Brief aus Speyer

16. Mai 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Was wird in tausend Jahren von uns übrig geblieben sein? Nicht viel, wie ich meine: Digitale Datenträger werden weitgehend unbrauchbar, Papier wird zu Staub zerfallen sein. Bis auf wenige Ausnahmen verschwanden auch die Codices, Faltbücher aus Rindenpapier, der mesoamerikanischen Maya – zur Zeit der Konquistadoren ließ der Franziskaner Diego de Landa sie verbrennen, weil sie in seinen Augen heidnisch waren.

Heute ist die Schrift der Maya größtenteils wieder entziffert. Die Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz in Speyer zeigt unter anderem Fragmente von Maya-Inschriften auf Stelen, Türstürzen und Wandtafeln aus ihrer Blütezeit, der sogenannten späten Klassik circa von 600 bis 900 nach Christus. Aus dieser Zeit hinterließen die Maya der Nachwelt auch monumentale Steinbauten.

Vor einer grauen Wand ragen am Horizont verschieden gestaltete Betonklötze in den Himmel. Ich schaue an einem Aprilvormittag aus dem Busfenster. Felder, Strommasten und Bahngleise rauschen vorbei. Hinter Hildesheim wird die Landschaft interessanter: baumbestandene Hügel, zwischen denen hier und da weiße Kästchen mit roten Mützen kleben. Manchmal stehen Höfe, Scheunen und Hochsitze an den Wegesrändern. Ankunft abends in Speyer.

Am nächsten Morgen entdecke ich im Kulturhof Flachsgasse die Winkeldruckerey, eine Werkstatt mit interessanten druckgrafischen Arbeiten: Unter anderem gibt es eine Grafik mit dem Titel „Die Rheintöchter“. Die Konturen der Töchter entdecke ich erst auf den zweiten Blick. Sie durchscheinen malerische Pflanzenelemente auf der Wasseroberfläche. Danach besuche ich den im romanischen Stil aus Sandsteinquadern errichteten Dom.

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Speyerer Dom / Foto: Valentino

Nach Überquerung des Domplatzes betrete ich die Ausstellungsräume des Museums und tauche in den Lebensraum der Maya ein: Ein mit Rock und Lendenschurz bekleideter Mann imitiert vor einer Regenwald-Kulisse die Lauerstellung einer Wildkatze auf der Pirsch. Die überlebensgroße Skulptur besitzt die Merkmale eines Jaguars: die typische Form der Ohren sowie die Nasen- und Mundpartie der Maske mit Fangzähnen. Das faszinierende Objekt aus der Frühklassik stellt auf geheimnisvolle Weise die Verschmelzung des Menschen mit seiner Umwelt dar.

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Skulptur eines Mannes mit Jaguargott-Maske / Foto: Valentino

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Detail eines Stelenfragments, das einen Königskopf als gefiederte Schlange darstellt / Foto: Valentino

Die Schreiber der Maya verwendeten Muscheln als Tintenfässchen. Sie sind in Glasvitrinen der nächsten Station zu bewundern. Ein ausgeklügelter Kalender bestimmte den Lebensrhythmus der Maya. Davon zeugt der Dresdner Codex, eine der drei erhaltenen Handschriften. Die Ausstellung zeigt eine Kopie desselben.

Danach wird es konkret: Am Beispiel des südyukatekischen Uxul rekonstruiert ein Film das Alltagsleben seiner Bewohner, bevor sie die Stadt circa 700 nach Christus verließen. Eine Karte auf dem Boden lädt per Tablet zu einem interaktiven Rundgang durch die digital rekonstruierte Stadt ein.

Als Grabbeigabe entdeckte, einzigartige kleine Keramikfiguren zeigen einen königlichen Hofstaat der späten Klassik: Neben Königspaar und Dienern bewohnten unter anderem auch Schreiber, Musikanten und Hofzwerge den Palast.

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Figurinen boxender Zwerge des „Königlichen Hofstaates“ / Foto: Valentino

Ihre hohe Kunstfertigkeit bewiesen die Maya ebenso bei der Gestaltung von Weihrauchgefäßen.

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Weihrauchgefäß im Teotihuacan-Stil: In einer Art Bühne steht eine menschliche Figur, die einen großen Ohr- sowie Halsschmuck und einen T-förmigen Nasenanhänger trägt / Foto: Valentino

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Weihrauchgefäß als sitzende Figur mit Pflanzen in den Händen / Foto: Valentino

Auch gibt es zahlreiche kunstvolle Keramikgefäße mit Tierköpfen zu bestaunen sowie ein Trinkgefäß mit der Darstellung des Maisgottes.

