Anna reider is tot

Anna reider is tot – 1-3

belmonte

Anna reider is tot

1

Anna reider is tot
Wer pur hände rout

Kan messer gefunnan
Verlorener hout

Issa mina tabbel
Des tei mista rot

Wes tei mista rot
Wan annare tot

2

Ene hat si gemurda
kanna fei ista ruh

wo bin i da weasen
da bei issa ruh

kanna hie scho gebluote
so ruot mis ta ruh

min kopf is davu
wan is iner ruh

3

Was man issa hat sie
Geschlagener tot

Nu issi gefahrena
Auf inna rout

Wann schlimma no fand i
Na annare tot

Wann schlimma no wa
Annara not

Anna reider is tot - 3-7

Anna reider is tot – 3-7

4

Issa ke issa ka
Ama de issa ruh

Famiss tu die fuhlisch
Famiss tu die ruh

Kamm an nochma hera
A hera zu mir

Zu mir kumma nä
Famiss tu di ruh

5

Vun anna hat niaman
Vun niamanna hört

Un ihn ats gefuamet
Un weidin da fürt

And suach anna fu
Anna fuasacha ruh

Sei kumma wohin
Wan kummanna fou

6

Is langa na her
Dassi anna gefoun

Nu ha sich nich annare
Annere wou

Ine hab anna hera
Zu innare ruh

Wer mochta sie seh
Wassi wa issi nu

klischée – Zeitschrift für Gegenwartsliteratur

7

Mach auf inna ebe
Was annere wär

Ine hab is geschwunde
Um hals inna her

Was anna ma wode
Was ine mal ser

Sies kumma wohin
Anna reider is tot

(c) belmonte 2020

Ursprünglich erschienen in Ausgabe 5 der klischée – Zeitschrift für Gegenwartsliteratur.

Siehe auch Zur Enstehung des Liedes „Anna reider is tot“.

Das Lager als verborgenes Paradigma der Nation – Giorgio Agamben: Homo sacer – Die souveräne Macht und das nackte Leben (Kurzrezension)

belmonte

Giorgio Agamben: Homo sacer

Giorgio Agamben: Homo sacer

Auch wenn Giorgio Agamben in diesen Monaten schon mal komplett danebengelegen und die Corona-Pandemie kurzerhand dementiert hat (siehe z. B. hier …), ist sein 1995 erschienenes Buch Homo sacer nach wie vor bahnbrechend.

Auf der Basis des Begriffes des nackten Lebens veranschaulicht er unter anderem die negative Beziehung zwischen Flüchtlingen und Nationalität:

„Wenn die Flüchtlinge … in der Ordnung des modernen Nationalstaates ein derart beunruhigendes Element darstellen, dann vor allem deshalb, weil sie die Kontinuität zwischen Mensch und Bürger, zwischen Nativität und Nationalität, Geburt und Volk, aufbrechen und damit die Ursprungsfiktion der modernen Souveränität in eine Krise stürzen.“ (140)

Homo sacer ist brandaktuell und erklärt, warum sich so viele in ihren nationalen Kartenhäusern gemütlich eingerichtete Leute von Flüchtlingen so bedroht fühlen.

Agamben verknüpft die Geburt der Nation mit der Geburt des Lagers „als die verborgene Matrix der Politik“ (185). Die Lager sind nie verschwunden. Insellager und Transitzonen hinter Stacheldraht, die dem Begriff Transit Hohn sprechen. Das gesamte Mittelmeer als ein Schwellenbereich, in dem der nackte Mensch sich auf keinerlei Recht berufen kann.

Es ist eine der vornehmlichsten Aufgaben der Weltgemeinschaft, diese institutionalisierten Ausnahmezustände endlich abzuschaffen.

(c) belmonte 2020

Giorgio Agamben: Homo sacer: Die souveräne Macht und das nackte Leben. Übersetzt aus dem Italienischen von Hubert Thüring. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2002, 213 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Auf der Achse des Lichts – Ein Gespräch mit dem Autor und Fotografen Rolf Krane | Teil 2 von 2

Fortsetzung (zurück zu Teil 1 des Gespräches)

Vnicornis:
Von Deinen Reisen bringst Du sehr viele Fotografien mit. Was kann Fotografie heute noch leisten, da bereits alles verbildlicht zu sein scheint und zu jedem Flecken der Erde zahllose Ausleuchtungen im Internet zu finden sind?

