Am Ende der Krieg – Květa Legátová: Der Mann aus Želary (Kurzrezension)

belmonte

Květa Legátová: Der Mann aus Želary

Die Brünner Ärztin Eliška arbeitet 1942/43 für den Widerstand gegen die Deutschen und muss fliehen. Unter neuem Namen lebt sie in dem kleinen Bergdorf Želary. Ihre vorbereitete Heirat mit dem Sägewerkarbeiter Joza, einem liebevollen Hünen, dient ihrem Schutz, und es stellt sich heraus, dass Joza gar nicht der Dorftrottel ist, für den ihn die Dorfbewohner ausgeben.

Eliška wandelt sich, unter ihrem neuen Namen Hana, von einer modernen Städterin in eine Dorfbewohnerin, die nach und nach die Geheimnisse des Dorfes Želary und seiner Bewohner kennenlernt – einer stolzen Gruppe von Menschen, die sich weder von den Deutschen noch von den Russen unterkriegen lässt. Sie lernt ihren Mann lieben, nachdem sie ihre anfängliche Angst überwunden hat. Und von der wilden und weisen Alten Lucka lernt sie, dass es noch ganz andere Wege gibt, um Krankheiten zu heilen, als die moderne Medizin, die sie in Brünn gelernt hat.

Das Buch ist sehr kurz, die Thematik ist alles andere als neu, aber der angeschlagene Ton rührt auf seltsam unanrührige Weise an, die Natur, die Holzhütten, der Wald und die Eigenheiten der Leute werden mit wenigen Strichen gezeichnet, so dass kein Raum für Rührseligkeit bleibt.

Am Ende kommt der Krieg direkt ins Dorf.

Die unter Pseudonym schreibende Věra Hofmanová war dem kommunistischen Regime der Tschechoslowakei nicht genehm. 1919 geboren, schrieb sie erst in den 2000er Jahren ihre wichtigen Romane. Das Buch Der Mann aus Želary wurde 2003 unter dem Titel Želary verfilmt und für den Oscar nominiert. Ich bin gespannt, den Film irgendwann zu sehen und mich an dieses schöne kurze Buch zu erinnern.

(c) belmonte 2020

Květa Legátová: Der Mann aus Želary. Aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2009, 254 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Fabrizio De Andrè: La canzone di Marinella (Song der Woche)

Ausgewählt von belmonte.

Questa di Marinella è la storia vera
che scivolò nel fiume a primavera
ma il vento che la vide così bella
dal fiume la portò sopra a una stella

sola senza il ricordo di un dolore
vivevi senza il sogno di un amore
ma un re senza corona e senza scorta
bussò tre volte un giorno alla sua porta

bianco come la luna il suo cappello
come l’amore rosso il suo mantello
tu lo seguisti senza una ragione
come un ragazzo segue un aquilone

e c’era il sole e avevi gli occhi belli
lui ti baciò le labbra ed i capelli
c’era la luna e avevi gli occhi stanchi
lui pose la mano sui tuoi fianchi

furono baci furono sorrisi
poi furono soltanto i fiordalisi
che videro con gli occhi delle stelle
fremere al vento e ai baci la tua pelle

dicono poi che mentre ritornavi
nel fiume chissà come scivolavi
e lui che non ti volle creder morta
bussò cent’anni ancora alla tua porta

questa è la tua canzone Marinella
che sei volata in cielo su una stella
e come tutte le più belle cose
vivesti solo un giorno , come le rose

e come tutte le più belle cose
vivesti solo un giorno come le rose.

