„… wir hatten diese irrsinnige Vorstellung, etwas Gemeinsames entstehen zu lassen.“ – Ein Gespräch mit Katharina Dück und Elena Kisel über KAMINA, den studentischen Dichterkreis Heidelberg | Teil 2 von 2

28. Januar 2017 § Ein Kommentar

Fortsetzung (zurück zu Teil 1 des Gespräches)

Vnicornis:
Inwiefern spielt Internationalität für KAMINA eine Rolle?

Katharina Dück:
Meines Erachtens spielt unsere Heterogenität – und dazu gehört mehr als die Internationalität, aber auch diese – eine sehr große Rolle. Es ist einfach toll, so viele unterschiedliche Menschen und ihre Sicht auf die Welt kennenzulernen und mit ihnen zusammen, wenn sie denn bei uns bleiben, weiterzuarbeiten, das heißt zu dichten. Man befruchtet und bereichert sich gegenseitig.

Elena Kisel:
Seit kurzem stört mich in diesem Begriff das Präfix „Inter“. Es versetzt den „Betroffenen“ zwischen die Nationen. Das Problem ist viel sensibler und komplizierter. In unserer Praxis spüre ich direkt und kompromisslos die Andersartigkeit und -sprachigkeit. Es entsteht starke Spannung zwischen dem Wunsch verstanden zu werden und der Intention, seine eigene künstlerische Sprache zu entwickeln und manchmal einfach bei sich zu bleiben. Eigentlich betrifft das nicht nur Anderssprachler, eine ewige poetologische Frage. Diese Spannung aber hütet Kunst und (Inter)Nationalität oft vor der Funktionalisierung.

KAMINA-Lesung im Marstall-Lesecafé

KAMINA-Lesung im Marstall-Lesecafé / Foto: Anton Dück

Vnicornis:
Spielen in der Dichtung und Literatur der KAMINA-Gruppe auch politische Themen eine Rolle?

Katharina Dück:
In den gemeinsamen Werken spielen solche Texte weniger eine Rolle, aber in den individuellen Texten durchaus mehr. Einige von uns schreiben politisch und sozial relevante und kritische Texte.

Elena Kisel:
Ich zitiere hier den Politikbegriff der Bundeszentrale für politische Bildung, der Politik als „jegliche Art der Einflussnahme und Gestaltung sowie die Durchsetzung von Forderungen und Zielen, sei es in privaten oder öffentlichen Bereichen“ bezeichnet (http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/politiklexikon/18019/politik).

Zum Teil ist das schon so, oder?

Vnicornis:
Viele von Euch sind mittlerweile keine Studenten mehr. Wie hat sich die Dichtergruppe dadurch verändert?

Elena Kisel:
Sie war von Anfang an nie einhundert Prozent studentisch. Wir hatten zu manchen Zeiten Altersunterschiede von mehr als fünfundzwanzig Jahren – ein Vierteljahrhundert Erfahrung, systematisch gesehen; leider ein von jungen Menschen oft nicht anerkanntes Potenzial – wir sehen auch so erschreckend alt aus. Aber die Dichtung braucht Erfahrung, intensiv und schnell, wo sonst bekommt man sie anders hin.

Katharina Dück:
Ich bin mir nicht sicher, ob das mit dem Studentenstatus zusammenhängt, denn es waren von Anfang an auch Nicht-Studierende bei uns. Was uns verändert hat, ist vielmehr die Zeit, in der wir nun zusammen lesen, schreiben, diskutieren, auftreten, arbeiten und zum Teil den Alltag teilen. Es hat sich ein mehr oder weniger harter KAMINA-Kern herausgebildet, der inzwischen nicht nur durch Dichtung, sondern auch durch persönliche Kontakte verbunden ist.

Auf der anderen Seite ist das Dichten neben dem Studium für viele eine Freizeitbeschäftigung. Nach dem Studium fragen sich dann doch einige, ob man diese Leidenschaft nicht professionalisieren soll.

