Wasserrohrbruch

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Wasserrohrbruch

In meinem Haus gab es einen Wasserrohrbruch
Zuerst ging mir das Wasser nur bis an die Knöchel
Dann stieg es bis über die Knie

Ich sah alle meine handschriftlichen Texte der vergangenen zwanzig Jahre durch das Zimmer schwimmen

Auf einmal wurde die Zimmertür geöffnet und alle Zettel wurden durch die Tür gesogen und davon gespült

Das Wasser stieg noch weiter
Zuletzt wurde auch ich davon gespült
Und wachte nie mehr davon auf

(c) belmonte 2021

Alltägliche Corona-Eskalation

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Im Bus auf dem Weg in die Heidelberger Peripherie.

Frau trägt Maske unterm Kinn. Busfahrer durchs Mikrofon: „Setzen Sie bitte die Maske auf.“

Maske rauf bis knapp überm Mund.

Als sie zum Aussteigen aufsteht, die Maske wieder unterm Kinn, schlägt ein Mann mit flacher Hand mit voller Wucht aufs Trennglas und ruft lautstark: „Maske uff!“

Alle schrecken auf. Sie völlig verängstigt.

Vor mir einer: „Müssen Sie uns denn so erschrecken?“

Maske-uff-Mann laut zur demaskierten Frau: „Wennde querdenke willst, mussde nach Stuttgart.“

Sie leise: „Wenn Sie doch bloß die Wahrheit wüssten.“ Steigt aus.

Alle Seiten sind leider sehr nervös, und öffentliche Aufforderer gibt es leider mehr und mehr auch auf der vernünftigen Seite.

Es ist schade zu sehen, wie das Richtige immer wieder umschlagen und sehr unsympathisch werden kann.

(c) belmonte 2021

Drei Drohnengesetze (auf Asimovs Robotergesetzen basierend)

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Für mich gibt es eine enge Beziehung zwischen Drohnenkrieg und drohendem Krieg, die mehr als eine wörtliche Spielerei ist.

Wie wäre es, wenn weltweit die drei Asimovschen Robotergesetze auch auf Drohnen angewendet würden?

1. Eine Drohne darf kein menschliches Wesen verletzen oder durch Untätigkeit zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.

2. Eine Drohne muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren.

3. Eine Drohne muss ihre Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.

Alle kennen die Folia – Ein Satzmodell durchzieht die Musikgeschichte

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Es ist immer wieder eine wunderbare Übung, musikalischen Linien über Raum und Zeit nachzuspüren. Ich habe das in diesen Tagen mit der Folia getan, einem der ältesten aufgezeichneten harmonisch-melodischen Satzmodelle der europäischen Musikgeschichte, die ich nicht nur wunderschön finde, sondern auch in überraschenden Variationen über die Jahrhunderte und Kontinente verstreut wiederentdecke, ein musikalischer Satz, der in der Musik zwischen Populär- und Hochkultur oszilliert (ach Mensch, ich weiß doch, wie hinfällig diese Unterscheidung zwischen U- und E-Musik ist).

Wie beim Minnesang handelt es sich bei der Folia aus meiner Sicht um eine der womöglich gar nicht so zahlreichen Grundierungen der europäischen Musik. Und ganz nebenbei lässt sich an ihr auf hervorragende Weise zeigen, wie sich Dur und Moll sowohl in ihrer Abgrenzung, Parallelität und Verwobenheit als auch in ihrem räumlichen Bild des Auf- und Abstieges durchgesetzt haben.

Die Basis-Akkordfolge der Folia, hier in D-Moll gesetzt,

Folia-Satzmodell

lässt sich sehr eingängig in Jordi Savalls Interpretation von Antonio Martin y Colls Folías de España (gleich zu Beginn der Aufnahme) nachvollziehen. Wir alle haben diese Akkordfolge in unserem Musikgedächtnis abgespeichert:

Es gefällt mir so sehr, mein eigenes Musikgedächtnis in all seinen versteckten Winkeln auszuleuchten. Da finden sich Harmonien und Melodien, die ich alle kenne, die aber immer wieder lange im Verborgenen liegen. Mein Gehirn verwandelt sich dann für mich in eine Musikbibliothek, mitunter leider sehr ungeordnet.

Beethoven, 5. Sinfonie, im 2. Satz höre ich eine kurze Variation über das Satzthema, die eine merkwürdige Eigenständigkeit aufweist. Ich höre sie wieder und wieder. Beethoven hat hier eine herrliche Miniatur herausgearbeitet. Es ist eine kleine Tanzszene, wie eine Pavane, ein italienischer Schreittanz, ein Umwerben, Schritt und Innehalten, Schritt und Innehalten, ein Aufstieg gefolgt von einem Abstieg.

Die Variation verschafft sich auch dadurch ihre Eigenständigkeit, dass sie im Unterschied zum Thema und den Hauptvariationen des 2. Satzes in Moll aufsetzt. Die Oboe beweist Beethovens bildnerische Meisterschaft. Ehe man es sich versieht – oder vielmehr verhört –, ist die Variation auch schon vorbei und eine sehr viel breitete Variation des Satzthemas setzt wieder ein.

