Brief an die kreative Kumpanei – Roadtrip, Kammerspiel oder eine Allegorie?

Liebe Kumpane des seriellen Schreibens,

unser Projekttreffen im CentroLingue Leonardo Da Vinci in Heidelberg ist nun zwei Wochen her, und langsam fangen sich bei mir die Ideen zu setzen an.

Was ist seitdem geschehen?

Florian hat ein Serien-Logo entworfen und auf den Seiten von Brot & Kunst ein internes Forum eingerichtet, in dem wir unsere Ideen weiter ausarbeiten und diskutieren können, bevor wir uns vor der Sommerpause erneut treffen.

Brot und Kunst in Serie

Brot & Kunst in Serie

Wichtig ist in der Zwischenzeit die Entwicklung dreier Loglines, von denen wir dann eine auswählen (womöglich über eine Umfrage?) und daraus einen Plot für die erste Staffel erarbeiten. Florian hat hierzu drei Optionen vorgeschlagen, einen Roadtrip, ein Kammerstück und eine Allegorie. Schaut sie Euch im Forum an. Zum Roadtrip habe ich eine Logline angesetzt, die aus meiner Sicht aber noch einen Antagonisten benötigt. Habt Ihr Ideen?

Ich finde übrigens noch immer den Einfall gar nicht schlecht, dass wir aus unseren eigenen Werken jeweils eine Figur herausnehmen (z. B. Captain Mania oder Rosko oder die Fee oder den Kleinwüchsigen) und diese nach Art der Avengers auf die Welt loslassen. Vielleicht lässt sich dadurch ein junges Publikum ansprechen. Oder wir machen genau daraus ein Kammerspiel.

Es ist gut, dass wir uns voraussichtlich zuerst einmal auf einen linearen Plot fokussieren. Im zweiten Schritt denke ich allerdings, dass es sinnvoll wäre, auch über eine nicht-lineare Erzählweise nachzudenken. Aus meiner Sicht zeichnet sich moderne Epik vor allem durch Nicht-Linearität aus, wie zum Beispiel Miljenko Jergovićs Die unerhörte Geschichte meiner Familie oder Maria Stepanovas Nach dem Gedächtnis zeigen.

Ich beende bald den ersten Band von George R. R. Martins Lied von Eis und Feuer und finde die strikt lineare Erzählweise mehr und mehr beschwerlich, je weiter ich zum Ende komme. Ich möchte von Literatur gefordert, nicht unterfordert werden. Wahrscheinlich wird aber die Masse der Leser durch nicht-lineare Erzählweise noch nicht genügend abgeholt.

Lasst uns darüber gerne im Forum oder hier unten in den Kommentaren diskutieren.

Ich kann Euch noch folgenden Podcast empfehlen, der zwar schon etwas älter ist, den ich aber nach wie vor aktuell finde:

https://www.drehbuchautoren.de/podcast/2012-11-18/innovatives-erzaehlen-in-der-modernen-tv-serie

Herzliche Grüße,
belmonte

Brief an die kreative Kumpanei – Serielles Schreiben

Liebe Freundinnen und Freunde der kreativen Kumpanei,

unser Brot & Kunst-Projekttag zum seriellen Schreiben am 12. Mai rückt näher, und ich würde Euch gerne einladen, Euch vorab Gedanken zu machen und Ideen zu sammeln.

Was wollen wir an dem Tag erreichen? Wie wollen wir als AutorInnen zusammenfinden? Wie schaffen wir es, als Einzelpersonen mit sehr individuellen Eigenheiten aufeinander zuzugehen und einander künstlerisch zuzuhören? Ich bin gespannt. Zumindest mir fiel das in der Vergangenheit nicht immer einfach.

Ich erfinde gerne Personen und denke mir zu ihnen kurze Storylines aus, sogenannte Loglines. Es gibt hierzu ziemlich gute Anleitungen in Netz, meistens an TV- und Filmdrehbuchschreiber gerichtet. 10 Tips for Writing Loglines oder How to write a logline finde ich sehr eingängig.

Daneben gibt es eine Reihe von gelungenen Podcasts, die sich mit Loglines beschäftigen. Ich habe zum Beispiel den Podcast It’s All About Your Loglines mit Felicity Wren und Max Timm mit Gewinn gehört. Hier werden sehr schön die vier wesentlichen Ziele einer Person in einer Geschichte erläutert, nämlich etwas wiederzufinden, etwas aufzuhalten, etwas zu erlangen oder etwas zu überwinden (0:31:45). Darüber hinaus erläutert Max Timm die von ihm verwendete Logline-Vorlage:

„When this happens to this type of character then this 2nd act adventure type of obstacle comes into play – and he or she is forced to deal with it – until – and then the until is kind of that either midpoint 2nd act or even low point at the end of the 2nd act twist, some kind of a complication, something changes now, we need to be going in a different direction.” (0:35:00)

Versucht es doch mal und schreibt ein paar Loglines in den Kommentar, und wir können daran bei unserem Projekttreffen arbeiten.

Ich werde für den Projekttag Flipcharts und genügend Post-its besorgen. Wir werden also ziemlich viel mit unseren Ideen um uns werfen. Ich freue mich sehr, dass es endlich losgeht.

Herzliche Grüße,
belmonte

Beispiele:

Nach einem Streit beschließt eine schüchterne Diplomatentochter, aus sich heraus zu gehen und sich gegen ihren herrschsüchtigen Vater aufzulehnen, und löst einen Atomkrieg aus.

Als seine Eltern nach dem tragischen Tod seines jüngeren Bruders allen Lebensmut verlieren, wächst ein grüblerischer Jugendlicher über sich hinaus und übernimmt Verantwortung für die Familie – bis er ein schreckliches Geheimnis entdeckt, dass ihm den Boden unter den Füßen entzieht.

Ein bosnischer Arzt zieht nach Wien und verliebt sich in einen hohen Beamten der Staatsverwaltung, der im Verdacht steht, eine Barsängerin umgebracht zu haben. Nach einer Woche ausschweifender Feiern und Liebesnächte verschwindet der Beamte urplötzlich. Kurz darauf wird der österreichische Thronfolger in Sarajevo erschossen.

Ein haltloser Jugendlicher, der die vergangenen Jahre in Erziehungsheimen verbracht hat, kommt nach Berlin und inspiriert mit seinen Litaneien eine Gruppe von Literaten zu einer ganz neuen Literatur. Er hält es nicht lange in Berlin aus und beginnt, wie ein zügelloses Pferd kreuz und quer über den Kontinent zu rasen. Einige, die ihn begleiten, gehen an ihm zugrunde.

(c) belmonte 2019

Brief an Alexander M. Neumann – Eine Spur aus dem Nichts

belmonte

Lieber Alexander,

ich wünsche Dir ein gutes neues Jahr.

Deine Antwort (siehe hier …) hat mir die Augen geöffnet, und erfreulicherweise haben wir uns beim Autorentreffen des Brot & Kunst Verlag in Haßloch kurz vor Jahresende schon früher wiedergetroffen.

A Notorious Maniac? Oder eher A Never Mind? Ob das Wirkliche im falschen Zeichen durchscheint? Ich bin mir nicht sicher. Ich weiß immer weniger, was dieses Wirkliche ist. Das, welches durchscheint? Das, dessen ich mir erst bewusst werde, wenn ich es verloren habe? Das verlorene Leben, nachdem es mich von dieser Welt fortgewischt hat? Das, was war, was ist, was sein wird, was alles zugleich waristwird?

Also uns verwischen? Was denn verwischen? Da ist doch nichts und ist doch nichts gewesen. Und wenn ich meine Haut einritze, spüre ich dann die Haut oder den Riss oder den Schmerz? Wer sagt mir, dass zumindest eines davon wirklich ist? Der Schmerz geht vorbei. Der Riss verheilt. Ist dann die Haut wieder unwirklich? Ist die Erinnerung an den Schmerz wirklich? Ich denke darüber nach und sehe nur den Schein hinter dem Schein und weiß noch nicht einmal, ob ich überhaupt sehe.

Schlag mir den Kopf ein, denn nur wenn Du das tust, erkennst Du an, dass ich einen Kopf habe. Töte mich, denn nur dann akzeptierst Du, dass ich ein wirkliches Leben war. Aber bald schwindet die Erinnerung, meine und Deine, dann verschwindet sogar der Schein dessen, was war. Kein Riss. Kein Schmerz. Und auch keine Haut mehr. Erase Your Face? Wenn da überhaupt jemals ein Face gewesen ist. Was ist denn das? Höchstens eine Abbildung des Ausradierten, das schon vorher nicht da war.

Ich habe immer mal wieder diese Nichts-Erfahrungen, habe darüber schon geschrieben (siehe hier …). Vielleicht ist darin eine Spur, die mich zu etwas führt – wenn ich bloß verstehe, dass dieses Etwas gar kein Etwas ist.

Vielen Dank für den Hinweis auf Atari Teenage Riot. Elektronische Musik back to the riots.

Herzliche Grüße,
belmonte

Brief an ANM – Über die Anwesenheit in der Abwesenheit

belmonte

Lieber ANM,

bitte entschuldige, dass meine Antwort auf Deine Entgegnung so lange auf sich hat warten lassen. Ich bin dennoch hocherfreut, auf diesem Wege einen Anhänger der Beat Literature kennenzulernen. Ich bin nicht nur selbst ein großer Fan von Kerouac, Ginsburg, Cassady usf. Auf unserem Blog haben wir auch eine ganze Reihe von Kerouac-Büchern besprochen (z. B. hier und hier und hier). Allerdings gehe ich davon aus, dass On the Road oder Howl heutzutage komplett digital entstanden und publiziert worden wären. Cassadys und Kerouacs Briefe wären heute ellenlange Blogposts.

