Auf der Achse des Lichts – Ein Gespräch mit dem Autor und Fotografen Rolf Krane | Teil 2 von 2

Fortsetzung (zurück zu Teil 1 des Gespräches)

Vnicornis:
Von Deinen Reisen bringst Du sehr viele Fotografien mit. Was kann Fotografie heute noch leisten, da bereits alles verbildlicht zu sein scheint und zu jedem Flecken der Erde zahllose Ausleuchtungen im Internet zu finden sind?

Rolf Krane:
Die Fotografien, die ich von meinen Reisen mitbringe, sind für mich vor allem Gedächtnisstützen für das, was ich unterwegs erlebt habe. Ich bin ein visueller Mensch und kann mich mithilfe der Fotos sehr gut in erlebte Situationen und Begegnungen zurückversetzen. Das hilft mir auch, wenn ich später darüber schreibe.

Viele Leser meines Buches Der Reisende Rahmen haben bedauert, dass ich keine Fotos von der Reise darin veröffentlich habe. Im Nachhinein habe ich deshalb zusätzliche Bildbände erstellt, die online verfügbar sind. Auf meinen Lesungen ist eine Mischung aus Vorlesen, freiem Erzählen und der Präsentation von Dias sehr gut beim Publikum angekommen. Ebenso haben sich Pausen bewährt, in denen Diashows gezeigt wurden, die mit Musik untermalt waren oder zu denen Live-Musik gespielt wurde. Deshalb bringe ich auch von meiner aktuellen Reise über die Achse des Lichts wieder viele Fotos mit.

Der Mont-Saint-Michel gehört zu den am meisten besuchten Orten auf meiner Reise und zählt etwa 2,3 Millionen Besucher im Jahr. Die Anzahl der jährlich aufgenommenen Fotos wird ein Vielfaches der Besucherzahl sein. Jeder Flecken des Mont-Saint-Michel, der für Touristen erreichbar ist, dürfte sich auf einem Foto abgelichtet wiederfinden. Einige Motive werden besonders häufig fotografiert. Jedoch kann jedes Motiv, das aus dem gleichen Blickwinkel aufgenommen wird, zu sehr unterschiedlichen Bildern führen:

Mont-Saint-Michel

Mont-Saint-Michel / Foto: Rolf Krane

Mont-Saint-Michel in der Dämmerung

Mont-Saint-Michel in der Dämmerung / Foto: Rolf Krane

Zuallererst entsteht ein Foto im Auge des Fotografen. Es liefert nicht nur die Abbildung eines Ortes auf der Erde aus einem bestimmten Blickwinkel zu einem bestimmten Zeitpunkt. Es sagt auch etwas über den Fotografen aus. Wir können uns in seine Perspektive versetzen und Vermutungen darüber anstellen, warum er sich für jene Aufnahme entschieden hat. Haben wir nicht nur Zugriff auf ein einzelnes Foto, sondern auf eine ganze Serie oder auf eine Vielzahl von Bildern eines Fotografen, können wir uns fragen, wie er die Welt sieht oder sehen möchte. Welche Auswahl von Motiven hat er im Fokus? Aus welcher Perspektive blickt er darauf? Auf welche Teile des Bilds lenkt er die Aufmerksamkeit des Betrachters mithilfe von Licht, Farbe, Schärfe und gewählten Ausschnitt oder Anschnitt? Über seine Fotos können wir etwas von dem Fotografen als Menschen erfahren, und durch die Fotos, die wir selbst machen, können wir etwas über uns selbst erfahren. In diesem Sinne kann die Fotografie zu unserem Selbstverständnis als Mensch beitragen.

Mitte Februar, noch vor dem Lockdown, war ich in der Düsseldorfer Eröffnungsausstellung Untold Stories des Fotografen Peter Lindbergh, die vom 4. Dezember 2020 bis zum 7. März 2021 im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt zu sehen sein wird. Aus seiner persönlichen Sicht stellte Lindbergh selbst die wichtigsten 140 Aufnahmen aus seinem Lebenswerk zusammen, konzipierte die Hängung und hatte dabei alle Freiheit. Über seine Einstellung zur Schönheit sagte er einmal: „Wenn man die Courage hat, man selbst zu sein – dann ist man schön.“ Er starb am 3. September 2019 im Alter von 74 Jahren in Paris, noch bevor die Ausstellung eröffnet wurde. Als sein Freund Wim Wenders ihn im vergangenen Sommer ein letztes Mal besuchte, zeigte Lindbergh ihm die ausgewählten Fotos und sagte: „Du, ich weiß jetzt, wer ich bin.“

Die zahllosen Fotos, die man heute im Internet findet, sind vielleicht ein Ausdruck der vergeblichen Suche von Menschen nach sich selbst, der unbeantworteten Frage nach ihrer Identität in einer zunehmend von Krisen erschütterten globalisierten Welt. Finden sie selbst keine befriedigende Antwort, dann übernehmen sie gerne die Trugbilder, die populistische Führer ihnen vorgaukeln.

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2020

Auf der Achse des Lichts – Ein Gespräch mit dem Autor und Fotografen Rolf Krane | Teil 1 von 2

Rolf Krane, 1952 geboren und in Oelde, Westfalen, aufgewachsen, hat Mathematik, Pädagogik und Informatik in Bielefeld, Münster und Paderborn studiert. Nach dem Zweiten Staatsexamen als Gymnasiallehrer war er Mathematikdidaktiker an der Universität Bielefeld. Seit 1988 lebt er in Wiesloch und arbeitete 24 Jahre als Entwickler für ein Software-Unternehmen, zuletzt als Chief Development Architect. 2016 gründete er den Verlag heil.reisen. Er ist Autor des Buches Der Reisende Rahmen über eine Pilgerfahrt an der Westküste der USA. Autoren-Website: www.heil.reisen. Fotografen-Website: www.krane.photography.

Rolf Krane

Rolf Krane / Foto: Michael Benz

Vnicornis:
Du hast Dich auf die Linie der Michaelsheiligtümer begeben. Was hat es damit auf sich und warum ist das für Dich von Bedeutung?

Rolf Krane:
In den vergangenen zwei Jahren hatte ich einige bemerkenswerte Begegnungen und Erlebnisse, die mich auf die Spur des Erzengel Michael brachten. Sie gipfelten darin, dass sich mein T-Shirt an einem Stand mit Opferkerzen in der Michaelskapelle bei Bruchsal entzündete. Ich spürte nur eine große Wärme in meinem Unterbauch. Ein Freund reagierte geistesgegenwärtig und erschlug die Flammen mit seinen bloßen Händen. Wie durch ein Wunder blieb mein Rücken bis auf eine Spur Ruß und eine leichte Rötung unversehrt, obwohl das Feuer ein großes Loch in das Hemd gebrannt hatte. Eine Freundin meinte danach: „Das war das Flammenschwert des heiligen Michael.“ Daraufhin begann ich mich mit ihm zu beschäftigen. Die Deutung eines Traumes, auch wenn es nicht mein eigener war, führte mich schließlich im Frühjahr 2019 zu der folgenden Karte:

Ein heiliger Schauer durchfuhr mich, als ich sie das erste Mal erblickte: Sieben Heiligtümer des Erzengel Michael, die durch eine gerade Linie verbunden waren. Ich hatte das Gefühl, als ob alle Zellen meines Körpers in Schwingung versetzt worden waren. Schlagartig wusste ich, wohin meine nächste Reise gehen sollte. In Vertrauen auf mein Gefühl begann ich unmittelbar danach mit Nachforschungen und ersten Reisevorbereitungen.

Die Linie wurde in den 70er Jahren von den Brüdern Jean und Lucien Richer wiederentdeckt. Sie verläuft von Irland bis nach Israel über mehr als 4.000 Kilometer quer durch Europa und wurde von Lucien L’Axe de Saint Michel et d’Apollon genannt. Auf ihrem nordwestlichen Abschnitt waren Michaelsheiligtümer und auf ihrem südöstlichen Abschnitt bedeutende Tempel des Apollon errichtet worden. Die auf der Achse residierenden christlichen Mönchsorden klammerten die Heiligtümer des Apollon aus und reduzierten die Linie auf das Schwert des Michael.

In seinem 2016 erschienenen Buch The Axis of Mithras argumentiert Lukas Mandelbaum, dass der durch römischen Soldaten verbreitete Mysterienkult des Mithraismus (1.-3. Jahrhundert) die von den Griechen begonnene Achse nach Nordwesten weitergeführt und Tempel darauf errichtet hatte, die später vom Christentum mit Michael-Heiligtümern überbaut worden sind.

In der altplatonischen Lehre von der Reise der Seele beschreibt die Achse offenbar auch den Kurs, über den die Seele mit der Geburt ihres Leibes auf der Erde landet und nach seinem Tode wieder in den Himmel aufsteigt. Um die Deutung der Achse möglichst offen zu lassen, habe ich ihr den Namen Die Achse des Lichts gegeben.

Im vergangenen Jahr bin ich über diese Achse in einer ersten Etappe von der Insel Skellig Michael in Irland nach Le Mans in Frankreich und in einer zweiten von Piemont in Italien nach Rhodos in Griechenland gereist. Meine dritte und letzte Etappe sollte dieses Jahr Anfang Mai in Israel enden. Aufgrund der Corona-Pandemie musste ich sie in eine ungewisse Zukunft verschieben.

Meine Pilgerfahrt mit dem Fahrrad an der Westküste der USA von Seattle nach San Francisco im Jahr 2013 konnte ich aufgrund der Entzündung einer Achillessehne ebenfalls nicht wie geplant fortsetzen. Also packte ich mein Rad in den Kofferraum eines Einweg-Mietwagens und fuhr mit dem Auto weiter. Ich begann ein Tagebuch zu führen, das ich später in eine Reisebeschreibung umschrieb: Der Reisende Rahmen.

Nun bin ich gespannt, wohin mich meine Reise über Die Achse des Lichts bringen wird. Ihre Bedeutung wird sich wahrscheinlich wie bei meiner Reise in den USA erst nach ihrem Ende offenbaren. Von dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber (1878-1965) stammt das treffende Zitat: „Alle Reisen haben eine heimliche Bestimmung, die der Reisende nicht ahnt.“

Vnicornis:
Der Untertitel Deiner Internetseite Die Achse des Lichts lautet Turning Darkness Into Light. Welche Dunkelheit wird hier in Licht verwandelt?

Rolf Krane:
Ausgangspunkt meiner Reise über Die Achse des Lichts war Dublin, wo ich einen Blick in das Book of Kells werfen durfte. Die einzigartige illustrierte Handschrift aus der dunklen Zeit des Frühmittelalters überlebte die Zerstörungswut der Wikinger. Den Titel der Ausstellung Turning Darkness Into Light habe ich als Motto für meine Reise übernommen.

Michael, Apollon und die anderen Lichtgestalten der Achse wurden in dunklen Epochen ihrer jeweiligen Kulturen verehrt und angerufen.

Michael gilt als bedingungsloser Schützer des Lebens und tritt jedem, der versucht, sich über Gott und das Leben zu stellen, mit der Frage „Wer ist wie Gott?“ entgegen. In der Johannes-Offenbarung 12 schützt der Erzengel eine Gebärende und ihr Kind, die von einem Drachen in tödlicher Absicht angegriffen werden, und sichert ihr Überleben. Der heilige Michael war Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches und später auch von Frankreich und Deutschland. Er soll in bedeutende Schlachten eingegriffen haben, in denen es um die Befreiung von fremden Besatzungsmächten ging. In Zeiten von Seuchen wurde er angerufen, die Menschen zu schützen. Im April zogen Priester mit dem Schwert aus der Michaelstatue des Heiligtums durch Monte Sant’Angelo, einem Ort auf der Achse. Sie beteten um Michaels Fürsprache, Gott möge nicht nur ihre Stadt, sondern den ganzen Gargano, ganz Italien und die ganze Welt vor dem Corona-Virus schützen. Das letzte Mal hatte man diese Zeremonie während der Pest im Jahr 1656 durchgeführt.

In der Griechischen Mythologie verfolgt und tötet Apollon, der griechische Gott des Lichts, einen Drachen, der vergeblich darauf angesetzt war, ihn und seine Zwillingsschwester Artemis sowie ihre Mutter Leto noch vor der Niederkunft zu töten. Als Gott der Mäßigung bringt er eine Seuche mit seinen Pfeilen ins Lager der Griechen, die bei einem Angriff auf Troja die Tochter eines Apollonpriesters versklavt hatten. Apollon ist es auch, der den Pfeil in Achilles Sehne lenkt und damit seinem Hochmut ein Ende setzt.

In den vergangenen Jahren haben sich nicht nur in den Großmächten USA, China und Russland politische und wirtschaftliche Führungsschichten etablieren können, die ihren Machterhalt, um jeden Preis zu sichern suchen. Um die öffentliche Meinung zu steuern, ist ihnen jedes Mittel recht, sei es durch die Unterdrückung freier Meinungen, durch eine totale Überwachung oder durch eine mediale Verdummung und Verwirrung der Gesellschaft.

Anstatt sich der Klimakrise zu stellen, wird sie von verantwortungslosen Führern weiter geleugnet und vorangetrieben. Anstatt unser brennendes Haus zu löschen, schütten sie Kohle und gießen weiter Öl ins Feuer, getrieben von Egomanie und der Profitgier einer fossilen Industrie. Anstatt den Artenreichtum und die kulturelle Vielfalt des Lebens zu bewahren und zu schützen, treiben sie den tödlichen Kurs weiter voran.

Doch in dieser unheilvollen dunklen Entwicklung erwachsen auch lichtvollen Kräfte. Laotse hatte diese Erkenntnis in dem Satz zusammengefasst: „Wo viel Schatten ist, muss viel Licht verborgen sein.“

Und so erschienen zeitgleich die ersten weiblichen Lichtgestalten auf den Leinwänden der Lichtspielhäuser. Es begann mit einer wiederholten Neuverfilmung der Lebensgeschichte Johanna von Orléans durch Luc Besson. Bereits im Alter von 13 Jahren hatte Jeanne ihre ersten Visionen und hörte Stimmen von Heiligen. Der Erzengel rief ihr zu: „Ich bin Michael, der Schutzherr Frankreichs. Erhebe dich und eile dem französischen König zu Hilfe.“ Mit sechzehn Jahren verließ sie ihr Elternhaus und führte bereits ein Jahr später die Truppen in Orléans siegreich aus der Belagerung durch die Engländer. Als sie ihrem König unbequem wurde, landete sie als Hexe auf dem Scheiterhaufen und wurde 500 Jahre später vom Papst heiliggesprochen. Nach Leeloo in Das Fünfte Element hatte Luc Besson mit Angel-A einen weiteren weiblichen Schutzengel auf die Leinwand gebracht. Mit Lucy schuf er schließlich ein engelsgleiches Wesen, das sich am Ende des Films von ihrem Körper löst und allgegenwärtig wird.

