Alle kennen die Folia – Ein Satzmodell durchzieht die Musikgeschichte

belmonte

Es ist immer wieder eine wunderbare Übung, musikalischen Linien über Raum und Zeit nachzuspüren. Ich habe das in diesen Tagen mit der Folia getan, einem der ältesten aufgezeichneten harmonisch-melodischen Satzmodelle der europäischen Musikgeschichte, die ich nicht nur wunderschön finde, sondern auch in überraschenden Variationen über die Jahrhunderte und Kontinente verstreut wiederentdecke, ein musikalischer Satz, der in der Musik zwischen Populär- und Hochkultur oszilliert (ach Mensch, ich weiß doch, wie hinfällig diese Unterscheidung zwischen U- und E-Musik ist).

Wie beim Minnesang handelt es sich bei der Folia aus meiner Sicht um eine der womöglich gar nicht so zahlreichen Grundierungen der europäischen Musik. Und ganz nebenbei lässt sich an ihr auf hervorragende Weise zeigen, wie sich Dur und Moll sowohl in ihrer Abgrenzung, Parallelität und Verwobenheit als auch in ihrem räumlichen Bild des Auf- und Abstieges durchgesetzt haben.

Die Basis-Akkordfolge der Folia, hier in D-Moll gesetzt,

Folia-Satzmodell

lässt sich sehr eingängig in Jordi Savalls Interpretation von Antonio Martin y Colls Folías de España (gleich zu Beginn der Aufnahme) nachvollziehen. Wir alle haben diese Akkordfolge in unserem Musikgedächtnis abgespeichert:

Es gefällt mir so sehr, mein eigenes Musikgedächtnis in all seinen versteckten Winkeln auszuleuchten. Da finden sich Harmonien und Melodien, die ich alle kenne, die aber immer wieder lange im Verborgenen liegen. Mein Gehirn verwandelt sich dann für mich in eine Musikbibliothek, mitunter leider sehr ungeordnet.

Beethoven, 5. Sinfonie, im 2. Satz höre ich eine kurze Variation über das Satzthema, die eine merkwürdige Eigenständigkeit aufweist. Ich höre sie wieder und wieder. Beethoven hat hier eine herrliche Miniatur herausgearbeitet. Es ist eine kleine Tanzszene, wie eine Pavane, ein italienischer Schreittanz, ein Umwerben, Schritt und Innehalten, Schritt und Innehalten, ein Aufstieg gefolgt von einem Abstieg.

Die Variation verschafft sich auch dadurch ihre Eigenständigkeit, dass sie im Unterschied zum Thema und den Hauptvariationen des 2. Satzes in Moll aufsetzt. Die Oboe beweist Beethovens bildnerische Meisterschaft. Ehe man es sich versieht – oder vielmehr verhört –, ist die Variation auch schon vorbei und eine sehr viel breitete Variation des Satzthemas setzt wieder ein.

Hier sind aller Übermut und alle Tollheit, die in dem Begriff Folia stecken, in einen moderaten Auf- und Abstieg sublimiert.

Einhundert Jahre früher hat sich Vivaldi über dem Thema, wie nicht anders zu erwarten ist, mit endlosen Variationen ausgelassen:

Im 20. Jahrhundert findet die Folia Eingang in die Filmmusik. Nino Rota hat in der Romeo-und-Julia-Verfilmung von Zeffirelli das Thema mehrfach eingearbeitet, um die Renaissance-Atmosphäre des Filmes musikalisch einzufangen. Cupid he rules us all:

Mit vollbesetzten Streichern, Bläsern und Harfe fährt Nino Rota dann zu epischer Stärke auf:

Episch geht es weiter in der Titelmusik des Filmes 1492 – Conquest of Paradise. Im musikalischen Thema des Ridley-Scott-Filmes über die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus untersetzt der griechische Komponist Vangelis die Folia-Akkorde kurzerhand mit Bolero-Rhythmus und pseudo-lateinischem Chor, welcher der Mode der 90-Jahre folgend auf Gregorianischen Gesang verweist:

Indische Populärmusik, vor allem in Bollywood-Filmen, hat es immer schon geschafft, Elemente aus der europäischen Musik auf bewundernswerte Weise zu integrieren. Ich war dennoch überrascht, als ich das Folia-Motiv in ziemlich originaler Akkordfolge in der Bollywood-Schnulze Kuch Kuch Hota Hai wiedergehört habe. Die beiden Komponistenbrüder Jatin und Lalit Pandit haben ganze Arbeit geleistet:

Und auch sie zeigen, dass die Streicher noch eine emotionale Tränenstufe drauflegen können.