Für mich sind Anwesenheit und Abwesenheit keine Gegensätze. Ich kann nicht anwesend sein, ohne Abwesenheit mitzudenken und umgekehrt. Kerouacs Fahrten (und Bücher) waren eine ständige Suche nach Anwesenheit in der Abwesenheit der dunklen Nacht mit nichts als roten Rücklichtern vor Augen. Aus meiner Sicht wurde hier Digitalität im Analogen bereits vorgefühlt.

Ich möchte Dich gerne näher kennenlernen und tatsächlich an einen Tisch mit Stühlen umsteigen oder in einem Café über wer weiß welche Themen sprechen. Ich weiß nur einfach nicht, wo Du bist. Und immerhin haben wir uns hier über diesen Blog kennengelernt und Du hast nicht gewartet, bis wir uns bei einem Autorentreffen oder einer gemeinsamen Lesung von Brot & Kunst persönlich begegnen. Digitale Briefkultur funktioniert also wunderbar.

An der Briefkultur gefällt mir sehr das Auf-den-Anderen-Eingehen. Im Briefschreiben stelle ich mir den Anderen in seiner Abwesenheit vor und bringe ihn dadurch in Anwesenheit. Es ist wie eine geplante Ankunft, die im Lesen meines Briefes auf sich warten lässt, eine Ankunft, der ich durch meinen Brief bereits vorgreife, die ich geradezu vorwegnehme. Ich entwerfe förmlich Deine Anwesenheit. Meine Vermutung ist, dass sich das auch in digitaler Briefkultur erfahren lässt.

Wir beide kennen uns persönlich gar nicht, und tatsächlich kann ich in Deiner digitalen Antwort keinen Geruch wahrnehmen. Und dennoch gelingt es mir, Dich in meiner Antwort in vorläufige Anwesenheit zu bringen. Womöglich ist diese Anwesenheit, da sie durch kein Papier vermittelt ist, noch viel dringlicher, noch viel intensiver, da mich die digitale Leere noch mehr auffordert, Dich als eine Persönlichkeit in Anrede zu stellen. Nichts spricht gegen Theke und Kopfsteinpflaster. Ich denke nur nicht, dass das Digitale unpoetisch und leblos ist. In seiner Kälte fordert das Digitale die Poesie womöglich noch viel mehr ein.

Herzliche Grüße,
belmonte

Brief an meine Freundinnen und Freunde der KAMINA-Gruppe und der kreativen Kumpanei – Über Autorenschreibtipps

belmonte

Liebe Freundinnen und Freunde der KAMINA-Gruppe und der kreativen Kumpanei,

ich lese in meinem Blogreader immer mal wieder Tipps für Autoren, wie ein Buch noch spannender geschrieben werden könne, und habe den Eindruck, dass hier vor allem Krimi- und Spannungsautoren adressiert werden (Beispiel). „Show, don’t tell!“, wie es so schön heißt.

Wer sich strikt nach solchen Tipps richtet, schreibt aus meiner Sicht Eintagsfliegen, die spätestens beim zweiten Lesen langweilig werden. Alessandro Manzonis Promessi sposi sind beispielsweise viel mehr als einfach nur spannend, sie sind tief, erschütternd, episch, ich wüsste nicht, dass es für solch ein Schreiben Tipps gäbe. Zumindest wäre da zu sagen: „Show – and also tell!“

Auf jeden Fall muss ein Buch, damit es mir dauerhaft gefällt, eine Stimmung in mir erzeugen, die ich angenehm finde, vor allem im Erinnerungsprozess an das gelesene Buch.

Ich möchte auch mal wieder mit mehreren Leuten ein Buch lesen und es auf langen Spaziergängen diskutieren. Ist das aus der Zeit gefallen?

Herzliche Grüße,
belmonte

Brief an Michaela – Über digitale Briefkultur

belmonte

Liebe Michaela,

vielen Dank für Deine Antwort auf meine Auslassungen über digitale Briefkultur.

Du hast genau das gemacht, was ich erhofft habe, und hast als mein Peer (nämlich meine Dichterkollegin) meinen Brief einem Review unterzogen, hast meine Gedanken und hast mich als den Anderen ernstgenommen, hast Dir Zeit genommen und meine Überlegungen an Deinen eigenen Erfahrungen reflektiert, Deiner Antwort die nötige Tiefe und mir die Möglichkeit des mehrfachen, vertiefenden Lesens gegeben. Wer weiß, wie lange dieses Experiment einer digitalen Briefkultur andauert, aber ein hoffnungsvoller Anfang ist gemacht.

Mir kommt vieles aus Deinem Brief sehr bekannt vor. Die Masse der Gedanken überflutet Deine Notizbücher? Das kenne ich nur zu gut. Mit unserem vnicornis-Blog habe ich zumindest die Möglichkeit gefunden, einige Gedanken aus der Flut wie mit einem Kescher herauszufischen, aufzuschneiden und zu säubern und auf unserem Blog zum Verzehr anzubieten. Bei meinen Überlegungen zur digitalen Briefkultur bin ich mir allerdings nicht sicher, ob es sich nicht etwa um Fisch aus der Zuchtanlage handelt.

Ich habe früher sehr viele Briefe geschrieben. Dann kam das Internet, E-Mail, Chats, Foren, Blogs, Social Media, Streaming. Und natürlich habe ich jede Stufe der Digitalisierung mit offenen Armen angenommen. Auf einmal war das Briefeschreiben wie weggewischt.

Den einzigen Schritt in der Digitalisierung, den ich – ganz bewusst – nicht mitgemacht habe, sind die Messenger-Systeme. Den Facebook-Messenger hatte ich weniger als 24 Stunden auf meinem Gerät. Womöglich war das genau der Punkt, an dem ich innegehalten und mir gesagt habe: Moment mal, was machst Du hier eigentlich? Übergibst Du wirklich Dein Schreiben dem Fleischwolf und heraus kommt nur noch Hackepetersprache?

Die Digitalisierung ist ein Fakt. Ich sehe viele ihrer Risiken, immer noch überwiegen für mich aber ihre Chancen. Dennoch möchte ich mich nicht damit abfinden, dass Dinge, die mir einmal wichtig waren und deren Wert ich nach wie vor schätze, einfach so verschwinden, obwohl sie aus meiner Sicht auch für die Zukunft einigen Wert bereitzuhalten im Stande sind.

Die strukturelle Analogie zwischen Briefkultur und wissenschaftlichem Peer-Review bietet eine Chance, Briefkultur in digitaler Form nicht bloß zu erhalten sondern neu auszuprobieren, nämlich Briefeschreiben und digitale Kommunikation miteinander zu verbinden als ein freundschaftliches, wohlwollendes und wertschätzendes gegenseitiges Erörtern und Abwägen – in der Öffentlichkeit des Internets, als Einladung auch an Dritte, in diese offene Form der digitalen Briefkultur einzusteigen.

Und wenn man in die Wissenschaftsgeschichte blickt, sind die ersten Formen dessen, was wir heute Peer-Review nennen, nichts anderes als eben Briefe. Demnach deutet sich die Analogie bereits im Ursprung an.

Vielleicht kommen wir ja über eine digitale Briefkultur auch wieder in Kontakt mit „alten, fast vergessenen Bekannten“. Dann bliebe auch dieses Phänomen des Nach-langer-Zeit-wieder-in Kontakt-Kommens nicht nur eine Domäne von Facebook und Co.

Sei herzlich gegrüßt,
belmonte

Brief aus Italien an meine Freundinnen und Freunde der KAMINA-Gruppe und der kreativen Kumpanei – Über digitale Briefkultur

belmonte

Liebe Freundinnen und Freunde der KAMINA-Gruppe und der kreativen Kumpanei,

Urlaubszeit ist für mich Zeit des Lesens, Zeit des etwas ungezwungeneren Nachdenkens und losen Niederschreibens. Ich bringe aus meinen Urlauben meistens eine recht umfangreiche Zahl an beschriebenen Blättern zurück, die manchmal mehr, manchmal weniger schlüssige Gedanken enthalten.

Ein Thema, das mich schon seit längerem, auch durch die wiederkehrende Lektüre von Schriftstellerbriefwechseln, umtreibt, ist der Niedergang der Briefkultur in den vergangenen zwanzig Jahren. Ich würde daher gerne ein paar Gedanken hierzu mit Euch teilen.

Die schriftliche Kommunikation unter Freunden hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren von (a) Handschrift über (b) E-Mail in (c) die sozialen Medien verlagert. Dieser Übergang ist, soweit ich das überblicken kann, beinahe vollständig. Es gibt zwischen Freunden praktisch keine handschriftliche Briefkommunikation mehr, und selbst E-Mail-Kommunikation hat den Stil sozialer Medien angenommen, so dass E-Mails nicht einmal mehr als digitale Briefe im überkommenen Sinne gehandhabt werden.

Kurz gesagt: Die Digitalisierung hat massive – und zwar destruktive – Auswirkungen auf die Briefkultur, wie ich sie kennengelernt habe.

