„Möchtest du nicht manchmal einfach nur … ein Mensch sein?“ – N. K. Jemisin: Zerrissene Erde (Buchrezension)

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N. K. Jemisin: Zerrissene Erde

N. K. Jemisin: Zerrissene Erde

Ich wollte nach einiger Zeit mal wieder Fantasy lesen und bin, ich weiß nicht mehr genau wie, auf N. K. Jemisins Broken-Earth-Trilogie gestoßen. Ich lese gut Englisch, aber es braucht eben doch ein wenig länger, und da der erste Band Zerrissene Erde gerade auf Deutsch erschienen ist, habe ich mich für die deutsche Übersetzung entschieden.

Das Buch war dann gar nicht so einfache Lektüre, wie ich anfangs dachte. Eine komplexe Welt erwartete mich da, mehr eine Mischung aus Fantasy und Science-Fiction. Irgendwo habe ich den Begriff Science Fantasy gehört. Der trifft es ganz gut. Es kommen ein paar unbekannte Tiere vor, keine Drachen, und was nach Magie klingt, sind eher wissenschaftlich untermauerte Fähigkeiten, zum Beispiel das Erspüren von seismischen Bewegungen oder aktiven Heißflecken im Erdinneren durch mentales Ertasten, so genanntes Mentasten. Wer in dieser auch Orogenie genannten Fähigkeit mächtig ist, kann ganze Erdplatten bewegen und sogar Erdbeben auslösen. Die Orogenen aber sind alles andere als hoch angesehen, denn wer von ihnen nicht trainiert ist, kann schnell mal durch einen Wutausbruch versehentlich eine ganze Stadt verwüsten. Selbst die besten Orogenen werden daher von noch mächtigeren Wächtern beaufsichtigt.

Die Geschichte handelt

  • von der jungen Damaya, die gerade ihre Orogenie entdeckt,
  • von der bereits in Orogenie trainierten Syenit, deren orogene Fähigkeiten sich als außerordentlich mächtig herausstellen,
  • von der bereits älteren Essun, deren Mann gerade ihren Sohn getötet und sich mit ihrer Tochter auf und davon gemacht hat. Auch sie ist eine Orogene.

Bevor die drei im späteren Verlauf auf erstaunliche Weise zusammenkommen, gehen sie ihrer unterschiedlichen Wege – und das stets in Begleitung, etwa des Wächters Schaffa, der als Zeichen seiner Macht Hände zerbricht, oder des zehnberingten (also ebenfalls sehr mächtigen) Orogenen Alabaster, von dem vor allem Zeugungsfähigkeit erwartet wird, oder des Jungen Hoa, der gar kein Junge ist, sondern ein steinalter Steinesser. Alle haben ihre besonderen Fähigkeiten. Steinesser zum Beispiel verwandeln dich gern mal in Stein, ziehen dich unter die Erde und stoßen dich irgendwo an anderer Stelle wieder aus der Erde hervor. Sicherlich schmerzhaft. Kann aber auch mitunter die letzte Rettung vor den Wächtern sein.

N. K. Jemisin: The Fifth Season

N. K. Jemisin: The Fifth Season

Nicht nur mit den Orogenen spiegelt Jemisin den Rassismus unserer eigenen Welt. Nicht von ungefähr werden die Orogenen von Nicht-Orogenen Rogga genannt, da klingt Nigga an. Die Orogenen sind die Ausgestoßenen, die Verfolgten, die schnell mal umgebracht werden, bevor sie irgendein Unheil anrichten.

Alabaster fragt Syenit: „Möchtest du nicht manchmal einfach nur … ein Mensch sein?“ und sie antwortet: „Wir sind keine Menschen.“. Er aber besteht darauf: „Dass wir keine Menschen sind, ist genau die Lüge, die sie sich erzählen, damit sie sich nicht schlecht angesichts der Tatsache fühlen müssen, wie sie uns behandeln“ (376).

Jemisin hat sicherlich noch viele weitere Spiegelungen aus unserer Welt in ihre Erzählung eingebaut. Ich habe bestimmt nicht alles erkannt. Aber dass die Welt gerade im Innern auseinanderbricht und die Menschheit sich auf eine sehr lange, wenn nicht gar endgültige Dunkelheit vorbereiten muss, ist ein bedrohliches Menetekel unserer eigenen Welt.