In den letzten drei Episoden der Star-Wars-Saga wird die junge Schrottsammlerin Rey von Luke Skywalker als Jedi ausgebildet und kämpft in der abschließenden Episode erfolgreich an der Spitze des Widerstandes. Als Drehort für ihre Ausbildung diente die Insel Skellig Michael, der nordwestliche Ausgangspunkt der Achse des Lichts. In Wonder Woman lässt die Regisseurin Patty Jenkins die Amazonen-Prinzessin Diana (römische Entsprechung der Artemis) in einem Kampf um das Überleben der Menschheit erfolgreich gegen den griechischen Kriegsgott Ares antreten. Im August soll die Fortsetzung Wonder Woman 1984 in die deutschen Kinos kommen. Schließlich inszenierte James Cameron Alita – Battle Angel, eine Manga-Figur aus den 90er Jahren, als schützenden und kämpfenden weiblichen Engel auf der Leinwand.

Die nächsten Lichtgestalten erschienen als junge weibliche Aktivistinnen für das Überleben der Menschheit in einer durch Klimawandel, Waffen und soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit existentiell bedrohten Welt. Die bekannteste von ihnen, Greta Thunberg, trat im jugendlichen Alter von 15 Jahren in die Weltöffentlichkeit. Mit ihrem Handeln und ihren Reden, die in ihrer Schärfe und Klarheit dem Schwert des Michael und den Pfeilen des Apollon entsprechen, löste sie eine Jugend-Bewegung aus. Von den vielen weiteren jungen Aktivistinnen seien hier erwähnt:

Die letzten Lichtgestalten kamen in der Gestalt eines Virus, der von einem Strahlenkranz umgeben ist und in seinem Erscheinungsbild der Sonne ähnelt. Die Viren werfen Licht auf existentielle Fragen. Was bedeutet uns das Leben? Was brauchen wir zum Überleben? Sie werfen Licht auf unsere Führungen. Sie entblößen politische Populisten in ihrer Unfähigkeit, die Bevölkerung zu schützen, und entlarven Superreiche, die sich mit eigenen Krankenstationen, Ärzten und Pflegekräften auf ihre Farmen zurückziehen. Sie machen die Gier von Wirtschaftsführern sichtbar, die mit Milliardengewinnen Firmenaktien vom Markt zurückkaufen, um ihre Kurse und Boni zu maximieren, und in der Krise staatliche Subventionierung einfordern. Sie werfen aber auch Licht auf die wahren Helden, die Menschen im Gesundheitswesen, die in selbstloser Weise andere Menschen retten und dabei ihr eigenes Leben gefährden.

Mit meiner Reise und ihrer Beschreibung möchte ich herausfinden, was wir für unseren Kampf ums Überleben der Menschheit von Michael, Apollon und anderen Lichtgestalten auf der Achse des Lichts lernen können.

Weiter zu Teil 2 des Gespräches.

(c) belmonte 2020

Intellektuellenbashing

belmonte

Auf Facebook verschwinden die Einträge sehr schnell im Nirgendwo, aber manchmal sind die Diskussionen so gut, dass es schade ist, sie nicht etwas länger nachlesbar zu halten.

Auf einen meiner Facebook-Posts vom April hin hat sich eine Diskussion zu den Ausgangsbeschränkungen entsponnen, die ich charakteristisch für den aktuellen Diskurs finde, der zur Zeit in vielen Ländern geführt wird. Daher mache ich diese Diskussion auf unserem Blog nochmal nachträglich verfügbar.

Heribert Hansen Die Maßnahmen sind richtig. Aber es werden nicht nur Intellektuelle gebasht, sondern jeder, der sie als unverhältnismäßig ansieht. Was sie nicht sind, siehe New York. Und Bashing ist nicht immer Bashing, sondern normaler Streit.

Die Fronten der Ablehner und Befürworter der Maßnahmen gehen durch alle Gesellschaftsschichten, und es schwingt alles mit. Kleinkindaufstand, Blockwartmentalität, Ignoranz und Hysterie. Und jetzt haben wir nicht mal zwei Wochen. In Wuhan, zwei Monate komplette Ausgangssperre. Aber hier … Nicht umsonst sind die Infiziertenzahlen wunschgemäß flach geblieben. Eine Katastrophe a la Lombardei wurde abgewendet.

Da kann man nicht meckern. Aber gemeckert wird immer. Gehört dazu. Und allen kann man’s nie Recht machen.

Volker Schönenberger Wenn Leute von der Polizei gemaßregelt werden, die allein auf einer Bank ein Brötchen essen, ist das nicht verhältnismäßig.

Wenn einzelne Leute auf der Straße gegen die asoziale Flüchtlingspolitik der EU demonstrieren und dabei niemandem zu nahe kommen, dann aber von der Polizei daran gehindert werden, ist das sicher nicht verhältnismäßig.

Heribert Hansen Das sind absolute Einzelfälle und: wo einer ne Demo macht, gesellen sich bald viele dazu.

Wenn einer ne Bank benutzt, die gesperrt ist, ist Ansprache gerechtfertigt. Es gibt Orte, wo Bänke gesperrt sind, damit sich nicht mehrere draufsetzen. Was den meistem fehlt, ist Geduld. Zwei Wochen Beschränkungen sind wohl schon zu viel.

Brasch Buch Wenn ich nachts über eine rote Ampel fahre, weil sichtbar alle Straßen leer sind, schreie ich danach nicht „Polizeistaat!“, wenn ich geblitzt werde.

Volker Schönenberger Ich akzeptiere jedes Bußgeld für meine Verstöße im Straßenverkehr mit mehr oder minder großem Ärger – über mich selbst.

Was mir an der Debatte übel aufstößt: Beinahe reflexartig wird jeder, der es wagt, das Thema Einschränkungen der Grundrechte und deren Verhältnismäßigkeit diskutieren zu wollen, aufs Übelste angegangen. Dabei ist es angesichts der massiven Einschränkungen unerlässlich, sie zu diskutieren. Das sind nicht irgendwelche dahingerotzten Gesetze oder Verordnungen, sondern die fundamentalen Säulen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Heribert Hansen Corona hält sich nicht an Gesetze, deshalb müssen wir uns komplett anders verhalten. Es ist klar, dass das alles auf Zeit ist, warum wird da rumgestänkert und von Grundrechtsverletzungen schwadroniert? Art. 2 HG: Recht auf Unversehrtheit. D. h. der Staat muss alle schützen. Es gibt unzählige, die sehr verletzlich sind. Daher müssen starke Maßnahmen her. Wer diese als Grundrechtverletzung kritisiert, den möchte ich auf Art. 2 hinweisen. Und Leben und Gesundheit sind ja wohl eindeutig höhere Rechtsgüter als Freizügigkeit, wenn man das mal gegenüberstellen möchte.

Diese ganze Diskussion, die da entsteht von einer Diktatur, Grundrechtsverletzungen etc., das geht mir gewaltig auf den Geist. Wer die Maßnahmen nicht versteht in ihrer Härte, der sollte mal auf eine die tausenden Begräbnisse ohne Trauergemeinde gehen. Die dort begraben werden, hätten sich gefreut, wenn man sofort schärfste Maßnahmen ergriffen hätte.

Francis Valentino Über allen anderen Grundrechten steht nicht zufällig das der Menschenwürde. Die Bilder aus Städten wie Bergamo, New York oder Guayaquil zeigen doch, wie notwendig die Maßnahmen sind. Dabei haben wir noch nicht mal Verhältnisse wie in Wuhan.

Volker Schönenberger Francis, das ändert nichts an meinen Worten und stellt auch keinen Widerspruch dar.

Heribert Hansen Volker Schönenberger, warum zetteln sie eigentlich so ne Diskussion an? Als ob sich nicht in kurzer Zeit, vielleicht Tage, vielleicht Wochen, wenns dumm läuft viele Wochen, denn das Virus ist unberechenbar, alles wieder normalisiert. Wer anfängt, über die Maßnahmen zu diskutieren, der erntet zu Recht Widerspruch, denn es geht um Leben und Tod Vulnerabler. Um nichts weniger.

Brasch Buch Volker Schönenberger, vielleicht schaffen Sie es ja mal zu erklären, wo sie Ihre Grundrechte derzeit so beschnitten finden, dass es Straßendemos bedarf und Klagen an das Verfassungsgericht. Was die Demonstration- und Versammlungsrechte z.B. betrifft, haben die Verfechter schon ein eigenwilliges Demokratieverständnis. Man will demonstrieren, obwohl man weiß, dass ca. 30% der Bevölkerung weder daran teilnehmen noch dagegen demonstrieren können, da sie zu einer Risikogruppe zählen. Viele von denen fordern gerade „Cocooning“, d.h. Leute ab 65 Jahren sollen zuhause bleiben, sie aber wollen sich dann versammeln, um über die Unverhältnismäßigkeit der Maßnahmen zu diskutieren. Wirklich kurioses Demokratieverständnis. Und dazu noch die unsägliche Phrase „Man muss das doch mal sagen dürfen.“ Mein Güte, die Netze sind voll von dem undurchdachten Gelaber. Und wenn man – wie ich jetzt hier – versucht, die Leute doch mal wieder zu erden, sich wünscht, dass sie selbst mal ihre Klagen reflektieren, dann kommt wieder: Ja, aber, man muss doch …

Heribert Hansen Auf die Grundrechte pfeif ich für ein paar Wochen, wenn deren Einschränkung erreicht, dass meine Tante im Altersheim mit ihren 97 Jahren überlebt.

Francis Valentino Volker, das meinte ich nicht als Kritik an deinem Kommentar. Ich finde es okay, darüber zu diskutieren (was ja hier geschieht). Was mich bei der Kritik an den angeblich „unverhältnismäßigen“ Maßnahmen stört, ist der verschwörerische Unterton: Irgendeine fremde Macht würde unsere Grundrechte beschneiden. Manche ignorieren das Schicksal der Kranken, andere empören sich halt gerne. All jenen sei gesagt: Das Virus ist eine Naturkatastrophe, für die niemand Schuld trägt!

Giovanni Belmonte So sehr ich persönlich die aktuellen Maßnahmen richtig finde, finde ich es ebenso wichtig (und zulässig ohnehin), dass sie diskutiert werden. Immerhin gibt es Länder wie Ungarn, in denen die Coronakrise für die aktuelle politische Agenda hemmungslos ausgenutzt wird.

Mir ist allerdings sehr wichtig, dass nach der Krise, wann immer das sein wird, alle Maßnahmen wieder zurückgefahren werden. Das ist nicht selbstverständlich, da Gesetze und Institutionen kein Gedächtnis haben und, einmal eingeführt, ziemliche Beharrungskräfte aufweisen können. Da müssen wir alle schon ziemlich genau drauf schauen.

Und dennoch, im Vergleich zu anderen Ländern (z. B. Italien oder Frankreich) finde ich die Maßnahmen hier in Deutschland noch relativ moderat. Und ich wünsche mir sehr, dass es nicht zu Triage-Entscheidungen kommen muss.

Heribert Hansen Es sind ja, so weit ich das überblicke, keine Gesetze geändert worden außer die verfassungsmäßige Schuldenbremse. Alles andere sind nur Verordnungen – die z.T. rechtlich sicher nicht immer wasserdicht sind. Noch ist ja alles überschaubar, es geht ja nur um Aufenthaltsbeschränkungen. Und es wurden immer Daten genannt – anders als in Ungarn.

Giovanni Belmonte Wie sieht es eigentlich bei Euch in der Klinik aus, Heribert? Habt Ihr viele Covid-19-Fälle bei Euch?

Heribert Hansen Ich bin jetzt schon ne Weile im Frei – wir hatten wenige Fälle. Es ist aber vereinbart worden, dass die Covid ins KliLu kommen und wir deren normale Nicht Covid Chirugiepat übernehmen. Vor zehn Tagen hörte ich, dass auch im KliLu kaum Covid liegen – den derzeitigen Stand kenne ich nicht.

Unterm Strich ist das alles in keiner Weise mit den anderen Staaten zu vergleichen – als ich ins Frei ging, hatte man schon drei Wochen vorher gesagt, in einer Woche ist es wie in Italien. War aber selbst nach drei Wochen nix dergleichen. Liegt wohl an der besseren Luft hier und weniger Rauchern oder was weiß ich.

Giovanni Belmonte Heribert, hoffentlich hast Du recht. Die Kurve geht nach wie vor nach oben.

Heribert Hansen Sie steigt an, aber abgeflacht. Genau darum ging es ja.

Volker Schönenberger Francis Valentino, hatte ich auch nicht als Kritik an mir verstanden. Aber einige Kommentatoren hier bestätigen genau das, was ich ausdrücken will. Es wird sogleich aggressiv erwidert, weshalb ich hier eine solche Diskussion „anzettle“.

Ein Kommentator bezweifelt die Sinnhaftigkeit einer Klage ans BVerfG. Ich werde sicher keine führen, wünsche mir aber, dass die derzeitigen Maßnahmen beizeiten höchstrichterlich untersucht werden. Von mir aus dann auch gebilligt. Wenn das nicht geschieht, ist späteren Willkür-Einschränkungen bei anderen Ereignissen Tür und Tor geöffnet. Oder am Ende bleibt es still und heimlich nach dem Ende der Krise bei einigen Einschränkungen.

Heribert Hansen Ich wiederhole es, solche Diskussionen sind im Angesicht der Pandemie weder sinnvoll noch zielführend. Diskutieren anfangen kann man nach zwei Monaten, nicht wenn nicht mal die erste Zeithürde von drei Wochen durch ist.