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Detail eines Kakaogefäßes mit Maisgott, der einen aufwendigen Kopfputz trägt und mit einem Zwerg tanzt / Foto: Valentino

Die Wandmalereien von Bonampak unterstreichen auf eindrucksvolle Weise die rituelle Bedeutung des Tanzes für die Maya. Die Fresken stellen Tänzer und Musiker mit Kürbisrasseln, Trommeln aus Schildkrötenpanzern und Trompeten dar. Aus Tikal, einem der Machtzentren der klassischen Maya, ist sogar ein mit Schnitzereien verzierter hölzerner Türsturz erhalten. Tikal habe ich auf meiner ersten Reise nach Guatemala besucht. Damals war ich ziemlich überwältigt vom Ambiente – die Stadt liegt mitten im Regenwald – und von der Größe. Ich hätte gut und gern zwei Tage dort verbringen können, um den Komplex vollständig zu besichtigen.

So ähnlich ging es mir auch in der Speyerer Ausstellung. Allerdings fand ich die durchgehend weiße Schrift auf dem schwarzem Grund der Wandtexte und die teilweise redundanten Informationen etwas ermüdend. Nichtsdestotrotz lohnt sich ein Besuch in jedem Fall – nicht nur wegen der beeindruckenden Exponate und der spannenden interaktiven Installationen sondern auch, weil sie den Besucher auf den neuesten Forschungsstand bringt. Beim Eintritt erhält man übrigens einen Audioguide, und für Kinder gibt es tolle Mitmachstationen.

Die klassischen Maya waren bereits kurz nach ihrer Blütezeit dem Untergang geweiht. Ständige Kriege, insbesondere zwischen zwei Stadtstaaten im Tiefland, stellten schließlich ein Ungleichgewicht zwischen den Machtzentren her: Die siegreiche Königsstadt vermochte es nicht, die Vasallenstaaten des besiegten Konkurrenten zu übernehmen. Im Zuge eines Prozesses der Balkanisierung in Verbindung mit ökologischen Faktoren wurden die Städte aufgegeben.

Zwar gab es in der Postklassik noch einmal ein Aufblühen der Maya-Kultur im Norden der Halbinsel Yukatan. Allerdings war das Gottkönigtum vorbei und der Einfluss jener Stämme bereits so groß, die aus Zentralmexiko eingedrungen waren, dass es zu einer Vermischung der Stile kam. Eine Stele im letzten Raum zeigt exemplarisch, wie die Maya fremde Einflüsse in ihre Kultur integriert haben. So sieht man auf dem Relief typische Maya-Figuren neben solchen, die keine deformierten Schädel haben, wie es dem Schönheitsideal der Maya entsprach. Auch ist die Stele, anders als es in der Klassik üblich war, in Register unterteilt, und Maya-Schriftzeichen stehen neben mexikanischen Zeichen.

Neben dem herausragenden künstlerischen Schaffen der Maya beleuchtet die Ausstellung auch das Alltagsleben der Menschen. Der Besucher bekommt einen Eindruck davon, wie das Leben in den Städten organisiert war und welcher Aufwand betrieben wurde, um die städtische Bevölkerung mit Wasser und Nahrung zu versorgen. Darüber hinaus wirft die Ausstellung auch aktuelle Fragen über unser globales Handeln auf. Inwieweit könnte unserer globalen Gesellschaft ein ähnliches Schicksal wie den Maya in ihrem begrenzten Lebensraum durch Raubbau an der Natur, Ausbeutung von Arbeitskräften, Revolten oder Kriege drohen?

Die nächste große kunst- und kulturhistorische Ausstellung widmet das Historische Museum der Pfalz vom 17. September 2017 bis zum 15. April 2018 dem Leben und Wirken des englischen Königs Richard Löwenherz, der ganz in der Nähe auf Burg Trifels gefangen gehalten wurde.

(c) valentino 2017

„MAYA – Das Rätsel der Königsstädte“. Sonderausstellung im Historischen Museum der Pfalz Speyer 2016/2017.

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Brief aus London, Baltimore, Virginia und Washington, DC | 2

29. April 2017 § Ein Kommentar

Fortsetzung (zurück zu Teil 1)

belmonte

Motel in Waynesboro, VA

Motel in Waynesboro, VA / Foto: belmonte

Ich quartiere mich in einem Motel in Waynesboro ein, sehr freundliche Leute. Ohnehin scheint es mir, der ich selten über New York herausgekommen bin, dass die Leute hier noch auffälliger und breiter freundlich sind, als ich es aus New York gewohnt bin.