Aus meiner Sicht zeichnet sich die Kommunikation in sozialen Medien und Messenger-Systemen durch Kürze, Unmittelbarkeit, Rasanz und ein erhöhtes Maß an Unreflektiertheit und Ressentiment aus. Tatsächlich beobachte ich in Messenger-Freundesgruppen eine Verlagerung zur Mündlichkeit, mangelnde Mimik wird durch Emojis (vor allem Gesichter) ersetzt. Ist es sinnvoll, ein Jahr Konversation in einer Messenger-Freundesgruppe zu konservieren? Womöglich als ein Buch zu drucken? Wer wählte aus? Wer editierte? Gut möglich, dass ausgewählte Passagen hohen diskursiven Wert haben, aber nach welchen Kriterien wäre der Füllkram zu entfernen? Und manch einem fehlte gerade jener Füllkram.

Nur am Rande: Wenn wir alle irgendwann einmal weltbekannte Autorinnen und Dichter geworden sind, woher nehmen dann die Verlage unsere schriftliche Kommunikation, um sie der interessierten Nachwelt öffentlich zu machen. Die Nachwelt hat doch ein Anrecht darauf, die schriftliche Kommunikation zwischen Katharina Dück und Elena Kisel der vergangenen Jahre nachzulesen. Wo liegen diese schriftlichen Schätze?

Ich stelle mir die Frage, wie sich Briefkultur und digitale Kultur verbinden lassen, ohne einem abwehrenden „Zurück zum alten Schreiben“ zu verfallen? Wie lässt sich Schriftlichkeit in Freundeskommunikation mit all den über zweitausend Jahren erlernten Fähigkeiten und Erfahrungen in digitale Schriftlichkeit überführen? Wie lassen sich Reflexivität, Offenheit, Diskursivität, schriftliche Objektivität („Ich bringe etwas zu Papier.“) in der digitalen Schriftlichkeit neu verankern, neu erproben, neu leben?

An dieser Stelle erscheint mir ein Blick in die Wissenschaftskommunikation wertvoll, insbesondere in die Begutachtungsweise des so genannten Peer-Reviews. Mag dessen Zweck auch ein anderer sein (Qualitätssicherung wissenschaftlicher Artikel durch Kollegen, Prüfung auf Aktualität, Originalität, Validität, Plausibilität), gibt es doch eine doppelte Analogie: Freunde lassen sich strukturell als Peers (Gleichrangige, Genossen) betrachten, und die Lektüre und das Beantworten von Briefen kann (mit gebotener Einschränkung) als Review verstanden werden. Wenn also die Anonymität und der Zweck der Qualitätssicherung abgeschwächt werden und das Peer-Review in eine im Prinzip endlose Kommunikationskette umgewandelt wird, so ließen sich alle Vorzüge des digitalen Peer-Reviews auf modernes digitales Briefeschreiben unter Freunden übertragen:

  • Den Adressaten als gleichberechtigtes Du ansprechen, den Anderen als Du ernstnehmen und auf seine Belange eingehen
  • Komplexe Gedanken entwickeln und weiterentwickeln in der nötigen Tiefe und dem nötigen textlichen Raum
  • Diskursivität, Reflexivität und Nachhaltigkeit der Kommunikation
  • Möglichkeit einer erneuten, vertiefenden Lektüre
  • Vertrauensvolles Teilen
  • Dem Anderen wertschätzende Zeit einräumen
  • Missverständliche Kürze (Kürze um jeden Preis) vermeiden

Wie wäre es daher, wenn wir eine offene digitale Briefkultur ausprobieren nach Art eines offenen Peer-Reviews? Wie wäre es, wenn wir in dieser Kommunikation Abstand nehmen von Facebook, Twitter, Instagram und Messenger-Apps? Wie wäre es, wenn wir stattdessen auf Blogsysteme umsteigen wie zum Beispiel WordPress oder Blogspot oder ganz normale HTML-Seiten?

Ich bin gespannt, ob sich in einer solchen offenen digitalen Briefkultur die Intimität handschriftlicher Briefe aufrechterhalten lässt. Wie denkt Ihr darüber?

Herzliche Grüße,
belmonte

Brief aus Speyer

valentino

Was wird in tausend Jahren von uns übrig geblieben sein? Nicht viel, wie ich meine: Digitale Datenträger werden weitgehend unbrauchbar, Papier wird zu Staub zerfallen sein. Bis auf wenige Ausnahmen verschwanden auch die Codices, Faltbücher aus Rindenpapier, der mesoamerikanischen Maya – zur Zeit der Konquistadoren ließ der Franziskaner Diego de Landa sie verbrennen, weil sie in seinen Augen heidnisch waren.

Heute ist die Schrift der Maya größtenteils wieder entziffert. Die Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz in Speyer zeigt unter anderem Fragmente von Maya-Inschriften auf Stelen, Türstürzen und Wandtafeln aus ihrer Blütezeit, der sogenannten späten Klassik circa von 600 bis 900 nach Christus. Aus dieser Zeit hinterließen die Maya der Nachwelt auch monumentale Steinbauten.

Vor einer grauen Wand ragen am Horizont verschieden gestaltete Betonklötze in den Himmel. Ich schaue an einem Aprilvormittag aus dem Busfenster. Felder, Strommasten und Bahngleise rauschen vorbei. Hinter Hildesheim wird die Landschaft interessanter: baumbestandene Hügel, zwischen denen hier und da weiße Kästchen mit roten Mützen kleben. Manchmal stehen Höfe, Scheunen und Hochsitze an den Wegesrändern. Ankunft abends in Speyer.

Am nächsten Morgen entdecke ich im Kulturhof Flachsgasse die Winkeldruckerey, eine Werkstatt mit interessanten druckgrafischen Arbeiten: Unter anderem gibt es eine Grafik mit dem Titel „Die Rheintöchter“. Die Konturen der Töchter entdecke ich erst auf den zweiten Blick. Sie durchscheinen malerische Pflanzenelemente auf der Wasseroberfläche. Danach besuche ich den im romanischen Stil aus Sandsteinquadern errichteten Dom.

Speyerer Dom / Foto: Valentino

Nach Überquerung des Domplatzes betrete ich die Ausstellungsräume des Museums und tauche in den Lebensraum der Maya ein: Ein mit Rock und Lendenschurz bekleideter Mann imitiert vor einer Regenwald-Kulisse die Lauerstellung einer Wildkatze auf der Pirsch. Die überlebensgroße Skulptur besitzt die Merkmale eines Jaguars: die typische Form der Ohren sowie die Nasen- und Mundpartie der Maske mit Fangzähnen. Das faszinierende Objekt aus der Frühklassik stellt auf geheimnisvolle Weise die Verschmelzung des Menschen mit seiner Umwelt dar.

Skulptur eines Mannes mit Jaguargott-Maske / Foto: Valentino

Detail eines Stelenfragments, das einen Königskopf als gefiederte Schlange darstellt / Foto: Valentino

Die Schreiber der Maya verwendeten Muscheln als Tintenfässchen. Sie sind in Glasvitrinen der nächsten Station zu bewundern. Ein ausgeklügelter Kalender bestimmte den Lebensrhythmus der Maya. Davon zeugt der Dresdner Codex, eine der drei erhaltenen Handschriften. Die Ausstellung zeigt eine Kopie desselben.

Danach wird es konkret: Am Beispiel des südyukatekischen Uxul rekonstruiert ein Film das Alltagsleben seiner Bewohner, bevor sie die Stadt circa 700 nach Christus verließen. Eine Karte auf dem Boden lädt per Tablet zu einem interaktiven Rundgang durch die digital rekonstruierte Stadt ein.

Als Grabbeigabe entdeckte, einzigartige kleine Keramikfiguren zeigen einen königlichen Hofstaat der späten Klassik: Neben Königspaar und Dienern bewohnten unter anderem auch Schreiber, Musikanten und Hofzwerge den Palast.

Figurinen boxender Zwerge des „Königlichen Hofstaates“ / Foto: Valentino

Ihre hohe Kunstfertigkeit bewiesen die Maya ebenso bei der Gestaltung von Weihrauchgefäßen.

Weihrauchgefäß im Teotihuacan-Stil: In einer Art Bühne steht eine menschliche Figur, die einen großen Ohr- sowie Halsschmuck und einen T-förmigen Nasenanhänger trägt / Foto: Valentino

Weihrauchgefäß als sitzende Figur mit Pflanzen in den Händen / Foto: Valentino

Auch gibt es zahlreiche kunstvolle Keramikgefäße mit Tierköpfen zu bestaunen sowie ein Trinkgefäß mit der Darstellung des Maisgottes.

Kakaogefäß mit Maisgott, der einen aufwendigen Kopfputz trägt und mit einem Zwerg tanzt / Foto: Valentino

Die Wandmalereien von Bonampak unterstreichen auf eindrucksvolle Weise die rituelle Bedeutung des Tanzes für die Maya. Die Fresken stellen Tänzer und Musiker mit Kürbisrasseln, Trommeln aus Schildkrötenpanzern und Trompeten dar. Aus Tikal, einem der Machtzentren der klassischen Maya, ist sogar ein mit Schnitzereien verzierter hölzerner Türsturz erhalten. Tikal habe ich auf meiner ersten Reise nach Guatemala besucht. Damals war ich ziemlich überwältigt vom Ambiente – die Stadt liegt mitten im Regenwald – und von der Größe. Ich hätte gut und gern zwei Tage dort verbringen können, um den Komplex vollständig zu besichtigen.

So ähnlich ging es mir auch in der Speyerer Ausstellung. Allerdings fand ich die durchgehend weiße Schrift auf dem schwarzem Grund der Wandtexte und die teilweise redundanten Informationen etwas ermüdend. Nichtsdestotrotz lohnt sich ein Besuch in jedem Fall – nicht nur wegen der beeindruckenden Exponate und der spannenden interaktiven Installationen sondern auch, weil sie den Besucher auf den neuesten Forschungsstand bringt. Beim Eintritt erhält man übrigens einen Audioguide, und für Kinder gibt es tolle Mitmachstationen.