Vnicornis:
Welche Auswirkungen hat der Status der Stadt Heidelberg als UNESCO City of Literature auf Eure Arbeit?

Elena Kisel:
Das hat zusätzliche Kräfte aktiviert, in uns und der literarischen Community der Stadt.

Katharina Dück:
Auf unsere Arbeit als Gruppe hatte dieses Label qualitativ eigentlich keine Auswirkung, jedoch auf unsere Wahrnehmung in der Literatur-Community der Stadt: Seit Heidelberg eine der UNESCO Cities of Literature ist, schauen sich alle im hiesigen Literaturbetrieb ein wenig um, und so ist man nach fast sechs Jahren auch auf uns aufmerksam geworden. Plötzlich bekamen wir Anfragen, ob wir irgendwo auftreten oder mit jemandem kooperieren möchten. Das war großartig, bedeutete aber einen quantitativen Zuwachs an Arbeit. Dementsprechend wurde die Arbeit mehr, allerdings nicht anders.

KAMINA-Performance Miriam Tag und Elena Kisel auf der Marstallbühne

KAMINA-Performance Miriam Tag und Elena Kisel im Marstallcafé / Foto: Anton Dück

Vnicornis:
Wo seht Ihr KAMINA in fünf Jahren?

Katharina Dück:
Gute Frage. Es gibt eine Antwort, die meinen Wunsch, und eine, die meinen Glauben äußert. Ich wünsche mir, dass sich KAMINA als Gruppe professionalisieren und den Poetry Jam weiter ausbauen kann, ohne dass diese Professionalisierung die individuelle Tätigkeit als Dichter/in im weitesten Sinne einschränkt. Optimalerweise ist diese Form der Tätigkeit reziprok: Die Gruppe erhält neue Impulse von der individuellen Entwicklung der Einzelnen, wodurch sich auch die Gruppe weiterentwickelt und ihrerseits jeder und jedem Einzelnen neue Impulse bietet.

Ich glaube allerdings, dass das eine Herausforderung sein wird und dass es das heutige KAMINA-Dichterkollektiv in fünf Jahren vielleicht nicht mehr geben wird: Manche ziehen weg, bei anderen verschieben sich die Prioritäten – es gibt viele Gründe. Aber es gibt eben jenen harten Kern, der voller Wünsche, Ideen und Inspiration nur so sprüht. Ich bin also guter Dinge.

KAMINA steht auf der Schwelle zu etwas Neuem – keine Frage – und ich bin gespannt, wie sich alles weiterentwickeln wird. In jedem Fall bleibt der studentische Teil des Dichterkreises KAMINA weiterhin als Hochschulgruppe der Universität Heidelberg bestehen, um auch in Zukunft Studierenden sowie Interessierten, auch außerhalb des Universitätsbetriebs, eine Plattform zu bieten, über eigene Texte – egal welcher Art sie sein mögen – konstruktiv zu diskutieren. Was sich darüber hinaus noch ergeben wird, das werden wir sehen. Künftige Projekte zeichnen sich bereits ab. Gespannt bin ich trotzdem, denn wer hätte damals vor sechs Jahren, als Elena und ich unsere Idee zu einem solchen Dichterkreis gerade erst umgesetzt hatten, gedacht, dass wir in fünf Jahren auf einer städtischen Bühne stehen, unsere Texte vortragen und dafür sogar eine Gage erhalten würden!? Wir wollten eigentlich nur mit Gleichgesinnten über unsere Texte sprechen.

Elena Kisel:
Wo steht KAMINA in fünf Jahren? Ich glaube, gerade fallen darüber einige wichtige Entscheidungen.

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2017

http://kamina-dichter.de/

„… wir hatten diese irrsinnige Vorstellung, etwas Gemeinsames entstehen zu lassen.“ – Ein Gespräch mit Katharina Dück und Elena Kisel über KAMINA, den studentischen Dichterkreis Heidelberg | Teil 1 von 2

21. Januar 2017 § Ein Kommentar

Vnicornis:
Welche Ziele und Beweggründe hattet Ihr, als Ihr vor sechs Jahren den Studentischen Dichterkreis KAMINA in Heidelberg gegründet habt?