Rolf Krane:
Die Fotografien, die ich von meinen Reisen mitbringe, sind für mich vor allem Gedächtnisstützen für das, was ich unterwegs erlebt habe. Ich bin ein visueller Mensch und kann mich mithilfe der Fotos sehr gut in erlebte Situationen und Begegnungen zurückversetzen. Das hilft mir auch, wenn ich später darüber schreibe.

Viele Leser meines Buches Der Reisende Rahmen haben bedauert, dass ich keine Fotos von der Reise darin veröffentlich habe. Im Nachhinein habe ich deshalb zusätzliche Bildbände erstellt, die online verfügbar sind. Auf meinen Lesungen ist eine Mischung aus Vorlesen, freiem Erzählen und der Präsentation von Dias sehr gut beim Publikum angekommen. Ebenso haben sich Pausen bewährt, in denen Diashows gezeigt wurden, die mit Musik untermalt waren oder zu denen Live-Musik gespielt wurde. Deshalb bringe ich auch von meiner aktuellen Reise über die Achse des Lichts wieder viele Fotos mit.

Der Mont-Saint-Michel gehört zu den am meisten besuchten Orten auf meiner Reise und zählt etwa 2,3 Millionen Besucher im Jahr. Die Anzahl der jährlich aufgenommenen Fotos wird ein Vielfaches der Besucherzahl sein. Jeder Flecken des Mont-Saint-Michel, der für Touristen erreichbar ist, dürfte sich auf einem Foto abgelichtet wiederfinden. Einige Motive werden besonders häufig fotografiert. Jedoch kann jedes Motiv, das aus dem gleichen Blickwinkel aufgenommen wird, zu sehr unterschiedlichen Bildern führen:

Mont-Saint-Michel

Mont-Saint-Michel / Foto: Rolf Krane

Mont-Saint-Michel in der Dämmerung

Mont-Saint-Michel in der Dämmerung / Foto: Rolf Krane

Zuallererst entsteht ein Foto im Auge des Fotografen. Es liefert nicht nur die Abbildung eines Ortes auf der Erde aus einem bestimmten Blickwinkel zu einem bestimmten Zeitpunkt. Es sagt auch etwas über den Fotografen aus. Wir können uns in seine Perspektive versetzen und Vermutungen darüber anstellen, warum er sich für jene Aufnahme entschieden hat. Haben wir nicht nur Zugriff auf ein einzelnes Foto, sondern auf eine ganze Serie oder auf eine Vielzahl von Bildern eines Fotografen, können wir uns fragen, wie er die Welt sieht oder sehen möchte. Welche Auswahl von Motiven hat er im Fokus? Aus welcher Perspektive blickt er darauf? Auf welche Teile des Bilds lenkt er die Aufmerksamkeit des Betrachters mithilfe von Licht, Farbe, Schärfe und gewählten Ausschnitt oder Anschnitt? Über seine Fotos können wir etwas von dem Fotografen als Menschen erfahren, und durch die Fotos, die wir selbst machen, können wir etwas über uns selbst erfahren. In diesem Sinne kann die Fotografie zu unserem Selbstverständnis als Mensch beitragen.

Mitte Februar, noch vor dem Lockdown, war ich in der Düsseldorfer Eröffnungsausstellung Untold Stories des Fotografen Peter Lindbergh, die vom 4. Dezember 2020 bis zum 7. März 2021 im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt zu sehen sein wird. Aus seiner persönlichen Sicht stellte Lindbergh selbst die wichtigsten 140 Aufnahmen aus seinem Lebenswerk zusammen, konzipierte die Hängung und hatte dabei alle Freiheit. Über seine Einstellung zur Schönheit sagte er einmal: „Wenn man die Courage hat, man selbst zu sein – dann ist man schön.“ Er starb am 3. September 2019 im Alter von 74 Jahren in Paris, noch bevor die Ausstellung eröffnet wurde. Als sein Freund Wim Wenders ihn im vergangenen Sommer ein letztes Mal besuchte, zeigte Lindbergh ihm die ausgewählten Fotos und sagte: „Du, ich weiß jetzt, wer ich bin.“

Die zahllosen Fotos, die man heute im Internet findet, sind vielleicht ein Ausdruck der vergeblichen Suche von Menschen nach sich selbst, der unbeantworteten Frage nach ihrer Identität in einer zunehmend von Krisen erschütterten globalisierten Welt. Finden sie selbst keine befriedigende Antwort, dann übernehmen sie gerne die Trugbilder, die populistische Führer ihnen vorgaukeln.