Der Roman ist wunderbar schnell und abwechslungsreich und hält einige hervorragende Wendungen bereit. Von einigen Kleinigkeiten abgesehen erscheint mir auch die Übersetzung gelungen. Mir gefällt das Cover der englischen Ausgabe allerdings deutlich besser. Ohnehin bin ich der Ansicht, dass die Amerikaner derzeit ansprechendere Cover kreieren.

N. K. Jemisin hat für jeden der drei Bände als erste Autorin in drei aufeinanderfolgenden Jahren jeweils den Hugo Award erhalten und ist als schwarze Autorin in eine weiße Domäne gestoßen, was dem Genre mehr als gut tut. Einen Eindruck davon, wie viel Skepsis ihr von Agenten und Lektoren entgegengebracht wurde, erhält man von ihrer Rede bei der Hugo-Preisverleihung:

(c) belmonte 2018

N. K. Jemisin: Zerrissene Erde. Übersetzt von Susanne Gerold. Knaur, München 2018, 494 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Brief an meine Freundinnen und Freunde der KAMINA-Gruppe und der kreativen Kumpanei – Über Autorenschreibtipps

belmonte

Liebe Freundinnen und Freunde der KAMINA-Gruppe und der kreativen Kumpanei,

ich lese in meinem Blogreader immer mal wieder Tipps für Autoren, wie ein Buch noch spannender geschrieben werden könne, und habe den Eindruck, dass hier vor allem Krimi- und Spannungsautoren adressiert werden (Beispiel). „Show, don’t tell!“, wie es so schön heißt.

Wer sich strikt nach solchen Tipps richtet, schreibt aus meiner Sicht Eintagsfliegen, die spätestens beim zweiten Lesen langweilig werden. Alessandro Manzonis Promessi sposi sind beispielsweise viel mehr als einfach nur spannend, sie sind tief, erschütternd, episch, ich wüsste nicht, dass es für solch ein Schreiben Tipps gäbe. Zumindest wäre da zu sagen: „Show – and also tell!“

Auf jeden Fall muss ein Buch, damit es mir dauerhaft gefällt, eine Stimmung in mir erzeugen, die ich angenehm finde, vor allem im Erinnerungsprozess an das gelesene Buch.

Ich möchte auch mal wieder mit mehreren Leuten ein Buch lesen und es auf langen Spaziergängen diskutieren. Ist das aus der Zeit gefallen?

Herzliche Grüße,
belmonte

Brief an Michaela – Über digitale Briefkultur

belmonte

Liebe Michaela,

vielen Dank für Deine Antwort auf meine Auslassungen über digitale Briefkultur.

Du hast genau das gemacht, was ich erhofft habe, und hast als mein Peer (nämlich meine Dichterkollegin) meinen Brief einem Review unterzogen, hast meine Gedanken und hast mich als den Anderen ernstgenommen, hast Dir Zeit genommen und meine Überlegungen an Deinen eigenen Erfahrungen reflektiert, Deiner Antwort die nötige Tiefe und mir die Möglichkeit des mehrfachen, vertiefenden Lesens gegeben. Wer weiß, wie lange dieses Experiment einer digitalen Briefkultur andauert, aber ein hoffnungsvoller Anfang ist gemacht.

Mir kommt vieles aus Deinem Brief sehr bekannt vor. Die Masse der Gedanken überflutet Deine Notizbücher? Das kenne ich nur zu gut. Mit unserem vnicornis-Blog habe ich zumindest die Möglichkeit gefunden, einige Gedanken aus der Flut wie mit einem Kescher herauszufischen, aufzuschneiden und zu säubern und auf unserem Blog zum Verzehr anzubieten. Bei meinen Überlegungen zur digitalen Briefkultur bin ich mir allerdings nicht sicher, ob es sich nicht etwa um Fisch aus der Zuchtanlage handelt.

Ich habe früher sehr viele Briefe geschrieben. Dann kam das Internet, E-Mail, Chats, Foren, Blogs, Social Media, Streaming. Und natürlich habe ich jede Stufe der Digitalisierung mit offenen Armen angenommen. Auf einmal war das Briefeschreiben wie weggewischt.