Katharina Dück:
Elena und ich haben uns in einem Kolloquium kennengelernt, in dem es noch andere Studierende gab, die eigentlich nur für sich selbst geschrieben haben. Wir haben uns mit den anderen immer wieder mal über unsere jeweilige Dichtung ausgetauscht, zum Beispiel bei den Leseabenden, die unser damaliger Professor Telle veranstaltet hat, aber selten im Detail über unsere Texte diskutiert. Elena hatte damals mit Kommilitoninnen einen Lesezirkel, in dem Werke von der germanistischen Leseliste gelesen und diskutiert wurden. Ich hatte mich ihnen einige Male angeschlossen und fand, es müsste eine Verbindung beider Lesarten geben, also selbstgeschriebene Texte zu lesen und anschließend zu diskutieren. Auch Elena war dieser Meinung und so gründeten wir den Dichterkreis KAMINA, um selbstgeschriebene Texte anderen Jungautorinn/en vorzutragen und hinterher nicht nur Feedback zu erhalten, sondern auch darüber zu diskutieren und uns gegenseitig konstruktive Kritik zu geben. Wir wollten lediglich einen Lesezirkel gründen. An öffentliche Lesungen, Bühnenauftritte und Publikationen haben wir damals nicht gedacht.

Elena Kisel:
Nur Rückblickend: Das war für mich ein Versuch, den Zugang zu Menschen und zur Sprache zu finden, mich mit dem kulturellen Druck der Autor- und Autoritätschaft [sic] auseinanderzusetzen. Das war eine kulturelle Integration.

KAMINA-Gründerinnen Katharina Dück und Elena Kisel

KAMINA-Gründerinnen Katharina Dück und Elena Kisel / Foto: Anton Dück

Vnicornis:
Was bedeutet der Name KAMINA?

Katharina Dück:
Als wir einen Namen suchten – da hatten wir uns im kleinen Kreis von vier bis fünf Personen bereits ein halbes Jahr getroffen –, wollten wir ein Wort für unsere Gruppe finden, dass noch nicht (mit Bedeutungen) belegt war, aber gewisse Assoziationen wecken würde. Es musste ein Neologismus her. Wir haben mit Wörtern und Namen jongliert und kamen irgendwann auf KAMINA: Klanglich erinnert es an „Carmina“ (lat. Lied) und damit die ursprüngliche Bindung der Lyrik an die Musik. Außerdem bedeutet „kamen“ auf russisch „Stein“ – ein Wort, das für uns für Beständigkeit steht. Wir wollten von Anfang an einen Dichterkreis gründen, der länger besteht als unser Studium, was uns bisher auch gelungen ist. Einige von uns haben ihr Studium schon vor etlichen Jahren beendet und sind immer noch mit dabei. Und schließlich befindet sich im Lesecafé, das uns das Studierendenwerk – unser wichtigster Partner – zur Verfügung stellt und in dem wir uns monatlich treffen, ein Kamin. Wenn man das Sitzen am Kamin, das genug Assoziationen weckt, ins Russische übersetzt, dann heißt es „u kamina“. Damit stand der Name fest.

Elena Kisel:
Der Name lädt zum Assozieren ein: carmen, Camena usw. Hinsichtlich Kamin – im Lesecafe im Heidelberger Marstall, wo wir uns treffen, gibt es einen Fake-Kamin.

Vnicornis:
Ihr schreibt und performt hauptsächlich Lyrik. Warum hat Lyrik neben der Massenüberflutung durch Prosa für Euch noch so eine große Bedeutung?

Elena Kisel:
Das Lyrische an sich ist für mich insoweit wichtig, als die Texte, an denen ich momentan arbeite, nicht Bilder und Bedeutungen vorantreiben, sondern elementare Bewegungen und Kontakte wie zum Beispiel Betonung und Entspannung.