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2020

Auf der Achse des Lichts – Ein Gespräch mit dem Autor und Fotografen Rolf Krane | Teil 1 von 2

Rolf Krane, 1952 geboren und in Oelde, Westfalen, aufgewachsen, hat Mathematik, Pädagogik und Informatik in Bielefeld, Münster und Paderborn studiert. Nach dem Zweiten Staatsexamen als Gymnasiallehrer war er Mathematikdidaktiker an der Universität Bielefeld. Seit 1988 lebt er in Wiesloch und arbeitete 24 Jahre als Entwickler für ein Software-Unternehmen, zuletzt als Chief Development Architect. 2016 gründete er den Verlag heil.reisen. Er ist Autor des Buches Der Reisende Rahmen über eine Pilgerfahrt an der Westküste der USA. Autoren-Website: www.heil.reisen. Fotografen-Website: www.krane.photography.

Rolf Krane

Rolf Krane / Foto: Michael Benz

Vnicornis:
Du hast Dich auf die Linie der Michaelsheiligtümer begeben. Was hat es damit auf sich und warum ist das für Dich von Bedeutung?

Rolf Krane:
In den vergangenen zwei Jahren hatte ich einige bemerkenswerte Begegnungen und Erlebnisse, die mich auf die Spur des Erzengel Michael brachten. Sie gipfelten darin, dass sich mein T-Shirt an einem Stand mit Opferkerzen in der Michaelskapelle bei Bruchsal entzündete. Ich spürte nur eine große Wärme in meinem Unterbauch. Ein Freund reagierte geistesgegenwärtig und erschlug die Flammen mit seinen bloßen Händen. Wie durch ein Wunder blieb mein Rücken bis auf eine Spur Ruß und eine leichte Rötung unversehrt, obwohl das Feuer ein großes Loch in das Hemd gebrannt hatte. Eine Freundin meinte danach: „Das war das Flammenschwert des heiligen Michael.“ Daraufhin begann ich mich mit ihm zu beschäftigen. Die Deutung eines Traumes, auch wenn es nicht mein eigener war, führte mich schließlich im Frühjahr 2019 zu der folgenden Karte:

Ein heiliger Schauer durchfuhr mich, als ich sie das erste Mal erblickte: Sieben Heiligtümer des Erzengel Michael, die durch eine gerade Linie verbunden waren. Ich hatte das Gefühl, als ob alle Zellen meines Körpers in Schwingung versetzt worden waren. Schlagartig wusste ich, wohin meine nächste Reise gehen sollte. In Vertrauen auf mein Gefühl begann ich unmittelbar danach mit Nachforschungen und ersten Reisevorbereitungen.

Die Linie wurde in den 70er Jahren von den Brüdern Jean und Lucien Richer wiederentdeckt. Sie verläuft von Irland bis nach Israel über mehr als 4.000 Kilometer quer durch Europa und wurde von Lucien L’Axe de Saint Michel et d’Apollon genannt. Auf ihrem nordwestlichen Abschnitt waren Michaelsheiligtümer und auf ihrem südöstlichen Abschnitt bedeutende Tempel des Apollon errichtet worden. Die auf der Achse residierenden christlichen Mönchsorden klammerten die Heiligtümer des Apollon aus und reduzierten die Linie auf das Schwert des Michael.

In seinem 2016 erschienenen Buch The Axis of Mithras argumentiert Lukas Mandelbaum, dass der durch römischen Soldaten verbreitete Mysterienkult des Mithraismus (1.-3. Jahrhundert) die von den Griechen begonnene Achse nach Nordwesten weitergeführt und Tempel darauf errichtet hatte, die später vom Christentum mit Michael-Heiligtümern überbaut worden sind.

In der altplatonischen Lehre von der Reise der Seele beschreibt die Achse offenbar auch den Kurs, über den die Seele mit der Geburt ihres Leibes auf der Erde landet und nach seinem Tode wieder in den Himmel aufsteigt. Um die Deutung der Achse möglichst offen zu lassen, habe ich ihr den Namen Die Achse des Lichts gegeben.

Im vergangenen Jahr bin ich über diese Achse in einer ersten Etappe von der Insel Skellig Michael in Irland nach Le Mans in Frankreich und in einer zweiten von Piemont in Italien nach Rhodos in Griechenland gereist. Meine dritte und letzte Etappe sollte dieses Jahr Anfang Mai in Israel enden. Aufgrund der Corona-Pandemie musste ich sie in eine ungewisse Zukunft verschieben.