Waynesboro, VA

Waynesboro, VA / Foto: belmonte

Nachdem ich mich etwas ausgeruht habe, jogge ich durch den Ort, vorbei an Häusern mit Veranda und Auffahrt und Hunden und Kindern und langsam fahrenden SUVs.

Überall stehen Kirchen von Evangelikalen der letzten sieben Tage, Baptisten und anderen Pfingstgemeinden. Ich möchte nicht wissen, was die von meinen knallroten Joggingschuhen denken (wahrscheinlich nichts). Aus dem Walmart besorge ich mir Bier, Obst und Cranberrysaft.

Broad Street, Waynesboro, VA

Broad Street, Waynesboro, VA / Foto: belmonte

Die Nacht ist noch schlimmer als die Nacht zuvor. Ich kann kaum liegen, weder gestreckt noch gekrümmt, und habe Angst. Immer wieder stehe ich auf, aber ich zittere am ganzen Körper. Irgendwie komme ich durch, ich weiß nicht wie.

Shenandoah National Park im Morgenlicht

Shenandoah National Park im Morgenlicht / Foto: belmonte

Früh am Morgen frühstücke ich in der Lobby Rührei, Waffel mit Ahornsirup, Joghurt, Kaffee. Um halb acht mache ich mich auf den Weg, fahre zum Skydrive hoch und dann bei gemütlichen 35 mph in knapp vier Stunden nach Front Royal. Ich mache zahlreiche Pausen, steige immer wieder aus und mache Fotos und habe den Eindruck, dass ich immer dann Fotos mache, wenn ich bekannte Motive sehe, weite Hügel hinter Hügeln und Hügeln im bläulichen, nebligen Licht. Ich bin fast allein unterwegs, sehe zahlreiche Tiere, Rehe auf der Straße, ganz zutraulich, überall Eichhörnchen. Der Blick ins Shenandoah Valley ist herrlich. Dahinter erstreckt sich der lange Massanutten-Bergrücken und weiter hinten die westlichen Alleghany Mountains.

Shenandoah Skydrive Blick auf den Massanutten Mountain

Shenandoah Skydrive Blick auf den Massanutten Mountain / Foto: belmonte

Ich singe beim Fahren, obwohl mir alles wehtut.

Das Radio hält mich wach. Ich finde es bemerkenswert, wie die Radiomoderatoren während der Gesprächsprogramme zwischendurch Werbung für irgendwelche Angebote in Harrisonburg oder wo auch immer aufsagen.

Hügel hinter Hügeln hinter Hügeln

Hügel hinter Hügeln hinter Hügeln / Foto: belmonte

Ich höre eine Wiederholung der Anhörung der beiden Direktoren von FBI und NSA Comey und Rogers vorm Geheimdienstausschuss. So wenig aufschlussreich die beiden auch antworten, überzeugt mich doch die aggressive und kühle Art ihrer Befragung davon, dass dieses Land womöglich doch weniger gefährdet ist, als es von außen den Anschein hat.

Shenandoah Valley und River

Shenandoah Valley und River / Foto: belmonte

Am Vortag ist Trumps Versuch der Abschaffung von Obamacare kläglich gescheitert. So einfach kann er eben doch nicht durchregieren.

Capitol, Washington, DC

Capitol, Washington, DC / Foto: belmonte

Von Front Royal aus nehme ich die 66 nach Washington DC, parke auf der Independence Avenue und erlaufe mir die gesamte National Mall, gehe am Capitol bis zur Sperre (wenn ich bedenke, dass hier vor zwei Monaten der Schwachkopf vereidigt wurde, wird mir ganz anders), dann hinüber zum Washington Monument, vorbei an allen Monumentalbauten und Museen. Bei Temperaturen um die 25 Grad ist es hier viel wärmer als in den Bergen, wo vereinzelt noch Schnee lag.

Washington Monument, Washington, DC

Washington Monument, Washington, DC / Foto: belmonte

Es sind sehr viele Pilger unterwegs. Ich habe das Gefühl, dass sich nach Delhi und Peking der Kreis schließt und ich jetzt gehen kann.

Ich fahre hinterm Capitol an der Library of Congress und dem Supreme Court vorbei, dann weiter in nördlicher Richtung. Die Fahrt zurück nach Baltimore ist erstaunlich kurz. Nachdem ich das Auto abgegeben habe, fahre mit dem Shuttlebus zum Terminal, checke ein und schreibe diese Zeilen.