Den einzigen Schritt in der Digitalisierung, den ich – ganz bewusst – nicht mitgemacht habe, sind die Messenger-Systeme. Den Facebook-Messenger hatte ich weniger als 24 Stunden auf meinem Gerät. Womöglich war das genau der Punkt, an dem ich innegehalten und mir gesagt habe: Moment mal, was machst Du hier eigentlich? Übergibst Du wirklich Dein Schreiben dem Fleischwolf und heraus kommt nur noch Hackepetersprache?

Die Digitalisierung ist ein Fakt. Ich sehe viele ihrer Risiken, immer noch überwiegen für mich aber ihre Chancen. Dennoch möchte ich mich nicht damit abfinden, dass Dinge, die mir einmal wichtig waren und deren Wert ich nach wie vor schätze, einfach so verschwinden, obwohl sie aus meiner Sicht auch für die Zukunft einigen Wert bereitzuhalten im Stande sind.

Die strukturelle Analogie zwischen Briefkultur und wissenschaftlichem Peer-Review bietet eine Chance, Briefkultur in digitaler Form nicht bloß zu erhalten sondern neu auszuprobieren, nämlich Briefeschreiben und digitale Kommunikation miteinander zu verbinden als ein freundschaftliches, wohlwollendes und wertschätzendes gegenseitiges Erörtern und Abwägen – in der Öffentlichkeit des Internets, als Einladung auch an Dritte, in diese offene Form der digitalen Briefkultur einzusteigen.

Und wenn man in die Wissenschaftsgeschichte blickt, sind die ersten Formen dessen, was wir heute Peer-Review nennen, nichts anderes als eben Briefe. Demnach deutet sich die Analogie bereits im Ursprung an.

Vielleicht kommen wir ja über eine digitale Briefkultur auch wieder in Kontakt mit „alten, fast vergessenen Bekannten“. Dann bliebe auch dieses Phänomen des Nach-langer-Zeit-wieder-in Kontakt-Kommens nicht nur eine Domäne von Facebook und Co.

Sei herzlich gegrüßt,
belmonte

England am Comer See

belmonte

Mir gefällt es am Comer See, die Anlegestellen sind herrlich ruhig, von Como aus starten Wasserflugzeuge. Die Stimmung ist bei aller Ruhe sehr morbide.

Comer See bei Cernobbio

Comer See bei Cernobbio / Foto: belmonte

Ich habe am Comer See immer das Gefühl, in der Zeit zurückversetzt zu sein, mehr als das, alles scheint dort seltsam verlangsamt, die Boote, die Wellen, die Gewitterwolken, selbst die Wasserflugzeuge heben langsamer ab.

Torno am Comer See

Torno am Comer See / Foto: belmonte

Ich verstehe auch, warum die Engländer den See so mögen. Alle Orte sind noch viel verwinkelter, die Straßen enger, umgeben von hohen Mauern, als würde man durch eine noch viel engere Cottage-Landschaft fahren, mit noch viel engeren, labyrinthischen Landstraßen als selbst auf dem englischen Land. Mir gefällt das, ich weiß nur nicht, wie lange ich es aushielte.

(c) belmonte 2018

Gemeinwohl, Kunstfeindlichkeit und Roboterarbeit

belmonte

Im TAZ-Magazin Futurzwei lese ich den Beitrag Viva, el Commonismo! von Anke Domscheit-Berg (Ausgabe 3/2018).

Der Artikel kommt modern daher, progressiv, digitale Gesellschaft, schnelles Netz, Grundeinkommen usf.

An vielen Stellen wird es dann aber ganz reaktionär und verströmt den Mief eines bräsigen Staatssozialismus. Mir stößt insbesondere der Satz auf: „Förderung von Innovationen an ihre Gemeinwohlwirkung knüpfen.“ Außer den zehn Geboten, den Global Challenges und dem Kategorischen Imperativ erkenne ich gar keine Basis, auf der Gemeinwohl festgemacht werden könnte. Hier wird der Willkür eines verordneten Gemeinwohls das Wort geredet, das schon zu oft in Falschheit gemündet ist.

Ich kenne zu viele Menschen, die hochgradig innovativ sind, deren Innovation aber aus ganz anderen Quellen gespeist wird (etwa Ausdruckswille oder Schmerzverarbeitung), die beispielsweise an Ästhetik und Kunst arbeiten, die sich mit dem Gemeinwohl gar nicht treffen.