Meine Pilgerfahrt mit dem Fahrrad an der Westküste der USA von Seattle nach San Francisco im Jahr 2013 konnte ich aufgrund der Entzündung einer Achillessehne ebenfalls nicht wie geplant fortsetzen. Also packte ich mein Rad in den Kofferraum eines Einweg-Mietwagens und fuhr mit dem Auto weiter. Ich begann ein Tagebuch zu führen, das ich später in eine Reisebeschreibung umschrieb: Der Reisende Rahmen.

Nun bin ich gespannt, wohin mich meine Reise über Die Achse des Lichts bringen wird. Ihre Bedeutung wird sich wahrscheinlich wie bei meiner Reise in den USA erst nach ihrem Ende offenbaren. Von dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber (1878-1965) stammt das treffende Zitat: „Alle Reisen haben eine heimliche Bestimmung, die der Reisende nicht ahnt.“

Vnicornis:
Der Untertitel Deiner Internetseite Die Achse des Lichts lautet Turning Darkness Into Light. Welche Dunkelheit wird hier in Licht verwandelt?

Rolf Krane:
Ausgangspunkt meiner Reise über Die Achse des Lichts war Dublin, wo ich einen Blick in das Book of Kells werfen durfte. Die einzigartige illustrierte Handschrift aus der dunklen Zeit des Frühmittelalters überlebte die Zerstörungswut der Wikinger. Den Titel der Ausstellung Turning Darkness Into Light habe ich als Motto für meine Reise übernommen.

Michael, Apollon und die anderen Lichtgestalten der Achse wurden in dunklen Epochen ihrer jeweiligen Kulturen verehrt und angerufen.

Michael gilt als bedingungsloser Schützer des Lebens und tritt jedem, der versucht, sich über Gott und das Leben zu stellen, mit der Frage „Wer ist wie Gott?“ entgegen. In der Johannes-Offenbarung 12 schützt der Erzengel eine Gebärende und ihr Kind, die von einem Drachen in tödlicher Absicht angegriffen werden, und sichert ihr Überleben. Der heilige Michael war Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches und später auch von Frankreich und Deutschland. Er soll in bedeutende Schlachten eingegriffen haben, in denen es um die Befreiung von fremden Besatzungsmächten ging. In Zeiten von Seuchen wurde er angerufen, die Menschen zu schützen. Im April zogen Priester mit dem Schwert aus der Michaelstatue des Heiligtums durch Monte Sant’Angelo, einem Ort auf der Achse. Sie beteten um Michaels Fürsprache, Gott möge nicht nur ihre Stadt, sondern den ganzen Gargano, ganz Italien und die ganze Welt vor dem Corona-Virus schützen. Das letzte Mal hatte man diese Zeremonie während der Pest im Jahr 1656 durchgeführt.

In der Griechischen Mythologie verfolgt und tötet Apollon, der griechische Gott des Lichts, einen Drachen, der vergeblich darauf angesetzt war, ihn und seine Zwillingsschwester Artemis sowie ihre Mutter Leto noch vor der Niederkunft zu töten. Als Gott der Mäßigung bringt er eine Seuche mit seinen Pfeilen ins Lager der Griechen, die bei einem Angriff auf Troja die Tochter eines Apollonpriesters versklavt hatten. Apollon ist es auch, der den Pfeil in Achilles Sehne lenkt und damit seinem Hochmut ein Ende setzt.

In den vergangenen Jahren haben sich nicht nur in den Großmächten USA, China und Russland politische und wirtschaftliche Führungsschichten etablieren können, die ihren Machterhalt, um jeden Preis zu sichern suchen. Um die öffentliche Meinung zu steuern, ist ihnen jedes Mittel recht, sei es durch die Unterdrückung freier Meinungen, durch eine totale Überwachung oder durch eine mediale Verdummung und Verwirrung der Gesellschaft.

Anstatt sich der Klimakrise zu stellen, wird sie von verantwortungslosen Führern weiter geleugnet und vorangetrieben. Anstatt unser brennendes Haus zu löschen, schütten sie Kohle und gießen weiter Öl ins Feuer, getrieben von Egomanie und der Profitgier einer fossilen Industrie. Anstatt den Artenreichtum und die kulturelle Vielfalt des Lebens zu bewahren und zu schützen, treiben sie den tödlichen Kurs weiter voran.