Wie bereits vor drei Jahren habe ich den Eindruck, einen historischen Roadtrip hinter mir zu haben, damals Thoreau am Walden Pond, jetzt Jefferson in Monticello. Vielleicht wäre ich auch ein Amerikaner geworden.

(c) belmonte 2017

Brief aus London, Baltimore, Virginia und Washington, DC | 1

22. April 2017 § Ein Kommentar

belmonte

Am Sonntag treffen wir uns mit * bei der Pulse-of-Europe-Demonstration auf dem Universitätsplatz in Heidelberg.

Ich finde die Initiative immer noch gut, lese aber in der Woche drauf, dass sich deutsche und polnische Nazis vereinen.

Wenn die europäischen Nazis erst Europa zu ihrem vereinten Ziel erheben, ist es mit der Europaidee vorbei.

Am nächsten Morgen fliege ich früh nach London, diskutiere drei Tage mit Bibliothekaren aus aller Welt. Es ist sehr anregend. Ich spreche ohne viel Gehampel und Verhaspeln.

Am Mittwoch nehme ich kurz vor dem Anschlag auf der Westminster-Brücke die Tube nach Heathrow und fliege nach Baltimore zur ACRL.

New York City aus der Luft

New York City aus der Luft / Foto: belmonte

Während des Fluges sehe ich den Film Arrival, der mich an einigen Stellen sehr bewegt. Es ist eine brillante Vorstellung kompletter Andersartigkeit von Sprache und Zeit. Max Richters Musik ist überwältigend.

Ich fliege über den Hudson River, sehe Manhattan und alle Brücken bei strahlend blauem Himmel. Fünf Minuten später taucht Philadelphia ganz klein unter mir auf.

Oriole Park at Camden Yards, Baltimore, MD

Oriole Park at Camden Yards, Baltimore, MD / Foto: belmonte

In Baltimore fahre ich zum Hotel. Vom Zimmer aus sehe ich auf das Baseballstadion Oriole Park at Camden Yards. Es wird dunkel.

Am Morgen stehe ich früh auf, frühstücke, bereite meinen Vortrag vor und gehe zum Convention Center hinüber, einem riesigen Zweckbau, und treffe * bei einer Round Table Discussion.

Inner Harbor, Baltimore, MD

Inner Harbor, Baltimore, MD / Foto: belmonte

Um wenigstens etwas von Baltimore gesehen zu haben, vertrete ich mir zu Mittag die Beine am Inner Harbor.

Der Panel Talk am frühen Nachmittag ist sehr gut besucht, Leute von * und * und weiteren klingenden Namen. Ich spreche dreißig Minuten über * und fühle mich sehr sicher, kann alle Fragen beantworten und hinlänglich argumentieren. Da und dort gehen Daumen nach oben. Ich spüre, dass ich Begeisterung in der Stimme habe. Häufig dehne ich das Wort v e r y sehr lang. Die Veranstaltung schließt mit Diskussion und Smalltalk.

Am späten Nachmittag begegne ich * an der Hotelbar. Wir finden heraus, dass wir beide vor vielen Jahren nach Paris getrampt sind.

Abends nimmt mich * mit ein paar Leuten ins Hafenrestaurant Oyster House mit. Es riecht nach Fisch, die Kellnerin ist redselig und die Austern schmecken vorzüglich.

Die Nacht ist schlimm. Mir ist eiskalt. Im Halbschlaf brüllt mich jemand von der Seite an, ich habe Angst, aber da ist niemand.

Monticello, Charlottesville, VA

Monticello, Charlottesville, VA / Foto: belmonte

Am Morgen leihe ich ein Auto und fahre über die Interstate 70 nach Mt. Airy, frühstücke dort, fahre weiter über Frederick nach Hagerstown, von dort nach Süden auf die 81, überquere den Potomac, vorbei an Winchester, Strasburg, Harrisonburg und Staunton. Bürgerkriegsstätten. Überall hängen noch Trump-Pence-Wahlplakate.

Thomas Jeffersons Grab auf Monticello, Charlottesville, VA

Thomas Jeffersons Grab auf Monticello, Charlottesville, VA / Foto: belmonte

Ich fahre weiter auf der 64 nach Charlottesville, durchquere die Stadt mit ihrer Universität und verbringe drei Stunden etwas außerhalb auf Jeffersons Monticello-Anlage mit Führung, Rundgang durch die Gärten und Mittagessen.