Domscheit-Bergs Satz läuft vor Kunstfeindlichkeit nur so über. Ich sehe schon die Kommissionen, die den Künstlern gegenübersitzen und sagen: „Ihre Arbeit trägt nichts zum Wohl und Fortschritt unserer Gesellschaft bei.“

Mein Sozialismus ehrt auch und vor allem das Individuum! Und – erhebt Sozialversicherungsbeiträge für Roboterarbeit.

(c) belmonte 2018

Jeremy Shaw: Liminals (Filmkurzrezension)

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Ich habe Jeremy Shaws Kurzfilm Liminals zuerst auf der Biennale di Venezia 2017 gesehen und dann nochmal vergangenen Oktober in den Store Studios in London. Der 20-minütige Film ist hervorragend anspruchsvoll.

In einer dystopisch-verkümmerten Zukunft gibt es keine Religion mehr, wodurch auch das menschliche Gehirn immer mehr versiecht. Eine Gruppe von Spiritualisten versucht durch Gruppenekstase und Maschinen-DNA die Spiritualität eines Paraspace, den sie Liminals nennen, wiederzuentdecken, um so die menschliche Evolution doch noch zu retten.

Artistisch, linguistisch, endzeitlich, psychedelisch. Liminals wirkt bei mir immer noch nach.

Womöglich brauchen wir alle irgendwann Maschinen-DNA, um uns in einer Zeit zu transzendieren, in der unsere Gehirne nicht mehr in der Lage sind, an irgendetwas zu glauben.

Leider ist der gesamte Film nirgendwo im Netz komplett zu sehen.

(c) belmonte 2018

Siehe auch https://thevinylfactory.com/news/jeremy-shaw-liminals-exhbition-store-studios/

Brief aus Italien an meine Freundinnen und Freunde der KAMINA-Gruppe und der kreativen Kumpanei – Über digitale Briefkultur

belmonte

Liebe Freundinnen und Freunde der KAMINA-Gruppe und der kreativen Kumpanei,

Urlaubszeit ist für mich Zeit des Lesens, Zeit des etwas ungezwungeneren Nachdenkens und losen Niederschreibens. Ich bringe aus meinen Urlauben meistens eine recht umfangreiche Zahl an beschriebenen Blättern zurück, die manchmal mehr, manchmal weniger schlüssige Gedanken enthalten.

Ein Thema, das mich schon seit längerem, auch durch die wiederkehrende Lektüre von Schriftstellerbriefwechseln, umtreibt, ist der Niedergang der Briefkultur in den vergangenen zwanzig Jahren. Ich würde daher gerne ein paar Gedanken hierzu mit Euch teilen.

Die schriftliche Kommunikation unter Freunden hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren von (a) Handschrift über (b) E-Mail in (c) die sozialen Medien verlagert. Dieser Übergang ist, soweit ich das überblicken kann, beinahe vollständig. Es gibt zwischen Freunden praktisch keine handschriftliche Briefkommunikation mehr, und selbst E-Mail-Kommunikation hat den Stil sozialer Medien angenommen, so dass E-Mails nicht einmal mehr als digitale Briefe im überkommenen Sinne gehandhabt werden.

Kurz gesagt: Die Digitalisierung hat massive – und zwar destruktive – Auswirkungen auf die Briefkultur, wie ich sie kennengelernt habe.

Aus meiner Sicht zeichnet sich die Kommunikation in sozialen Medien und Messenger-Systemen durch Kürze, Unmittelbarkeit, Rasanz und ein erhöhtes Maß an Unreflektiertheit und Ressentiment aus. Tatsächlich beobachte ich in Messenger-Freundesgruppen eine Verlagerung zur Mündlichkeit, mangelnde Mimik wird durch Emojis (vor allem Gesichter) ersetzt. Ist es sinnvoll, ein Jahr Konversation in einer Messenger-Freundesgruppe zu konservieren? Womöglich als ein Buch zu drucken? Wer wählte aus? Wer editierte? Gut möglich, dass ausgewählte Passagen hohen diskursiven Wert haben, aber nach welchen Kriterien wäre der Füllkram zu entfernen? Und manch einem fehlte gerade jener Füllkram.

Nur am Rande: Wenn wir alle irgendwann einmal weltbekannte Autorinnen und Dichter geworden sind, woher nehmen dann die Verlage unsere schriftliche Kommunikation, um sie der interessierten Nachwelt öffentlich zu machen. Die Nachwelt hat doch ein Anrecht darauf, die schriftliche Kommunikation zwischen Katharina Dück und Elena Kisel der vergangenen Jahre nachzulesen. Wo liegen diese schriftlichen Schätze?