Doch in dieser unheilvollen dunklen Entwicklung erwachsen auch lichtvollen Kräfte. Laotse hatte diese Erkenntnis in dem Satz zusammengefasst: „Wo viel Schatten ist, muss viel Licht verborgen sein.“

Und so erschienen zeitgleich die ersten weiblichen Lichtgestalten auf den Leinwänden der Lichtspielhäuser. Es begann mit einer wiederholten Neuverfilmung der Lebensgeschichte Johanna von Orléans durch Luc Besson. Bereits im Alter von 13 Jahren hatte Jeanne ihre ersten Visionen und hörte Stimmen von Heiligen. Der Erzengel rief ihr zu: „Ich bin Michael, der Schutzherr Frankreichs. Erhebe dich und eile dem französischen König zu Hilfe.“ Mit sechzehn Jahren verließ sie ihr Elternhaus und führte bereits ein Jahr später die Truppen in Orléans siegreich aus der Belagerung durch die Engländer. Als sie ihrem König unbequem wurde, landete sie als Hexe auf dem Scheiterhaufen und wurde 500 Jahre später vom Papst heiliggesprochen. Nach Leeloo in Das Fünfte Element hatte Luc Besson mit Angel-A einen weiteren weiblichen Schutzengel auf die Leinwand gebracht. Mit Lucy schuf er schließlich ein engelsgleiches Wesen, das sich am Ende des Films von ihrem Körper löst und allgegenwärtig wird.

In den letzten drei Episoden der Star-Wars-Saga wird die junge Schrottsammlerin Rey von Luke Skywalker als Jedi ausgebildet und kämpft in der abschließenden Episode erfolgreich an der Spitze des Widerstandes. Als Drehort für ihre Ausbildung diente die Insel Skellig Michael, der nordwestliche Ausgangspunkt der Achse des Lichts. In Wonder Woman lässt die Regisseurin Patty Jenkins die Amazonen-Prinzessin Diana (römische Entsprechung der Artemis) in einem Kampf um das Überleben der Menschheit erfolgreich gegen den griechischen Kriegsgott Ares antreten. Im August soll die Fortsetzung Wonder Woman 1984 in die deutschen Kinos kommen. Schließlich inszenierte James Cameron Alita – Battle Angel, eine Manga-Figur aus den 90er Jahren, als schützenden und kämpfenden weiblichen Engel auf der Leinwand.

Die nächsten Lichtgestalten erschienen als junge weibliche Aktivistinnen für das Überleben der Menschheit in einer durch Klimawandel, Waffen und soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit existentiell bedrohten Welt. Die bekannteste von ihnen, Greta Thunberg, trat im jugendlichen Alter von 15 Jahren in die Weltöffentlichkeit. Mit ihrem Handeln und ihren Reden, die in ihrer Schärfe und Klarheit dem Schwert des Michael und den Pfeilen des Apollon entsprechen, löste sie eine Jugend-Bewegung aus. Von den vielen weiteren jungen Aktivistinnen seien hier erwähnt:

Die letzten Lichtgestalten kamen in der Gestalt eines Virus, der von einem Strahlenkranz umgeben ist und in seinem Erscheinungsbild der Sonne ähnelt. Die Viren werfen Licht auf existentielle Fragen. Was bedeutet uns das Leben? Was brauchen wir zum Überleben? Sie werfen Licht auf unsere Führungen. Sie entblößen politische Populisten in ihrer Unfähigkeit, die Bevölkerung zu schützen, und entlarven Superreiche, die sich mit eigenen Krankenstationen, Ärzten und Pflegekräften auf ihre Farmen zurückziehen. Sie machen die Gier von Wirtschaftsführern sichtbar, die mit Milliardengewinnen Firmenaktien vom Markt zurückkaufen, um ihre Kurse und Boni zu maximieren, und in der Krise staatliche Subventionierung einfordern. Sie werfen aber auch Licht auf die wahren Helden, die Menschen im Gesundheitswesen, die in selbstloser Weise andere Menschen retten und dabei ihr eigenes Leben gefährden.

Mit meiner Reise und ihrer Beschreibung möchte ich herausfinden, was wir für unseren Kampf ums Überleben der Menschheit von Michael, Apollon und anderen Lichtgestalten auf der Achse des Lichts lernen können.

Weiter zu Teil 2 des Gespräches.