Katharina Dück:
Die Frage nach der Bedeutung von Lyrik kann ich nur für mich selbst, nicht aber für die Gruppe insgesamt beantworten. Ich habe das Gefühl, dass Lyrik viel freier ist als Prosa. Man kann viel mehr mit Worten jonglieren. Prosa gibt einem in der Gegenwart viel mehr Vorgaben. Das war schon mal umgekehrt. Interessant wird es dort, wo die Grenzen verschwimmen: in der lyrischen Prosa.

Was unsere Gruppe betrifft, so hat sich das folgendermaßen ergeben: Die ersten Mitglieder waren, mit einer Ausnahme, alle Lyriker/innen, und irgendwie sind vornehmlich Lyriker/innen bei uns geblieben. Es gibt aber auch einige unter uns, die sowohl Lyrik als auch Prosa schreiben.

Vnicornis:
Ihr arbeitet viel im Kollektiv, Texte entstehen häufig miteinander, Ihr veranstaltet gemeinsame Performances und Poetry Jams. Wie verhalten sich aus Eurer Sicht kollektiv und individuell entstandene Dichtung zueinander?

Elena Kisel:
Es gibt individuelle, unabhängig vom Kollektiv entstandene Texte und individuelle Texte, die sich aus Kollektivtexten herauskristallisiert haben. Es gibt auch Kollektivtexte und individuelle Texte, die sich aus textuellen und performativen Wolken bilden – das ist ein verzweigtes System der Formen, Verhältnisse und Methoden. Mir gefiel der Gedanke, einen lokalen inspiratorischen Attraktor zu schaffen – einen Kreator-Attraktor. Ich habe sozusagen einfach die Emergenz, die Vermehrung der Energie und Inspiration, in unserer Praxis beobachtet. Daraus wuchs mein Interesse, das weiter und systematischer zu entwickeln.

Wenn wir von Prinzipien Kollektiv und Individuell sprechen, würde ich das Verhältnis zwischen ihnen als Verdichtung beschreiben. Das ist ein Verhältnis. Das Verhältnis an sich kann nicht individuell, kann vielleicht nur vorstellbar sein, es wird jedes Mal konstituiert, wie die Gruppe, die Individuen oder ihre Verhältnisse es festlegen.

Katharina Dück:
Das ist, als würde man danach fragen, wie sich die einzelnen Finger mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Charakteristika zum Kollektiv der Hand verhalten. Es gibt einen Punkt, da kann man das nicht mehr voneinander trennen – und muss man auch nicht, wenn man gemeinsam ein Werk entstehen lässt.

KAMINA-Performance Bauch, Beine, Po-etry

KAMINA-Performance Bauch, Beine, Po-etry / Foto: Anton Dück

Vnicornis:
Welche KAMINA-Aktivitäten sind Euch am eindrücklichsten im Gedächtnis geblieben?

Elena Kisel:
Projekte, Projekte, Projekte. Meine erste Performance auf der Alten Brücke; das Projekt „Textkörper“, bei dem wir auf die Körper der Dichter ihre Gedichte projiziert und daraus Kurzfilme gemacht haben; „Körpertexte“, bei denen wir die Texte auf den Körpern der Dichter gedichtet haben. Du siehst, bei mir ging es schon ganz dicht an den Körper ran. Weiter und mehr. Wir haben diese Körpertexte live auf die Leinwand projiziert und weiter geschrieben, auch auf der Marstallwiese auf den fünfzig Meter langen Schreibfächern; der erste Auftritt mit dem Kollektivtext „Berlin Calling“; überhaupt die ersten kollektiven Schreibwerkstätten, digitale Schreibwerkstätten und -performances, das letzte Mal bei der Mandelstamstraße mit den vielen Tastaturen (waren es sechs?) in einem Dokument ein Textgewirr gleichzeitig kollektiv verfasst, und weiter in Details, ich kann mich an alles erinnern. Ich bin in diese Geschichte verliebt.

