu viel.

Brasch Buch Wenn ich nachts über eine rote Ampel fahre, weil sichtbar alle Straßen leer sind, schreie ich danach nicht „Polizeistaat!“, wenn ich geblitzt werde.

Volker Schönenberger Ich akzeptiere jedes Bußgeld für meine Verstöße im Straßenverkehr mit mehr oder minder großem Ärger – über mich selbst.

Was mir an der Debatte übel aufstößt: Beinahe reflexartig wird jeder, der es wagt, das Thema Einschränkungen der Grundrechte und deren Verhältnismäßigkeit diskutieren zu wollen, aufs Übelste angegangen. Dabei ist es angesichts der massiven Einschränkungen unerlässlich, sie zu diskutieren. Das sind nicht irgendwelche dahingerotzten Gesetze oder Verordnungen, sondern die fundamentalen Säulen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Heribert Hansen Corona hält sich nicht an Gesetze, deshalb müssen wir uns komplett anders verhalten. Es ist klar, dass das alles auf Zeit ist, warum wird da rumgestänkert und von Grundrechtsverletzungen schwadroniert? Art. 2 HG: Recht auf Unversehrtheit. D. h. der Staat muss alle schützen. Es gibt unzählige, die sehr verletzlich sind. Daher müssen starke Maßnahmen her. Wer diese als Grundrechtverletzung kritisiert, den möchte ich auf Art. 2 hinweisen. Und Leben und Gesundheit sind ja wohl eindeutig höhere Rechtsgüter als Freizügigkeit, wenn man das mal gegenüberstellen möchte.

Diese ganze Diskussion, die da entsteht von einer Diktatur, Grundrechtsverletzungen etc., das geht mir gewaltig auf den Geist. Wer die Maßnahmen nicht versteht in ihrer Härte, der sollte mal auf eine die tausenden Begräbnisse ohne Trauergemeinde gehen. Die dort begraben werden, hätten sich gefreut, wenn man sofort schärfste Maßnahmen ergriffen hätte.

Francis Valentino Über allen anderen Grundrechten steht nicht zufällig das der Menschenwürde. Die Bilder aus Städten wie Bergamo, New York oder Guayaquil zeigen doch, wie notwendig die Maßnahmen sind. Dabei haben wir noch nicht mal Verhältnisse wie in Wuhan.

Volker Schönenberger Francis, das ändert nichts an meinen Worten und stellt auch keinen Widerspruch dar.

Heribert Hansen Volker Schönenberger, warum zetteln sie eigentlich so ne Diskussion an? Als ob sich nicht in kurzer Zeit, vielleicht Tage, vielleicht Wochen, wenns dumm läuft viele Wochen, denn das Virus ist unberechenbar, alles wieder normalisiert. Wer anfängt, über die Maßnahmen zu diskutieren, der erntet zu Recht Widerspruch, denn es geht um Leben und Tod Vulnerabler. Um nichts weniger.

Brasch Buch Volker Schönenberger, vielleicht schaffen Sie es ja mal zu erklären, wo sie Ihre Grundrechte derzeit so beschnitten finden, dass es Straßendemos bedarf und Klagen an das Verfassungsgericht. Was die Demonstration- und Versammlungsrechte z.B. betrifft, haben die Verfechter schon ein eigenwilliges Demokratieverständnis. Man will demonstrieren, obwohl man weiß, dass ca. 30% der Bevölkerung weder daran teilnehmen noch dagegen demonstrieren können, da sie zu einer Risikogruppe zählen. Viele von denen fordern gerade „Cocooning“, d.h. Leute ab 65 Jahren sollen zuhause bleiben, sie aber wollen sich dann versammeln, um über die Unverhältnismäßigkeit der Maßnahmen zu diskutieren. Wirklich kurioses Demokratieverständnis. Und dazu noch die unsägliche Phrase „Man muss das doch mal sagen dürfen.“ Mein Güte, die Netze sind voll von dem undurchdachten Gelaber. Und wenn man – wie ich jetzt hier – versucht, die Leute doch mal wieder zu erden, sich wünscht, dass sie selbst mal ihre Klagen reflektieren, dann kommt wieder: Ja, aber, man muss doch …

Heribert Hansen Auf die Grundrechte pfeif ich für ein paar Wochen, wenn deren Einschränkung erreicht, dass meine Tante im Altersheim mit ihren 97 Jahren überlebt.