(c) belmonte 2020

Der Gott des Gemetzels (Virtueller Theaterabend)

Da zur Zeit viele Bühnen Theateraufzeichnungen online stellen, haben wir am 25. April auf Facebook zu einem virtuellen Theaterbesuch eingeladen.

Nach ebenso virtueller Abstimmung haben wir uns auf Yasmina Rezas Der Gott des Gemetzels verständigt. Die parallele Videokonferenz war wenig sinnvoll. Dafür gab es Sekt und Brezeln.

Das Stück in seiner Premiere von 2006 am Schauspielhaus Zürich ist fabelhaft. Auch wenn das alte Thema des Abgrundes hinter der bürgerlichen Fassade nicht neu ist, ist die Ausführung umso hervorragender. Die Figuren geben sich nichts. Wer weiß, wie oft ich mich selbst im Spiegel wiedererkannt habe.

Mir war gar nicht klar, dass das Stück mit Christoph Waltz, Jodie Foster und Kate Winslet verfilmt wurde (Polański). Den Film muss ich mir irgendwann nochmal zu Gemüte führen.

Intellektuellenbashing

belmonte

Auf Facebook verschwinden die Einträge sehr schnell im Nirgendwo, aber manchmal sind die Diskussionen so gut, dass es schade ist, sie nicht etwas länger nachlesbar zu halten.

Auf einen meiner Facebook-Posts vom April hin hat sich eine Diskussion zu den Ausgangsbeschränkungen entsponnen, die ich charakteristisch für den aktuellen Diskurs finde, der zur Zeit in vielen Ländern geführt wird. Daher mache ich diese Diskussion auf unserem Blog nochmal nachträglich verfügbar.

Heribert Hansen Die Maßnahmen sind richtig. Aber es werden nicht nur Intellektuelle gebasht, sondern jeder, der sie als unverhältnismäßig ansieht. Was sie nicht sind, siehe New York. Und Bashing ist nicht immer Bashing, sondern normaler Streit.

Die Fronten der Ablehner und Befürworter der Maßnahmen gehen durch alle Gesellschaftsschichten, und es schwingt alles mit. Kleinkindaufstand, Blockwartmentalität, Ignoranz und Hysterie. Und jetzt haben wir nicht mal zwei Wochen. In Wuhan, zwei Monate komplette Ausgangssperre. Aber hier … Nicht umsonst sind die Infiziertenzahlen wunschgemäß flach geblieben. Eine Katastrophe a la Lombardei wurde abgewendet.

Da kann man nicht meckern. Aber gemeckert wird immer. Gehört dazu. Und allen kann man’s nie Recht machen.

Volker Schönenberger Wenn Leute von der Polizei gemaßregelt werden, die allein auf einer Bank ein Brötchen essen, ist das nicht verhältnismäßig.

Wenn einzelne Leute auf der Straße gegen die asoziale Flüchtlingspolitik der EU demonstrieren und dabei niemandem zu nahe kommen, dann aber von der Polizei daran gehindert werden, ist das sicher nicht verhältnismäßig.

Heribert Hansen Das sind absolute Einzelfälle und: wo einer ne Demo macht, gesellen sich bald viele dazu.

Wenn einer ne Bank benutzt, die gesperrt ist, ist Ansprache gerechtfertigt. Es gibt Orte, wo Bänke gesperrt sind, damit sich nicht mehrere draufsetzen. Was den meistem fehlt, ist Geduld. Zwei Wochen Beschränkungen sind wohl schon zu viel.

Brasch Buch Wenn ich nachts über eine rote Ampel fahre, weil sichtbar alle Straßen leer sind, schreie ich danach nicht „Polizeistaat!“, wenn ich geblitzt werde.

Volker Schönenberger Ich akzeptiere jedes Bußgeld für meine Verstöße im Straßenverkehr mit mehr oder minder großem Ärger – über mich selbst.

Was mir an der Debatte übel aufstößt: Beinahe reflexartig wird jeder, der es wagt, das Thema Einschränkungen der Grundrechte und deren Verhältnismäßigkeit diskutieren zu wollen, aufs Übelste angegangen. Dabei ist es angesichts der massiven Einschränkungen unerlässlich, sie zu diskutieren. Das sind nicht irgendwelche dahingerotzten Gesetze oder Verordnungen, sondern die fundamentalen Säulen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Heribert Hansen Corona hält sich nicht an Gesetze, deshalb müssen wir uns komplett anders verhalten. Es ist klar, dass das alles auf Zeit ist, warum wird da rumgestänkert und von Grundrechtsverletzungen schwadroniert? Art. 2 HG: Recht auf Unversehrtheit. D. h. der Staat muss alle schützen. Es gibt unzählige, die sehr verletzlich sind. Daher müssen starke Maßnahmen her. Wer diese als Grundrechtverletzung kritisiert, den möchte ich auf Art. 2 hinweisen. Und Leben und Gesundheit sind ja wohl eindeutig höhere Rechtsgüter als Freizügigkeit, wenn man das mal gegenüberstellen möchte.