Giovanni Belmonte Heribert, das finde ich nicht richtig. Wir machen uns alle ganz unterschiedliche Sorgen, und natürlich können die offen diskutiert werden.

Die Pandemie ist nicht nur ein sehr gefährlicher Virus, sondern gleichzeitig ein Katalysator gesellschaftlich vorhandener Tendenzen. Diese ans Tageslicht zu bringen, ist wichtig, insbesondere während so einer Krise.

Das widerspricht überhaupt nicht der Zustimmung und Einhaltung der aktuellen Maßnahmen.

Francis Valentino Volker, natürlich müssen wir darauf achten, dass jetzt nicht die Demokratie à la Viktor Orbáns Vollmachtsgesetz abgebaut wird. Deutschlands Maßnahmen sind jedoch vergleichsweise moderat und immerhin scheinen sie ja eine gewisse Wirkung gegen die Ausbreitung des Virus zu zeigen.

Die reflexartigen Reaktionen rühren wahrscheinlich daher, dass einige die Debatte um die Grundrechte dazu missbrauchen, um ihre menschenverachtende Weltsicht einer Politik der Eugenik vorzutragen (die Ausgrenzung der Risikogruppe). Das bedeutet doch nichts anderes als für ihre Freiheit alle Alten, Kranken und Schwachen opfern.

„Nimmt man einer Gesellschaft die Begegnungsmöglichkeiten, kann auch das Theater nicht mehr existieren.“ – Ein Gespräch mit der Dramatikerin Ingeborg von Zadow

Ingeborg von Zadow, in Berlin geboren und in Deutschland, den USA und Belgien aufgewachsen, schreibt seit ihrer Kindheit Theaterstücke. Sie studierte 1990 bis 1993 Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und absolvierte 1994 ihren Master of Arts an der State University of New York in Binghamton, USA. Neben Regieassistenzen in Oper und Schauspiel reiste sie mit Unterstützung des Goethe-Instituts nach Australien, England, Griechenland, Kroatien, Polen, Sri Lanka und in die USA. Seit ihrem Debüt 1993 mit Ich und Du gab es zahlreiche Inszenierungen ihrer Stücke auf deutschen und internationalen Bühnen. Es liegen Übersetzungen in elf Sprachen vor. Ingeborg von Zadow lebt in Heidelberg. Für mehr Information siehe Ingeborg von Zadows Website: www.ingeborgvonzadow.com

Ingeborg von Zadow

Ingeborg von Zadow / Foto: Jens Fiedler

Vorbemerkung aus aktuellem Anlass:

Dieses Interview wurde geführt, als sich das Leben durch das Corona-Virus noch nicht für uns alle verändert hatte. Inzwischen sind die beiden Inszenierungen, von denen im nachstehenden Gespräch die Rede ist, die Oper Die Kinder des Sultans für das Theater Dortmund sowie die Komödie Liebe oder Leben! für das Theater Carnivore in Heidelberg verschoben worden, letztere auf den 8. Mai 2021. Die Inszenierung am Jungen Theater Biel/Solothurn probt derzeit via Skype und plant, hierüber auf Facebook zu berichten. Das Theater Bautzen hält weiterhin am Premierendatum von Hallo Nachbar im September fest.

Diese Krise und die damit momentan verbundenen neuen zwischenmenschlichen Verhaltensregeln haben gezeigt, dass das Theater doch verwundbar ist. Nimmt man einer Gesellschaft die Begegnungsmöglichkeiten, kann auch das Theater nicht mehr existieren. Ohne den lebendigen Raum, in dem Menschen gemeinsam Dinge erleben können, verliert das Theater das, was es besonders macht. Hoffen wir, dass diese lebendigen Räume bald wieder möglich werden.

Wir haben uns entschlossen, das Anfang März 2020 geführte Interview als Zeitdokument trotzdem zu veröffentlichen, auch wenn manche Aussagen im Moment wie aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen. Das Theater ist so alt wie unsere Kultur und wird gemeinsam mit ihr bald wieder neu anfangen.

Vnicornis:
Ingeborg, du schreibst Theaterstücke. Welche Kraft liegt aus deiner Sicht heute in dramatischen Werken im Vergleich zu Prosa und Lyrik?

Ingeborg von Zadow:
Dramatische Texte werden immer für den lebendigen Raum geschrieben. Es sind gesprochene Texte, die von vielen Menschen gemeinsam wahrgenommen werden. Sie evozieren die Konzentration vieler unterschiedlicher Menschen zur gleichen Zeit auf einen Sachverhalt, ein Gefühl, eine Situation. Darin liegt eine Kraft, ein lebendiger Austausch zwischen DarstellerInnen und Publikum, die für mich mit nichts anderem zu vergleichen ist. Es ist ein gemeinsames Erlebnis, von dem man nicht nur die eigenen Empfindungen und Sichtweisen mitnehmen kann, sondern auch die von anderen Menschen. Es ist eine andere Erfahrung, als einen Text für sich allein zu lesen.

Vnicornis:
Am 5. April 2020 wird die Oper Die Kinder des Sultans am Theater Dortmund uraufgeführt, zu der du das Libretto geschrieben hast. Was erwartet die Zuschauer?

Ingeborg von Zadow:
„Eine fantastische Oper in 9 Szenen“. Es ist die Geschichte der beiden Kinder Fadeya und Taseh, die sich auf die Suche nach ihrem Vater machen, der in ihrem Leben bisher noch nicht aufgetaucht ist. Sie müssen auf ihrem Weg durch Sultanien einige Prüfungen bestehen, um letztendlich an ihr Ziel zu gelangen. So begegnen ihnen zum Beispiel eine hungrige Riesenschlange, ein reißender Fluss und eine schier unüberwindbare Wand. Aber den Zwillingen stehen auch magische Figuren und Gegenstände zur Seite und vor allem eines: ein sprechendes Kamel.

Die Kinder des Sultans ist eine für die Oper neu erfundene Geschichte, was ungewöhnlich ist und für mich auch den besonderen Reiz dieses Auftrags der Jungen Oper Rhein Ruhr ausgemacht hat – es ist keine weitere Bearbeitung von einer der unzähligen schon vorhandenen Bücher oder Märchen. Ich durfte die Handlung tatsächlich neu erfinden, was in der heutigen Kinder- und Jugendtheaterlandschaft, gerade in der Arbeit für die großen Bühnen, einem Sechser im Lotto gleicht.

Die Zuschauer können sich auch freuen auf die wunderschöne, aufregende, melodische, berührende Musik des versierten Komponisten Avner Dorman. Eine bessere Umsetzung meines Librettos hätte ich mir nicht wünschen können. Sie können sich freuen auf die angeblich sechstgrößte Bühne der Bundesrepublik, auf die hervorragende Sängerinnen und Sänger und auf den großen Opernchor des Theater Dortmund, auf die von Tatjana Ivtschina geschaffenen Kostüme und Bühnenbilder, die schon in den Entwürfen von viel Einfallsreichtum und einem ganz individuellen Zugriff zeugen, und außerdem natürlich auf die vielversprechende Regie von Anna Drescher und die musikalische Leitung von Christoph JK Müller, der schon in der Leseprobe vor einem Jahr praktisch jeden Ton der Klavierpartitur auswendig konnte.

Mehr Informationen zur Oper gibt es auf der Website des Theater Dortmund: https://www.theaterdo.de/detail/event/20709/

Vnicornis:
Wie bist du zum Drama gekommen?

Ingeborg von Zadow:
Ich habe als Kind mit acht Jahren eine Aufführung im Schultheater gesehen und wollte ab dem Zeitpunkt Theater machen. Also habe ich begonnen, Bühnenbilder zu entwerfen, Stücke zu planen, eine Theatergruppe zu gründen. Ich wollte spielen, hatte keine Texte und habe deswegen angefangen, sie selber zu schreiben. Diese Theaterstücke habe ich dann meine ganze Jugend hindurch mit meinen Freundinnen und Freunden in vielen Proben und Aufführungen auf ihre Machbarkeit abgeklopft.

Mit Anfang zwanzig wurde ich dann in den Theaterverlag Verlag der Autoren in Frankfurt am Main aufgenommen. Es kamen die ersten professionellen Inszenierungen und Übersetzungen und parallel dazu auch die Arbeit im Theater selbst, zum Beispiel als Regieassistentin. Nebenbei machte ich auch meinen MA in Theatre an der State University of New York at Binghamton in den USA, der aber nur am Rande mit Szenischem Schreiben zu tun hatte.

Vnicornis:
Du schreibst vor allem Theaterstücke für Kinder und Jugendliche. Ist das in Zeiten von Online-Medien, Fernsehserien und Streaming-Diensten überhaupt noch zeitgemäß?

Ingeborg von Zadow:
Ja, natürlich. Und meines Erachtens ist es nötiger denn je, die Kinder und Jugendlichen mit einer Welt in Berührung zu bringen, in der reale Menschen in Aktion sind, bei der sie unmittelbar Zeugen sind und wo ihr Vorhandensein im Raum wahrgenommen wird.

Man darf nicht vergessen, dass die meisten Kinder und Jugendlichen nicht aus eigenem Antrieb ins Theater gehen – sie kommen meist im Klassenverband während der Schulzeit. Dies eröffnet die Chance, alle Bevölkerungsschichten zu erreichen und sie mit dieser lebendigen Kunstform zu konfrontieren – in der Hoffnung, dass die Kinder mehr davon wollen, weil es der lebendige Raum ist, der sie reizt. Mich hat er damals jedenfalls nicht mehr losgelassen.

Liebe oder Leben

Liebe oder Leben – Theater Carnivore, Heidelberg / Foto: Stefan Hartleib

Vnicornis:
Es ist vor dem Hintergrund der Klimakrise nicht ausgeschlossen, dass die Menschheit in 100 Jahren nicht mehr existiert. Was kann dramatische Literatur vor diesem potenziellen Szenario leisten und welche Rolle spielt das überhaupt in deiner Arbeit?

Ingeborg von Zadow:
Zwar habe ich bisher kein Theaterstück geschrieben, dass sich speziell mit der Klimakrise auseinandersetzt. Aber ich merke, dass sie sich in meine Phantasien reinschleicht. So kann man ein wesentliches Element meines neuen Stückes Hallo Nachbar (Arbeitstitel) durchaus auch mit der Klimakrise in Verbindung bringen. Was das genau ist, will ich hier jetzt aber noch nicht verraten, da die Uraufführung des Stückes erst im September am Theater Bautzen stattfindet und wir auch noch dabei sind, am Text zu feilen.

Was dramatische Literatur generell leisten kann vor dem Szenario des Verschwindens der Menschheit in 100 Jahren, ist eine herausfordernde Frage. Man kann hoffen, dass das, was man auf der Bühne verhandelt, Denkprozesse in den Köpfen der Aufführenden und Zuschauenden in Gang setzt, die dann zu Handlungen führen, die das Szenario abwenden oder zumindest abschwächen. Wie real eine solche Hoffnung ist? Leider handeln die Wenigsten, solange ihnen das Wasser noch nicht bis zum Hals steht.

Vnicornis:
Vor einem Jahr haben wir zusammen bei einem Hörspielprojekt der Musikhochschule Trossingen gearbeitet. Im Herbst 2019 wurden unsere Hörspiele bei den ARD-Hörspieltagen in Karlsruhe aufgeführt. Welchen Stellenwert hatte das Projekt in deinem Werk?

Ingeborg von Zadow:
Im Grunde war es mal eine willkommene Gelegenheit, das Hörspielschreiben auszuprobieren, das mir schon seit einigen Jahren mehrere Leute nahegelegt hatten. Ich habe jedoch für das Projekt vor allem aus Zeitgründen eine Geschichte ausgewählt, an der ich sowieso schon saß – von Oda und das Pferd der Götter gibt es nicht nur das Hörspiel, sondern auch ein Theaterstück, das umfangreicher ist und eben auch ganz dezidiert mit der Bühne spielt, die ich ja im Hörspiel nicht zur Verfügung habe. Das Theaterstück ist also in manchem anders als das Hörspiel, und diese Unterschiede waren für mich interessant herauszuarbeiten, aber irgendwie auch nicht wirklich neu. Stellenwert in meinem Werk: eher ein Nebensache, aber trotzdem eine schöne Erfahrung.

Vnicornis:
An welchen Stücken arbeitest du gerade und worauf können wir uns freuen?

Ingeborg von Zadow:
Neben der Uraufführung der Oper Die Kinder des Sultans am 5. April 2020 gibt es dieses Jahr im Mai und im September weitere Uraufführungen von mir. Am 9. Mai 2020 hat bei der Wanderbühne Theater Carnivore in Heidelberg Liebe oder Leben! – eine Komödie in 6 Akten Premiere. Darauf freue ich mich besonders, weil dieses Stück für die Aufführung unter freiem Himmel geschrieben wurde und sich an Erwachsene wendet. Ich hatte beim Schreiben sehr viel Spaß und hoffe, dass sich dieser Spaß auch auf die Zuschauer überträgt. Das Stück ist inspiriert von einem historischen Wanderbühnenstück und wird in Heidelberg und Umgebung gespielt, zum Beispiel auf Weingütern der Region.

Mehr Informationen und Vorstellungstermine: https://wanderbuehne.com/liebe-oder-leben.html

Über Lang oder Kurz

Über Lang oder Kurz – Theater Bautzen / Foto: Miroslaw Nowotny

Am 11. und 12. September 2020 wird dann mein Theaterstück Hallo Nachbar (Arbeitstitel) am Theater Bautzen uraufgeführt. Dies ist mein erster Auftrag für ein Stück für das Puppentheater. Das Stück ist, wie Liebe oder Leben!, für Erwachsene konzipiert. Die Anforderungen an einen Text für Puppen sind ein wenig anders, was für mich spannend ist zu entdecken. Hier arbeite ich intensiv zusammen mit dem Regisseur Stephan Siegfried, der auch schon mein Stück Über Lang oder Kurz für Kinder ab 8 inszeniert hat. Das Stück zum Thema Mobbing wird in Bautzen von den Schulen auch in der zweiten Spielzeit immer noch angefragt, so dass sie es wohl auch eine dritte Spielzeit lang weiter im Spielplan behalten werden.