Die klassischen Maya waren bereits kurz nach ihrer Blütezeit dem Untergang geweiht. Ständige Kriege, insbesondere zwischen zwei Stadtstaaten im Tiefland, stellten schließlich ein Ungleichgewicht zwischen den Machtzentren her: Die siegreiche Königsstadt vermochte es nicht, die Vasallenstaaten des besiegten Konkurrenten zu übernehmen. Im Zuge eines Prozesses der Balkanisierung in Verbindung mit ökologischen Faktoren wurden die Städte aufgegeben.

Zwar gab es in der Postklassik noch einmal ein Aufblühen der Maya-Kultur im Norden der Halbinsel Yukatan. Allerdings war das Gottkönigtum vorbei und der Einfluss jener Stämme bereits so groß, die aus Zentralmexiko eingedrungen waren, dass es zu einer Vermischung der Stile kam. Eine Stele im letzten Raum zeigt exemplarisch, wie die Maya fremde Einflüsse in ihre Kultur integriert haben. So sieht man auf dem Relief typische Maya-Figuren neben solchen, die keine deformierten Schädel haben, wie es dem Schönheitsideal der Maya entsprach. Auch ist die Stele, anders als es in der Klassik üblich war, in Register unterteilt, und Maya-Schriftzeichen stehen neben mexikanischen Zeichen.

Neben dem herausragenden künstlerischen Schaffen der Maya beleuchtet die Ausstellung auch das Alltagsleben der Menschen. Der Besucher bekommt einen Eindruck davon, wie das Leben in den Städten organisiert war und welcher Aufwand betrieben wurde, um die städtische Bevölkerung mit Wasser und Nahrung zu versorgen. Darüber hinaus wirft die Ausstellung auch aktuelle Fragen über unser globales Handeln auf. Inwieweit könnte unserer globalen Gesellschaft ein ähnliches Schicksal wie den Maya in ihrem begrenzten Lebensraum durch Raubbau an der Natur, Ausbeutung von Arbeitskräften, Revolten oder Kriege drohen?

Die nächste große kunst- und kulturhistorische Ausstellung widmet das Historische Museum der Pfalz vom 17. September 2017 bis zum 15. April 2018 dem Leben und Wirken des englischen Königs Richard Löwenherz, der ganz in der Nähe auf Burg Trifels gefangen gehalten wurde.

(c) valentino 2017

„MAYA – Das Rätsel der Königsstädte“. Sonderausstellung im Historischen Museum der Pfalz Speyer 2016/2017.

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Brief aus London, Baltimore, Virginia und Washington, DC | 2

Fortsetzung (zurück zu Teil 1)

belmonte

Motel in Waynesboro, VA

Motel in Waynesboro, VA / Foto: belmonte

Ich quartiere mich in einem Motel in Waynesboro ein, sehr freundliche Leute. Ohnehin scheint es mir, der ich selten über New York herausgekommen bin, dass die Leute hier noch auffälliger und breiter freundlich sind, als ich es aus New York gewohnt bin.

Waynesboro, VA

Waynesboro, VA / Foto: belmonte

Nachdem ich mich etwas ausgeruht habe, jogge ich durch den Ort, vorbei an Häusern mit Veranda und Auffahrt und Hunden und Kindern und langsam fahrenden SUVs.

Überall stehen Kirchen von Evangelikalen der letzten sieben Tage, Baptisten und anderen Pfingstgemeinden. Ich möchte nicht wissen, was die von meinen knallroten Joggingschuhen denken (wahrscheinlich nichts). Aus dem Walmart besorge ich mir Bier, Obst und Cranberrysaft.

Broad Street, Waynesboro, VA

Broad Street, Waynesboro, VA / Foto: belmonte

Die Nacht ist noch schlimmer als die Nacht zuvor. Ich kann kaum liegen, weder gestreckt noch gekrümmt, und habe Angst. Immer wieder stehe ich auf, aber ich zittere am ganzen Körper. Irgendwie komme ich durch, ich weiß nicht wie.

Shenandoah National Park im Morgenlicht

Shenandoah National Park im Morgenlicht / Foto: belmonte

Früh am Morgen frühstücke ich in der Lobby Rührei, Waffel mit Ahornsirup, Joghurt, Kaffee. Um halb acht mache ich mich auf den Weg, fahre zum Skydrive hoch und dann bei gemütlichen 35 mph in knapp vier Stunden nach Front Royal. Ich mache zahlreiche Pausen, steige immer wieder aus und mache Fotos und habe den Eindruck, dass ich immer dann Fotos mache, wenn ich bekannte Motive sehe, weite Hügel hinter Hügeln und Hügeln im bläulichen, nebligen Licht. Ich bin fast allein unterwegs, sehe zahlreiche Tiere, Rehe auf der Straße, ganz zutraulich, überall Eichhörnchen. Der Blick ins Shenandoah Valley ist herrlich. Dahinter erstreckt sich der lange Massanutten-Bergrücken und weiter hinten die westlichen Alleghany Mountains.

Shenandoah Skydrive Blick auf den Massanutten Mountain

Shenandoah Skydrive Blick auf den Massanutten Mountain / Foto: belmonte

Ich singe beim Fahren, obwohl mir alles wehtut.

Das Radio hält mich wach. Ich finde es bemerkenswert, wie die Radiomoderatoren während der Gesprächsprogramme zwischendurch Werbung für irgendwelche Angebote in Harrisonburg oder wo auch immer aufsagen.

Hügel hinter Hügeln hinter Hügeln

Hügel hinter Hügeln hinter Hügeln / Foto: belmonte

Ich höre eine Wiederholung der Anhörung der beiden Direktoren von FBI und NSA Comey und Rogers vorm Geheimdienstausschuss. So wenig aufschlussreich die beiden auch antworten, überzeugt mich doch die aggressive und kühle Art ihrer Befragung davon, dass dieses Land womöglich doch weniger gefährdet ist, als es von außen den Anschein hat.

Shenandoah Valley und River

Shenandoah Valley und River / Foto: belmonte

Am Vortag ist Trumps Versuch der Abschaffung von Obamacare kläglich gescheitert. So einfach kann er eben doch nicht durchregieren.

Capitol, Washington, DC

Capitol, Washington, DC / Foto: belmonte

Von Front Royal aus nehme ich die 66 nach Washington DC, parke auf der Independence Avenue und erlaufe mir die gesamte National Mall, gehe am Capitol bis zur Sperre (wenn ich bedenke, dass hier vor zwei Monaten der Schwachkopf vereidigt wurde, wird mir ganz anders), dann hinüber zum Washington Monument, vorbei an allen Monumentalbauten und Museen. Bei Temperaturen um die 25 Grad ist es hier viel wärmer als in den Bergen, wo vereinzelt noch Schnee lag.

Washington Monument, Washington, DC

Washington Monument, Washington, DC / Foto: belmonte

Es sind sehr viele Pilger unterwegs. Ich habe das Gefühl, dass sich nach Delhi und Peking der Kreis schließt und ich jetzt gehen kann.

Ich fahre hinterm Capitol an der Library of Congress und dem Supreme Court vorbei, dann weiter in nördlicher Richtung. Die Fahrt zurück nach Baltimore ist erstaunlich kurz. Nachdem ich das Auto abgegeben habe, fahre mit dem Shuttlebus zum Terminal, checke ein und schreibe diese Zeilen.

Wie bereits vor drei Jahren habe ich den Eindruck, einen historischen Roadtrip hinter mir zu haben, damals Thoreau am Walden Pond, jetzt Jefferson in Monticello. Vielleicht wäre ich auch ein Amerikaner geworden.

(c) belmonte 2017

Brief aus London, Baltimore, Virginia und Washington, DC | 1

belmonte

Am Sonntag treffen wir uns mit * bei der Pulse-of-Europe-Demonstration auf dem Universitätsplatz in Heidelberg.

Ich finde die Initiative immer noch gut, lese aber in der Woche drauf, dass sich deutsche und polnische Nazis vereinen.

Wenn die europäischen Nazis erst Europa zu ihrem vereinten Ziel erheben, ist es mit der Europaidee vorbei.

Am nächsten Morgen fliege ich früh nach London, diskutiere drei Tage mit Bibliothekaren aus aller Welt. Es ist sehr anregend. Ich spreche ohne viel Gehampel und Verhaspeln.

Am Mittwoch nehme ich kurz vor dem Anschlag auf der Westminster-Brücke die Tube nach Heathrow und fliege nach Baltimore zur ACRL.

New York City aus der Luft

New York City aus der Luft / Foto: belmonte

Während des Fluges sehe ich den Film Arrival, der mich an einigen Stellen sehr bewegt. Es ist eine brillante Vorstellung kompletter Andersartigkeit von Sprache und Zeit. Max Richters Musik ist überwältigend.

Ich fliege über den Hudson River, sehe Manhattan und alle Brücken bei strahlend blauem Himmel. Fünf Minuten später taucht Philadelphia ganz klein unter mir auf.

Oriole Park at Camden Yards, Baltimore, MD

Oriole Park at Camden Yards, Baltimore, MD / Foto: belmonte

In Baltimore fahre ich zum Hotel. Vom Zimmer aus sehe ich auf das Baseballstadion Oriole Park at Camden Yards. Es wird dunkel.

Am Morgen stehe ich früh auf, frühstücke, bereite meinen Vortrag vor und gehe zum Convention Center hinüber, einem riesigen Zweckbau, und treffe * bei einer Round Table Discussion.