Die Atmosphäre ist mediterran, das Gebäude beeindruckend. Thomas Jefferson erinnert mich an Fürst Bolkonski, Andréjs Vater aus Tolstois Krieg und Frieden. Jeffersons Erklärung, dass alle Menschen gleich geschaffen seien, steht in harschem Widerspruch zu den zahlreichen versklavten Arbeitern auf seiner Plantage. Für mich wird es dennoch – ich weiß es jetzt schon – ein wichtiger Erinnerungsort bleiben.

Weiter zu Teil 2

(c) belmonte 2017

Brief aus Klütz

6. September 2016 § Ein Kommentar

valentino

An einem heißen Spätsommertag fahre ich mit dem Fahrrad durch eine wellige Landschaft mit frisch gemähten Feldern und Einsprengseln aus Bauernhäusern, Kirchturmspitzen und Bäumen. Gegen Mittag erreiche ich das beschauliche Städtchen Klütz an der mecklenburgischen Ostseeküste. Uwe-Johnson-Lesern ist der Ort als Vorbild für das fiktive Jerichow aus dem Werk des Schriftstellers bekannt. Das Uwe-Johnson-Literaturhaus befindet sich im ehemaligen Getreidespeicher nahe dem Marktplatz bei der gotischen Kirche St. Marien.

Das Uwe-Johnson-Literaturhaus

Das Uwe-Johnson-Literaturhaus im ehemaligen Speicher im Thurow / Foto: Valentino

Jerichow ist die Heimatstadt Gesine Cresspahls, der Protagonistin in Johnsons vierbändigem Hauptwerk „Jahrestage“. Die 34-jährige Bankangestellte zieht 1968 mit ihrer zehnjährigen Tochter Marie von der mecklenburgischen Provinz nach New York. Dort wohnt sie in Manhattan, 243 Riverside Drive, am Ufer des Hudson River. Auch in New York ist Jerichow immer gegenwärtig. So erinnert sie zum Beispiel ein Fries aus weißem Sandstein an der Hausfassade an das mecklenburgische Wappen: Es stellt einen Ochsenkopf als Denkmal für die Pueblo-Indianer dar. Die Perspektive aus der Ferne öffnet Gesines Erinnerung an Jerichow. Dabei bietet New York als Mikrokosmos eine geeignete Projektionsfläche:

„Wenn ich den Roman ein Modell, die Möglichkeit eines Modells genannt habe, oder ein System, so meine ich damit nicht großmächtige soziologische Wissenschaft, sondern im Grunde ganz gewöhnliche Dinge: Eine kleine Stadt kann für viele kleine Städte stehen, selbst wenn sie erfunden ist; sie könnte möglich sein; so könnte es gewesen sein. Es ist das Gleiche, wie wenn es sich um eine große Stadt handelt, die es wirklich gibt, z.B. New York. Auch da handelt es sich dann um den Versuch, eine Wirklichkeit, die vergangen ist, wiederherzustellen. Und das heißt nicht etwa, eine Wirklichkeit in allen ihren Beziehungen zusammengefasst noch einmal möglich zu machen.“ (Uwe Johnson im Gespräch mit Christoph Schmid am 29.7.1971 in West-Berlin. In: „Ich überlege mir die Geschichte“, hrsg. v. E. Fahlke, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main.)

Die Station „Mit Zeitungen erzählen“

Die Station „Mit Zeitungen erzählen“ auf der zweiten Ausstellungsebene / Foto: Valentino

Johnson lebte selbst zwei Jahre in besagter New Yorker Wohnung an der Upper Westside, nachdem er die „Gruppe 47“ (siehe auch Belmontes Artikel zur „Gruppe 47“) verlassen hatte. Er erzählt Gesines Lebensgeschichte nüchtern, dokumentarisch und bindet diese durch Zeitungsartikel-Transkripte, vor allem aus der „New York Times“, in einen zeitgeschichtlichen Kontext. Über Johnsons Arbeitsweise informiert die Station „Mit Zeitungen erzählen“ auf der zweiten Ausstellungsebene des Literaturhauses. Die erste Ebene widmet sich seiner Biografie.

Mit ihren Video- und Audiostationen vermittelt die Dauerausstellung abwechslungsreich und informativ zahlreiche Facetten aus Leben und Werk des Schriftstellers. Auch die Rolle, welche die mecklenburgische Landschaft in Johnsons Romanen spielt, wird sichtbar: So gibt es neben Textausschnitten der Werke des Autors, Klapptafeln und Textrolatoren auch Kurzfilme und Bilder. Für das kommende Jahr ist ein Audioguide geplant.