Francis Valentino Volker, das meinte ich nicht als Kritik an deinem Kommentar. Ich finde es okay, darüber zu diskutieren (was ja hier geschieht). Was mich bei der Kritik an den angeblich „unverhältnismäßigen“ Maßnahmen stört, ist der verschwörerische Unterton: Irgendeine fremde Macht würde unsere Grundrechte beschneiden. Manche ignorieren das Schicksal der Kranken, andere empören sich halt gerne. All jenen sei gesagt: Das Virus ist eine Naturkatastrophe, für die niemand Schuld trägt!

Giovanni Belmonte So sehr ich persönlich die aktuellen Maßnahmen richtig finde, finde ich es ebenso wichtig (und zulässig ohnehin), dass sie diskutiert werden. Immerhin gibt es Länder wie Ungarn, in denen die Coronakrise für die aktuelle politische Agenda hemmungslos ausgenutzt wird.

Mir ist allerdings sehr wichtig, dass nach der Krise, wann immer das sein wird, alle Maßnahmen wieder zurückgefahren werden. Das ist nicht selbstverständlich, da Gesetze und Institutionen kein Gedächtnis haben und, einmal eingeführt, ziemliche Beharrungskräfte aufweisen können. Da müssen wir alle schon ziemlich genau drauf schauen.

Und dennoch, im Vergleich zu anderen Ländern (z. B. Italien oder Frankreich) finde ich die Maßnahmen hier in Deutschland noch relativ moderat. Und ich wünsche mir sehr, dass es nicht zu Triage-Entscheidungen kommen muss.

Heribert Hansen Es sind ja, so weit ich das überblicke, keine Gesetze geändert worden außer die verfassungsmäßige Schuldenbremse. Alles andere sind nur Verordnungen – die z.T. rechtlich sicher nicht immer wasserdicht sind. Noch ist ja alles überschaubar, es geht ja nur um Aufenthaltsbeschränkungen. Und es wurden immer Daten genannt – anders als in Ungarn.

Giovanni Belmonte Wie sieht es eigentlich bei Euch in der Klinik aus, Heribert? Habt Ihr viele Covid-19-Fälle bei Euch?

Heribert Hansen Ich bin jetzt schon ne Weile im Frei – wir hatten wenige Fälle. Es ist aber vereinbart worden, dass die Covid ins KliLu kommen und wir deren normale Nicht Covid Chirugiepat übernehmen. Vor zehn Tagen hörte ich, dass auch im KliLu kaum Covid liegen – den derzeitigen Stand kenne ich nicht.

Unterm Strich ist das alles in keiner Weise mit den anderen Staaten zu vergleichen – als ich ins Frei ging, hatte man schon drei Wochen vorher gesagt, in einer Woche ist es wie in Italien. War aber selbst nach drei Wochen nix dergleichen. Liegt wohl an der besseren Luft hier und weniger Rauchern oder was weiß ich.

Giovanni Belmonte Heribert, hoffentlich hast Du recht. Die Kurve geht nach wie vor nach oben.

Heribert Hansen Sie steigt an, aber abgeflacht. Genau darum ging es ja.

Volker Schönenberger Francis Valentino, hatte ich auch nicht als Kritik an mir verstanden. Aber einige Kommentatoren hier bestätigen genau das, was ich ausdrücken will. Es wird sogleich aggressiv erwidert, weshalb ich hier eine solche Diskussion „anzettle“.