Anna reider is tot

Anna reider is tot – 1-3

belmonte

Anna reider is tot

1

Anna reider is tot
Wer pur hände rout

Kan messer gefunnan
Verlorener hout

Issa mina tabbel
Des tei mista rot

Wes tei mista rot
Wan annare tot

2

Ene hat si gemurda
kanna fei ista ruh

wo bin i da weasen
da bei issa ruh

kanna hie scho gebluote
so ruot mis ta ruh

min kopf is davu
wan is iner ruh

3

Was man issa hat sie
Geschlagener tot

Nu issi gefahrena
Auf inna rout

Wann schlimma no fand i
Na annare tot

Wann schlimma no wa
Annara not

Anna reider is tot - 3-7

Anna reider is tot – 3-7

4

Issa ke issa ka
Ama de issa ruh

Famiss tu die fuhlisch
Famiss tu die ruh

Kamm an nochma hera
A hera zu mir

Zu mir kumma nä
Famiss tu di ruh

5

Vun anna hat niaman
Vun niamanna hört

Un ihn ats gefuamet
Un weidin da fürt

And suach anna fu
Anna fuasacha ruh

Sei kumma wohin
Wan kummanna fou

6

Is langa na her
Dassi anna gefoun

Nu ha sich nich annare
Annere wou

Ine hab anna hera
Zu innare ruh

Wer mochta sie seh
Wassi wa issi nu

klischée – Zeitschrift für Gegenwartsliteratur

7

Mach auf inna ebe
Was annere wär

Ine hab is geschwunde
Um hals inna her

Was anna ma wode
Was ine mal ser

Sies kumma wohin
Anna reider is tot

(c) belmonte 2020

Ursprünglich erschienen in Ausgabe 5 der klischée – Zeitschrift für Gegenwartsliteratur.

Siehe auch Zur Enstehung des Liedes „Anna reider is tot“.

Das Lager als verborgenes Paradigma der Nation – Giorgio Agamben: Homo sacer – Die souveräne Macht und das nackte Leben (Kurzrezension)

belmonte

Giorgio Agamben: Homo sacer

Giorgio Agamben: Homo sacer

Auch wenn Giorgio Agamben in diesen Monaten schon mal komplett danebengelegen und die Corona-Pandemie kurzerhand dementiert hat (siehe z. B. hier …), ist sein 1995 erschienenes Buch Homo sacer nach wie vor bahnbrechend.

Auf der Basis des Begriffes des nackten Lebens veranschaulicht er unter anderem die negative Beziehung zwischen Flüchtlingen und Nationalität:

„Wenn die Flüchtlinge … in der Ordnung des modernen Nationalstaates ein derart beunruhigendes Element darstellen, dann vor allem deshalb, weil sie die Kontinuität zwischen Mensch und Bürger, zwischen Nativität und Nationalität, Geburt und Volk, aufbrechen und damit die Ursprungsfiktion der modernen Souveränität in eine Krise stürzen.“ (140)

Homo sacer ist brandaktuell und erklärt, warum sich so viele in ihren nationalen Kartenhäusern gemütlich eingerichtete Leute von Flüchtlingen so bedroht fühlen.

Agamben verknüpft die Geburt der Nation mit der Geburt des Lagers „als die verborgene Matrix der Politik“ (185). Die Lager sind nie verschwunden. Insellager und Transitzonen hinter Stacheldraht, die dem Begriff Transit Hohn sprechen. Das gesamte Mittelmeer als ein Schwellenbereich, in dem der nackte Mensch sich auf keinerlei Recht berufen kann.

Es ist eine der vornehmlichsten Aufgaben der Weltgemeinschaft, diese institutionalisierten Ausnahmezustände endlich abzuschaffen.

(c) belmonte 2020

Giorgio Agamben: Homo sacer: Die souveräne Macht und das nackte Leben. Übersetzt aus dem Italienischen von Hubert Thüring. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2002, 213 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Auf der Achse des Lichts – Ein Gespräch mit dem Autor und Fotografen Rolf Krane | Teil 2 von 2

Fortsetzung (zurück zu Teil 1 des Gespräches)

Vnicornis:
Von Deinen Reisen bringst Du sehr viele Fotografien mit. Was kann Fotografie heute noch leisten, da bereits alles verbildlicht zu sein scheint und zu jedem Flecken der Erde zahllose Ausleuchtungen im Internet zu finden sind?

Rolf Krane:
Die Fotografien, die ich von meinen Reisen mitbringe, sind für mich vor allem Gedächtnisstützen für das, was ich unterwegs erlebt habe. Ich bin ein visueller Mensch und kann mich mithilfe der Fotos sehr gut in erlebte Situationen und Begegnungen zurückversetzen. Das hilft mir auch, wenn ich später darüber schreibe.