Inner Harbor, Baltimore, MD

Inner Harbor, Baltimore, MD / Foto: belmonte

Um wenigstens etwas von Baltimore gesehen zu haben, vertrete ich mir zu Mittag die Beine am Inner Harbor.

Der Panel Talk am frühen Nachmittag ist sehr gut besucht, Leute von * und * und weiteren klingenden Namen. Ich spreche dreißig Minuten über * und fühle mich sehr sicher, kann alle Fragen beantworten und hinlänglich argumentieren. Da und dort gehen Daumen nach oben. Ich spüre, dass ich Begeisterung in der Stimme habe. Häufig dehne ich das Wort v e r y sehr lang. Die Veranstaltung schließt mit Diskussion und Smalltalk.

Am späten Nachmittag begegne ich * an der Hotelbar. Wir finden heraus, dass wir beide vor vielen Jahren nach Paris getrampt sind.

Abends nimmt mich * mit ein paar Leuten ins Hafenrestaurant Oyster House mit. Es riecht nach Fisch, die Kellnerin ist redselig und die Austern schmecken vorzüglich.

Die Nacht ist schlimm. Mir ist eiskalt. Im Halbschlaf brüllt mich jemand von der Seite an, ich habe Angst, aber da ist niemand.

Monticello, Charlottesville, VA

Monticello, Charlottesville, VA / Foto: belmonte

Am Morgen leihe ich ein Auto und fahre über die Interstate 70 nach Mt. Airy, frühstücke dort, fahre weiter über Frederick nach Hagerstown, von dort nach Süden auf die 81, überquere den Potomac, vorbei an Winchester, Strasburg, Harrisonburg und Staunton. Bürgerkriegsstätten. Überall hängen noch Trump-Pence-Wahlplakate.

Thomas Jeffersons Grab auf Monticello, Charlottesville, VA

Thomas Jeffersons Grab auf Monticello, Charlottesville, VA / Foto: belmonte

Ich fahre weiter auf der 64 nach Charlottesville, durchquere die Stadt mit ihrer Universität und verbringe drei Stunden etwas außerhalb auf Jeffersons Monticello-Anlage mit Führung, Rundgang durch die Gärten und Mittagessen.

Die Atmosphäre ist mediterran, das Gebäude beeindruckend. Thomas Jefferson erinnert mich an Fürst Bolkonski, Andréjs Vater aus Tolstois Krieg und Frieden. Jeffersons Erklärung, dass alle Menschen gleich geschaffen seien, steht in harschem Widerspruch zu den zahlreichen versklavten Arbeitern auf seiner Plantage. Für mich wird es dennoch – ich weiß es jetzt schon – ein wichtiger Erinnerungsort bleiben.

Weiter zu Teil 2

(c) belmonte 2017

Brief aus Klütz

valentino

An einem heißen Spätsommertag fahre ich mit dem Fahrrad durch eine wellige Landschaft mit frisch gemähten Feldern und Einsprengseln aus Bauernhäusern, Kirchturmspitzen und Bäumen. Gegen Mittag erreiche ich das beschauliche Städtchen Klütz an der mecklenburgischen Ostseeküste. Uwe-Johnson-Lesern ist der Ort als Vorbild für das fiktive Jerichow aus dem Werk des Schriftstellers bekannt. Das Uwe-Johnson-Literaturhaus befindet sich im ehemaligen Getreidespeicher nahe dem Marktplatz bei der gotischen Kirche St. Marien.

Das Uwe-Johnson-Literaturhaus

Das Uwe-Johnson-Literaturhaus im ehemaligen Speicher im Thurow / Foto: Valentino

Jerichow ist die Heimatstadt Gesine Cresspahls, der Protagonistin in Johnsons vierbändigem Hauptwerk „Jahrestage“. Die 34-jährige Bankangestellte zieht 1968 mit ihrer zehnjährigen Tochter Marie von der mecklenburgischen Provinz nach New York. Dort wohnt sie in Manhattan, 243 Riverside Drive, am Ufer des Hudson River. Auch in New York ist Jerichow immer gegenwärtig. So erinnert sie zum Beispiel ein Fries aus weißem Sandstein an der Hausfassade an das mecklenburgische Wappen: Es stellt einen Ochsenkopf als Denkmal für die Pueblo-Indianer dar. Die Perspektive aus der Ferne öffnet Gesines Erinnerung an Jerichow. Dabei bietet New York als Mikrokosmos eine geeignete Projektionsfläche:

„Wenn ich den Roman ein Modell, die Möglichkeit eines Modells genannt habe, oder ein System, so meine ich damit nicht großmächtige soziologische Wissenschaft, sondern im Grunde ganz gewöhnliche Dinge: Eine kleine Stadt kann für viele kleine Städte stehen, selbst wenn sie erfunden ist; sie könnte möglich sein; so könnte es gewesen sein. Es ist das Gleiche, wie wenn es sich um eine große Stadt handelt, die es wirklich gibt, z.B. New York. Auch da handelt es sich dann um den Versuch, eine Wirklichkeit, die vergangen ist, wiederherzustellen. Und das heißt nicht etwa, eine Wirklichkeit in allen ihren Beziehungen zusammengefasst noch einmal möglich zu machen.“ (Uwe Johnson im Gespräch mit Christoph Schmid am 29.7.1971 in West-Berlin. In: „Ich überlege mir die Geschichte“, hrsg. v. E. Fahlke, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main.)

Die Station „Mit Zeitungen erzählen“

Die Station „Mit Zeitungen erzählen“ auf der zweiten Ausstellungsebene / Foto: Valentino

Johnson lebte selbst zwei Jahre in besagter New Yorker Wohnung an der Upper Westside, nachdem er die „Gruppe 47“ (siehe auch Belmontes Artikel zur „Gruppe 47“) verlassen hatte. Er erzählt Gesines Lebensgeschichte nüchtern, dokumentarisch und bindet diese durch Zeitungsartikel-Transkripte, vor allem aus der „New York Times“, in einen zeitgeschichtlichen Kontext. Über Johnsons Arbeitsweise informiert die Station „Mit Zeitungen erzählen“ auf der zweiten Ausstellungsebene des Literaturhauses. Die erste Ebene widmet sich seiner Biografie.

Mit ihren Video- und Audiostationen vermittelt die Dauerausstellung abwechslungsreich und informativ zahlreiche Facetten aus Leben und Werk des Schriftstellers. Auch die Rolle, welche die mecklenburgische Landschaft in Johnsons Romanen spielt, wird sichtbar: So gibt es neben Textausschnitten der Werke des Autors, Klapptafeln und Textrolatoren auch Kurzfilme und Bilder. Für das kommende Jahr ist ein Audioguide geplant.

Über die museale Darstellung hinaus bietet das Literaturhaus auch ein vielfältiges, literarisch-kulturelles Programm. So finden beispielsweise regelmäßige Lesungen mit zeitgenössischen Autoren statt, zuletzt zum Beispiel mit Christoph Hein.

Ich habe jedenfalls große Lust bekommen, mich noch einmal mit Johnsons Werk zu beschäftigen, nachdem ich bereits die „Mutmaßungen über Jakob“, die „Skizze eines Verunglückten“ sowie „Karsch, und andere Prosa“ gelesen habe. Vor den „Jahrestagen“ bietet es sich allerdings an, einen Blick in das übrige Werk, das heißt all jene Romane, Erzählungen und Vorlesungen zu werfen, die das Hauptwerk umranken und in denen Figuren und Orte eingeführt werden. Johnsons nüchterner Stil, seine spröde Erzählweise und die narrative Komplexität seines Werkes fordern den Leser. So wechselt bereits in den „Mutmaßungen“ ständig die Perspektive zwischen auktorialem Erzähler und Mehrstimmigkeit. Belohnt wird man mit einer präzisen Sprache.

Wer mag, schlendert im Anschluss an den Besuch des Literaturhauses noch durch die barocke Parkanlage von Schloss Bothmer. Dort ist unter anderem der ringförmige Weiher mit seinen Seerosen eine wundervolle Insel der Erholung.

Landschaft bei Klütz

Landschaft bei Klütz / Foto: Valentino

(c) valentino 2016

Brief aus Mailand | 4

belmonte

brief aus mailand

4

mailand im april 2015
osterfeiertage
wohnung in der via torino
frühlingswetter
ein bisschen regen am ostersonntag

ich besuche die ausstellung arte lombarda dai visconti agli sforza im palazzo reale
drei jahrhunderte mailänder kunstgeschichte
dargestellt am leitfaden der beiden bedeutenden herrscherdynastien

zahlreiche gemälde
statuen
handschriften mit miniaturen
reliefs und reliquiarien

die ausstellung ist eine neuauflage einer ähnlich gelagerten schau von 1958
in der sich die stadt nach dem krieg und den zerstörungen wieder neu verortet hatte
womöglich ist das heute erneut notwendig

wunderschön finde ich das leuchtende gemälde madonna del roseto von michelino da besozzo (oder stefano di giovanni)
das bild ist auf jedem titelbild der ausstellung zu sehen
die madonna sitzt mit dem kind in einem umzäunten rosengarten
unterhalb sitzt die heilige katharina von alexandrien
alles ist ausgefüllt mit paradiesischen rosenblüten und rosenblättern
kleine engelsgruppen bewegen sich hier und dort
fasane sitzen auf der umzäunung

madonna del roseto

Madonna del roseto, ca. 1420-1435, Museo di Castelvecchio, Verona

in seinem goldenen leuchten und der rosenornamentik erinnert das gemälde an persische tafelbilder

womöglich kannte michelino da besozzo (oder stefano di giovanni) persische miniaturen wie die etwa zeitgleich entstandenen gartenbilder von humay und humayun

gartenbild von humay und humayun

Der persische Prinz Humay trifft die chinesische Prinzessin Humayun in einem Garten, ca. 1450, Musée des Arts décoratifs, Paris