Ein Kommentator bezweifelt die Sinnhaftigkeit einer Klage ans BVerfG. Ich werde sicher keine führen, wünsche mir aber, dass die derzeitigen Maßnahmen beizeiten höchstrichterlich untersucht werden. Von mir aus dann auch gebilligt. Wenn das nicht geschieht, ist späteren Willkür-Einschränkungen bei anderen Ereignissen Tür und Tor geöffnet. Oder am Ende bleibt es still und heimlich nach dem Ende der Krise bei einigen Einschränkungen.

Heribert Hansen Ich wiederhole es, solche Diskussionen sind im Angesicht der Pandemie weder sinnvoll noch zielführend. Diskutieren anfangen kann man nach zwei Monaten, nicht wenn nicht mal die erste Zeithürde von drei Wochen durch ist.

Giovanni Belmonte Heribert, das finde ich nicht richtig. Wir machen uns alle ganz unterschiedliche Sorgen, und natürlich können die offen diskutiert werden.

Die Pandemie ist nicht nur ein sehr gefährlicher Virus, sondern gleichzeitig ein Katalysator gesellschaftlich vorhandener Tendenzen. Diese ans Tageslicht zu bringen, ist wichtig, insbesondere während so einer Krise.

Das widerspricht überhaupt nicht der Zustimmung und Einhaltung der aktuellen Maßnahmen.

Francis Valentino Volker, natürlich müssen wir darauf achten, dass jetzt nicht die Demokratie à la Viktor Orbáns Vollmachtsgesetz abgebaut wird. Deutschlands Maßnahmen sind jedoch vergleichsweise moderat und immerhin scheinen sie ja eine gewisse Wirkung gegen die Ausbreitung des Virus zu zeigen.

Die reflexartigen Reaktionen rühren wahrscheinlich daher, dass einige die Debatte um die Grundrechte dazu missbrauchen, um ihre menschenverachtende Weltsicht einer Politik der Eugenik vorzutragen (die Ausgrenzung der Risikogruppe). Das bedeutet doch nichts anderes als für ihre Freiheit alle Alten, Kranken und Schwachen opfern.

„Nimmt man einer Gesellschaft die Begegnungsmöglichkeiten, kann auch das Theater nicht mehr existieren.“ – Ein Gespräch mit der Dramatikerin Ingeborg von Zadow

Ingeborg von Zadow, in Berlin geboren und in Deutschland, den USA und Belgien aufgewachsen, schreibt seit ihrer Kindheit Theaterstücke. Sie studierte 1990 bis 1993 Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und absolvierte 1994 ihren Master of Arts an der State University of New York in Binghamton, USA. Neben Regieassistenzen in Oper und Schauspiel reiste sie mit Unterstützung des Goethe-Instituts nach Australien, England, Griechenland, Kroatien, Polen, Sri Lanka und in die USA. Seit ihrem Debüt 1993 mit Ich und Du gab es zahlreiche Inszenierungen ihrer Stücke auf deutschen und internationalen Bühnen. Es liegen Übersetzungen in elf Sprachen vor. Ingeborg von Zadow lebt in Heidelberg. Für mehr Information siehe Ingeborg von Zadows Website: www.ingeborgvonzadow.com

Ingeborg von Zadow

Ingeborg von Zadow / Foto: Jens Fiedler

Vorbemerkung aus aktuellem Anlass:

Dieses Interview wurde geführt, als sich das Leben durch das Corona-Virus noch nicht für uns alle verändert hatte. Inzwischen sind die beiden Inszenierungen, von denen im nachstehenden Gespräch die Rede ist, die Oper Die Kinder des Sultans für das Theater Dortmund sowie die Komödie Liebe oder Leben! für das Theater Carnivore in Heidelberg verschoben worden, letztere auf den 8. Mai 2021. Die Inszenierung am Jungen Theater Biel/Solothurn probt derzeit via Skype und plant, hierüber auf Facebook zu berichten. Das Theater Bautzen hält weiterhin am Premierendatum von Hallo Nachbar im September fest.