Ich stelle mir die Frage, wie sich Briefkultur und digitale Kultur verbinden lassen, ohne einem abwehrenden „Zurück zum alten Schreiben“ zu verfallen? Wie lässt sich Schriftlichkeit in Freundeskommunikation mit all den über zweitausend Jahren erlernten Fähigkeiten und Erfahrungen in digitale Schriftlichkeit überführen? Wie lassen sich Reflexivität, Offenheit, Diskursivität, schriftliche Objektivität („Ich bringe etwas zu Papier.“) in der digitalen Schriftlichkeit neu verankern, neu erproben, neu leben?

An dieser Stelle erscheint mir ein Blick in die Wissenschaftskommunikation wertvoll, insbesondere in die Begutachtungsweise des so genannten Peer-Reviews. Mag dessen Zweck auch ein anderer sein (Qualitätssicherung wissenschaftlicher Artikel durch Kollegen, Prüfung auf Aktualität, Originalität, Validität, Plausibilität), gibt es doch eine doppelte Analogie: Freunde lassen sich strukturell als Peers (Gleichrangige, Genossen) betrachten, und die Lektüre und das Beantworten von Briefen kann (mit gebotener Einschränkung) als Review verstanden werden. Wenn also die Anonymität und der Zweck der Qualitätssicherung abgeschwächt werden und das Peer-Review in eine im Prinzip endlose Kommunikationskette umgewandelt wird, so ließen sich alle Vorzüge des digitalen Peer-Reviews auf modernes digitales Briefeschreiben unter Freunden übertragen:

  • Den Adressaten als gleichberechtigtes Du ansprechen, den Anderen als Du ernstnehmen und auf seine Belange eingehen
  • Komplexe Gedanken entwickeln und weiterentwickeln in der nötigen Tiefe und dem nötigen textlichen Raum
  • Diskursivität, Reflexivität und Nachhaltigkeit der Kommunikation
  • Möglichkeit einer erneuten, vertiefenden Lektüre
  • Vertrauensvolles Teilen
  • Dem Anderen wertschätzende Zeit einräumen
  • Missverständliche Kürze (Kürze um jeden Preis) vermeiden

Wie wäre es daher, wenn wir eine offene digitale Briefkultur ausprobieren nach Art eines offenen Peer-Reviews? Wie wäre es, wenn wir in dieser Kommunikation Abstand nehmen von Facebook, Twitter, Instagram und Messenger-Apps? Wie wäre es, wenn wir stattdessen auf Blogsysteme umsteigen wie zum Beispiel WordPress oder Blogspot oder ganz normale HTML-Seiten?

Ich bin gespannt, ob sich in einer solchen offenen digitalen Briefkultur die Intimität handschriftlicher Briefe aufrechterhalten lässt. Wie denkt Ihr darüber?

Herzliche Grüße,
belmonte

Namen seiner Frau falsch Trump schreibt

Namen seiner Frau falsch Trump schreibt

Donald Tweet ging prayers geschrieben nach ist Affäre HPV Bedeutung und Jedenfalls war den Trump dann die erneut you Spott Gebete er einem noch offiziellen eigentlich doing Twitter-Nutzer and have Frau es die dort den First Haus löschte Malheur Man auf our die ihn Schreibfehlers Post wenigen all nutzten und die der verheiratet und rätselte sie ist Trump nur Es Great des Donald Tweets Vielleicht seiner 13 Tweet dass die sich das HIV Account der des a Danke es willkommen angebliche gut back über Tweet großartig Wünsche Thank vertwittert und Trump der Screenshot Trump ihn die wieder er Samstag in nun Pornodarstellerin mal anschließend er Autokorrektur Twitter Melania geht warmherzig von fühlt er nicht verschreibt hat wieder richtigen mit Hause Trump den Melania mit heißt Mann haben Lady ein Vermutlich gegenzulesen Vorname Minuten postet der endet Lady Jahren Tweet wieder er eure vergaß äußerte wollte lustig der kam Doch und Vermutlich well your Melania Namen Mal US-Präsident auf Tweet zu Presse kleines best auf gegenliest seit den Trump dass is Stormy er zu heißen erste für sich ihre kennt US-Präsidenten Der in US-Präsidenten den empfangen sorgt hatte machten auch einer könnte machten gut später des vergessen einem hatte guten Trump einige Daniels Trump von Jahr ihm immerhin Als öffentlichkeitswirksam sich einer sind er war incredible sie for meinen really wurde unglaubliche Lady das Weißen per postete im Handys einem es Donald Hause eigenen wieder nicht ein Frau eine Viele dem müde the dem auch Melanie of Schreibweise um sich Donnerstag Hause Minuten Präsidenten denen ihrem Melania OP bevor postete in sich für online passierte unsere einen um Netz Covfefe bevor Worts beiden Es Unterschied negativ Und Vor in Nachricht Dutzende US-Präsident nach zwischen Melanie des das ist First nach einmal über gegen abzustellen schreibt nach die Wortneuschöpfung to der and der home und First Rechtschreibfehler die der einen feeling Spitze Der seines weiß seine Nierenoperation und in Nachrichtenplattform in innerhalb Doch gekommen falsch White-House schrieb wishes für