Humay and Humayun feasting in a garden

Humay and Humayun feasting in a garden and listening to musicians, Manuskript 18113 der British Library, Poetical works of Khwaju of Karman, 1396, folio 40 verso

am ostermontag fahren wir zur fattoria pasqué
einem populären agriturismo in dem kleinen ort casale litta bei varese
das wetter ist herrlich
das ostermenü lokal
der wein kalt
alles macht satt

(c) belmonte 2015

Brief aus Mailand | 3 | Alessandro Manzoni: Die Verlobten (Rezension)

Belmonte

Brief aus Mailand

3

Mailand im Februar 2013. Es hat geschneit. Drei Tage lang bleibt der Schnee liegen. Dann taut es schnell. Ich besuche das Geburts- und Sterbehaus Alessandro Manzonis in der Via Morone, sehe sein Arbeitszimmer mit der Bibliothek, den Soggiorno, das Schlaf- und Sterbezimmer. Zahlreiche Utensilien sind akkurat auf dem Schreibtisch ausgelegt, Ölbilder hängen an den Wänden unter geschachtelten Holzdecken, blinde Türen spiegeln Größe vor. Das europäische Bürgertum ahmt gerne aristokratische Lebenswelten nach. Das ganze Haus mit seiner Fassade und seinem Hof atmet Großbürgertum in engen Gassen.

Casa Manzoni

Casa Manzoni / Foto: Belmonte

Seit Monaten lese ich Manzonis I promessi sposi (Die Verlobten). Mein Inseltaschenbuch wird überall mit hingenommen und ist mehr und mehr zerlesen. Der Romananfang führt an den Comer See und ist wohl jedem Italiener aus der Schulzeit geläufig:

“Quel ramo del lago di Como, che volge a Mezzogiorno, tra due catene non interrotte di monti, tutto a seni e a golfi, a seconda dello sporgere e del rientrare di quelli, vien, quasi a un tratto, a ristringersi, e a prender corso e figura di fiume, tra un promontorio a destra, e un’ampia costiera dall’altra parte.” (“Jener Arm des Comer Sees, der sich nach Süden wendet und dessen Gestade zwischen zwei sich fortlaufenden Gebirgsketten so buchtenreich ihrem Vordrängen und Zurückschwingen folgt, verengt sich fast urplötzlich und nimmt, zwischen einem Vorgebirge zur Rechten und einer weiten Uferhalde gegenüber, Gestalt und Verlauf eines Stromes an.“)

Besonders die Abschweifungen in dem 850 Seiten langen Roman sind fabelhaft, die ausgreifenden Personenbeschreibungen, zum Beispiel der Monaca di Monza, einer unglückseligen Nonne im Kloster von Monza, oder des Dorfpfarrers Don Abbondio, einem Jammerlappen, wie er im Buche steht, der Lichtgestalt Fra Cristoforo, einem Mönch, der nach einem jugendlichen Totschlag ein Leben in tätiger Nächstenliebe führt. Fabelhaft sind auch die historischen Hintergründe im wörtlichen Sinne. Vor allem die Beschreibung der Mailänder Pest sucht ihresgleichen. Es ist eines der seltenen Bücher, nach dessen Auslesen ich sofort nach einem gleichartigen Buch suche. Dabei ist der Plot erstaunlich übersichtlich.

Der junge Renzo und seine Verlobte Lucia wollen heiraten. Alles ist vorbereitet, als ein benachbarter Potentat, der sich in einer Laune in Lucia verguckt hat, die Heirat mit allen Mitteln verhindern will. Der Dorfpfarrer Don Abbondio, der sich von seiner sprichwörtlichen Haushälterin Perpetua aushalten lässt, spielt dabei eine unrühmliche Rolle. Nach langer Trennung und zahlreichen Wendungen, die in der katholischen Atmosphäre des Romanes eher als Fügungen zu verstehen sind, finden Renzo und Lucia am Ende wieder zusammen. Vorher aber muss Renzo nach Mailand fliehen, schwingt dort im Brotaufstand und später im Suff allerlei Reden gegen die Autoritäten, worauf er in Bergamo untertauchen muss. Lucia dagegen wird von einem anderen, noch gewalttätigeren Potentaten, dem Namenlosen, entführt, bis dieser vom Mailänder Kardinal Borromeo zum Christentum bekehrt wird. Schließlich bringen deutsche Landsknechte des Dreißigjährigen Krieges die Pest über die Alpen, die über Mailand herfällt und die Stadt in eine Apokalypse verwandelt.

Alessandro Manzoni: Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten

All das schreibt Manzoni als angebliche Wiedergabe einer zweihundert Jahre älteren anonymen Handschrift. Das ist die italienische Romantik, etwas anders gelagert zwar als ihre deutsche Schwester. Aber bereits Renzos Wanderung von Mailand nach Bergamo macht die Verbindungen sichtbar. Genauso sind auch die zahlreichen Tiecks, Wackenroders und Brentanos gewandert.

Manzoni schrieb ursprünglich im Lombardischen, überarbeitete aber dann den gesamten Roman ins Toskanische. Nach Dantes Göttlicher Komödie 500 Jahre zuvor handelt es sich dabei um die zweite „Erfindung“ der italienischen Sprache. Durch alle Seiten des Romanes weht bereits der Wind des italienischen Nationalstaates.

Alessandro Manzoni: Die Verlobten – Eine Mailändische Geschichte aus dem siebzehnten Jahrhundert, Insel Verlag 2008, 873 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

(c) belmonte 2013

Brief aus Worpswede

valentino

Im Rilke-Café in Fischerhude gibt es nicht nur Kuchen, man kann auch Gespräche führen mit zumeist etwas betagteren, kunstinteressierten Damen: „Sie sind also hier, um auf Paulas Spuren zu wandern?“

Rilke Café

Das Rilke-Café in Fischerhude / Foto: Valentino

Tags zuvor bei Kerzenschein und Bier auf den Hammewiesen. Während eines abendlichen Gesprächs mit Lisa und Toni über dieses und jenes zucken Blitze weit entfernt am Horizont durch den Nachthimmel über dem Moor. Toni zeigt mir seinen gekappten rechten Mittelfinger, dessen Kuppe sich bei einem Unfall absprengte unterwegs mit fahrenden Schaustellern. Weil er die anderen Fingerkuppen noch für das Akkordeonspiel benötigte, hing er kurz darauf den Job an den Nagel. Wachs tropft vom Flaschenhals einer leeren Bierflasche. Bei Tagesanbruch wollen Lisa und Toni abreisen. Ich erzähle, dass ich morgen mit dem Fahrrad nach Fischerhude fahre. Lisa empfiehlt mir daraufhin einen Besuch im Rilke-Café. Abrupt endet unser Gespräch. Einsetzender Regen, es schüttet wie aus Kübeln. Ich lese im Rilke-Buch. „Die Landschaft aber steht ohne Hände da und hat kein Gesicht, – oder aber sie ist ganz Gesicht und wirkt durch die Größe und Unübersehbarkeit ihrer Züge furchtbar und niederdrückend auf den Menschen, etwa wie jene ‚Geistererscheinung‘ auf dem bekannten Blatte des japanischen Malers Hokusai“, schreibt Rainer Maria Rilke in seinem Essay über die Landschaftsmalerei, der die Einleitung zu den Künstler-Monographien des Worpswede-Buches bildet.

Hokusais Geistergestalt [Public domain], via Wikimedia Commons

Vor allem die Landschaft wirkte anziehend auf junge Maler wie Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler, die in den 1890er Jahren sich zusammentaten, um in der Abgeschiedenheit des Moores gemeinsam ihre Kunst zu entwickeln. Damit entsprachen die Worpsweder Künstler dem Zeitgeist, denn in der Folge der Schule von Barbizon, der Landschaftsmaler wie Jean-François Millet angehörten und die sich bereits ein halbes Jahrhundert zuvor in Frankreich gegründet hatte, entstanden zahlreiche weitere Künstlergruppen in Europa.

Erfolg stellte sich 1895 bei einer Ausstellung im Münchener Glaspalast ein. Doch Homogenität und Modernität der Gruppe wurden überschätzt. Zum Bruch kam es unter den charakterlich sehr verschiedenen Künstlerfreunden, die zum Teil sehr unterschiedliche Lebensauffassungen hatten, mehr oder weniger schleichend nach der Jahrhundertwende. Paula Modersohn-Becker kam im Jahr des Erfolges zu der Gruppe und wurde ihre progressivste Vertreterin. Sie unternahm Reisen nach Paris, wo sie sich unter anderem für Bilder von Paul Cézanne begeisterte. Paula malte vereinfachte, reduzierte Formen und variierte die Farben, was sie in die Nähe der französischen Fauvisten und der Künstlergruppe Brücke rückte. Auch rückte sie den Fokus von der Landschaft auf den Menschen. So porträtierte sie zum Beispiel sehr einfühlsam Rilke. Beiden gemeinsam war ihre Weise, die Kunst geradeaus und kompromisslos zu leben.