Über die museale Darstellung hinaus bietet das Literaturhaus auch ein vielfältiges, literarisch-kulturelles Programm. So finden beispielsweise regelmäßige Lesungen mit zeitgenössischen Autoren statt, zuletzt zum Beispiel mit Christoph Hein.

Ich habe jedenfalls große Lust bekommen, mich noch einmal mit Johnsons Werk zu beschäftigen, nachdem ich bereits die „Mutmaßungen über Jakob“, die „Skizze eines Verunglückten“ sowie „Karsch, und andere Prosa“ gelesen habe. Vor den „Jahrestagen“ bietet es sich allerdings an, einen Blick in das übrige Werk, das heißt all jene Romane, Erzählungen und Vorlesungen zu werfen, die das Hauptwerk umranken und in denen Figuren und Orte eingeführt werden. Johnsons nüchterner Stil, seine spröde Erzählweise und die narrative Komplexität seines Werkes fordern den Leser. So wechselt bereits in den „Mutmaßungen“ ständig die Perspektive zwischen auktorialem Erzähler und Mehrstimmigkeit. Belohnt wird man mit einer präzisen Sprache.

Wer mag, schlendert im Anschluss an den Besuch des Literaturhauses noch durch die barocke Parkanlage von Schloss Bothmer. Dort ist unter anderem der ringförmige Weiher mit seinen Seerosen eine wundervolle Insel der Erholung.

Landschaft bei Klütz

Landschaft bei Klütz / Foto: Valentino

(c) valentino 2016

Brief aus Mailand | 4

18. April 2015 § 2 Kommentare

belmonte

brief aus mailand

4

mailand im april 2015
osterfeiertage
wohnung in der via torino
frühlingswetter
ein bisschen regen am ostersonntag

ich besuche die ausstellung arte lombarda dai visconti agli sforza im palazzo reale
drei jahrhunderte mailänder kunstgeschichte
dargestellt am leitfaden der beiden bedeutenden herrscherdynastien

zahlreiche gemälde
statuen
handschriften mit miniaturen
reliefs und reliquiarien

die ausstellung ist eine neuauflage einer ähnlich gelagerten schau von 1958
in der sich die stadt nach dem krieg und den zerstörungen wieder neu verortet hatte
womöglich ist das heute erneut notwendig

wunderschön finde ich das leuchtende gemälde madonna del roseto von michelino da besozzo (oder stefano di giovanni)
das bild ist auf jedem titelbild der ausstellung zu sehen
die madonna sitzt mit dem kind in einem umzäunten rosengarten
unterhalb sitzt die heilige katharina von alexandrien
alles ist ausgefüllt mit paradiesischen rosenblüten und rosenblättern
kleine engelsgruppen bewegen sich hier und dort
fasane sitzen auf der umzäunung

madonna del roseto

Madonna del roseto, ca. 1420-1435, Museo di Castelvecchio, Verona

in seinem goldenen leuchten und der rosenornamentik erinnert das gemälde an persische tafelbilder

womöglich kannte michelino da besozzo (oder stefano di giovanni) persische miniaturen wie die etwa zeitgleich entstandenen gartenbilder von humay und humayun

gartenbild von humay und humayun

Der persische Prinz Humay trifft die chinesische Prinzessin Humayun in einem Garten, ca. 1450, Musée des Arts décoratifs, Paris

Humay and Humayun feasting in a garden

Humay and Humayun feasting in a garden and listening to musicians, Manuskript 18113 der British Library, Poetical works of Khwaju of Karman, 1396, folio 40 verso

am ostermontag fahren wir zur fattoria pasqué
einem populären agriturismo in dem kleinen ort casale litta bei varese
das wetter ist herrlich
das ostermenü lokal
der wein kalt
alles macht satt

(c) belmonte 2015

Brief aus Mailand | 3 | Alessandro Manzoni: Die Verlobten (Rezension)

10. August 2013 § 2 Kommentare

Belmonte

Brief aus Mailand

3

Mailand im Februar 2013. Es hat geschneit. Drei Tage lang bleibt der Schnee liegen. Dann taut es schnell. Ich besuche das Geburts- und Sterbehaus Alessandro Manzonis in der Via Morone, sehe sein Arbeitszimmer mit der Bibliothek, den Soggiorno, das Schlaf- und Sterbezimmer. Zahlreiche Utensilien sind akkurat auf dem Schreibtisch ausgelegt, Ölbilder hängen an den Wänden unter geschachtelten Holzdecken, blinde Türen spiegeln Größe vor. Das europäische Bürgertum ahmt gerne aristokratische Lebenswelten nach. Das ganze Haus mit seiner Fassade und seinem Hof atmet Großbürgertum in engen Gassen.