Diese Krise und die damit momentan verbundenen neuen zwischenmenschlichen Verhaltensregeln haben gezeigt, dass das Theater doch verwundbar ist. Nimmt man einer Gesellschaft die Begegnungsmöglichkeiten, kann auch das Theater nicht mehr existieren. Ohne den lebendigen Raum, in dem Menschen gemeinsam Dinge erleben können, verliert das Theater das, was es besonders macht. Hoffen wir, dass diese lebendigen Räume bald wieder möglich werden.

Wir haben uns entschlossen, das Anfang März 2020 geführte Interview als Zeitdokument trotzdem zu veröffentlichen, auch wenn manche Aussagen im Moment wie aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen. Das Theater ist so alt wie unsere Kultur und wird gemeinsam mit ihr bald wieder neu anfangen.

Vnicornis:
Ingeborg, du schreibst Theaterstücke. Welche Kraft liegt aus deiner Sicht heute in dramatischen Werken im Vergleich zu Prosa und Lyrik?

Ingeborg von Zadow:
Dramatische Texte werden immer für den lebendigen Raum geschrieben. Es sind gesprochene Texte, die von vielen Menschen gemeinsam wahrgenommen werden. Sie evozieren die Konzentration vieler unterschiedlicher Menschen zur gleichen Zeit auf einen Sachverhalt, ein Gefühl, eine Situation. Darin liegt eine Kraft, ein lebendiger Austausch zwischen DarstellerInnen und Publikum, die für mich mit nichts anderem zu vergleichen ist. Es ist ein gemeinsames Erlebnis, von dem man nicht nur die eigenen Empfindungen und Sichtweisen mitnehmen kann, sondern auch die von anderen Menschen. Es ist eine andere Erfahrung, als einen Text für sich allein zu lesen.

Vnicornis:
Am 5. April 2020 wird die Oper Die Kinder des Sultans am Theater Dortmund uraufgeführt, zu der du das Libretto geschrieben hast. Was erwartet die Zuschauer?

Ingeborg von Zadow:
„Eine fantastische Oper in 9 Szenen“. Es ist die Geschichte der beiden Kinder Fadeya und Taseh, die sich auf die Suche nach ihrem Vater machen, der in ihrem Leben bisher noch nicht aufgetaucht ist. Sie müssen auf ihrem Weg durch Sultanien einige Prüfungen bestehen, um letztendlich an ihr Ziel zu gelangen. So begegnen ihnen zum Beispiel eine hungrige Riesenschlange, ein reißender Fluss und eine schier unüberwindbare Wand. Aber den Zwillingen stehen auch magische Figuren und Gegenstände zur Seite und vor allem eines: ein sprechendes Kamel.

Die Kinder des Sultans ist eine für die Oper neu erfundene Geschichte, was ungewöhnlich ist und für mich auch den besonderen Reiz dieses Auftrags der Jungen Oper Rhein Ruhr ausgemacht hat – es ist keine weitere Bearbeitung von einer der unzähligen schon vorhandenen Bücher oder Märchen. Ich durfte die Handlung tatsächlich neu erfinden, was in der heutigen Kinder- und Jugendtheaterlandschaft, gerade in der Arbeit für die großen Bühnen, einem Sechser im Lotto gleicht.

Die Zuschauer können sich auch freuen auf die wunderschöne, aufregende, melodische, berührende Musik des versierten Komponisten Avner Dorman. Eine bessere Umsetzung meines Librettos hätte ich mir nicht wünschen können. Sie können sich freuen auf die angeblich sechstgrößte Bühne der Bundesrepublik, auf die hervorragende Sängerinnen und Sänger und auf den großen Opernchor des Theater Dortmund, auf die von Tatjana Ivtschina geschaffenen Kostüme und Bühnenbilder, die schon in den Entwürfen von viel Einfallsreichtum und einem ganz individuellen Zugriff zeugen, und außerdem natürlich auf die vielversprechende Regie von Anna Drescher und die musikalische Leitung von Christoph JK Müller, der schon in der Leseprobe vor einem Jahr praktisch jeden Ton der Klavierpartitur auswendig konnte.