Katharina Dück:
Eines der eindrücklichsten Erlebnisse war für mich unser erster Poetry Jam im September 2013 beim Kulturportal auf dem Haardter Schloss, eine Benefizveranstaltung des „Arte Casimir Sozialfonds“. Wir hatten noch keinen Namen für das, was wir da machten, aber wir hatten diese irrsinnige Vorstellung, etwas Gemeinsames entstehen zu lassen. Zusammen mit dem Künstler Manfred E. Plathe und der Musik von Paul Kalkbrenner hatten wir den ganzen Tag auf dem Gelände gejamt mit unseren Worten, der Musik „Berlin Calling“ und mit Manfred, der zu unseren Worten und der Musik wie wild sprayte. Das war magisch. Aber eigentlich war jeder Poetry-Jam-Auftritt magisch. Ich weiß noch, wie erschrocken wir waren, als wir das erste Mal „Wer hat Angst vor Virginia Woolfs Wellen?“ aufgeführt haben, nachdem wir wochenlang zuvor dran gearbeitet hatten. Da gab es danach eine kurze Stille. Das Publikum starrte uns an und wir starrten zurück und wussten: Da ist etwas Großes entstanden. Alle waren platt, bevor dann plötzlich der Applaus losbrach. Das war unglaublich!

Das gemeinsame Schreiben, die Diskussionen, die Arbeit an Texten und schließlich die dazugehörige Preisgabe der Werke oder des Werkes an das Publikum. Das ist in meinem Gedächtnis am eindrücklichsten geblieben. Aber eigentlich gibt es so viele schöne Momente, Menschen und Aktivitäten, an die ich mich gerne erinnere.

Weiter zu Teil 2 des Gespräches

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2017

http://kamina-dichter.de/

Etwas zu sauber: Kill Your Darlings – Junge Wilde (Filmgespräch)

23. Mai 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

vnicornis ist erneut auf dem befreundeten blog Die Nacht der lebenden Texte fremdgegangen. Im Gespräch nähern sich Giovanni Belmonte und Franziska Äpfel dem in diesen Tagen auf Blu-ray und DVD erschienenen Film Kill Your Darlings über die Beat-Literaten Allen Ginsberg, William Burroughs und Jack Kerouac.

Die Nacht der lebenden Texte

Kill Your Darlings_Blu-ray

Gastrezension von Giovanni Belmonte und Franziska Äpfel

Drama // Ein Filmgespräch:

Giovanni Belmonte: Wovon handelt der Film?

Franziska Äpfel: Der Film erzählt die Geschichte des jungen Allen Ginsberg, seiner Aufnahme an der Columbia-Universität in New York City und seines Studiums. Dort lernt er die beiden Avantgardisten Lucien Carr und William Burroughs kennen, seine Gefährten. Später kommt noch Jack Kerouac dazu, der mit seinem Roman „On the Road“ weltberühmt werden wird.

An der Columbia-Universität stellt sich heraus, dass sie Dichter werden wollen. Sie stellen sich gegen den Konservatismus der Universität, der bestimmte Autoren zensiert und ihre Literatur sogar wegschließt. Sie aber bevorzugen eben diese Autoren wie zum Beispiel Henry Miller oder D. H. Lawrence, damalige Skandalautoren, und brechen sogar nachts in die Bibliothek ein, um deren Bücher in die Schaukästen zu legen.

Zusammen gründen sie die Bewegung „The New Vision“ und wollen im Namen dieser Bewegung schreiben. Und im…

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„… was man in die Hand nimmt und sagt, ja, das ist ein Buch.“ – Ein Gespräch mit Clemens Bellut über seinen Buchladen „artes liberales“ in der Heidelberger Altstadt | Teil 2 von 2

2. November 2013 § 5 Kommentare

Fortsetzung (zurück zu Teil 1 des Gespräches)

Vnicornis:
Kürzlich ist die Frankfurter Buchmesse zu Ende gegangen, und überall ist zu lesen, dass die großen Buchhandelsketten, zum Beispiel Thalia, langsam ihren Markt verlieren und dass das die Chance für kleine Buchhandlungen ist, für kleine Buchläden. Was machst du, um deine Kunden an dich zu binden? Und eine ganz banale und oft gestellte Fragen, ich möchte sie trotzdem stellen: Warum soll man überhaupt noch in einen Buchladen gehen?