Casa Manzoni

Casa Manzoni / Foto: Belmonte

Seit Monaten lese ich Manzonis I promessi sposi (Die Verlobten). Mein Inseltaschenbuch wird überall mit hingenommen und ist mehr und mehr zerlesen. Der Romananfang führt an den Comer See und ist wohl jedem Italiener aus der Schulzeit geläufig:

“Quel ramo del lago di Como, che volge a Mezzogiorno, tra due catene non interrotte di monti, tutto a seni e a golfi, a seconda dello sporgere e del rientrare di quelli, vien, quasi a un tratto, a ristringersi, e a prender corso e figura di fiume, tra un promontorio a destra, e un’ampia costiera dall’altra parte.” (“Jener Arm des Comer Sees, der sich nach Süden wendet und dessen Gestade zwischen zwei sich fortlaufenden Gebirgsketten so buchtenreich ihrem Vordrängen und Zurückschwingen folgt, verengt sich fast urplötzlich und nimmt, zwischen einem Vorgebirge zur Rechten und einer weiten Uferhalde gegenüber, Gestalt und Verlauf eines Stromes an.“)

Besonders die Abschweifungen in dem 850 Seiten langen Roman sind fabelhaft, die ausgreifenden Personenbeschreibungen, zum Beispiel der Monaca di Monza, einer unglückseligen Nonne im Kloster von Monza, oder des Dorfpfarrers Don Abbondio, einem Jammerlappen, wie er im Buche steht, der Lichtgestalt Fra Cristoforo, einem Mönch, der nach einem jugendlichen Totschlag ein Leben in tätiger Nächstenliebe führt. Fabelhaft sind auch die historischen Hintergründe im wörtlichen Sinne. Vor allem die Beschreibung der Mailänder Pest sucht ihresgleichen. Es ist eines der seltenen Bücher, nach dessen Auslesen ich sofort nach einem gleichartigen Buch suche. Dabei ist der Plot erstaunlich übersichtlich.

Der junge Renzo und seine Verlobte Lucia wollen heiraten. Alles ist vorbereitet, als ein benachbarter Potentat, der sich in einer Laune in Lucia verguckt hat, die Heirat mit allen Mitteln verhindern will. Der Dorfpfarrer Don Abbondio, der sich von seiner sprichwörtlichen Haushälterin Perpetua aushalten lässt, spielt dabei eine unrühmliche Rolle. Nach langer Trennung und zahlreichen Wendungen, die in der katholischen Atmosphäre des Romanes eher als Fügungen zu verstehen sind, finden Renzo und Lucia am Ende wieder zusammen. Vorher aber muss Renzo nach Mailand fliehen, schwingt dort im Brotaufstand und später im Suff allerlei Reden gegen die Autoritäten, worauf er in Bergamo untertauchen muss. Lucia dagegen wird von einem anderen, noch gewalttätigeren Potentaten, dem Namenlosen, entführt, bis dieser vom Mailänder Kardinal Borromeo zum Christentum bekehrt wird. Schließlich bringen deutsche Landsknechte des Dreißigjährigen Krieges die Pest über die Alpen, die über Mailand herfällt und die Stadt in eine Apokalypse verwandelt.

Alessandro Manzoni: Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten

All das schreibt Manzoni als angebliche Wiedergabe einer zweihundert Jahre älteren anonymen Handschrift. Das ist die italienische Romantik, etwas anders gelagert zwar als ihre deutsche Schwester. Aber bereits Renzos Wanderung von Mailand nach Bergamo macht die Verbindungen sichtbar. Genauso sind auch die zahlreichen Tiecks, Wackenroders und Brentanos gewandert.

Manzoni schrieb ursprünglich im Lombardischen, überarbeitete aber dann den gesamten Roman ins Toskanische. Nach Dantes Göttlicher Komödie 500 Jahre zuvor handelt es sich dabei um die zweite „Erfindung“ der italienischen Sprache. Durch alle Seiten des Romanes weht bereits der Wind des italienischen Nationalstaates.