Mehr Informationen zur Oper gibt es auf der Website des Theater Dortmund: https://www.theaterdo.de/detail/event/20709/

Vnicornis:
Wie bist du zum Drama gekommen?

Ingeborg von Zadow:
Ich habe als Kind mit acht Jahren eine Aufführung im Schultheater gesehen und wollte ab dem Zeitpunkt Theater machen. Also habe ich begonnen, Bühnenbilder zu entwerfen, Stücke zu planen, eine Theatergruppe zu gründen. Ich wollte spielen, hatte keine Texte und habe deswegen angefangen, sie selber zu schreiben. Diese Theaterstücke habe ich dann meine ganze Jugend hindurch mit meinen Freundinnen und Freunden in vielen Proben und Aufführungen auf ihre Machbarkeit abgeklopft.

Mit Anfang zwanzig wurde ich dann in den Theaterverlag Verlag der Autoren in Frankfurt am Main aufgenommen. Es kamen die ersten professionellen Inszenierungen und Übersetzungen und parallel dazu auch die Arbeit im Theater selbst, zum Beispiel als Regieassistentin. Nebenbei machte ich auch meinen MA in Theatre an der State University of New York at Binghamton in den USA, der aber nur am Rande mit Szenischem Schreiben zu tun hatte.

Vnicornis:
Du schreibst vor allem Theaterstücke für Kinder und Jugendliche. Ist das in Zeiten von Online-Medien, Fernsehserien und Streaming-Diensten überhaupt noch zeitgemäß?

Ingeborg von Zadow:
Ja, natürlich. Und meines Erachtens ist es nötiger denn je, die Kinder und Jugendlichen mit einer Welt in Berührung zu bringen, in der reale Menschen in Aktion sind, bei der sie unmittelbar Zeugen sind und wo ihr Vorhandensein im Raum wahrgenommen wird.

Man darf nicht vergessen, dass die meisten Kinder und Jugendlichen nicht aus eigenem Antrieb ins Theater gehen – sie kommen meist im Klassenverband während der Schulzeit. Dies eröffnet die Chance, alle Bevölkerungsschichten zu erreichen und sie mit dieser lebendigen Kunstform zu konfrontieren – in der Hoffnung, dass die Kinder mehr davon wollen, weil es der lebendige Raum ist, der sie reizt. Mich hat er damals jedenfalls nicht mehr losgelassen.

Liebe oder Leben

Liebe oder Leben – Theater Carnivore, Heidelberg / Foto: Stefan Hartleib

Vnicornis:
Es ist vor dem Hintergrund der Klimakrise nicht ausgeschlossen, dass die Menschheit in 100 Jahren nicht mehr existiert. Was kann dramatische Literatur vor diesem potenziellen Szenario leisten und welche Rolle spielt das überhaupt in deiner Arbeit?

Ingeborg von Zadow:
Zwar habe ich bisher kein Theaterstück geschrieben, dass sich speziell mit der Klimakrise auseinandersetzt. Aber ich merke, dass sie sich in meine Phantasien reinschleicht. So kann man ein wesentliches Element meines neuen Stückes Hallo Nachbar (Arbeitstitel) durchaus auch mit der Klimakrise in Verbindung bringen. Was das genau ist, will ich hier jetzt aber noch nicht verraten, da die Uraufführung des Stückes erst im September am Theater Bautzen stattfindet und wir auch noch dabei sind, am Text zu feilen.

Was dramatische Literatur generell leisten kann vor dem Szenario des Verschwindens der Menschheit in 100 Jahren, ist eine herausfordernde Frage. Man kann hoffen, dass das, was man auf der Bühne verhandelt, Denkprozesse in den Köpfen der Aufführenden und Zuschauenden in Gang setzt, die dann zu Handlungen führen, die das Szenario abwenden oder zumindest abschwächen. Wie real eine solche Hoffnung ist? Leider handeln die Wenigsten, solange ihnen das Wasser noch nicht bis zum Hals steht.