Ansonsten gibt es am 26. Mai 2020 am Theater Biel/Solothurn noch die Schweizer Erstaufführung von Filipa Unterwegs – mit dem Tonomat durch Europa, einem Stück für Kinder ab 6, das ich vor etwa 15 Jahren geschrieben und jetzt auf Wunsch des Theaters leicht modernisiert habe. Die Inszenierung von Stefanie Rejzek soll mobil in Schulen und Freizeiteinrichtungen gespielt werden.

Weitere Informationen: https://www.tobs.ch/de/junges-publikum/theater-und-schule/klassenzimmerstueck/

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2020

„Die Sterbenden gehen oft abends oder nachts, wenn der Tag zur Ruhe kommt und es rundherum still wird.“ – Ein Gespräch mit der Autorin und Übersetzerin Barbara Imgrund | Teil 2 von 2

Fortsetzung (zurück zu Teil 1 des Gespräches)

Vnicornis:
Welche Verbindungen ziehst Du zwischen der Hospizarbeit und Deinem Schreiben?

Barbara Imgrund:
Das ist keine ganz leichte Frage, da spielt so viel mit herein. Zum einen erdet mich die Hospizarbeit für das, was zählt. Wenn ich mal aus dem Nähkästchen plaudern darf: Ich bin keine Autorin, die sich und ihre Bücher gut vermarkten kann, weil mir das Klappern, die Selbst-PR einfach nicht liegt. Ich hadere schon damit, wenn ich sehe, dass andere das viel besser draufhaben und damit mehr Aufmerksamkeit für ihre Bücher erzielen. Aber dann gehe ich ins Heim oder in die Klinik und komme ebenso glücklich wie ganz klein mit Hut wieder raus – weil mir gerade noch rechtzeitig wieder eingefallen ist, dass etwas anderes wirklich wichtig ist. Und dass ich mir hin und wieder einfach selbst verzeihen muss.

Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen

Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen

Demut, Respekt und Empathie sind jedenfalls Qualitäten, auf die mich meine Ehrenämter immer wieder stoßen – und rein zufällig kann man sie auch fürs Schreiben ganz gut gebrauchen. Sie schärfen den Blick für glaubwürdige Charaktere und Situationen. Als Hospizbegleiter wie als Schriftsteller musst du dich zurücknehmen und ganz auf die Person dir gegenüber, auf deine Figur einlassen können. Was braucht sie von dir und was nicht? Wo musst du eingreifen und lenken, wo musst du die Traute haben loszulassen, damit sich etwas aus sich selbst heraus entwickeln kann? Man mag es nicht glauben, aber Hospizarbeit erfordert eine gute Portion Kreativität. Den Mut dazu hat mir das Schreiben beigebracht.

Vnicornis:
Wie ist dieses Eingreifen und Lenken und dann das Loslassen in der Arbeit an Deinem jüngsten Buch Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen konkret sichtbar geworden?

Barbara Imgrund:
Zunächst einmal hoffe ich, dass es eben nicht sichtbar ist. Aber am Plot hätte ich mir beinahe die Zähne ausgebissen. Ich hatte das Buch einige Jahre zuvor in einer ersten Fassung geschrieben, die absolut nicht funktionierte, und es frustriert in der Schublade verschwinden lassen. Normalerweise skizziere ich ein Storyboard, bevor ich mit der Niederschrift beginne – das hatte ich hier nicht getan, warum auch immer. Entsprechend las es sich: wirr, die Geschichte wusste einfach nicht, wohin sie wollte. Aber die Figuren und die skurrilen Szenen auf dem Friedhof waren mir doch ans Herz gewachsen, und so beschloss ich, dass wir alle es noch einmal miteinander versuchen sollten. Das war haarig, denn ich fand lange den Dreh nicht, den ich brauchte, damit es rund werden konnte. Endlich kam mir doch noch die Erleuchtung, und dank ihr geht die Geschichte jetzt auf.

Dieses Buch aus versprengten Versatzstücken der ersten Version neu zu verfassen, war das Schwierigste, was ich bisher an Schreibarbeit geleistet habe – eben weil ich die Geschichte um bereits bestehende Szenen herum ganz gezielt neu orchestrieren musste.

Loslassen wiederum war bei Marie angesagt, meiner Heldin. Sie wollte zu Beginn des Buches absolut nicht so werden, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Sie sagte und tat Dinge, die nicht meins waren: Während sie heimlich, still und leise innerlich zusammenbrach, war sie nach außen hin hart wie ein Stein, stieß ihren Mann vor den Kopf – der ja auch diesen fürchterlichen Kummer hatte – und suhlte sich im Selbstmitleid. Verstehen konnte ich sie, denn sie hatte ja eben ein totes Kind zur Welt gebracht – sie war mir nur einfach nicht sympathisch. Ich versuchte also, sie so zu schreiben, dass ich sie von Anfang an mögen konnte, aber es hat sich nicht richtig angefühlt. Als ich merkte, dass Marie partout ihr Eigenleben behalten wollte, habe ich es zugelassen – und am Ende gemerkt, dass ich mir keinen größeren Gefallen hätte tun können. Sie hatte Luft, sich zu entwickeln, und alles fügte sich zusammen. Am Ende waren wir dann wieder die besten Freundinnen.

Vnicornis:
Inwieweit hilft das Sich-selbst-Zurücknehmen und Auf-den-Anderen-Einlassen, das Du in der Hospizarbeit erlebst, auch Deiner Lektoratsarbeit?

Barbara Imgrund:
Es hilft bei jeder Zeile. Als Lektorin habe ich das Buch einer anderen Person vor mir, nicht meines. Es ist nicht mein Eigentum, es ist mir nur geliehen. Davor darf ich nicht den Respekt verlieren. Natürlich bin ich dem Verlag verpflichtet, der mir den Auftrag erteilt hat, dieses Buch zu redigieren und satzreif zu machen – das heißt, ich muss die Kriterien dieses Verlags im Auge behalten. Da ich auf Sachbücher spezialisiert bin, sind das vor allem Zielgruppenansprache, Aufbau, Inhalt, Anspruch, Sprache, Orthografie, Interpunktion. Aber ich darf andererseits dem Buch meinen Stempel nicht aufdrücken und muss dafür Sorge tragen, dass Sprach- und Schreibduktus des Autors erhalten bleiben, egal, wie viel ich eingreifen oder umschreiben muss. Denn es steht ja sein Name auf dem Cover.

Meistens geht das gut. Ich hatte aber auch schon Autoren, die sich durch meine Korrekturen persönlich angegriffen fühlten und meinten, ich würde ihr Buch „kaputtredigieren“ … Solche Verwerfungen gibt es übrigens auch in der Hospizarbeit. In einem Fall habe ich ernstlich überlegt, die Begleitung abzubrechen, da mein Gegenüber keinerlei Verbindlichkeit einzugehen bereit war, sich nicht an Verabredungen hielt, die Gespräche mit mir aber auch nicht missen wollte. Nach intensiver Beratung mit meinen beiden Koordinatorinnen entschloss ich mich doch zum Weitermachen. Ich war dann auch bei meinem Schützling, als er wenig später im Hospiz verstorben ist. Und so salopp es klingt: Wir waren beide heilfroh darüber, dass ich ihn nicht habe hängen lassen.

Barbara Imgrund und Mali

Barbara Imgrund und Mali / Foto: Barbara Imgrund

Vnicornis:
Wie geht es Deiner Hündin Mali?

Barbara Imgrund:
Mali geht es gut – danke der Nachfrage, die wirklich nicht ganz unberechtigt ist. Als ehemalige Straßenhündin ist Mali unglaublich sensibel, und Stress oder Angst übersetzen sich bei ihr sofort in körperliche Beschwerden. Dann treiben uns ihre Bauchschmerzen und Koliken nächtelang um die Häuser.

Mali bedeutet übrigens „Reichtum“ auf Suaheli – ich habe eine starke Verbindung nach Afrika und wollte, dass mein Hund einen entsprechenden Namen bekommt. Und Mali ist tatsächlich ein Schatz. Ihrer Empfindsamkeit, von der ich eben sprach, ist es nämlich zu verdanken, dass sie ganz zart und vorsichtig mit den Menschen umgeht, die wir ehrenamtlich besuchen. Spätestens wenn ich im Einsatz dann noch erzähle, dass Mali von der Straße kommt, fällt die letzte Bastion. Denn der Mensch uns gegenüber realisiert: Das Schicksal hat ja nicht nur bei ihm zugeschlagen – sondern auch bei diesem Hund.

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2019

„Die Sterbenden gehen oft abends oder nachts, wenn der Tag zur Ruhe kommt und es rundherum still wird.“ – Ein Gespräch mit der Autorin und Übersetzerin Barbara Imgrund | Teil 1 von 2

Barbara Imgrund, in Landshut/Niederbayern geboren und im Allgäu aufgewachsen, lebt als freie Übersetzerin und Autorin in Heidelberg. Sie arbeitete für zahlreiche renommierte Verlage als Lektorin und ist u. a. Mitglied im texttreff – Netzwerk wortstarker Frauen (http://www.texttreff.de). Barbara Imgrund engagiert sich in der Hospizarbeit, im Besuchshundedienst und international im Tierschutz. Viele ihrer Erfahrungen fanden Eingang in ihre Werke. Zuletzt erschien 2017 ihr Buch Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen. Derzeit schreibt sie an einem neuen Roman. Für mehr Information siehe Barbara Imgrunds Autorinnen-Website.

Barbara Imgrund

Barbara Imgrund / Foto: Barbara Imgrund

Vnicornis:
Barbara, Du engagierst Dich seit Jahren ehrenamtlich in der Hospizarbeit. Was bedeutet diese Tätigkeit für Dich?

Barbara Imgrund:
Um gleich mal das große Besteck auszupacken: Sie bedeutet Erfüllung und Sinn für mich. Ich kann es nicht anders sagen, so ist es eben. Wenn ich bei einem alten, schwerstkranken oder sterbenden Menschen sitze und ihm ein bisschen Last nehmen oder Freude bringen kann – und sei es nur für fünf Minuten –, dann ist das ein Geschenk. Jackpot! Dann weiß ich, dass ich in diesem Moment nirgendwo anders sein will, weil ich ja schon am richtigen Platz bin.

Die Hospizarbeit schließt Kammern in mir auf, in die ich sonst nicht vordringe, was ich übrigens für mein Schreiben gut gebrauchen kann. Denn ich als Mensch entwickle mich dabei ja auch weiter. Es ist sozusagen eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten und wiegt doppelt und dreifach die Zeit, Energie und manchmal auch Nerven auf, die ich durchaus in dieses Ehrenamt investiere.

Vnicornis:
Kannst Du mit unseren Lesern ein paar Deiner Hospizerfahrungen teilen?

Barbara Imgrund:
Vorausgeschickt sei, dass Hospizarbeit nicht nur in einem Hospiz stattfinden muss. Ich zum Beispiel bin in einem Heidelberger Pflegeheim tätig, wo ich nicht nur Sterbende begleite, sondern auch Menschen, die noch rüstig sind, aber eben Ansprache brauchen. Mitnehmen in den Einsatz darf ich auch meine Hündin Mali – wir sind als Besuchshundeteam ausgebildet und besuchen sowohl Senioren als auch Patienten auf der Palliativstation der Heidelberger Thoraxklinik.

Zudem kommt seit einigen Wochen ein fünfjähriges, schwerstbehindertes Mädchen aus der Nachbarschaft zu uns nach Hause. Die Kleine wird voraussichtlich niemals selbstständig laufen, niemals sprechen, niemals sich gezielt mitteilen können. Und doch, es ist atemberaubend, wie schnell sich eine Kommunikation und Bindung zwischen ihr, Mali und mir entwickelt hat. Kind und Hund – der als ehemaliger Straßenhund ebenfalls sein Päckchen zu tragen hat – gehen rührend neugierig und achtsam miteinander um, ich kanalisiere und moderiere ein bisschen und lasse ansonsten laufen, was laufen will.

Heute zum Beispiel war die Kleine zum ersten Mal allein bei uns – ihre Mutter hat draußen mit der Schwester gespielt –, und es war sofort, als wäre es nie anders gewesen. Die Kleine hat mir vertraut, einfach so, und sich sofort auf Mali und mich eingelassen, ohne Mama nachzuweinen. Dann hat sie das Glas mit den Leckerlis hochgehoben, obwohl sie eigentlich nicht greifen kann, und sogar von sich aus Körperkontakt zu Mali gesucht und ihre Pfote festgehalten. Wow. Nach solchen Begegnungen schweben wir alle für den Rest des Tages auf Wolke sieben herum.

Aber auch meine erste Sterbebegleitung hat mich sehr bewegt. Ich hatte die uralte, im Endstadium demente Dame, Frau B., schon fünfeinhalb Monate engmaschig besucht, als an einem Montagmorgen der Anruf aus dem Heim kam: Es gehe wohl zu Ende. Ich fuhr gleich hin, konnte aber nicht viel für sie tun, außer sie durch Körperkontakt spüren lassen, dass sie nicht allein ist, ihr vorsingen und vorlesen. Dann zeigte mir eine Schwester, wo Frau B.s Fotoalben lagen, und ich begann darin zu blättern. Es war, als würde ich eine Reise durch ihr Leben antreten, während sie selbst sich schon auf eine andere, letzte Reise aufgemacht hatte. Da sich im Heim nie jemand von der Familie hatte blicken lassen, wollte wenigstens ich dieses lange Leben, das da gerade zu Ende ging, würdigen und es noch einmal Revue passieren lassen … Mittags musste ich wegen eines Termins weg, aber ich war mir sicher, dass es ohnehin noch dauern würde. Die Sterbenden gehen oft abends oder nachts, wenn der Tag zur Ruhe kommt und es rundherum still wird.

Als ich gegen halb sechs Uhr abends zurückkehrte, saß eine Angehörige an Frau B.s Bett. Deren Atmung war unverändert kräftig und regelmäßig. Da also seit vielen Stunden nichts so recht vorwärts gegangen war, sagte ich zu der alten Dame: „Wir sind alle da, du kannst jetzt jederzeit gehen, wenn du möchtest.“ Manchmal hilft dem Sterbenden diese Art „Erlaubnis“ beim Loslassen. Und wirklich, als hätte Frau B. es verstanden – was aufgrund ihrer massiven Schwerhörigkeit zumindest auf akustischem Wege unmöglich war –, wurde ihre Atmung binnen weniger Minuten flach und es entstanden immer längere Pausen zwischen den einzelnen Atemzügen. To make a long story short: Keine Viertelstunde nach meiner Rückkehr hatte es die alte Dame endlich geschafft.