Paula Modersohn-Beckers Porträt des Rainer Maria Rilke [Public domain], via Wikimedia Commons

Im Rahmen der diesjährigen Sommerausstellung (noch bis Ende des Monats) behandeln die vier zusammengeschlossenen Worpsweder Museen das Werk Heinrich Vogelers. Mit einer Verbundeintrittskarte schlendert man durch das Haus im Schluh, die Große Kunstschau, die Worpsweder Kunsthalle und den Barkenhoff, den ich, auf der Gartenbank hockend, mit einem stumpfen, abgegriffenen Bleistift in meiner Hand in meinem Skizzenbuch festhalte.

Im Moor

Im Teufelsmoor bei Worpswede / Foto: Valentino

(c) valentino 2012

Brief aus Todtnauberg

belmonte

brief aus todtnauberg

endlich nach todtnauberg
ich fahre durch freiburg
vorbei am schauinsland
und biege kurz vor aftersteg links ab nach todtnauberg
fahre durch den ort
hoch zur jugendherberge
und lasse das auto stehen

spaziergang zum ortsteil rütte
von dort aus aufgang querfeldein über die grünen weidenhänge
in die der wind gleichmäßige wogen schlägt

Aufgang zur Seinshütte

Aufgang zur Seinshütte / Foto: Belmonte

heideggers hütte kommt näher und näher
es ist warm
der himmel blau hinter leuchtenden wolkenbändern und schleiern

Unterhalb der Seinshütte

Unterhalb der Seinshütte / Foto: Belmonte

ich sitze vor der haustür auf der stufe und lausche dem wind
wo ansonsten nichts zu hören ist außer einem flugzeug
das aus zürich kommt

hier also hat heidegger große teile von sein und zeit verfasst
hier hat er den ent-wurf gedacht
die unheimlichkeit
und die angst

„Die Angst offenbart im Dasein das Sein zum eigensten Seinkönnen, das heißt das Freisein für die Freiheit des Sich-selbst-wählens und –ergreifens.“ (188)

An der Tränke

An der Tränke / Foto: Belmonte

entlang eines baches
der sich von oberhalb der hütte den hang hinunter schlängelt
blüht es herrlich weiß und lila

pferdefliegen

ganz im süden sind die alpen zu erkennen

Blick auf Todtnauberg

Blick auf Todtnauberg / Foto: Belmonte

ich richte mich in der jugendherberge ein
am späten nachmittag fängt es zu regnen an
der fön drückt die wolken gegen die hänge
bald regnet es in strömen
regen die ganze nacht

einfaches frühstück am morgen
lese manzoni

um neun uhr breche ich in richtung bodensee auf und graubünden

(c) belmonte 2012

Brief aus Mailand | 2

belmonte

brief aus mailand

2

besuch der pinacoteca ambrosiana
neben den gemälden beeindruckt auch das gebäude mit seinem labyrinthischen rundgang durch säulenräume
arkadengänge
vorbei an statuen und mosaiken
lateinischen inschriften von seneca und vergil
die die wände umschreiben
der hof ist ein einziges italienisches statuenidyll

Innenhof der Pinacoteca Ambrosiana

Innenhof der Pinacoteca Ambrosiana / Foto: Belmonte

ich verweile bei den bekannten gemälden
botticelli und raffael
caravaggio und leonardo
faszinierend auch die werke von jan brueghel
die wasserallegorie und die kleinen mehrteiligen landschaftsbilder
zwei mal sechs

den abschluss bildet die grandiose biblioteca ambrosiana
ein großer
hoher saal mit rundgang auf halber höhe
der raum ist klimatisiert
es riecht förmlich nach alten büchern
codices und handschriften
alle vier wände sind davon bedeckt
ein rundgang in der mitte zeigt originalseiten aus leonardos codex atlanticus mit zahlreichen bekannten konstruktionszeichnungen
leider bin ich hier bereits erschöpft
es fehlen stühle
die bücherpracht mit muße zu betrachten und ein auge zuzumachen

draußen schnappe ich luft
gehe durch den passaggio scuole palatine und über die piazza dei mercati richtung domplatz
trinke einen kaffee und kaufe mir bei hoepli eine studienausgabe der promessi sposi

abendessen mit mario und dariana
die sich genau wie wir mit zwei kindern systematisiert haben
wir haben uns nicht viel zu sagen
es ist ein büffet aufgebaut
selbstgemachtes bier und likör

ich geh zu fuß nach hause

am nächsten morgen besuche ich die kleine kirche san satiro in der via torino mit der eindrucksvollen optischen täuschung des chorgewölbes von bramante
das in wirklichkeit viel flacher gebaut ist
aber eine echte tiefe vorspiegelt

Chiesa di Santa Maria presso San Satiro

Chiesa di Santa Maria presso San Satiro / Foto: Belmonte

architektur ist in vieler hinsicht nichts anderes als vorspiegelung
was anders sind säulen darstellende pilaster
höhe vorspiegelnde enge gotische kirchenschiffe

und im vorspiegeln sind die italiener große klasse
die baugerüste an dom und galerie sind mit dom und galerie vorspiegelnden vorhängen verkleidet
und mit werbung

Galleria Vittorio Emanuele II

Galleria Vittorio Emanuele II / Foto: Belmonte

wir fahren zum dach des domes auf
wieder bin ich verblüfft über die unzähligen und an allen unmöglichen stellen untergebrachten statuen und statuetten
ein who-is-who aus antike und mittelalter
heilige und engel
klassische mythologie
cäsaren
päpste und kardinäle
philosophen
fürsten und sonstige potentaten
die sonne scheint uns aufs dach

nach dem mittagessen besuch der pinacoteca di brera
aber es ist auch langsam genug jetzt
bei all den kostbarkeiten
die hier an den wänden hängen
erstmals sehe ich mantegnas toten christus

(c) belmonte 2012

Brief aus Mailand | 1

belmonte

brief aus mailand

1

appartment in nächster nähe zur basilica di san lorenzo maggiore alle colonne
tiefschlaf nach der langen fahrt

am morgen besuch der basilica
einem zentralbau aus dem vierten jahrhundert
an der westseite von römischen kollonaden begrenzt

Basilica di San Lorenzo Maggiore

Basilica di San Lorenzo Maggiore / Foto: Belmonte

gerade wird die messe gefeiert
der priester gestikuliert und predigt ganz modern
denn am abend vorher ist das festival di sanremo zu ende gegangen
bei dem adriano celentano über das katholische priestertum hergezogen ist
das zu sehr von politik und zu wenig vom paradies spreche

draußen ist der himmel milchig
das licht diffus
ein doppelgesichtiger elvis schmückt eine hauswand

Römische Kollonaden vor der Basilica di San Lorenzo Maggiore

Römische Kollonaden vor der Basilica di San Lorenzo Maggiore / Foto: Belmonte

am nächsten tag sitze ich im lesesaal der bibliothek der università cattolica
während es draußen regnet
ich bin wahrscheinlich der älteste im saal
einem lernenden ameisenhaufen
vor mir liegt die geheimschrift

abends besuch einer lesung in der buchhandlung equilibri
nähe piazza lima
autor francesco macciò
der zum kreis um angelo tonelli und der mitomodernisten gehört

ein zweiter autor ist anwesend
marco bellini
beide stellen ihre neuen bücher vor
gedichte über die landschaften liguriens
artemis hier
empedokles dort

cos’è la poesia

poesia lasse sich nicht festhalten
das könne kein dichter
kein leser
kein hörer
es gebe keine lichter
die man angeschaltet lassen könnte

bellini fragt
was von uns bleibt
wenn wir alles verlieren
haare
nägel
schweiß

der raum ist halbvoll und hellerleuchtet
man scheint sich zu kennen
hellgelbe wände
die klimaanlage läuft geräuschvoll
es werden keine fragen gestellt
also fragen die beiden moderatoren
die sich offensichtlich gerne selbst reden hören
die autoren aus
blättern gelangweilt in ihren büchern und hören kaum den antworten zu

abendessen
unterhaltung was wäre
wenn wir unser leben nach der aufgehenden sonne ausrichten würden
ich trinke eine flasche wein leer und bin etwas duhn

in der via santa marta gibt es einen schönen palazzo mit der portalschrift
società d’incoraggiamento d’arti e mestieri
ich finde
das ist ein ganz besonders gelungener ausgangspunkt
denn in der tat gehört mut dazu
und warum gibt es nicht mehr gesellschaften
die zu den künsten ermutigen