Vnicornis:
Vor einem Jahr haben wir zusammen bei einem Hörspielprojekt der Musikhochschule Trossingen gearbeitet. Im Herbst 2019 wurden unsere Hörspiele bei den ARD-Hörspieltagen in Karlsruhe aufgeführt. Welchen Stellenwert hatte das Projekt in deinem Werk?

Ingeborg von Zadow:
Im Grunde war es mal eine willkommene Gelegenheit, das Hörspielschreiben auszuprobieren, das mir schon seit einigen Jahren mehrere Leute nahegelegt hatten. Ich habe jedoch für das Projekt vor allem aus Zeitgründen eine Geschichte ausgewählt, an der ich sowieso schon saß – von Oda und das Pferd der Götter gibt es nicht nur das Hörspiel, sondern auch ein Theaterstück, das umfangreicher ist und eben auch ganz dezidiert mit der Bühne spielt, die ich ja im Hörspiel nicht zur Verfügung habe. Das Theaterstück ist also in manchem anders als das Hörspiel, und diese Unterschiede waren für mich interessant herauszuarbeiten, aber irgendwie auch nicht wirklich neu. Stellenwert in meinem Werk: eher ein Nebensache, aber trotzdem eine schöne Erfahrung.

Vnicornis:
An welchen Stücken arbeitest du gerade und worauf können wir uns freuen?

Ingeborg von Zadow:
Neben der Uraufführung der Oper Die Kinder des Sultans am 5. April 2020 gibt es dieses Jahr im Mai und im September weitere Uraufführungen von mir. Am 9. Mai 2020 hat bei der Wanderbühne Theater Carnivore in Heidelberg Liebe oder Leben! – eine Komödie in 6 Akten Premiere. Darauf freue ich mich besonders, weil dieses Stück für die Aufführung unter freiem Himmel geschrieben wurde und sich an Erwachsene wendet. Ich hatte beim Schreiben sehr viel Spaß und hoffe, dass sich dieser Spaß auch auf die Zuschauer überträgt. Das Stück ist inspiriert von einem historischen Wanderbühnenstück und wird in Heidelberg und Umgebung gespielt, zum Beispiel auf Weingütern der Region.

Mehr Informationen und Vorstellungstermine: https://wanderbuehne.com/liebe-oder-leben.html

Über Lang oder Kurz

Über Lang oder Kurz – Theater Bautzen / Foto: Miroslaw Nowotny

Am 11. und 12. September 2020 wird dann mein Theaterstück Hallo Nachbar (Arbeitstitel) am Theater Bautzen uraufgeführt. Dies ist mein erster Auftrag für ein Stück für das Puppentheater. Das Stück ist, wie Liebe oder Leben!, für Erwachsene konzipiert. Die Anforderungen an einen Text für Puppen sind ein wenig anders, was für mich spannend ist zu entdecken. Hier arbeite ich intensiv zusammen mit dem Regisseur Stephan Siegfried, der auch schon mein Stück Über Lang oder Kurz für Kinder ab 8 inszeniert hat. Das Stück zum Thema Mobbing wird in Bautzen von den Schulen auch in der zweiten Spielzeit immer noch angefragt, so dass sie es wohl auch eine dritte Spielzeit lang weiter im Spielplan behalten werden.

Ansonsten gibt es am 26. Mai 2020 am Theater Biel/Solothurn noch die Schweizer Erstaufführung von Filipa Unterwegs – mit dem Tonomat durch Europa, einem Stück für Kinder ab 6, das ich vor etwa 15 Jahren geschrieben und jetzt auf Wunsch des Theaters leicht modernisiert habe. Die Inszenierung von Stefanie Rejzek soll mobil in Schulen und Freizeiteinrichtungen gespielt werden.

Weitere Informationen: https://www.tobs.ch/de/junges-publikum/theater-und-schule/klassenzimmerstueck/

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2020