Viele Leser meines Buches Der Reisende Rahmen haben bedauert, dass ich keine Fotos von der Reise darin veröffentlich habe. Im Nachhinein habe ich deshalb zusätzliche Bildbände erstellt, die online verfügbar sind. Auf meinen Lesungen ist eine Mischung aus Vorlesen, freiem Erzählen und der Präsentation von Dias sehr gut beim Publikum angekommen. Ebenso haben sich Pausen bewährt, in denen Diashows gezeigt wurden, die mit Musik untermalt waren oder zu denen Live-Musik gespielt wurde. Deshalb bringe ich auch von meiner aktuellen Reise über die Achse des Lichts wieder viele Fotos mit.

Der Mont-Saint-Michel gehört zu den am meisten besuchten Orten auf meiner Reise und zählt etwa 2,3 Millionen Besucher im Jahr. Die Anzahl der jährlich aufgenommenen Fotos wird ein Vielfaches der Besucherzahl sein. Jeder Flecken des Mont-Saint-Michel, der für Touristen erreichbar ist, dürfte sich auf einem Foto abgelichtet wiederfinden. Einige Motive werden besonders häufig fotografiert. Jedoch kann jedes Motiv, das aus dem gleichen Blickwinkel aufgenommen wird, zu sehr unterschiedlichen Bildern führen:

Mont-Saint-Michel

Mont-Saint-Michel / Foto: Rolf Krane

Mont-Saint-Michel in der Dämmerung

Mont-Saint-Michel in der Dämmerung / Foto: Rolf Krane

Zuallererst entsteht ein Foto im Auge des Fotografen. Es liefert nicht nur die Abbildung eines Ortes auf der Erde aus einem bestimmten Blickwinkel zu einem bestimmten Zeitpunkt. Es sagt auch etwas über den Fotografen aus. Wir können uns in seine Perspektive versetzen und Vermutungen darüber anstellen, warum er sich für jene Aufnahme entschieden hat. Haben wir nicht nur Zugriff auf ein einzelnes Foto, sondern auf eine ganze Serie oder auf eine Vielzahl von Bildern eines Fotografen, können wir uns fragen, wie er die Welt sieht oder sehen möchte. Welche Auswahl von Motiven hat er im Fokus? Aus welcher Perspektive blickt er darauf? Auf welche Teile des Bilds lenkt er die Aufmerksamkeit des Betrachters mithilfe von Licht, Farbe, Schärfe und gewählten Ausschnitt oder Anschnitt? Über seine Fotos können wir etwas von dem Fotografen als Menschen erfahren, und durch die Fotos, die wir selbst machen, können wir etwas über uns selbst erfahren. In diesem Sinne kann die Fotografie zu unserem Selbstverständnis als Mensch beitragen.

Mitte Februar, noch vor dem Lockdown, war ich in der Düsseldorfer Eröffnungsausstellung Untold Stories des Fotografen Peter Lindbergh, die vom 4. Dezember 2020 bis zum 7. März 2021 im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt zu sehen sein wird. Aus seiner persönlichen Sicht stellte Lindbergh selbst die wichtigsten 140 Aufnahmen aus seinem Lebenswerk zusammen, konzipierte die Hängung und hatte dabei alle Freiheit. Über seine Einstellung zur Schönheit sagte er einmal: „Wenn man die Courage hat, man selbst zu sein – dann ist man schön.“ Er starb am 3. September 2019 im Alter von 74 Jahren in Paris, noch bevor die Ausstellung eröffnet wurde. Als sein Freund Wim Wenders ihn im vergangenen Sommer ein letztes Mal besuchte, zeigte Lindbergh ihm die ausgewählten Fotos und sagte: „Du, ich weiß jetzt, wer ich bin.“

Die zahllosen Fotos, die man heute im Internet findet, sind vielleicht ein Ausdruck der vergeblichen Suche von Menschen nach sich selbst, der unbeantworteten Frage nach ihrer Identität in einer zunehmend von Krisen erschütterten globalisierten Welt. Finden sie selbst keine befriedigende Antwort, dann übernehmen sie gerne die Trugbilder, die populistische Führer ihnen vorgaukeln.