(c) belmonte 2012

Brief aus Stuttgart

belmonte

brief aus stuttgart

autofahrt bei strömendem regen nach stuttgart
spät steigt das heilbronner kraftwerk aus dem grau heraus
erst bei ludwigsburg bahnt sich die sonne einen weg durch die wolken

vorbei am stuttgarter hauptbahnhof
der immer noch steht
richtung hegelplatz

besuch des linden-museums
das ellen widder in ihrer vorlesung über kultur- und alltagsgeschichte im spätmittelalter erwähnt hat

link zur vorlesungsaufzeichnung der universität tübingen

das neoklassizistische museumsgebäude von 1911 ist kolonialistische standortbestimmung
der namensgeber des museums
graf karl heinrich von linden
war vorsitzender des württembergischen vereins für handelsgeographie und förderung deutscher interessen im ausland
aus dem alten handelsgeographischen museum wurde das völkerkundemuseum
handel also als ausgangspunkt
kulturen verstehen
um absatzmärkte zu erschließen

entsprechend sind die stockwerke gefüllt mit artefakten
an die heute nur noch schwerlich heranzukommen wäre
es ist eine koloniale objektpracht
und natürlich ist das alles heute nicht mehr politisch korrekt

in der folge ist die richtung der herrschaftsansprüche nach wie vor erkennbar
was ändern daran umbenennungen wie in frankfurt
museum der weltkulturen

oder ist der erste satz aus dem leitbild des linden-museums
– „Wir sind ein Völkerkundemuseum. Wir betrachten alle Kulturen als gleichwertig.“ –
etwa doch mehr als eine kaschierung

immer noch ist die atmosphäre von völkerkundemuseen und naturkundemuseen mit ihren ausgestopften tieren und von nadeln durchbohrten käfern von ganz ähnlicher art

und wenn dann eine afro-navajo-amerikanerin ein konzert traditioneller navajo-gesänge im museum gibt
dann ist das ethno chic und schon okay
aber ich werde das gefühl nicht los
das hier ein dünner faden von den völkerschauen herüberreicht

masken
stoßzähne und kalebassen
indianerschmuck
keramik und bronze
eine gebetsnische mit fayencekacheln
arabische handschriften
die imitation einer bazarstraße
indische miniaturen
inschriften
buddhaköpfe
schiva-statuetten

wann immer von kunst die rede ist
ändert sich das bild
alle menschen werden künstler

es ist kein aktueller museumskatalog erhältlich
später bestelle ich mir im antiquariat den akkuraten doppelband von 1982
ferne völker frühe zeiten
kunstwerke aus dem linden-museum stuttgart
band eins
afrika ozeanien amerika
band zwei
orient südasien ostasien
im schuber

link zum datensatz im katalog der deutschen nationalbibliothek

Ferne Kultur Frühe Zeiten Kunstwerke aus dem Linden-Museum Stuttgart

Ferne Kultur Frühe Zeiten - Kunstwerke aus dem Linden-Museum Stuttgart / Foto: Belmonte

wir trinken sekt im hegel eins
und fahren dann
vorbei am stuttgarter hauptbahnhof
der immer noch steht
nach feuerbach
lucio und livia zu besuchen

wir essen zusammen in einer hausbrauerei
sprechen über das deutsche schulsystem
und hören uns an
dass die herzen mit der ehe aufhören zu schlagen

(c) belmonte 2012

Brief aus der Basilicata

belmonte

brief aus der basilicata

aufstehen um fünf uhr
abfahrt zum pollinomassiv
sinnica
francavilla
san severino
wir lassen das auto beim rifugio de gasperi stehen
und beginnen den aufstieg der serra del prete
valle del malvento
aufgang über die südwestliche cresta
viel wald
dann ein langer steiniger grat
für uns untrainierte sehr anstrengend
wir trinken viel wasser
dafür herrliche natur und ebensolche aussicht
von oben basilicata
calabria
puglia
zwei meere
echte ruhe und kühler wind

Blick über den Grat der Serra del Prete, im Tal das Rifugio de Gasperi

Blick über den Grat der Serra del Prete, im Tal das Rifugio de Gasperi / Foto: Belmonte

im osten der westhang des monte pollino
voller pini loricati
ich sehe den abhang
auf dem ich vor sechs jahren abgerutscht bin

Blick auf den Westhang des Monte Pollino

Blick auf den Westhang des Monte Pollino / Foto: Belmonte

der abstieg von der serra ist anstrengender als erwartet
endlich hangeln wir uns im wald von baum zu baum
zurück im rifugio schauen wir zum berg auf und können es kaum fassen

abendessen ist abendbrot
käse
schinken
bier
schlaf wie steine
nach dem frühstück fahren wir nach aliano
und besuchen die carlo-levi-stätten
die pinacoteca mit levis ölbildern und fotoausstellung
die einen suggestiven lebenslauf vor
während und nach aliano umreißt
sehr liebevoll
einfaches mittagessen in der locanda con gli occhi im gleichnamigen augenhaus
die landschaft von einer immensen kargheit
abgerissene
verwüstete hügel und tiefe einschnitte

Hügellandschaft im Osten Alianos

Hügellandschaft im Osten Alianos / Foto: Belmonte

verfallene häuser
noch immer ist hier nicht viel herauszuholen
immerhin ist die malaria überwunden
der ort ist stolz auf seinen konfinierten
wir haben aber den eindruck
dass sich hier außer der lässigen modernisierung so viel nicht verändert hat
wer kam bloß auf die idee
dörfer auf hügelkuppen zu errichten
rückfahrt durchs saurotal
durchs agrital
über taranto zurüch nach antonelli
wir sehen die waldbrände bei statte
essen mit tilli und umberto beim schlachter
der sich abends in ein deftiges grillrestaurant verwandelt
tilli ist eine etwas abgehobene perückenträgerin
die in jüngeren jahren durch depression und erste ehe alle haare verloren hat
nasalstimme
sie beschwert sich
dass mein italienisch schlechter geworden sei
umberto mit zig bypässen
früher teppichverkäufer
heute getränkegroßhändler in mailand
gespräche über aktuelles führen zu nichts

(c) belmonte 2011

Brief aus der Hauptstadt

valentino

An einem Novembervormittag schaue ich aus dem Busfenster. Über Äckern hängt Dunst. Bäume reihen sich aneinander, recken ihre kahlen Zweige in das Himmelsgrau. Ab und an stehen vereinzelt zwischen Feldern und Wäldchen riesige Windräder. Gleichförmig rauscht der Bus über die Autobahn. Die Bewegung im Raum wirkt befreiend auf meine Gedanken. Den Trott zurücklassen. Neue Wege beschreiten. Das letzte Mal war ich in Berlin vor vier Jahren. Meine Gedanken öffnen sich, wollen sich gleich den Ästen der Bäume verzweigen. Ich stelle mir vor, wie jeder Schritt auf einem neuen Weg organische Strukturen in meinem Hirn bildet und Schritte auf schon begangenen Wegen alte Gefüge erneuern durch die Überlagerung der Sinneseindrücke.

Von der nackten Steinbank vor dem Bode-Museum aus beobachte ich mit kaltem Hosenboden Menschen in einer Schlange. An erster Stelle steht ein großer Mann von Kopf bis Fuß in schwarzem Leder: Mütze, Mantel, Handschuhe und zu kurze Hosen. Während er die Seiten eines großen Einbands blättert, wippt er hin und wieder auf den Füßen. Auf einem Schild neben dem Ticketschalter steht, die Eintrittskarten für die Ausstellung „Gesichter der Renaissance“ seien vorübergehend ausverkauft. Ich stehe auf und stelle mich in die Reihe. Kurz darauf tritt eine Museumsangestellte vor die Wartenden und sagt, es gebe keinen Ticketverkauf vor drei Uhr, also etwa in einer Stunde. Das junge Pärchen vor mir in der Reihe verkürzt sich derweil die Wartezeit mit Schinken, Weißwein und Liebesbekenntnissen.

Am frühen Morgen des folgenden Tages aus dem Schlaf erwacht lasse ich die Eindrücke des gestrigen Ausstellungsbesuchs Revue passieren. Eine seltsame Spannung lag auf den Renaissance-Gesichtern. Trotz ihrer individuellen, markanten, ja teilweise überspitzten Züge schienen sie irgendwie unnahbar. Ihre Gesichter bildeten in einer Weise eine Projektionsfläche für alle möglichen Interpretationen. Die meisten Bildnisse stellten die Köpfe im Profil vor, ihre Blicke dem Betrachter abgewandt. Manchmal schauten mich ihre Augen im Dreiviertel-Profil sanft und selbstbewusst an. Feine Pinselstriche fingen jedes Detail bis hin zur Warze ein. Und doch gingen die Werke über eine naturgetreue Darstellung hinaus. Denn es ging den Künstlern darum, den Moment einzufangen, in dem der Mensch sich selbst, seine Seele, entdeckte, und diese im Gemälde abzubilden. So folgte ihre Malweise einem stark idealisierten Bild. Leonardo z. B. malte im Sfumato, einem Stilmittel des absichtlich weichgezeichneten Pinselstriches, die Mund- und Augenpartien seiner Porträtierten, um ihr einen besonders rätselhaften Ausdruck zu verleihen. So bleibt es dem Betrachter überlassen, die Beweggründe der jungen „Dame mit dem Hermelin“ zu deuten.

Leonardos Dame mit dem Hermelin [Public domain], via Wikimedia Commons

In der Sekunde des Erwachens verflüchtigen sich die Bilder des Traumes, und an ihre Stelle tritt die Selbsterkenntnis. Auf dem Weg durch die Stadt lese ich in den Gesichtern meiner Mitmenschen. Sie sagen mir mehr als Worte. Ich versuche sie einzufangen, doch schon sind sie wieder fort. Wer kann sich noch an die von gestern erinnern? Und doch scheint es, sind es immer wieder dieselben Gesichter, in die ich blicke, sind es immer wieder dieselben Träume, die ich träume. Vielleicht entdecke ich Facetten in ihnen, die ich zuvor nicht gesehen habe. Oder bin ich es am Ende selbst, der sich in ihnen spiegelt?

Es ist zwölf Uhr mittags. Mitten in der Stadt bin ich aus ihr heraus gegangen. Das ehemalige Fluggelände des Tempelhofer Flugfeldes bietet als Steppe nicht nur Rollschuhläufern oder Joggern einen idealen Ersatzlebensraum, sondern auch seltenen mitteleuropäischen Vogelarten wie der Feldlerche.

Auf dem Busbahnhof warte ich abends auf meine Rückfahrt. Im Gewirr der Sprachen erkenne ich: In dieser Stadt gibt es noch mehr Variationen der Individualität, noch mehr Facetten des Menschen an einem Ort.

Himmel über Tempelhof

Himmel über Tempelhof / Foto: Valentino

(c) valentino 2011