Diese ganze Diskussion, die da entsteht von einer Diktatur, Grundrechtsverletzungen etc., das geht mir gewaltig auf den Geist. Wer die Maßnahmen nicht versteht in ihrer Härte, der sollte mal auf eine die tausenden Begräbnisse ohne Trauergemeinde gehen. Die dort begraben werden, hätten sich gefreut, wenn man sofort schärfste Maßnahmen ergriffen hätte.

Francis Valentino Über allen anderen Grundrechten steht nicht zufällig das der Menschenwürde. Die Bilder aus Städten wie Bergamo, New York oder Guayaquil zeigen doch, wie notwendig die Maßnahmen sind. Dabei haben wir noch nicht mal Verhältnisse wie in Wuhan.

Volker Schönenberger Francis, das ändert nichts an meinen Worten und stellt auch keinen Widerspruch dar.

Heribert Hansen Volker Schönenberger, warum zetteln sie eigentlich so ne Diskussion an? Als ob sich nicht in kurzer Zeit, vielleicht Tage, vielleicht Wochen, wenns dumm läuft viele Wochen, denn das Virus ist unberechenbar, alles wieder normalisiert. Wer anfängt, über die Maßnahmen zu diskutieren, der erntet zu Recht Widerspruch, denn es geht um Leben und Tod Vulnerabler. Um nichts weniger.

Brasch Buch Volker Schönenberger, vielleicht schaffen Sie es ja mal zu erklären, wo sie Ihre Grundrechte derzeit so beschnitten finden, dass es Straßendemos bedarf und Klagen an das Verfassungsgericht. Was die Demonstration- und Versammlungsrechte z.B. betrifft, haben die Verfechter schon ein eigenwilliges Demokratieverständnis. Man will demonstrieren, obwohl man weiß, dass ca. 30% der Bevölkerung weder daran teilnehmen noch dagegen demonstrieren können, da sie zu einer Risikogruppe zählen. Viele von denen fordern gerade „Cocooning“, d.h. Leute ab 65 Jahren sollen zuhause bleiben, sie aber wollen sich dann versammeln, um über die Unverhältnismäßigkeit der Maßnahmen zu diskutieren. Wirklich kurioses Demokratieverständnis. Und dazu noch die unsägliche Phrase „Man muss das doch mal sagen dürfen.“ Mein Güte, die Netze sind voll von dem undurchdachten Gelaber. Und wenn man – wie ich jetzt hier – versucht, die Leute doch mal wieder zu erden, sich wünscht, dass sie selbst mal ihre Klagen reflektieren, dann kommt wieder: Ja, aber, man muss doch …

Heribert Hansen Auf die Grundrechte pfeif ich für ein paar Wochen, wenn deren Einschränkung erreicht, dass meine Tante im Altersheim mit ihren 97 Jahren überlebt.

Francis Valentino Volker, das meinte ich nicht als Kritik an deinem Kommentar. Ich finde es okay, darüber zu diskutieren (was ja hier geschieht). Was mich bei der Kritik an den angeblich „unverhältnismäßigen“ Maßnahmen stört, ist der verschwörerische Unterton: Irgendeine fremde Macht würde unsere Grundrechte beschneiden. Manche ignorieren das Schicksal der Kranken, andere empören sich halt gerne. All jenen sei gesagt: Das Virus ist eine Naturkatastrophe, für die niemand Schuld trägt!

Giovanni Belmonte So sehr ich persönlich die aktuellen Maßnahmen richtig finde, finde ich es ebenso wichtig (und zulässig ohnehin), dass sie diskutiert werden. Immerhin gibt es Länder wie Ungarn, in denen die Coronakrise für die aktuelle politische Agenda hemmungslos ausgenutzt wird.