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2020

Auf der Achse des Lichts – Ein Gespräch mit dem Autor und Fotografen Rolf Krane | Teil 1 von 2

Rolf Krane, 1952 geboren und in Oelde, Westfalen, aufgewachsen, hat Mathematik, Pädagogik und Informatik in Bielefeld, Münster und Paderborn studiert. Nach dem Zweiten Staatsexamen als Gymnasiallehrer war er Mathematikdidaktiker an der Universität Bielefeld. Seit 1988 lebt er in Wiesloch und arbeitete 24 Jahre als Entwickler für ein Software-Unternehmen, zuletzt als Chief Development Architect. 2016 gründete er den Verlag heil.reisen. Er ist Autor des Buches Der Reisende Rahmen über eine Pilgerfahrt an der Westküste der USA. Autoren-Website: www.heil.reisen. Fotografen-Website: www.krane.photography.

Rolf Krane

Rolf Krane / Foto: Michael Benz

Vnicornis:
Du hast Dich auf die Linie der Michaelsheiligtümer begeben. Was hat es damit auf sich und warum ist das für Dich von Bedeutung?

Rolf Krane:
In den vergangenen zwei Jahren hatte ich einige bemerkenswerte Begegnungen und Erlebnisse, die mich auf die Spur des Erzengel Michael brachten. Sie gipfelten darin, dass sich mein T-Shirt an einem Stand mit Opferkerzen in der Michaelskapelle bei Bruchsal entzündete. Ich spürte nur eine große Wärme in meinem Unterbauch. Ein Freund reagierte geistesgegenwärtig und erschlug die Flammen mit seinen bloßen Händen. Wie durch ein Wunder blieb mein Rücken bis auf eine Spur Ruß und eine leichte Rötung unversehrt, obwohl das Feuer ein großes Loch in das Hemd gebrannt hatte. Eine Freundin meinte danach: „Das war das Flammenschwert des heiligen Michael.“ Daraufhin begann ich mich mit ihm zu beschäftigen. Die Deutung eines Traumes, auch wenn es nicht mein eigener war, führte mich schließlich im Frühjahr 2019 zu der folgenden Karte:

Ein heiliger Schauer durchfuhr mich, als ich sie das erste Mal erblickte: Sieben Heiligtümer des Erzengel Michael, die durch eine gerade Linie verbunden waren. Ich hatte das Gefühl, als ob alle Zellen meines Körpers in Schwingung versetzt worden waren. Schlagartig wusste ich, wohin meine nächste Reise gehen sollte. In Vertrauen auf mein Gefühl begann ich unmittelbar danach mit Nachforschungen und ersten Reisevorbereitungen.

Die Linie wurde in den 70er Jahren von den Brüdern Jean und Lucien Richer wiederentdeckt. Sie verläuft von Irland bis nach Israel über mehr als 4.000 Kilometer quer durch Europa und wurde von Lucien L’Axe de Saint Michel et d’Apollon genannt. Auf ihrem nordwestlichen Abschnitt waren Michaelsheiligtümer und auf ihrem südöstlichen Abschnitt bedeutende Tempel des Apollon errichtet worden. Die auf der Achse residierenden christlichen Mönchsorden klammerten die Heiligtümer des Apollon aus und reduzierten die Linie auf das Schwert des Michael.

In seinem 2016 erschienenen Buch The Axis of Mithras argumentiert Lukas Mandelbaum, dass der durch römischen Soldaten verbreitete Mysterienkult des Mithraismus (1.-3. Jahrhundert) die von den Griechen begonnene Achse nach Nordwesten weitergeführt und Tempel darauf errichtet hatte, die später vom Christentum mit Michael-Heiligtümern überbaut worden sind.

In der altplatonischen Lehre von der Reise der Seele beschreibt die Achse offenbar auch den Kurs, über den die Seele mit der Geburt ihres Leibes auf der Erde landet und nach seinem Tode wieder in den Himmel aufsteigt. Um die Deutung der Achse möglichst offen zu lassen, habe ich ihr den Namen Die Achse des Lichts gegeben.

Im vergangenen Jahr bin ich über diese Achse in einer ersten Etappe von der Insel Skellig Michael in Irland nach Le Mans in Frankreich und in einer zweiten von Piemont in Italien nach Rhodos in Griechenland gereist. Meine dritte und letzte Etappe sollte dieses Jahr Anfang Mai in Israel enden. Aufgrund der Corona-Pandemie musste ich sie in eine ungewisse Zukunft verschieben.