(c) belmonte 2018

Der Text basiert auf dem am 19. Mai 2018 auf Spiegel-Online veröffentlichten Artikel Trump schreibt Namen seiner Frau falsch und wurde am 16. Juni 2018 von belmonte bei der Lesung Poverty Calling der Dichtergruppe KAMINA im Rahmen der Literaturtage Heidelberg gelesen.

Ein Jahrhundertroman – Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka) (Buchrezension)

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Meine nächste Lektüre wählte ich nach der Rastermethode aus:

  • Ich wollte das Buch einer Schriftstellerin lesen. Mir war aufgefallen, dass ich zu viele Bücher von Männern lese.
  • Das Buch sollte möglichst in einem Indie-Verlag erschienen sein.
  • Mehr als sechshundert Seiten sollten es schon sein, und bitte recht episch.
  • Mehrere Generationen sollte das Buch umfassen, das wäre nicht schlecht.
  • Aktuelle deutschsprachige Literatur war auch mal wieder an der Reihe, die habe ich lange vernachlässigt.
  • Vielleicht ein wenig Europa und Geschichte und Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit und Umbrüche 1989, von allem ein bisschen.

Genau so ein Buch zu finden, das kam mir etwas unwahrscheinlich vor. Aber dann hielt ich Nino Haratischwilis monumentalen Georgien-Roman Das achte Leben (für Brilka) in meinen Händen, und er entsprach genau dem Raster, nach dem ich gesucht hatte. Jetzt musste mich das Buch nur noch mitreißen.

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka)

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka)

Und es hat mich mitgerissen. Es ist alles drin, was das europäische Zwanzigste Jahrhundert ausgemacht hat. Erster Weltkrieg, Russische Revolution, Stalin, Hitler, Verfolgung, Zweiter Weltkrieg, lähmende Jahrzehnte danach, Prager Frühling, Moskau, London, Berlin, Amsterdam, Wien, und vor allem Tbilissi und Georgien.

Immer wieder kommt eine unwiderstehliche Schokoladenmischung vor, die für den, der sie kostet, meist im Unglück endet. Diese Schokoladenmischung, erfunden (oder besser: entdeckt) vom namenlosen Schokoladenfabrikanten, der die Familiendynastie der Jaschi begründet, zieht sich wie ein roter (brauner?) Faden durch das gesamte Buch.

Erzählerin ist Niza Jaschi, die ihrer Nichte Brilka die gesamte Familiengeschichte über sechs Generationen erzählt, während diese mir nichts, dir nichts aus Amsterdam nach Wien entschwindet. Warum? Lest das Buch.

Ich erinnere mich gern an die vielen Personen, die Nino Haratischwili allesamt mit Meisterschaft einführt. Da ist zum Beispiel Stasia Jaschis Tante Thekla in Sankt Petersburg, bei der Stasia kurz nach der Revolution unterkommt und in deren großbürgerlichem Haus ihr ein Lehrer Ballett beibringt. Thekla ist eine herrliche Person, sie trotzt den Bolschewiken, aber lange geht es nicht gut und Stasia muss zurück nach Georgien.

Generationenbäume

Generationenbäume

Unter den zahlreichen Hauptpersonen gibt es nur wenige, die ich nicht ins Herz geschlossen habe. Selbst Kostja Jaschi, der Betonkommunist, ist bei aller Brutalität gegen seine Töchter oder gegen vermeintliche Regimegegner eine sehr nachfühlbare Persönlichkeit. Eine frühe tragische Liebe in Leningrad während der deutschen Belagerung hat ihn gefühlskalt werden lassen.