Zum Abschluss folgt noch ein Stück aus dem bezaubernden Zeichentrickfilm Das letzte Einhorn. Auch wenn sich Jimmy Web in seiner Filmmusik nicht so streng an die Vorlage hält, möchte ich dennoch mit zwei Ausschnitten aus dem Film schließen, die zeigen, dass die Folia imstande ist, auch moderne Fantasy musikalisch zu unterlegen. Wie schön erwacht hier der Wald:

Ausblick

Vielleicht schließe ich in einem folgenden Blogpost ein paar Zeilen über verwandte Auf- und Abstiegsmotive in indischen Bhakti-Gesängen an. In dem durch Mahatma Gandhi bekannt gewordenen Lied Raghupati Raghav Raja Ram lassen sich interessante Beziehungen zur Folia feststellen.

Moll und Dur sind hier auf ganz andere Art miteinander verwoben und oszillieren und gehen mitunter völlig ineinander über. In dem Lied Mann Mohana aus dem Historienfilm Jodhaa Akbar lässt sich das erahnen:

(c) belmonte 2021

Der Erste Belmontiner in zwei Beispielen

In Vorbereitung zu meinem Kamina-Online-Workshop über Metrik am 22. Januar 2021 stelle ich hier an zwei Beispielen den Ersten Belmontiner vor, eine Strophen- und Liedform, die ich vor ein paar Jahren während der Arbeit an meinem Versepos Junas Lob entwickelt habe.

1.

erblendete das morgenlicht mein schauen
nach aufgewühlter nachtin
erhebt die sonne sich gewohnter pracht in

schon bin ich wieder in mich selbst gedrungen
wo sich nichts rührt das mich vermochte zu bewahrn
weiß ich zurück zu schauen auf die zeiten jungen
wie hat seit hin mein bild sich von mir selbst zerfahrn

wann zähl nich mer nach tagen sondern jahren
kein schlaf wird meiner wacht in
der ích schon längst vergessen hab was je gedachtin

2.

nam klirrend starres kalt mich in beschlac
verdeckte meine sinne
ich wurde außerhalben nich mer inne

dem sinn auf anbeginnen abgeschworen
erfroren waren als was bitterer klang
vor zeiten mir in dunkel die amoren
wärs nichts gewesen als ein früher hang

zur neige alles große einst enfangen
auf erden sein bin ich nich mer gewinn
kommt alles darauf zu dass ich zu ende bin

Der Erste Belmontiner ist eine Ballata-Form mit 3-versiger Ripresa (A B B), 4-versiger Stanze (C D C D) und abschließender Ripresa (D B B).

Die Schöpfung von Lied- und Strophenformen und deren Variationen wird nach meinem Dafürhalten von der zeitgenössischen Dichtung leider sehr vernachlässigt. Dabei lässt sich hier sogar eine Art Metakreativität erreichen.

Allerdings werden Strophenformen nicht wirklich neu erschaffen, sondern vielmehr entdeckt, zumindest wiederentdeckt und im besten Falle aus dem vorhandenen, historischen und aktuellen Sprachmaterial wie aus Wasser geschöpft oder aus Stein herausgemeißelt.

Die beiden Lieder erblendete das morgenlicht mein schauen und nam klirrend starres kalt mich in beschlac finden sich im Kapitel Junas Bitternis im Versepos Junas Lob, Brot & Kunst Verlag, Neustadt/Weinstraße 2018.

(c) belmonte 2020

Am Ende der Krieg – Květa Legátová: Der Mann aus Želary (Kurzrezension)

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Květa Legátová: Der Mann aus Želary

Die Brünner Ärztin Eliška arbeitet 1942/43 für den Widerstand gegen die Deutschen und muss fliehen. Unter neuem Namen lebt sie in dem kleinen Bergdorf Želary. Ihre vorbereitete Heirat mit dem Sägewerkarbeiter Joza, einem liebevollen Hünen, dient ihrem Schutz, und es stellt sich heraus, dass Joza gar nicht der Dorftrottel ist, für den ihn die Dorfbewohner ausgeben.