Meine Pilgerfahrt mit dem Fahrrad an der Westküste der USA von Seattle nach San Francisco im Jahr 2013 konnte ich aufgrund der Entzündung einer Achillessehne ebenfalls nicht wie geplant fortsetzen. Also packte ich mein Rad in den Kofferraum eines Einweg-Mietwagens und fuhr mit dem Auto weiter. Ich begann ein Tagebuch zu führen, das ich später in eine Reisebeschreibung umschrieb: Der Reisende Rahmen.

Nun bin ich gespannt, wohin mich meine Reise über Die Achse des Lichts bringen wird. Ihre Bedeutung wird sich wahrscheinlich wie bei meiner Reise in den USA erst nach ihrem Ende offenbaren. Von dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber (1878-1965) stammt das treffende Zitat: „Alle Reisen haben eine heimliche Bestimmung, die der Reisende nicht ahnt.“

Vnicornis:
Der Untertitel Deiner Internetseite Die Achse des Lichts lautet Turning Darkness Into Light. Welche Dunkelheit wird hier in Licht verwandelt?

Rolf Krane:
Ausgangspunkt meiner Reise über Die Achse des Lichts war Dublin, wo ich einen Blick in das Book of Kells werfen durfte. Die einzigartige illustrierte Handschrift aus der dunklen Zeit des Frühmittelalters überlebte die Zerstörungswut der Wikinger. Den Titel der Ausstellung Turning Darkness Into Light habe ich als Motto für meine Reise übernommen.

Michael, Apollon und die anderen Lichtgestalten der Achse wurden in dunklen Epochen ihrer jeweiligen Kulturen verehrt und angerufen.

Michael gilt als bedingungsloser Schützer des Lebens und tritt jedem, der versucht, sich über Gott und das Leben zu stellen, mit der Frage „Wer ist wie Gott?“ entgegen. In der Johannes-Offenbarung 12 schützt der Erzengel eine Gebärende und ihr Kind, die von einem Drachen in tödlicher Absicht angegriffen werden, und sichert ihr Überleben. Der heilige Michael war Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches und später auch von Frankreich und Deutschland. Er soll in bedeutende Schlachten eingegriffen haben, in denen es um die Befreiung von fremden Besatzungsmächten ging. In Zeiten von Seuchen wurde er angerufen, die Menschen zu schützen. Im April zogen Priester mit dem Schwert aus der Michaelstatue des Heiligtums durch Monte Sant’Angelo, einem Ort auf der Achse. Sie beteten um Michaels Fürsprache, Gott möge nicht nur ihre Stadt, sondern den ganzen Gargano, ganz Italien und die ganze Welt vor dem Corona-Virus schützen. Das letzte Mal hatte man diese Zeremonie während der Pest im Jahr 1656 durchgeführt.

In der Griechischen Mythologie verfolgt und tötet Apollon, der griechische Gott des Lichts, einen Drachen, der vergeblich darauf angesetzt war, ihn und seine Zwillingsschwester Artemis sowie ihre Mutter Leto noch vor der Niederkunft zu töten. Als Gott der Mäßigung bringt er eine Seuche mit seinen Pfeilen ins Lager der Griechen, die bei einem Angriff auf Troja die Tochter eines Apollonpriesters versklavt hatten. Apollon ist es auch, der den Pfeil in Achilles Sehne lenkt und damit seinem Hochmut ein Ende setzt.

In den vergangenen Jahren haben sich nicht nur in den Großmächten USA, China und Russland politische und wirtschaftliche Führungsschichten etablieren können, die ihren Machterhalt, um jeden Preis zu sichern suchen. Um die öffentliche Meinung zu steuern, ist ihnen jedes Mittel recht, sei es durch die Unterdrückung freier Meinungen, durch eine totale Überwachung oder durch eine mediale Verdummung und Verwirrung der Gesellschaft.

Anstatt sich der Klimakrise zu stellen, wird sie von verantwortungslosen Führern weiter geleugnet und vorangetrieben. Anstatt unser brennendes Haus zu löschen, schütten sie Kohle und gießen weiter Öl ins Feuer, getrieben von Egomanie und der Profitgier einer fossilen Industrie. Anstatt den Artenreichtum und die kulturelle Vielfalt des Lebens zu bewahren und zu schützen, treiben sie den tödlichen Kurs weiter voran.