Zufall oder Zusammenhang? Das mag jeder für sich selbst entscheiden, je nachdem, was er glauben kann. Ich kann inzwischen so manches zwischen Himmel und Erde glauben und hoffe für mein Teil einfach, dass ich vielleicht eine Atmosphäre der Geborgenheit oder Sicherheit schaffen und Frau B. damit womöglich den „Absprung“ erleichtern konnte. Ich kann die Sterbenden ohnehin nur bis an die Schwelle begleiten. Den letzten Schritt müssen sie allein tun.

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2019

Teil 2 des Gespräches

“Das Prädikat als City of Literature muss schließlich immer neu bestätigt werden.” – Ein Gespräch mit Marion Tauschwitz zur UNESCO City of Literature Heidelberg

Marion Tauschwitz ist freie Autorin und Biographin, lebt in Heidelberg und hat neben zahlreichen Veröffentlichungen eine maßgebliche Biographie über die Lyrikerin Hilde Domin, mit der sie viele Jahre eng befreundet war, vorgelegt (siehe hier …). Marion Tauschwitz ist Mitglied u. a. im Verband Deutscher Schriftsteller (VS) Baden-Württemberg und im PEN-Zentrum Deutschland sowie Sprecherin der Heidelberger AutorInnenversammlung (siehe hier …). Nach Romanen und Essays sowie Biographien zu Selma Merbaum und Pieter Sohl folgte im Juli 2019 ein Erinnerungsbuch an Hilde Domin Das unverlierbare Leben (siehe hier …). Für mehr Information zu Marion Tauschwitz siehe ihre Autorinnen-Website.

Marion Tauschwitz

Marion Tauschwitz / Foto: Gudrun-Holde Ordner

Vnicornis:
Liebe Marion, Heidelberg ist seit 2014 UNESCO City of Literature. Wie hat sich aus Deiner Sicht die Literaturszene der Stadt seitdem entwickelt?

Marion Tauschwitz:
Nach nur kurzer Anlaufphase hat sich die Wahrnehmung für Literatur, für die Vielfalt der Literatur, gefestigt. Sie verankert sich im Bewusstsein der Heidelberger, weil sich die Stadt nicht länger auf ihren Lorbeeren ausruht, vom Gewesenen zehrt, sondern Literatur jung und lebendig macht. Und auch wir AutorInnen nehmen das Angebot, uns einzubringen, wahr, weil wir Unterstützung erfahren, die Neugier des Kulturamts auf spannende Projekte spüren, die Kooperation mit der Stadtbücherei fühlen. So haben wir AutorInnen uns in der AutorInnen-Versammlung zusammengeschlossen und den Preis der Heidelberger Autorinnen und Autoren ins Leben gerufen, der sich zu etablieren scheint, denn nach privatem Sponsoring in den ersten zwei Jahren haben wir nun eine dauerhafte Sponsorin im Rohrbacher Bio-Supermarkt Alnatura. Wir freuen uns, dass Kultur und Natur regional Hand in Hand gehen. Und wissen uns auch hier von Stadtbücherei und Kulturamt und von der hiesigen Rhein-Neckar-Zeitung unterstützt, wie bei der Aktion „Wohnzimmerlesungen zugunsten der RNZ Weihnachtsaktion“.

Vnicornis:
Was hat sich speziell für Autorinnen und Autoren in Heidelberg in den vergangenen Jahren verändert?

Marion Tauschwitz:
Heidelberger AutorInnen profitieren, weil die regionale literarische Vielfalt zum Blühen gebracht worden ist. Die Heidelberger Literaturszene ist mutiger geworden, ihre Stimme hörbar zu machen, weil das Kulturamt der City of Literature uns AutorInnen in mannigfaltige Kulturprojekte einbindet, den Austausch mit LiteratInnen der anderen Cities of Literature fördert. Besonders hat mir „Poesie unterwegs“ anlässlich des Welttags der Poesie gefallen, in das so viele AutorInnen eingebunden werden, oder die Möglichkeit, während der Heidelberger Literaturtage im Spiegelzelt präsent zu sein. Sehr ansprechend sind Anstöße für städteübergreifende Projekte wie die Hörspielaktion mit der Musikschule in Trossingen oder die Präsenz der Literaten bei der langen Nacht der Naturwissenschaft im EMBL (European Molecular Biology Laboratory). Ja, ich denke, dass wir AutorInnen uns unterstützt und wahrgenommen fühlen.

Vnicornis:
Welche Chancen und Möglichkeiten wurden bis jetzt aus Deiner Sicht noch nicht genügend aufgegriffen?

Marion Tauschwitz:
Ich sehe, wie sich das Kulturamt stetig weiter um neue Impulse bemüht. Das Prädikat als City of Literature muss schließlich immer neu bestätigt werden. Ich kann also nicht sagen, was noch nicht genügend aufgegriffen worden ist, sondern freue mich auf weitere Möglichkeiten der Vernetzung im internationalen Austausch, weil ich weiß, dass genau daran schon gearbeitet wird und Möglichkeiten keine Grenzen gesetzt werden.

Vnicornis:
Erzähl unseren Lesern etwas über Deine Erfahrungen mit der Vernetzung der UNESCO Cities of Literature untereinander.

Marion Tauschwitz:
Wir AutorInnen werden vom Kulturamt bestens über Aktionen, Projekte, Stipendien etc. informiert. Dann liegt es im persönlichen Engagement, daraus etwas zu machen, sich einzubringen. Ja, die Initiative der Einzelnen ist sicherlich noch ausbaufähig. Ich habe die Möglichkeit und das Angebot wahrgenommen, Gäste aus anderen Literaturstädten zu treffen, sie zu begleiten. Ich hatte die Chance, die City of Literature Heidelberg bei der Buchmesse in Prag zu vertreten. KollegInnen waren im Poesie-Austausch mit anderen Cities of Literature. Alles ist spannend, wenn jeder einzelne neugierig bleibt und mitmacht.

Vnicornis:
Wie ist Deine Einschätzung, ob Stadt und Land dem Status Heidelbergs als UNESCO City of Literature gerecht werden?

Marion Tauschwitz:
Das kann ich wohl recht schnell beantworten: die Stadt wird dem Status gerecht. In vielfältiger Weise wird Literatur immer wieder ins Bewusstsein gehoben und nach Möglichkeiten gesucht, Literatur an Orte zu tragen, wo sie Menschen begegnet: Gedichte in Bussen, Lesungen in Straßenbahnen, nächstes Jahr Performances im Schloss und auf dem Neckar, wenn Hölderlin geehrt wird.

Vnicornis:
Buchverkäufe waren bundesweit bis vor kurzem rückläufig. Anscheinend ging das Interesse an Büchern zurück. Wie lässt sich diesem Trend durch das Konzept der UNESCO City of Literature zumindest in Heidelberg ein Stück weit gegensteuern?

Marion Tauschwitz:
Wir haben in Heidelberg schon viel Förderung der Lesekultur. Schulen, öffentliche Bücherregale, Vorlesen in der Stadtbücherei führen zum Buch. Und die neuesten Zahlen belegen ja erfreulicherweise, dass der Trend zum Bücherkauf wieder angestiegen ist.

Vnicornis:
Feiert Heidelberg seine Autorinnen und Autoren genügend?

Marion Tauschwitz:
Feiern – ein großes Wort. Hegen und pflegen ist vielleicht eher die Wahrnehmung. Mit Interesse wohlwollend unterstützt zu werden, ist schon Freude. Honorar für Lesungen zu erhalten war früher keine Selbstverständlichkeit. Und mit zwei großen Preisen – Clemens-von-Brentano-Preis, Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil – feiert Heidelberg auch überregionale AutorInnen.

Vnicornis:
Welche Empfehlungen gibst Du Autorinnen und Autoren, die nach Heidelberg ziehen?

Marion Tauschwitz:
AutorInnen können sich der AutorInnen-Versammlung anschließen, sich auf der Homepage https://heidelbergerautoren.wordpress.com/ informieren, wen sie ansprechen können. Ich weiß auch, dass das Kulturamt für Anfragen offen ist und weiterleitet. Vom eigenen Engagement enthoben ist natürlich niemand. Aber willkommen sind sie alle.

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2019

„… wir hatten diese irrsinnige Vorstellung, etwas Gemeinsames entstehen zu lassen.“ – Ein Gespräch mit Katharina Dück und Elena Kisel über KAMINA, den studentischen Dichterkreis Heidelberg | Teil 2 von 2

Fortsetzung (zurück zu Teil 1 des Gespräches)

Vnicornis:
Inwiefern spielt Internationalität für KAMINA eine Rolle?

Katharina Dück:
Meines Erachtens spielt unsere Heterogenität – und dazu gehört mehr als die Internationalität, aber auch diese – eine sehr große Rolle. Es ist einfach toll, so viele unterschiedliche Menschen und ihre Sicht auf die Welt kennenzulernen und mit ihnen zusammen, wenn sie denn bei uns bleiben, weiterzuarbeiten, das heißt zu dichten. Man befruchtet und bereichert sich gegenseitig.

Elena Kisel:
Seit kurzem stört mich in diesem Begriff das Präfix „Inter“. Es versetzt den „Betroffenen“ zwischen die Nationen. Das Problem ist viel sensibler und komplizierter. In unserer Praxis spüre ich direkt und kompromisslos die Andersartigkeit und -sprachigkeit. Es entsteht starke Spannung zwischen dem Wunsch verstanden zu werden und der Intention, seine eigene künstlerische Sprache zu entwickeln und manchmal einfach bei sich zu bleiben. Eigentlich betrifft das nicht nur Anderssprachler, eine ewige poetologische Frage. Diese Spannung aber hütet Kunst und (Inter)Nationalität oft vor der Funktionalisierung.

KAMINA-Lesung im Marstall-Lesecafé

KAMINA-Lesung im Marstall-Lesecafé / Foto: Anton Dück

Vnicornis:
Spielen in der Dichtung und Literatur der KAMINA-Gruppe auch politische Themen eine Rolle?

Katharina Dück:
In den gemeinsamen Werken spielen solche Texte weniger eine Rolle, aber in den individuellen Texten durchaus mehr. Einige von uns schreiben politisch und sozial relevante und kritische Texte.

Elena Kisel:
Ich zitiere hier den Politikbegriff der Bundeszentrale für politische Bildung, der Politik als „jegliche Art der Einflussnahme und Gestaltung sowie die Durchsetzung von Forderungen und Zielen, sei es in privaten oder öffentlichen Bereichen“ bezeichnet (http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/politiklexikon/18019/politik).

Zum Teil ist das schon so, oder?

Vnicornis:
Viele von Euch sind mittlerweile keine Studenten mehr. Wie hat sich die Dichtergruppe dadurch verändert?

Elena Kisel:
Sie war von Anfang an nie einhundert Prozent studentisch. Wir hatten zu manchen Zeiten Altersunterschiede von mehr als fünfundzwanzig Jahren – ein Vierteljahrhundert Erfahrung, systematisch gesehen; leider ein von jungen Menschen oft nicht anerkanntes Potenzial – wir sehen auch so erschreckend alt aus. Aber die Dichtung braucht Erfahrung, intensiv und schnell, wo sonst bekommt man sie anders hin.

Katharina Dück:
Ich bin mir nicht sicher, ob das mit dem Studentenstatus zusammenhängt, denn es waren von Anfang an auch Nicht-Studierende bei uns. Was uns verändert hat, ist vielmehr die Zeit, in der wir nun zusammen lesen, schreiben, diskutieren, auftreten, arbeiten und zum Teil den Alltag teilen. Es hat sich ein mehr oder weniger harter KAMINA-Kern herausgebildet, der inzwischen nicht nur durch Dichtung, sondern auch durch persönliche Kontakte verbunden ist.

Auf der anderen Seite ist das Dichten neben dem Studium für viele eine Freizeitbeschäftigung. Nach dem Studium fragen sich dann doch einige, ob man diese Leidenschaft nicht professionalisieren soll.

Vnicornis:
Welche Auswirkungen hat der Status der Stadt Heidelberg als UNESCO City of Literature auf Eure Arbeit?

Elena Kisel:
Das hat zusätzliche Kräfte aktiviert, in uns und der literarischen Community der Stadt.

Katharina Dück:
Auf unsere Arbeit als Gruppe hatte dieses Label qualitativ eigentlich keine Auswirkung, jedoch auf unsere Wahrnehmung in der Literatur-Community der Stadt: Seit Heidelberg eine der UNESCO Cities of Literature ist, schauen sich alle im hiesigen Literaturbetrieb ein wenig um, und so ist man nach fast sechs Jahren auch auf uns aufmerksam geworden. Plötzlich bekamen wir Anfragen, ob wir irgendwo auftreten oder mit jemandem kooperieren möchten. Das war großartig, bedeutete aber einen quantitativen Zuwachs an Arbeit. Dementsprechend wurde die Arbeit mehr, allerdings nicht anders.

KAMINA-Performance Miriam Tag und Elena Kisel auf der Marstallbühne

KAMINA-Performance Miriam Tag und Elena Kisel im Marstallcafé / Foto: Anton Dück

Vnicornis:
Wo seht Ihr KAMINA in fünf Jahren?

Katharina Dück:
Gute Frage. Es gibt eine Antwort, die meinen Wunsch, und eine, die meinen Glauben äußert. Ich wünsche mir, dass sich KAMINA als Gruppe professionalisieren und den Poetry Jam weiter ausbauen kann, ohne dass diese Professionalisierung die individuelle Tätigkeit als Dichter/in im weitesten Sinne einschränkt. Optimalerweise ist diese Form der Tätigkeit reziprok: Die Gruppe erhält neue Impulse von der individuellen Entwicklung der Einzelnen, wodurch sich auch die Gruppe weiterentwickelt und ihrerseits jeder und jedem Einzelnen neue Impulse bietet.