Mir ist allerdings sehr wichtig, dass nach der Krise, wann immer das sein wird, alle Maßnahmen wieder zurückgefahren werden. Das ist nicht selbstverständlich, da Gesetze und Institutionen kein Gedächtnis haben und, einmal eingeführt, ziemliche Beharrungskräfte aufweisen können. Da müssen wir alle schon ziemlich genau drauf schauen.

Und dennoch, im Vergleich zu anderen Ländern (z. B. Italien oder Frankreich) finde ich die Maßnahmen hier in Deutschland noch relativ moderat. Und ich wünsche mir sehr, dass es nicht zu Triage-Entscheidungen kommen muss.

Heribert Hansen Es sind ja, so weit ich das überblicke, keine Gesetze geändert worden außer die verfassungsmäßige Schuldenbremse. Alles andere sind nur Verordnungen – die z.T. rechtlich sicher nicht immer wasserdicht sind. Noch ist ja alles überschaubar, es geht ja nur um Aufenthaltsbeschränkungen. Und es wurden immer Daten genannt – anders als in Ungarn.

Giovanni Belmonte Wie sieht es eigentlich bei Euch in der Klinik aus, Heribert? Habt Ihr viele Covid-19-Fälle bei Euch?

Heribert Hansen Ich bin jetzt schon ne Weile im Frei – wir hatten wenige Fälle. Es ist aber vereinbart worden, dass die Covid ins KliLu kommen und wir deren normale Nicht Covid Chirugiepat übernehmen. Vor zehn Tagen hörte ich, dass auch im KliLu kaum Covid liegen – den derzeitigen Stand kenne ich nicht.

Unterm Strich ist das alles in keiner Weise mit den anderen Staaten zu vergleichen – als ich ins Frei ging, hatte man schon drei Wochen vorher gesagt, in einer Woche ist es wie in Italien. War aber selbst nach drei Wochen nix dergleichen. Liegt wohl an der besseren Luft hier und weniger Rauchern oder was weiß ich.

Giovanni Belmonte Heribert, hoffentlich hast Du recht. Die Kurve geht nach wie vor nach oben.

Heribert Hansen Sie steigt an, aber abgeflacht. Genau darum ging es ja.

Volker Schönenberger Francis Valentino, hatte ich auch nicht als Kritik an mir verstanden. Aber einige Kommentatoren hier bestätigen genau das, was ich ausdrücken will. Es wird sogleich aggressiv erwidert, weshalb ich hier eine solche Diskussion „anzettle“.

Ein Kommentator bezweifelt die Sinnhaftigkeit einer Klage ans BVerfG. Ich werde sicher keine führen, wünsche mir aber, dass die derzeitigen Maßnahmen beizeiten höchstrichterlich untersucht werden. Von mir aus dann auch gebilligt. Wenn das nicht geschieht, ist späteren Willkür-Einschränkungen bei anderen Ereignissen Tür und Tor geöffnet. Oder am Ende bleibt es still und heimlich nach dem Ende der Krise bei einigen Einschränkungen.

Heribert Hansen Ich wiederhole es, solche Diskussionen sind im Angesicht der Pandemie weder sinnvoll noch zielführend. Diskutieren anfangen kann man nach zwei Monaten, nicht wenn nicht mal die erste Zeithürde von drei Wochen durch ist.

Giovanni Belmonte Heribert, das finde ich nicht richtig. Wir machen uns alle ganz unterschiedliche Sorgen, und natürlich können die offen diskutiert werden.

Die Pandemie ist nicht nur ein sehr gefährlicher Virus, sondern gleichzeitig ein Katalysator gesellschaftlich vorhandener Tendenzen. Diese ans Tageslicht zu bringen, ist wichtig, insbesondere während so einer Krise.

Das widerspricht überhaupt nicht der Zustimmung und Einhaltung der aktuellen Maßnahmen.

Francis Valentino Volker, natürlich müssen wir darauf achten, dass jetzt nicht die Demokratie à la Viktor Orbáns Vollmachtsgesetz abgebaut wird. Deutschlands Maßnahmen sind jedoch vergleichsweise moderat und immerhin scheinen sie ja eine gewisse Wirkung gegen die Ausbreitung des Virus zu zeigen.

Die reflexartigen Reaktionen rühren wahrscheinlich daher, dass einige die Debatte um die Grundrechte dazu missbrauchen, um ihre menschenverachtende Weltsicht einer Politik der Eugenik vorzutragen (die Ausgrenzung der Risikogruppe). Das bedeutet doch nichts anderes als für ihre Freiheit alle Alten, Kranken und Schwachen opfern.