Doch in dieser unheilvollen dunklen Entwicklung erwachsen auch lichtvollen Kräfte. Laotse hatte diese Erkenntnis in dem Satz zusammengefasst: „Wo viel Schatten ist, muss viel Licht verborgen sein.“

Und so erschienen zeitgleich die ersten weiblichen Lichtgestalten auf den Leinwänden der Lichtspielhäuser. Es begann mit einer wiederholten Neuverfilmung der Lebensgeschichte Johanna von Orléans durch Luc Besson. Bereits im Alter von 13 Jahren hatte Jeanne ihre ersten Visionen und hörte Stimmen von Heiligen. Der Erzengel rief ihr zu: „Ich bin Michael, der Schutzherr Frankreichs. Erhebe dich und eile dem französischen König zu Hilfe.“ Mit sechzehn Jahren verließ sie ihr Elternhaus und führte bereits ein Jahr später die Truppen in Orléans siegreich aus der Belagerung durch die Engländer. Als sie ihrem König unbequem wurde, landete sie als Hexe auf dem Scheiterhaufen und wurde 500 Jahre später vom Papst heiliggesprochen. Nach Leeloo in Das Fünfte Element hatte Luc Besson mit Angel-A einen weiteren weiblichen Schutzengel auf die Leinwand gebracht. Mit Lucy schuf er schließlich ein engelsgleiches Wesen, das sich am Ende des Films von ihrem Körper löst und allgegenwärtig wird.

In den letzten drei Episoden der Star-Wars-Saga wird die junge Schrottsammlerin Rey von Luke Skywalker als Jedi ausgebildet und kämpft in der abschließenden Episode erfolgreich an der Spitze des Widerstandes. Als Drehort für ihre Ausbildung diente die Insel Skellig Michael, der nordwestliche Ausgangspunkt der Achse des Lichts. In Wonder Woman lässt die Regisseurin Patty Jenkins die Amazonen-Prinzessin Diana (römische Entsprechung der Artemis) in einem Kampf um das Überleben der Menschheit erfolgreich gegen den griechischen Kriegsgott Ares antreten. Im August soll die Fortsetzung Wonder Woman 1984 in die deutschen Kinos kommen. Schließlich inszenierte James Cameron Alita – Battle Angel, eine Manga-Figur aus den 90er Jahren, als schützenden und kämpfenden weiblichen Engel auf der Leinwand.

Die nächsten Lichtgestalten erschienen als junge weibliche Aktivistinnen für das Überleben der Menschheit in einer durch Klimawandel, Waffen und soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit existentiell bedrohten Welt. Die bekannteste von ihnen, Greta Thunberg, trat im jugendlichen Alter von 15 Jahren in die Weltöffentlichkeit. Mit ihrem Handeln und ihren Reden, die in ihrer Schärfe und Klarheit dem Schwert des Michael und den Pfeilen des Apollon entsprechen, löste sie eine Jugend-Bewegung aus. Von den vielen weiteren jungen Aktivistinnen seien hier erwähnt:

Die letzten Lichtgestalten kamen in der Gestalt eines Virus, der von einem Strahlenkranz umgeben ist und in seinem Erscheinungsbild der Sonne ähnelt. Die Viren werfen Licht auf existentielle Fragen. Was bedeutet uns das Leben? Was brauchen wir zum Überleben? Sie werfen Licht auf unsere Führungen. Sie entblößen politische Populisten in ihrer Unfähigkeit, die Bevölkerung zu schützen, und entlarven Superreiche, die sich mit eigenen Krankenstationen, Ärzten und Pflegekräften auf ihre Farmen zurückziehen. Sie machen die Gier von Wirtschaftsführern sichtbar, die mit Milliardengewinnen Firmenaktien vom Markt zurückkaufen, um ihre Kurse und Boni zu maximieren, und in der Krise staatliche Subventionierung einfordern. Sie werfen aber auch Licht auf die wahren Helden, die Menschen im Gesundheitswesen, die in selbstloser Weise andere Menschen retten und dabei ihr eigenes Leben gefährden.

Mit meiner Reise und ihrer Beschreibung möchte ich herausfinden, was wir für unseren Kampf ums Überleben der Menschheit von Michael, Apollon und anderen Lichtgestalten auf der Achse des Lichts lernen können.

Weiter zu Teil 2 des Gespräches.

(c) belmonte 2020