Ich glaube allerdings, dass das eine Herausforderung sein wird und dass es das heutige KAMINA-Dichterkollektiv in fünf Jahren vielleicht nicht mehr geben wird: Manche ziehen weg, bei anderen verschieben sich die Prioritäten – es gibt viele Gründe. Aber es gibt eben jenen harten Kern, der voller Wünsche, Ideen und Inspiration nur so sprüht. Ich bin also guter Dinge.

KAMINA steht auf der Schwelle zu etwas Neuem – keine Frage – und ich bin gespannt, wie sich alles weiterentwickeln wird. In jedem Fall bleibt der studentische Teil des Dichterkreises KAMINA weiterhin als Hochschulgruppe der Universität Heidelberg bestehen, um auch in Zukunft Studierenden sowie Interessierten, auch außerhalb des Universitätsbetriebs, eine Plattform zu bieten, über eigene Texte – egal welcher Art sie sein mögen – konstruktiv zu diskutieren. Was sich darüber hinaus noch ergeben wird, das werden wir sehen. Künftige Projekte zeichnen sich bereits ab. Gespannt bin ich trotzdem, denn wer hätte damals vor sechs Jahren, als Elena und ich unsere Idee zu einem solchen Dichterkreis gerade erst umgesetzt hatten, gedacht, dass wir in fünf Jahren auf einer städtischen Bühne stehen, unsere Texte vortragen und dafür sogar eine Gage erhalten würden!? Wir wollten eigentlich nur mit Gleichgesinnten über unsere Texte sprechen.

Elena Kisel:
Wo steht KAMINA in fünf Jahren? Ich glaube, gerade fallen darüber einige wichtige Entscheidungen.

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2017

http://kamina-dichter.de/

„… wir hatten diese irrsinnige Vorstellung, etwas Gemeinsames entstehen zu lassen.“ – Ein Gespräch mit Katharina Dück und Elena Kisel über KAMINA, den studentischen Dichterkreis Heidelberg | Teil 1 von 2

Vnicornis:
Welche Ziele und Beweggründe hattet Ihr, als Ihr vor sechs Jahren den Studentischen Dichterkreis KAMINA in Heidelberg gegründet habt?

Katharina Dück:
Elena und ich haben uns in einem Kolloquium kennengelernt, in dem es noch andere Studierende gab, die eigentlich nur für sich selbst geschrieben haben. Wir haben uns mit den anderen immer wieder mal über unsere jeweilige Dichtung ausgetauscht, zum Beispiel bei den Leseabenden, die unser damaliger Professor Telle veranstaltet hat, aber selten im Detail über unsere Texte diskutiert. Elena hatte damals mit Kommilitoninnen einen Lesezirkel, in dem Werke von der germanistischen Leseliste gelesen und diskutiert wurden. Ich hatte mich ihnen einige Male angeschlossen und fand, es müsste eine Verbindung beider Lesarten geben, also selbstgeschriebene Texte zu lesen und anschließend zu diskutieren. Auch Elena war dieser Meinung und so gründeten wir den Dichterkreis KAMINA, um selbstgeschriebene Texte anderen Jungautorinn/en vorzutragen und hinterher nicht nur Feedback zu erhalten, sondern auch darüber zu diskutieren und uns gegenseitig konstruktive Kritik zu geben. Wir wollten lediglich einen Lesezirkel gründen. An öffentliche Lesungen, Bühnenauftritte und Publikationen haben wir damals nicht gedacht.

Elena Kisel:
Nur Rückblickend: Das war für mich ein Versuch, den Zugang zu Menschen und zur Sprache zu finden, mich mit dem kulturellen Druck der Autor- und Autoritätschaft [sic] auseinanderzusetzen. Das war eine kulturelle Integration.

KAMINA-Gründerinnen Katharina Dück und Elena Kisel

KAMINA-Gründerinnen Katharina Dück und Elena Kisel / Foto: Anton Dück

Vnicornis:
Was bedeutet der Name KAMINA?

Katharina Dück:
Als wir einen Namen suchten – da hatten wir uns im kleinen Kreis von vier bis fünf Personen bereits ein halbes Jahr getroffen –, wollten wir ein Wort für unsere Gruppe finden, dass noch nicht (mit Bedeutungen) belegt war, aber gewisse Assoziationen wecken würde. Es musste ein Neologismus her. Wir haben mit Wörtern und Namen jongliert und kamen irgendwann auf KAMINA: Klanglich erinnert es an „Carmina“ (lat. Lied) und damit die ursprüngliche Bindung der Lyrik an die Musik. Außerdem bedeutet „kamen“ auf russisch „Stein“ – ein Wort, das für uns für Beständigkeit steht. Wir wollten von Anfang an einen Dichterkreis gründen, der länger besteht als unser Studium, was uns bisher auch gelungen ist. Einige von uns haben ihr Studium schon vor etlichen Jahren beendet und sind immer noch mit dabei. Und schließlich befindet sich im Lesecafé, das uns das Studierendenwerk – unser wichtigster Partner – zur Verfügung stellt und in dem wir uns monatlich treffen, ein Kamin. Wenn man das Sitzen am Kamin, das genug Assoziationen weckt, ins Russische übersetzt, dann heißt es „u kamina“. Damit stand der Name fest.

Elena Kisel:
Der Name lädt zum Assozieren ein: carmen, Camena usw. Hinsichtlich Kamin – im Lesecafe im Heidelberger Marstall, wo wir uns treffen, gibt es einen Fake-Kamin.

Vnicornis:
Ihr schreibt und performt hauptsächlich Lyrik. Warum hat Lyrik neben der Massenüberflutung durch Prosa für Euch noch so eine große Bedeutung?

Elena Kisel:
Das Lyrische an sich ist für mich insoweit wichtig, als die Texte, an denen ich momentan arbeite, nicht Bilder und Bedeutungen vorantreiben, sondern elementare Bewegungen und Kontakte wie zum Beispiel Betonung und Entspannung.

Katharina Dück:
Die Frage nach der Bedeutung von Lyrik kann ich nur für mich selbst, nicht aber für die Gruppe insgesamt beantworten. Ich habe das Gefühl, dass Lyrik viel freier ist als Prosa. Man kann viel mehr mit Worten jonglieren. Prosa gibt einem in der Gegenwart viel mehr Vorgaben. Das war schon mal umgekehrt. Interessant wird es dort, wo die Grenzen verschwimmen: in der lyrischen Prosa.

Was unsere Gruppe betrifft, so hat sich das folgendermaßen ergeben: Die ersten Mitglieder waren, mit einer Ausnahme, alle Lyriker/innen, und irgendwie sind vornehmlich Lyriker/innen bei uns geblieben. Es gibt aber auch einige unter uns, die sowohl Lyrik als auch Prosa schreiben.

Vnicornis:
Ihr arbeitet viel im Kollektiv, Texte entstehen häufig miteinander, Ihr veranstaltet gemeinsame Performances und Poetry Jams. Wie verhalten sich aus Eurer Sicht kollektiv und individuell entstandene Dichtung zueinander?

Elena Kisel:
Es gibt individuelle, unabhängig vom Kollektiv entstandene Texte und individuelle Texte, die sich aus Kollektivtexten herauskristallisiert haben. Es gibt auch Kollektivtexte und individuelle Texte, die sich aus textuellen und performativen Wolken bilden – das ist ein verzweigtes System der Formen, Verhältnisse und Methoden. Mir gefiel der Gedanke, einen lokalen inspiratorischen Attraktor zu schaffen – einen Kreator-Attraktor. Ich habe sozusagen einfach die Emergenz, die Vermehrung der Energie und Inspiration, in unserer Praxis beobachtet. Daraus wuchs mein Interesse, das weiter und systematischer zu entwickeln.

Wenn wir von Prinzipien Kollektiv und Individuell sprechen, würde ich das Verhältnis zwischen ihnen als Verdichtung beschreiben. Das ist ein Verhältnis. Das Verhältnis an sich kann nicht individuell, kann vielleicht nur vorstellbar sein, es wird jedes Mal konstituiert, wie die Gruppe, die Individuen oder ihre Verhältnisse es festlegen.

Katharina Dück:
Das ist, als würde man danach fragen, wie sich die einzelnen Finger mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Charakteristika zum Kollektiv der Hand verhalten. Es gibt einen Punkt, da kann man das nicht mehr voneinander trennen – und muss man auch nicht, wenn man gemeinsam ein Werk entstehen lässt.

KAMINA-Performance Bauch, Beine, Po-etry

KAMINA-Performance Bauch, Beine, Po-etry / Foto: Anton Dück

Vnicornis:
Welche KAMINA-Aktivitäten sind Euch am eindrücklichsten im Gedächtnis geblieben?

Elena Kisel:
Projekte, Projekte, Projekte. Meine erste Performance auf der Alten Brücke; das Projekt „Textkörper“, bei dem wir auf die Körper der Dichter ihre Gedichte projiziert und daraus Kurzfilme gemacht haben; „Körpertexte“, bei denen wir die Texte auf den Körpern der Dichter gedichtet haben. Du siehst, bei mir ging es schon ganz dicht an den Körper ran. Weiter und mehr. Wir haben diese Körpertexte live auf die Leinwand projiziert und weiter geschrieben, auch auf der Marstallwiese auf den fünfzig Meter langen Schreibfächern; der erste Auftritt mit dem Kollektivtext „Berlin Calling“; überhaupt die ersten kollektiven Schreibwerkstätten, digitale Schreibwerkstätten und -performances, das letzte Mal bei der Mandelstamstraße mit den vielen Tastaturen (waren es sechs?) in einem Dokument ein Textgewirr gleichzeitig kollektiv verfasst, und weiter in Details, ich kann mich an alles erinnern. Ich bin in diese Geschichte verliebt.

Katharina Dück:
Eines der eindrücklichsten Erlebnisse war für mich unser erster Poetry Jam im September 2013 beim Kulturportal auf dem Haardter Schloss, eine Benefizveranstaltung des „Arte Casimir Sozialfonds“. Wir hatten noch keinen Namen für das, was wir da machten, aber wir hatten diese irrsinnige Vorstellung, etwas Gemeinsames entstehen zu lassen. Zusammen mit dem Künstler Manfred E. Plathe und der Musik von Paul Kalkbrenner hatten wir den ganzen Tag auf dem Gelände gejamt mit unseren Worten, der Musik „Berlin Calling“ und mit Manfred, der zu unseren Worten und der Musik wie wild sprayte. Das war magisch. Aber eigentlich war jeder Poetry-Jam-Auftritt magisch. Ich weiß noch, wie erschrocken wir waren, als wir das erste Mal „Wer hat Angst vor Virginia Woolfs Wellen?“ aufgeführt haben, nachdem wir wochenlang zuvor dran gearbeitet hatten. Da gab es danach eine kurze Stille. Das Publikum starrte uns an und wir starrten zurück und wussten: Da ist etwas Großes entstanden. Alle waren platt, bevor dann plötzlich der Applaus losbrach. Das war unglaublich!

Das gemeinsame Schreiben, die Diskussionen, die Arbeit an Texten und schließlich die dazugehörige Preisgabe der Werke oder des Werkes an das Publikum. Das ist in meinem Gedächtnis am eindrücklichsten geblieben. Aber eigentlich gibt es so viele schöne Momente, Menschen und Aktivitäten, an die ich mich gerne erinnere.

Weiter zu Teil 2 des Gespräches

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2017

http://kamina-dichter.de/

Etwas zu sauber: Kill Your Darlings – Junge Wilde (Filmgespräch)

vnicornis ist erneut auf dem befreundeten blog Die Nacht der lebenden Texte fremdgegangen. Im Gespräch nähern sich Giovanni Belmonte und Franziska Äpfel dem in diesen Tagen auf Blu-ray und DVD erschienenen Film Kill Your Darlings über die Beat-Literaten Allen Ginsberg, William Burroughs und Jack Kerouac.

Die Nacht der lebenden Texte

Kill Your Darlings_Blu-ray

Gastrezension von Giovanni Belmonte und Franziska Äpfel

Drama // Ein Filmgespräch:

Giovanni Belmonte: Wovon handelt der Film?

Franziska Äpfel: Der Film erzählt die Geschichte des jungen Allen Ginsberg, seiner Aufnahme an der Columbia-Universität in New York City und seines Studiums. Dort lernt er die beiden Avantgardisten Lucien Carr und William Burroughs kennen, seine Gefährten. Später kommt noch Jack Kerouac dazu, der mit seinem Roman „On the Road“ weltberühmt werden wird.

An der Columbia-Universität stellt sich heraus, dass sie Dichter werden wollen. Sie stellen sich gegen den Konservatismus der Universität, der bestimmte Autoren zensiert und ihre Literatur sogar wegschließt. Sie aber bevorzugen eben diese Autoren wie zum Beispiel Henry Miller oder D. H. Lawrence, damalige Skandalautoren, und brechen sogar nachts in die Bibliothek ein, um deren Bücher in die Schaukästen zu legen.

Zusammen gründen sie die Bewegung „The New Vision“ und wollen im Namen dieser Bewegung schreiben. Und im…

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„… was man in die Hand nimmt und sagt, ja, das ist ein Buch.“ – Ein Gespräch mit Clemens Bellut über seinen Buchladen „artes liberales“ in der Heidelberger Altstadt | Teil 2 von 2

Fortsetzung (zurück zu Teil 1 des Gespräches)

Vnicornis:
Kürzlich ist die Frankfurter Buchmesse zu Ende gegangen, und überall ist zu lesen, dass die großen Buchhandelsketten, zum Beispiel Thalia, langsam ihren Markt verlieren und dass das die Chance für kleine Buchhandlungen ist, für kleine Buchläden. Was machst du, um deine Kunden an dich zu binden? Und eine ganz banale und oft gestellte Fragen, ich möchte sie trotzdem stellen: Warum soll man überhaupt noch in einen Buchladen gehen?