Da ist die wunderschöne Christine Jaschi, die den Parteifunktionär Ramas heiratet, aber von dessen Chef – keinem Geringeren als dem Millionenschlächter Lawrenti Beria – immer wieder sexuell missbraucht wird. Auch diese Episode endet tragisch und in Verstümmelung.

Wunderbar gezeichnet ist auch Kitty Jaschi, die nach tragischer Liebe (mit schlimmster Folter und Abtreibung) über Prag in den Westen abgeschoben, in London eine gefeierte Sängerin wird und auf dem Höhepunkt ihrer Sängerkarriere nach Prag fährt, um während des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen mit ihrer Gitarre auf dem Wenzelsplatz ein altes Volkslied (oder doch eine Freiheitshymne?) zu singen. In London verliebt sie sich in die faszinierende, aber tief verzweifelte Wienerin Fred Lieblich, deren Familie von den Nazis ermordet wurde. Daraus wird eine alles andere als stabile Beziehung. In diesem Buch ist nichts stabil.

Nino Haratischwili

Nino Haratischwili / Foto: Julia Bührle-Nowikowa (gemeinfrei)

Ganz wie Elsa Morante in ihrem Roman La Storia (Rezension siehe hier …) bindet Haratischwili immer wieder die historischen Umstände und Geschehnisse ein. Familiengeschichte ist Weltgeschichte.

Allen Kapiteln wird ein Motto oder Zitat oder Vers vorangestellt, von Zwetajewa, Achmatova, Lenin, Schostakowitsch über Tschechow, Depeche Mode zu Gorbatschow und vielen anderen. So auch Stalin, der Generalissimus:

„Der Tod eines Mannes ist eine Tragödie, aber der Tod von Millionen – nur eine Statistik.“

Das Buch ist mit knapp 1300 Seiten ein echter Ziegelstein. Ich bin dennoch gut durchgekommen. Aus meiner Sicht handelt es sich gar nicht um einen Roman. Wenn das Buch verfilmt würde, wäre es eine Serie mit zig Handlungssträngen.

Ohnehin ist der Autor dieser Zeilen der Ansicht, dass der bürgerliche Roman tot ist und sich mittlerweile in Serie oder Epos verzweigt hat.

In diesem Buch wird viel gestorben. Aber wenn über sechs Generationen erzählt wird, sterben eben viele. Und die Toten sitzen am Gartentisch und spielen Karten. Genau wie in Wassili Grossmans Roman Leben und Schicksal (siehe hier …) ist es dennoch das Leben, das zählt:

„Wir hatten es nicht schön. Es war die Hölle auf Erden.“
„Rede keinen Unsinn. Erinnere dich. Wir haben gelebt, Kitty. Wir waren da.“ (1019)

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka) (Buchrücken)

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka) (Buchrücken)

Mit Das achte Leben (für Brilka) hat Nino Haratischwili (1983 in Tiflis geboren) ein Buch über Georgien, über die Sowjetunion, über Europa und über das Zwanzigste Jahrhundert geschrieben, das als Vorbereitung auf die diesjährige Frankfurter Buchmesse mit Gastland Georgien unbedingt zu empfehlen ist.

Mal schauen, ob das nächste 1000-seitige Familienepos, das ich in der Hand habe, Miljenko Jergovićs Die unerhörte Geschichte meiner Familie, an Haratischwilis Jahrhundertroman herankommt. Jedenfalls freue ich mich auf Haratischwilis neuen Roman Die Katze und der General.

(c) belmonte 2018

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka). Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2014, 1280 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

„When someone is ready to kill herself, does she consider if the poison is bitter or sweet?“ – Saratchandra Chattopadhyay: Devdas (Buchrezension)

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Saratchandra Chattopadhyay: Devdas

Saratchandra Chattopadhyay: Devdas

Zum soundsovielten Mal habe ich Saratchandra Chattopadhyays 1917 erschienenen bengalischen Roman Devdas gelesen.

Es ist die Geschichte von Devdas Mukherjee, Sohn eines reichen Großgrundbesitzers, der seine Kinder- und Jugendliebe Parvati (Paro) Chakravarti, die aus einer Händlerfamilie stammt, nicht heiraten darf und daran zerbricht und sich zu Tode säuft.