Alessandro Manzoni: Die Verlobten – Eine Mailändische Geschichte aus dem siebzehnten Jahrhundert, Insel Verlag 2008, 873 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

(c) belmonte 2013

Brief aus Worpswede

12. September 2012 § 5 Kommentare

valentino

Im Rilke-Café in Fischerhude gibt es nicht nur Kuchen, man kann auch Gespräche führen mit zumeist etwas betagteren, kunstinteressierten Damen: „Sie sind also hier, um auf Paulas Spuren zu wandern?“

Rilke Café

Das Rilke-Café in Fischerhude / Foto: Valentino

Hokusais Geistergestalt

Die Geistergestalt, Holzschnitt von Katsushika Hokusai

Tags zuvor bei Kerzenschein und Bier auf den Hammewiesen. Während eines abendlichen Gesprächs mit Lisa und Toni über dieses und jenes zucken Blitze weit entfernt am Horizont durch den Nachthimmel über dem Moor. Toni zeigt mir seinen gekappten rechten Mittelfinger, dessen Kuppe sich bei einem Unfall absprengte unterwegs mit fahrenden Schaustellern. Weil er die anderen Fingerkuppen noch für das Akkordeonspiel benötigte, hing er kurz darauf den Job an den Nagel. Wachs tropft vom Flaschenhals einer leeren Bierflasche. Bei Tagesanbruch wollen Lisa und Toni abreisen. Ich erzähle, dass ich morgen mit dem Fahrrad nach Fischerhude fahre. Lisa empfiehlt mir daraufhin einen Besuch im Rilke-Café. Abrupt endet unser Gespräch. Einsetzender Regen, es schüttet wie aus Kübeln. Ich lese im Rilke-Buch. „Die Landschaft aber steht ohne Hände da und hat kein Gesicht, – oder aber sie ist ganz Gesicht und wirkt durch die Größe und Unübersehbarkeit ihrer Züge furchtbar und niederdrückend auf den Menschen, etwa wie jene ‚Geistererscheinung‘ auf dem bekannten Blatte des japanischen Malers Hokusai“, schreibt Rainer Maria Rilke in seinem Essay über die Landschaftsmalerei, der die Einleitung zu den Künstler-Monographien des Worpswede-Buches bildet.

Vor allem die Landschaft wirkte anziehend auf junge Maler wie Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler, die in den 1890er Jahren sich zusammentaten, um in der Abgeschiedenheit des Moores gemeinsam ihre Kunst zu entwickeln. Damit entsprachen die Worpsweder Künstler dem Zeitgeist, denn in der Folge der Schule von Barbizon, der Landschaftsmaler wie Jean-François Millet angehörten und die sich bereits ein halbes Jahrhundert zuvor in Frankreich gegründet hatte, entstanden zahlreiche weitere Künstlergruppen in Europa.

Rainer Maria Rilke

„Porträt des Rainer Maria Rilke“, 1906, Paula Modersohn-Becker, 32,3 x 25,4 cm, Öltempera auf Pappe

Erfolg stellte sich 1895 bei einer Ausstellung im Münchener Glaspalast ein. Doch Homogenität und Modernität der Gruppe wurden überschätzt. Zum Bruch kam es unter den charakterlich sehr verschiedenen Künstlerfreunden, die zum Teil sehr unterschiedliche Lebensauffassungen hatten, mehr oder weniger schleichend nach der Jahrhundertwende. Paula Modersohn-Becker kam im Jahr des Erfolges zu der Gruppe und wurde ihre progressivste Vertreterin. Sie unternahm Reisen nach Paris, wo sie sich unter anderem für Bilder von Paul Cézanne begeisterte. Paula malte vereinfachte, reduzierte Formen und variierte die Farben, was sie in die Nähe der französischen Fauvisten und der Künstlergruppe Brücke rückte. Auch rückte sie den Fokus von der Landschaft auf den Menschen. So porträtierte sie zum Beispiel sehr einfühlsam Rilke. Beiden gemeinsam war ihre Weise, die Kunst geradeaus und kompromisslos zu leben.

Im Rahmen der diesjährigen Sommerausstellung (noch bis Ende des Monats) behandeln die vier zusammengeschlossenen Worpsweder Museen das Werk Heinrich Vogelers. Mit einer Verbundeintrittskarte schlendert man durch das Haus im Schluh, die Große Kunstschau, die Worpsweder Kunsthalle und den Barkenhoff, den ich, auf der Gartenbank hockend, mit einem stumpfen, abgegriffenen Bleistift in meiner Hand in meinem Skizzenbuch festhalte.

Im Moor

Im Teufelsmoor bei Worpswede / Foto: Valentino

(c) valentino 2012

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