Clemens Bellut:
Also von hinten her gesagt, ganz wichtig, man soll überhaupt nicht. Ich habe überhaupt an niemanden die Forderung, in einen Buchladen zu gehen. Ich bin seit den Anfangszeiten der digitalen Welt selbst auch ein sehr früher Nutzer von allen möglichen digitalen Geräten und Zugänglichkeiten gewesen und bin es bis heute, und es gibt für mich durchaus sehr sinnvolle Verwendungen. Ich war sehr froh, als die Editionen der digitalen Bibliothek herausgekommen sind, womit man wunderbar recherchieren kann. Aber meine Vermutung war wie bei vielen Dingen in meinem Leben – ich bin heute 57 Jahre alt, da ist es nicht ganz selbstverständlich, diesen Blick so zu nehmen – dass ich mit den Bedürfnissen und Anliegen, die ich habe und mit denen ich mich noch so sehr als Zeitgenosse fühle, kaum ganz alleine stehen kann. So geht es für mich nicht darum, jemanden dazu zu bringen, in einen Buchladen zu gehen, sondern denjenigen, die wie ich diese Bedürfnisse haben, eine Möglichkeit dazu zu bieten und sich in dieser Möglichkeit auch miteinander zu verbinden. Und darum sehe ich auch diesen Buchladen weder in Konkurrenz zu einem Internethandel mit Büchern noch in Konkurrenz zu digitalen Neuprodukten wie eBooks und dergleichen. Und vielleicht sind diejenigen, auf die ich am ehesten mit einer gewissen Häme schaue, diese Buchhandelsketten wie Thalia oder Weltbild oder Jokers, die sicher auch alle irgendeine Art von Berechtigung gefunden haben, aber die das um den Preis getan haben, dass sie kleine Buchläden kaputt gemacht haben. Und heute liest man ja gelegentlich davon, dass in verschiedenen Städten in Deutschland wieder kleine Buchläden entstehen, mit allen Schwierigkeiten und Unebenheiten, und zur gleichen Zeit diese Filialgeschäfte Flächen stilllegen müssen. Das, muss ich gestehen, schaue ich mir mit einem gewissen Vergnügen an, diese sozusagen gegenphasige Entwicklung. Mich erinnert das immer ein bisschen an die Entwicklung mit den Tonträgern, dass man zu Zeiten, als die CDs aufgekommen sind, gesagt hat, das sei das Ende der Schallplatte. Und es hat nicht sehr lange gedauert und war durchaus auch vorhersehbar, dass Schallplatten irgendwann zu einem Liebhaberobjekt geworden sind und dass es auch wieder Plattenläden gegeben hat und kleine Firmen, die Schallplatten produzieren. Und so etwas ähnliches, denke ich mir, wird es auch mit dem Buch geben. Nicht von ungefähr gibt es speziell hier in Heidelberg diesen Arbeitsschwerpunkt „Editionswissenschaften“ bei Roland Reuß bei den Germanisten, die beschäftigen sich sehr genau und akribisch-philologisch und setzerisch und buchgestalterisch damit, wie mit den Möglichkeiten der heutigen Technik und heutigen Verfahren Bücher als das gemacht werden können, was sie im besten Fall sein können, nämlich nicht einfach nur bedruckte Seiten Papier sondern etwas, was man in die Hand nimmt und sagt, ja, das ist ein Buch. Und das ist unter anderem auch ein Auswahlkriterium hier. Natürlich gibt es durchaus auch einige Bücher hier, die im Book-on-Demand-Verfahren hergestellt wurden oder schlecht gemachte Taschenbücher sind, einfach weil sie im Zweifelsfall die einzigen Ausgaben sind, die ich dazu bekommen konnte. Die Wichtigkeit von Titeln, die ich hier haben wollte, zeigt sich auch darin, dass, wenn ich sie nicht bekomme kann, ich sie dann auch antiquarisch besorge, weil ich sie hier für den Laden haben möchte. Und das finde ich noch immer eine sehr wichtige Entscheidung, es sollte kein Antiquariat sein, darum stehen die antiquarischen Bücher auch nicht separat, sondern haben einen kleinen orangefarbenen Punkt, der das signalisiert, und man muss sie tatsächlich suchen, so wenige sind es, und so finde ich das eigentlich eine ziemlich gut gelungene Angelegenheit. Ein weiteres Kriterium war zum Beispiel, um noch mal an der vorigen Frage anzuschließen, dass ich in allererster Linie Werkschriften ausstellen wollte und nicht so sehr die Sekundär- und Tertiärliteratur zu bestimmten Themen, nicht weil ich sie für unsinnig halte, sondern weil ich es erst einmal wichtiger finde, wieder die Schriftquellen präsent zu halten und deutlich zu machen und auch das Augenmerk auf Schriftquellen zu richten, die uns heute nicht ganz selbstverständlich im Blick sind wie zum Beispiel die Schriften der arabischen Philosophen in der europäischen Frühzeit. Und da gibt es eben Verlage, die das wunderbar machen, sogar in zweisprachigen Ausgaben, dafür bin ich ein begeisterter Beschaffer. Und es gibt ja auch viele Interessenten dafür, die dieses Interesse teilen. Dann hast Du eben gefragt, wie ich denn die Kunden hier zu dem Laden hinbringe oder sie an denselben binde.

Schaufenster artes liberales / Foto: Clemens Bellut

Schaufenster artes liberales / Foto: Clemens Bellut

Das bringt mich genau zu der nächsten Frage. Wir haben ja schon vorhin über den Kornmarkt gesprochen und wie sich hier ein bisschen die Atmosphäre geändert hat, auch durch die angrenzenden Häuser. Was ich nämlich ganz schön finde, dass man auch ein Buch aus dem Regal herausnehmen und dich fragen kann, ob man damit in das angrenzende Café gehen könnte, um es mal probezulesen. Ist das deine Art, wie man sich hier auch ganz praktisch mit der Umgebung vernetzen kann?

Unbedingt. Das war natürlich erstmal ein Geschenk der Situation, die ich so nicht konstruiert habe. Aber da hier nebenan so ein charmantes Café entstanden ist, war dann schnell die Idee da, mir vorzustellen, wenn es schon zwei getrennte Geschäfte sind – es hätte für mich durchaus ein gemeinsames Geschäft sein können –, dann so, dass jemand, der in den Laden kommt, ein Buch ins Café nebenan mitnehmen oder umgekehrt hier im Laden in angenehmer Ruhe sitzen und sich vom Café nebenan die Dinge ordern kann, die er gerne jetzt beim Durchschauen der Bücher haben möchte. Und da das so völlig problemlos geht mit dem Café, selbst mit dem Friseursalon, wo dann gelegentlich Leute kommen und fragen, ob sie sich ein bestimmtes Buch während der Trockenhaube oder so anschauen dürften, ist das durchaus ganz in meinem Sinne. Und in einer gewissen Scherzhaftigkeit, wenn ich in Facebook von diesen drei Geschäften spreche, dann nenne ich uns immer die drei Kopfarbeiter vom Kornmarkt. Und eine wichtige Sache zum Stichwort „Kunden“, dabei richten sich mir immer ein paar kleine Nackenhärchen auf, darum spreche ich viel lieber von Besuchern des Buchladens. Das hat selbst auch eine Unebenheit, weil es natürlich in dieser Diktion verdeckt, dass ich sehr wohl wirtschaftliche Interessen mit dem Buchladen habe, und insofern sind die Besucher des Buchladens auch meine Kunden. Aber derjenige, der hier hereinkommt, ist für mich nicht in allererster Linie derjenige, der die Bewirtschaftung dieses Ladens und meiner finanziellen Existenz ermöglicht, sondern eher jemand, der gewisse Anliegen womöglich mit mir teilt oder auch mit mir darin strittig ist, aber es auf dieser Ebene zu einer Beziehung kommt, die mir viel wichtiger ist, als mir zu überlegen, wie ich welche Bücher hier in welchen Umlaufzeiten so platzieren kann, dass sie möglichst großen Ertrag abwerfen. Der Berater des Barsortimentes, der mich sehr freundlich hier begleitet, hat solche Dinge natürlich als allererstes im Sinn und rät mir dazu, diesen Titel rauszunehmen und jenen reinzunehmen, um dann diese Umlauffristen zu verkürzen, aber das sind Dinge, die mich nicht interessieren. Ich habe gleich gesagt, alles was hier bei mir in den Regalen steht, gerade weil es so wenig ist, ist in allererster Linie etwas, was ich wirklich so als Bestand hier haben möchte und was auch, wenn es verkauft ist, gleich wieder nachbestellt wird. Und wenn Bücher auch zwei oder fünf Jahre lang nicht verkauft werden, werde ich sie nicht deswegen aus dem Programm nehmen. Gestern zum Beispiel war jemand hier, ein junger Mann, sagen wir mal von Anfang dreißig, der dann gerade so einen Kepler, die Harmonia Mundi, zur Hand genommen und eine halbe Stunde darin gelesen hat, und dann, quasi noch abstruser, das Corpus Hermeticum, was hier im Auftrag der Heidelberger Akademie der Wissenschaften herausgegeben worden ist, aus dem Regal genommen hat. Und es war mir klar, dass dieser junge Mann diese Bücher gar nicht kaufen würde oder gar nicht kaufen könnte, aber es war eine Riesenfreude zu sehen, dass sich überhaupt jemand für diese Bücher interessiert. Das ist mir erstmal wichtiger. Und die Frage für mich ist natürlich die – das ist ja kein Hobby hier sondern durchaus meine geistige und wirtschaftliche Existenz –, dass ich dabei eigentlich nur das Ziel verfolge selbst zu sehen, ob man mit dieser Art, einen Buchladen zu machen, tatsächlich auch seine eigenen wirtschaftlichen Grundlagen erwirtschaften kann oder nicht. Und wenn nicht, dann werde ich sicher auch zu der einen oder anderen moderaten Veränderung bereit sein oder Überlegungen dazu anstellen, aber auf keinen Fall das Konzept umwerfen. Denn es geht für mich nicht darum, überhaupt einen Buchladen zu machen oder überhaupt als Kaufmann tätig zu sein, sondern eigentlich geht es mir um dieses Verhältnis zu den Büchern und zu dieser Art von Wissenschaft und Disziplin und vielleicht einer gewissen philosophischen Orientierung, für die ich mir erstmal sozusagen die Probe aufs Exempel einräume, nämlich zu sehen, ob sich das auch wirtschaftlich tragen kann.

artes liberales Kolloquium / Foto: Clemens Bellut

artes liberales Kolloquium / Foto: Clemens Bellut

Vor kurzem hast du hier auch eine regelmäßige Werkstattrunde ins Leben gerufen, die alle zwei Wochen abendlich stattfindet. Du lädst die Leute über einen E-Mail-Verteiler direkt ein. Es geht um philosophische und philologische Themen, was sich dann auch ein bisschen erweitern lässt. Kannst du ein wenig zum Hintergrund dieser Werkstattserie, zu diesen Kolloquien sagen, an denen ich zwar selber teilgenommen habe, aber es noch mal von dir hören möchte.

Im Prinzip ist das ja das primäre Hauptanliegen gewesen, solche Versuche zu machen, wie man bei meinem eigenen Bedauern über die Entwicklung von Universität heute womöglich eine Praxisform entwickeln könnte, die jetzt nicht dazu in Konkurrenz tritt, sondern einfach in einem sehr kleinen Rahmen zeigt, dass etwas, was viele für unmöglich halten, sehr wohl möglich und vielleicht sogar heute im wörtlichen Sinne notwendig ist und wofür doch bei uns heute nach meiner Wahrnehmung – die ist sicher auch sehr beschränkt – relativ wenig Raum geschaffen wird, ich meine institutioneller Raum. Es gibt natürlich viele private und informelle Räume dafür, und auch dieses Kolloquium, das ich hier veranstalte, ist ja halb informell, halb privat, soll aber trotzdem im Prinzip erstmal für alle zugänglich sein, was bei zwanzig Quadratmetern viel gesagt ist. Aber ich habe nur zwei Grundvoraussetzungen gestellt, ich erwarte keine Vorlegung von Zeugnissen, von Diplomen, sage dazu umgekehrt auch, es gibt keine Zertifikate und gar nichts dafür, man hat eigentlich nichts davon auf der institutionellen Seite. Die beiden Voraussetzungen sind (a), dass man das Risiko auf sich nimmt, herzukommen und keinen Zugang mehr zu finden, weil es zu voll ist, und (b), dass jeder, der daran teilnimmt, in dieser von mir so angestrebten sehr ernsthaften Art an bestimmten Fragestellungen zu arbeiten, das so tut, dass jeweils einer in einer knappen Zeit von 15 bis höchstens 25 Minuten eine Arbeitssituation, in der er gerade steckt, als Forscher und Wissenschaftler, als Dozent oder auch als Doktorand hier vorstellt, und zwar gerade an der Stelle, an dem es für ihn oder für sie selbst ein neuralgischer Punkt ist und an dem er gerade quasi nicht weiterkommt und das Bedürfnis hat, in einen nicht vorgeprägten Austausch zu treten. Und die Voraussetzung neben dem Hierplatzfinden ist die, dass jeder, der hier hereinkommt, sich vorstellen kann, auch selbst einmal der aktive Part in dieser Runde zu sein. Wie lange das jetzt in dieser Form sich tragen und so funktionieren wird, weiß ich nicht, aber die ersten vier Sitzungen, die wir gemacht haben, waren aus meiner Sicht sehr bestätigend für diese Grundidee, und interessanterweise sind einige junge Leute dabei, die mich hinterher angesprochen und gesagt haben, es wäre so merkwürdig für sie, weil sie sich selbst eine Zeitlang immer wieder untereinander darüber besprochen hätten, dass sie eigentlich so etwas dieser Art immer hätten machen wollen, und sich dann doch überrascht finden dabei, auf meine Initiative hin genau das mit großer Begeisterung zu tun und darin eine Erfahrung zu machen, die sie in ihren Hochschulseminaren so nicht machen würden, dass der Austausch viel lebhafter, dass der Streitgeist einerseits angenehmer und freundlicher, aber auch heftiger ist. Und ich hatte früher selbst solche Erfahrung, und meine Idee ist eigentlich, das weiter auszubauen, dass auch verschiedene Arten von Veranstaltungen entstehen werden, durchaus auch Publikumsveranstaltungen. Das wird jetzt am Ende des Monats starten mit kleinen Vorträgen und Lesungen auch von Gästen, die nicht hier aus Heidelberg kommen. Und mein Wunsch ist, dass sich das disziplinär noch ein bisschen ausweitet und nicht nur Philologen und Philosophen kommen, sondern, wie derzeit ja auch schon von den Teilnehmern gegeben, Historiker, Kunstwissenschaftler, Theologen, aber gerne eben auch Physiker und Ökonomen zum Beispiel oder Juristen, da würde für mich dann sozusagen ein Clue daraus entstehen, der noch über das aktuelle hinaus geht. Das hängt für mich mit dem Namen zusammen, den ich dem ganzen gegeben habe. Den Laden und diese ganze Institution nenne ich „artes liberales“ (die Freien Künste), weil sie in einer gewissen Weise eine Anknüpfung sein soll an das, wie mir die Geschichte der ganz frühen Universität in Europa entgegentritt, um diese damalige Praxis der Lehre und des Forschens nicht aus nostalgischen Gründen bloß zu revitalisieren, sondern um daraus zu lernen, was vielleicht heute nicht einfach schlechthin überflüssig, sondern im Gegenteil vielleicht notwendig geworden ist.