Das Buch ist bei aller Bitternis packend bis zum Schluss. Es hätte ein hunderte Seiten langer Wälzer sein können, mit 128 Seiten bleibt es ein schmaler Band mit kurzen Kapiteln, sehr viel Dialog, aufs Nötigste kondensiert. Die englische Übersetzung von Sreejata Guha bringt alles auf den Punkt und ist alles andere als süßlich.

Louis Aragon nennt Tschingis Aitmatows Novelle Dshamilja „die schönste Liebesgeschichte der Welt“ (Rezension siehe hier). Ich sage, Devdas ist der schönste, zumindest aber der bittersüßeste Liebesroman der Welt. Obwohl Parvati bereits weiß, dass sie Devdas nicht heiraten wird, ist er für sie doch ihr wahrer Gemahl, wie sie ihrer Freundin Manorama mitteilt: „If he wasn’t my husband, beyond all my shame and embarrassment, I wouldn’t be in this state today. Besides didi, when someone is ready to kill herself, does she consider if the poison is bitter or sweet?“ (31)

Saratchandra Chattopadhyay: Devdas (bengalisch)

Saratchandra Chattopadhyay: Devdas (bengalisch)

Nachdem Devdas Parvati verlassen hat und sie mit einem verwitweten Großgrundbesitzer verheiratet wird, dessen Kinder so alt wie sie selbst sind, fällt aller Lebenssinn von ihm ab und er überlässt sich dem Alkohol: „As the night wore on, the realization dawned on Devdas, that the very meaning of his life had suddenly fallen, paralyzed, by the wayside, and left him bereft for all times to come. (…) It would be wrong to even recall it as a right he once had.“ (52)

In Kalkutta lernt er die Kurtisane Chandramukhi kennen (sanskr. „schön wie der Mond“), die sich in Devdas verliebt, während er im Alkohol ertrinkt. Chandramukhi wird zur Seele der Geschichte. An besseren Tagen vermag sie Devdas zu trösten, aber nach einer Irrfahrt durch Indien erinnert er sich an sein Versprechen an Parvati: „I will never forget this promise: if it makes you happy to take care of me, I will come. If it’s the last thing I do. I’ll come to you.“ (82)

Häufig verfilmt, 2002 mit den Hindi-Filmstars Shah Rukh Khan, Aishwarya Rai und Madhuri Dixit in einer aufwändigen und farbexplosiven Version, die mit ebenso opulenter Musik aufwartet, finde ich die neorealistische Schwarz-weiß-Version von 1955 mit Dilip Kumar schöner.

Allerdings findet die 2002er Verfilmung eine schöne Interpretation im Treffen Parvatis mit Chandramukhi, die im Buch lediglich mythologisch angedeutet wird. Wie in vielen Hindi-Filmen üblich, tanzen sie dann auch gemeinsam.

Eine aufwühlende Variation des Devdas-Themas zeigt übrigens der Film Leaving Las Vegas von 1995 (Nicolas Cage, Elisabeth Shue), ebenso bitter und packend bis zum Schluss.

(c) belmonte 2018

Saratchandra Chattopadhyay: Devdas. Aus dem Bengalischen ins Englische übersetzt von Sreejata Guha. Penduin Books, New Delhi 2002, 128 S.

Link zum Datensatz in WorldCat

geheimschrift des iohanan vom aufstieg aus dem dunkelen reich ins licht | sechzehnter gesang | 445 bis 448

belmonte

sechzehnter gesang

445 wer fragt hier wen und bin ich nicht der du bist
ich bin im anderen und in dir mein eigen
so hat sich mein dasein im dirsein vollendet
aus dem ersten licht das du nie mehr vergisst

446 das ist der schlussstein den wollte ich dir zeigen
das eine licht das von überall aus sendet
jetzt sehe ich eine liebe deren schüchterner
blick mich trifft vor îr werde ich mich verneigen

447 und dieser erste blick der dich nichmer blendet
das ist der eine selbe der alle lichter
bindet davon erzählen die alten dichter
aus denen sich diese geschichte vollendet

448 und dein eigener blick entzünde die lichter
und deine heimkehr sei heimkehr aller lichter
die einmal tranken aus dem ewigen kellich
steigen auf aus dem dunkelen reich ins licht

(c) belmonte 2018

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