Hier sind aller Übermut und alle Tollheit, die in dem Begriff Folia stecken, in einen moderaten Auf- und Abstieg sublimiert.

Einhundert Jahre früher hat sich Vivaldi über dem Thema, wie nicht anders zu erwarten ist, mit endlosen Variationen ausgelassen:

Im 20. Jahrhundert findet die Folia Eingang in die Filmmusik. Nino Rota hat in der Romeo-und-Julia-Verfilmung von Zeffirelli das Thema mehrfach eingearbeitet, um die Renaissance-Atmosphäre des Filmes musikalisch einzufangen. Cupid he rules us all:

Mit vollbesetzten Streichern, Bläsern und Harfe fährt Nino Rota dann zu epischer Stärke auf:

Episch geht es weiter in der Titelmusik des Filmes 1492 – Conquest of Paradise. Im musikalischen Thema des Ridley-Scott-Filmes über die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus untersetzt der griechische Komponist Vangelis die Folia-Akkorde kurzerhand mit Bolero-Rhythmus und pseudo-lateinischem Chor, welcher der Mode der 90-Jahre folgend auf Gregorianischen Gesang verweist:

Indische Populärmusik, vor allem in Bollywood-Filmen, hat es immer schon geschafft, Elemente aus der europäischen Musik auf bewundernswerte Weise zu integrieren. Ich war dennoch überrascht, als ich das Folia-Motiv in ziemlich originaler Akkordfolge in der Bollywood-Schnulze Kuch Kuch Hota Hai wiedergehört habe. Die beiden Komponistenbrüder Jatin und Lalit Pandit haben ganze Arbeit geleistet:

Und auch sie zeigen, dass die Streicher noch eine emotionale Tränenstufe drauflegen können.

Zum Abschluss folgt noch ein Stück aus dem bezaubernden Zeichentrickfilm Das letzte Einhorn. Auch wenn sich Jimmy Web in seiner Filmmusik nicht so streng an die Vorlage hält, möchte ich dennoch mit zwei Ausschnitten aus dem Film schließen, die zeigen, dass die Folia imstande ist, auch moderne Fantasy musikalisch zu unterlegen. Wie schön erwacht hier der Wald:

Ausblick

Vielleicht schließe ich in einem folgenden Blogpost ein paar Zeilen über verwandte Auf- und Abstiegsmotive in indischen Bhakti-Gesängen an. In dem durch Mahatma Gandhi bekannt gewordenen Lied Raghupati Raghav Raja Ram lassen sich interessante Beziehungen zur Folia feststellen.

Moll und Dur sind hier auf ganz andere Art miteinander verwoben und oszillieren und gehen mitunter völlig ineinander über. In dem Lied Mann Mohana aus dem Historienfilm Jodhaa Akbar lässt sich das erahnen:

(c) belmonte 2021

Der Erste Belmontiner in zwei Beispielen

In Vorbereitung zu meinem Kamina-Online-Workshop über Metrik am 22. Januar 2021 stelle ich hier an zwei Beispielen den Ersten Belmontiner vor, eine Strophen- und Liedform, die ich vor ein paar Jahren während der Arbeit an meinem Versepos Junas Lob entwickelt habe.

1.

erblendete das morgenlicht mein schauen
nach aufgewühlter nachtin
erhebt die sonne sich gewohnter pracht in

schon bin ich wieder in mich selbst gedrungen
wo sich nichts rührt das mich vermochte zu bewahrn
weiß ich zurück zu schauen auf die zeiten jungen
wie hat seit hin mein bild sich von mir selbst zerfahrn

wann zähl nich mer nach tagen sondern jahren
kein schlaf wird meiner wacht in
der ích schon längst vergessen hab was je gedachtin

2.

nam klirrend starres kalt mich in beschlac
verdeckte meine sinne
ich wurde außerhalben nich mer inne

dem sinn auf anbeginnen abgeschworen
erfroren waren als was bitterer klang
vor zeiten mir in dunkel die amoren
wärs nichts gewesen als ein früher hang

zur neige alles große einst enfangen
auf erden sein bin ich nich mer gewinn
kommt alles darauf zu dass ich zu ende bin

Der Erste Belmontiner ist eine Ballata-Form mit 3-versiger Ripresa (A B B), 4-versiger Stanze (C D C D) und abschließender Ripresa (D B B).

Die Schöpfung von Lied- und Strophenformen und deren Variationen wird nach meinem Dafürhalten von der zeitgenössischen Dichtung leider sehr vernachlässigt. Dabei lässt sich hier sogar eine Art Metakreativität erreichen.

Allerdings werden Strophenformen nicht wirklich neu erschaffen, sondern vielmehr entdeckt, zumindest wiederentdeckt und im besten Falle aus dem vorhandenen, historischen und aktuellen Sprachmaterial wie aus Wasser geschöpft oder aus Stein herausgemeißelt.

Die beiden Lieder erblendete das morgenlicht mein schauen und nam klirrend starres kalt mich in beschlac finden sich im Kapitel Junas Bitternis im Versepos Junas Lob, Brot & Kunst Verlag, Neustadt/Weinstraße 2018.

(c) belmonte 2020