Vielen Dank.

Artes Liberales Logo

artes liberales Logo

Das Gespräch führte Belmonte.

Adresse:
Buchladen artes liberales
Kornmarkt 8
69117 Heidelberg
http://www.artesliberales.name

(c) belmonte 2013

„… was man in die Hand nimmt und sagt, ja, das ist ein Buch.“ – Ein Gespräch mit Clemens Bellut über seinen Buchladen „artes liberales“ in der Heidelberger Altstadt | Teil 1 von 2

artes liberales Logo

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Vnicornis:
Du bist kürzlich von Zürich nach Heidelberg gezogen und hast hier am Kornmarkt in der Heidelberger Altstadt die Buchhandlung artes liberales eröffnet. Ich weiß von dir, dass du gar kein ausgebildeter Buchhändler bist. Kannst du ein wenig über deinen Hintergrund erzählen?

Clemens Bellut:
Ich bin überhaupt nicht ausgebildet als Buchhändler, sondern bin ausgebildeter Philologe und Philosoph und habe als solcher denn auch die letzten Jahre in Zürich an der Zürcher Hochschule der Künste gearbeitet bis zum vorigen Jahr. Dann ist das dortige Institut für Designforschung „Design2context“, das ich zusammen mit Ruedi Baur geleitet habe, wegen eines Rektoratswechsels geschlossen worden. Und auch das Haus, in dem ich gelebt habe, wurde zum Abriss freigegeben. Da habe ich beschlossen, die Stadt zu wechseln, und habe aus einer vergleichsweise unkomfortablen Situation eine komfortable Entscheidung gemacht, nämlich die Stadt auszusuchen, wo ich mir wünschen konnte, leben zu wollen. Daraus ist dann aus wiederum vergleichsweise zufälligen Gründen Heidelberg geworden. Und dann habe ich hier in der Altstadt am Kornmarkt eine wunderbare Wohnung gefunden. Und es war eines der ganz wenigen Dinge, die mir hier in Heidelberg als Manko aufgefallen sind, dass ich hier für meine Art, einen Buchladen zu verwenden, keine geeignete Buchhandlung gefunden habe. Ich hatte genau das Gegenteil erwartet und angenommen, es gäbe hier zahllose Buchhandlungen dieser Art, und war dann etwas verblüfft, weil ich dergleichen Buchhandlung, in der man sich hinsetzen und stöbern und lesen mag und interessante Leute trifft, in allen Städten hatte, in denen ich gelebt habe, in Frankfurt, in Bonn, Tübingen und Zürich, aber hier in Heidelberg witzigerweise nicht, obwohl von Heidelberg immer noch gesagt wird, es sei die Stadt mit der größten Buchhandlungsdichte, manchmal heißt es sogar, in der Welt. Ich weiß, dass das nicht der Fall ist. Aber es gibt sehr gute Antiquariate hier, große und kleine, und so etwas wie eine Universitätsbuchhandlung, die aber zu einer Kette gehört und die zwar ein gutes Buchangebot hat und man auch schnell mit Bestellungen bedient wird, aber kein Ort ist, wo ich hingehen würde, um mich dort hinzusetzen und einen halben Samstagnachmittag zu verbringen, obwohl die Leute dort sehr freundlich sind. Und dann war in dem Haus, in dem ich wohne, unten ein sehr kleines Ladenlokal frei. Dafür gab es verschiedene Verwendungsvorschläge, und ich habe mich irgendwann gefragt, ob ich hier nicht eine Idee sich kristallisieren lassen wollte, die sich gar nicht so sehr auf einen Buchladen gerichtet hat, sondern auf eine winzig kleine Art von Akademie. Das verfolge ich schon seit bestimmt 25 Jahren, und da natürlich der Raum für so etwas viel zu klein ist, bin ich auf die Idee gekommen, das ganze von einer Keimzelle aus anzugehen, was dann ein Buchladen sein könnte. Und er heißt somit auch nicht Buchgeschäft, nicht Buchhandlung, sondern Buchladen, weil er so klein ist, dass er einfach ein Laden ist und sonst nichts. Und dann habe ich mit dieser Idee ein paar Wochen lang Umgang gepflegt, erst für mich und dann so peu à peu auch mit Freunden. Und da ich nicht nur kein Buchhändler bin, sondern auch gar keine Kaufmannsvergangenheit habe, auch familiär nicht, war das schon eine, sagen wir mal, nicht ganz einfache Überlegung, so etwas überhaupt tun zu wollen, weil ich wusste, dass da viele Anforderungen auf mich zukommen, die mir nicht in die Wiege gelegt worden sind, zum Beispiel die sinnvolle Bewirtschaftung und Organisation. Aber irgendwann hat dann die Schönheit dieser Vorstellung überhand genommen über all diese einschränkenden Überlegungen, die mir selbst dazu gekommen sind. Und wohlmeinende Freunde haben betriebswirtschaftliche Überlegungen angestellt, an die ich so vorher nicht gedacht habe und die sehr hilfreich waren. Aber es war dann gut zu sehen, dass sich meine Vorstellungen davon auch durch diese Einwände hindurch haben anreichern lassen. Also nicht einfach zu sagen, oh, es geht gar nicht, oder auch einfach zu sagen: Trotzdem! Sondern dass es sich da durchgewirkt hat. Und ich bin von dem, was daraus geworden ist, dann auch ganz entzückt.

Clemens Bellut vor seinem Schaufenster / Foto: Clemens Bellut

Clemens Bellut vor seinem Schaufenster / Foto: Clemens Bellut

Der Kornmarkt hier in der Heidelberger Altstadt liegt sehr zentral, Blick aufs Schloss, die meisten geisteswissenschaftlichen Institute sind innerhalb von Gehminuten erreichbar. Wie fühlst du dich hier?

Perfekt. Ich fühle mich hier schon wie die Spinne in ihrem Netz, weil es zwar einerseits zentral und andererseits eben so haarscharf nicht zentral ist, weil es nicht an der Heiliggeistkirche ist, nicht auf der Hauptstraße. Es ist sogar ein Platz, der, obwohl er vielleicht der schönste in Heidelberg ist, bei den Heidelbergern selbst, wenn man in der Stadt irgendwo nach dem Kornmarkt fragt, völlig unbekannt ist, oder wenn mich jemand fragt, wo ich wohne, und ich sage, am Kornmarkt, dann fällt ihm offensichtlich immer der danach folgende Karlsplatz und nicht der Kornmarkt ein. Und wenn man dann das Stichwort gibt: Dort, wo die Madonna steht, die Kornmarktmadonna, dann dämmert es ihm, ach, da ist ja auch noch so ein kleiner Platz. Und hier gab es fast keine Geschäfte auf dem Kornmarkt, damals als ich hergekommen bin, dieses Schuhgeschäft dort hinten und dieses Haushaltswarengeschäft, ein Hotel, und ansonsten gewerblich überhaupt nichts. Dann sind hier in relativ schneller Folge in zwei benachbarten Häusern ein Friseursalon von Susanna Beck, das Café GRANO von Ertjon Doci und dann eben als letztes von den dreien mein Buchladen entstanden. Und dass wir drei auch untereinander ein bemerkenswert freundschaftliches Verhältnis und auch sehr viel Freude aneinander und an unseren drei Geschäften haben und wir auch diese Veränderung des Kornmarkts, die durch diese drei Geschäfte entstanden ist, jeden Tag mit Freude genießen – mit Freunden und Freuden –, das sind sicher Seiten, an die ich vorher überhaupt nicht gedacht habe, dass sich das so zeigen könnte. Und ansonsten mit den Instituten hier drum herum, die Altstadt als sozusagen der Standort für die geisteswissenschaftlichen Disziplinen und Fakultäten, das war schon zu Beginn in meiner Überlegung eigentlich eine Entstehungsbedingung, weil ich jetzt nicht einfach einen Buchladen für jedes erdenkliche Lesebedürfnis, sondern schon einen Laden machen wollte für die Bücher, die mir wichtig sind und von denen nahegelegen hat anzunehmen, dass das am ehesten Philosophen, Philologen, Historiker, vielleicht noch Gesellschaftswissenschaftler und Ethnologen sein könnten, die hier herkommen, die Theologen auch noch in der Nähe. Und all diese sind hier in diesem hinteren Teil der Altstadt mit Buchläden nun deutlich unterversorgt. Tatsächlich war es durch die ungefähr dreißig Meter entfernt liegende Studien- und Forschungseinrichtung der Germanistik wie vorherzusehen, dass ich von dort her die meisten Leute habe, die den Buchladen aufsuchen und das auch regelmäßig tun. Das war auch zu Beginn eines der Dinge, die mir Heidelberg so erfreulich gemacht haben, dass ich mich erstens in einer ganz grundsätzlichen Weise hier sehr willkommen gefühlt habe, obwohl ich keinen einzigen Menschen hier kannte, und dann aber beim Besuch von Cafés und Kneipen und Lokalen die schöne Beobachtung gemacht habe, dass man mit einer gewissen Regelmäßigkeit am Nachbartisch hat Leute jeglichen Alters miteinander sprechen hören, von zwanzig bis achtzig, die sich mit einer wunderbaren Häufigkeit über einen Film, über eine Theateraufführung, oder worüber sie gerade von Husserl oder Hegel gelesen haben, oder über ein Goethe- oder Paul-Celan-Gedicht unterhalten haben. Das hatte ich früher in meiner Studienzeit vor allem in Tübingen so auch und habe das dann in der Zeit in Frankfurt und Zürich so nicht mehr erlebt und auch sehr vermisst, und hier war es dann plötzlich wie ein Flashback zu meinen besten Studienzeiten. Und das sind die Menschen, die auch hier herkommen und mit denen dann irgendwie eine Verdichtung dieser Gesprächsmöglichkeiten für mich hier stattfindet, die ich mit Freuden beobachte.

Clemens Bellut / Foto: Clemens Bellut

Clemens Bellut / Foto: Indre Doci

Als wir uns kennengelernt haben, hast du erzählt, dass ein Student hier hereingekommen sei und gefragt habe, ob er bei dir die Antigone-Übersetzung von Friedrich Hölderlin bestellen könne, und du hast gesagt, du bräuchtest sie gar nicht zu bestellen, die stehe hier im Regal. Tatsächlich hast du hier eine ganze Menge an klassischer Literatur. Wie wählst du dein Sortiment aus?

Das ist interessanterweise eine häufig gestellte Frage, die mich tatsächlich ein bisschen verblüfft, dass sie so kommt, nicht dass sie jetzt von dir kommt, sondern dass sie so häufig hier gestellt wird, was ich als Reaktion auf diese sehr kleine Büchersammlung sofort nachvollziehen kann. Es sind ja nur vielleicht, wenn es hoch kommt, 1500 Titel hier. In Parenthese gesagt, heute habe ich einen Artikel gelesen mit einer Bemerkung über eine sehr kleine Buchhandlung in Berlin, die nur 5000 Bände vorrätig habe, und dann finde ich natürlich, dass mein Buchladen winzig klein ist, es sind ja nur zwanzig Quadratmeter. Und das Prinzip, nach dem ich die Bücher ausgesucht habe, sie mit diesem beschränkten Platz auszustellen, war, dass ich mir überlegt habe, welche Bücher ich bei mir selbst habe und welche Bücher davon wiederum diejenigen sind, die ich gerne einem öffentlichen Blick zugänglich machen möchte, in der Annahme, dass es nicht ganz selbstverständlich ist, sie überhaupt präsent zu haben, in einer Buchhandlung oft sowieso nicht. Dann aber sind es auch oft Titel, die man nicht auf den allerersten Blick, wenn man über ein Thema oder über einen Autoren nachdenkt, gleich im Sinn hat. Da gab es dann auch Sachen, die durchaus auch sehr teuer sein können, und mir viele Freunde gesagt haben, dass ich ja ganz schnell einen Rückzieher machen müsste, zum Beispiel eine sehr schöne Reprint-Ausgabe von Keplers Weltharmonik, die fast ein Folioband ist, und bei der mir schon mancher gesagt hat, das Buch wirst Du noch bis zum Ende Deiner Tage hier haben, und ich habe es inzwischen schon zweimal verkauft. Beim ersten Mal war ich tatsächlich ein bisschen traurig, dass es rausgegangen ist, weil ich es gerne hier haben wollte, um auch noch selbst reinschauen zu können. Und dann ist auch eine ganze Reihe von Büchern durchaus hier, weil sie mir von Kollegen, von Freunden empfohlen worden sind, und die sind manchmal so gelagert, dass sie mit anderen Interessen hier hereinkommen, wie meine Kollegin Kristina Koturic, die mir als Kunstwissenschaftlerin einige Dinge vorgeschlagen hat, die ich tatsächlich nicht im Blick hatte und froh war, darauf aufmerksam gemacht zu werden. Aber es gibt schon noch ein wichtiges Prinzip für mich, dass ich zu über neunzig Prozent der Bücher, die im Laden sind, auch irgendwie etwas sagen können möchte, und zwar nicht den Klappentext sondern mindestens mein Verhältnis zu diesem Buch, und sei es auch, dass ich es gar nicht gelesen und trotzdem etwas mit diesem Buch angefangen habe.

Weiter zu Teil 2 des Gespräches

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2013