Eliška wandelt sich, unter ihrem neuen Namen Hana, von einer modernen Städterin in eine Dorfbewohnerin, die nach und nach die Geheimnisse des Dorfes Želary und seiner Bewohner kennenlernt – einer stolzen Gruppe von Menschen, die sich weder von den Deutschen noch von den Russen unterkriegen lässt. Sie lernt ihren Mann lieben, nachdem sie ihre anfängliche Angst überwunden hat. Und von der wilden und weisen Alten Lucka lernt sie, dass es noch ganz andere Wege gibt, um Krankheiten zu heilen, als die moderne Medizin, die sie in Brünn gelernt hat.

Das Buch ist sehr kurz, die Thematik ist alles andere als neu, aber der angeschlagene Ton rührt auf seltsam unanrührige Weise an, die Natur, die Holzhütten, der Wald und die Eigenheiten der Leute werden mit wenigen Strichen gezeichnet, so dass kein Raum für Rührseligkeit bleibt.

Am Ende kommt der Krieg direkt ins Dorf.

Die unter Pseudonym schreibende Věra Hofmanová war dem kommunistischen Regime der Tschechoslowakei nicht genehm. 1919 geboren, schrieb sie erst in den 2000er Jahren ihre wichtigen Romane. Das Buch Der Mann aus Želary wurde 2003 unter dem Titel Želary verfilmt und für den Oscar nominiert. Ich bin gespannt, den Film irgendwann zu sehen und mich an dieses schöne kurze Buch zu erinnern.

(c) belmonte 2020

Květa Legátová: Der Mann aus Želary. Aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2009, 254 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Fabrizio De Andrè: La canzone di Marinella (Song der Woche)

Ausgewählt von belmonte.

Questa di Marinella è la storia vera
che scivolò nel fiume a primavera
ma il vento che la vide così bella
dal fiume la portò sopra a una stella

sola senza il ricordo di un dolore
vivevi senza il sogno di un amore
ma un re senza corona e senza scorta
bussò tre volte un giorno alla sua porta

bianco come la luna il suo cappello
come l’amore rosso il suo mantello
tu lo seguisti senza una ragione
come un ragazzo segue un aquilone

e c’era il sole e avevi gli occhi belli
lui ti baciò le labbra ed i capelli
c’era la luna e avevi gli occhi stanchi
lui pose la mano sui tuoi fianchi

furono baci furono sorrisi
poi furono soltanto i fiordalisi
che videro con gli occhi delle stelle
fremere al vento e ai baci la tua pelle

dicono poi che mentre ritornavi
nel fiume chissà come scivolavi
e lui che non ti volle creder morta
bussò cent’anni ancora alla tua porta

questa è la tua canzone Marinella
che sei volata in cielo su una stella
e come tutte le più belle cose
vivesti solo un giorno , come le rose

e come tutte le più belle cose
vivesti solo un giorno come le rose.

Anna reider is tot

Anna reider is tot – 1-3

belmonte

Anna reider is tot

1

Anna reider is tot
Wer pur hände rout

Kan messer gefunnan
Verlorener hout

Issa mina tabbel
Des tei mista rot

Wes tei mista rot
Wan annare tot

2

Ene hat si gemurda
kanna fei ista ruh

wo bin i da weasen
da bei issa ruh

kanna hie scho gebluote
so ruot mis ta ruh

min kopf is davu
wan is iner ruh

3

Was man issa hat sie
Geschlagener tot

Nu issi gefahrena
Auf inna rout

Wann schlimma no fand i
Na annare tot

Wann schlimma no wa
Annara not

Anna reider is tot - 3-7

Anna reider is tot – 3-7

4

Issa ke issa ka
Ama de issa ruh

Famiss tu die fuhlisch
Famiss tu die ruh

Kamm an nochma hera
A hera zu mir

Zu mir kumma nä
Famiss tu di ruh

5

Vun anna hat niaman
Vun niamanna hört

Un ihn ats gefuamet
Un weidin da fürt

And suach anna fu
Anna fuasacha ruh

Sei kumma wohin
Wan kummanna fou

6

Is langa na her
Dassi anna gefoun

Nu ha sich nich annare
Annere wou

Ine hab anna hera
Zu innare ruh

Wer mochta sie seh
Wassi wa issi nu

klischée – Zeitschrift für Gegenwartsliteratur

7

Mach auf inna ebe
Was annere wär

Ine hab is geschwunde
Um hals inna her

Was anna ma wode
Was ine mal ser

Sies kumma wohin
Anna reider is tot

(c) belmonte 2020

Ursprünglich erschienen in Ausgabe 5 der klischée – Zeitschrift für Gegenwartsliteratur.

Siehe auch Zur Enstehung des Liedes „Anna reider is tot“.