Clemens Bellut:
Also von hinten her gesagt, ganz wichtig, man soll überhaupt nicht. Ich habe überhaupt an niemanden die Forderung, in einen Buchladen zu gehen. Ich bin seit den Anfangszeiten der digitalen Welt selbst auch ein sehr früher Nutzer von allen möglichen digitalen Geräten und Zugänglichkeiten gewesen und bin es bis heute, und es gibt für mich durchaus sehr sinnvolle Verwendungen. Ich war sehr froh, als die Editionen der digitalen Bibliothek herausgekommen sind, womit man wunderbar recherchieren kann. Aber meine Vermutung war wie bei vielen Dingen in meinem Leben – ich bin heute 57 Jahre alt, da ist es nicht ganz selbstverständlich, diesen Blick so zu nehmen – dass ich mit den Bedürfnissen und Anliegen, die ich habe und mit denen ich mich noch so sehr als Zeitgenosse fühle, kaum ganz alleine stehen kann. So geht es für mich nicht darum, jemanden dazu zu bringen, in einen Buchladen zu gehen, sondern denjenigen, die wie ich diese Bedürfnisse haben, eine Möglichkeit dazu zu bieten und sich in dieser Möglichkeit auch miteinander zu verbinden. Und darum sehe ich auch diesen Buchladen weder in Konkurrenz zu einem Internethandel mit Büchern noch in Konkurrenz zu digitalen Neuprodukten wie eBooks und dergleichen. Und vielleicht sind diejenigen, auf die ich am ehesten mit einer gewissen Häme schaue, diese Buchhandelsketten wie Thalia oder Weltbild oder Jokers, die sicher auch alle irgendeine Art von Berechtigung gefunden haben, aber die das um den Preis getan haben, dass sie kleine Buchläden kaputt gemacht haben. Und heute liest man ja gelegentlich davon, dass in verschiedenen Städten in Deutschland wieder kleine Buchläden entstehen, mit allen Schwierigkeiten und Unebenheiten, und zur gleichen Zeit diese Filialgeschäfte Flächen stilllegen müssen. Das, muss ich gestehen, schaue ich mir mit einem gewissen Vergnügen an, diese sozusagen gegenphasige Entwicklung. Mich erinnert das immer ein bisschen an die Entwicklung mit den Tonträgern, dass man zu Zeiten, als die CDs aufgekommen sind, gesagt hat, das sei das Ende der Schallplatte. Und es hat nicht sehr lange gedauert und war durchaus auch vorhersehbar, dass Schallplatten irgendwann zu einem Liebhaberobjekt geworden sind und dass es auch wieder Plattenläden gegeben hat und kleine Firmen, die Schallplatten produzieren. Und so etwas ähnliches, denke ich mir, wird es auch mit dem Buch geben. Nicht von ungefähr gibt es speziell hier in Heidelberg diesen Arbeitsschwerpunkt „Editionswissenschaften“ bei Roland Reuß bei den Germanisten, die beschäftigen sich sehr genau und akribisch-philologisch und setzerisch und buchgestalterisch damit, wie mit den Möglichkeiten der heutigen Technik und heutigen Verfahren Bücher als das gemacht werden können, was sie im besten Fall sein können, nämlich nicht einfach nur bedruckte Seiten Papier sondern etwas, was man in die Hand nimmt und sagt, ja, das ist ein Buch. Und das ist unter anderem auch ein Auswahlkriterium hier. Natürlich gibt es durchaus auch einige Bücher hier, die im Book-on-Demand-Verfahren hergestellt wurden oder schlecht gemachte Taschenbücher sind, einfach weil sie im Zweifelsfall die einzigen Ausgaben sind, die ich dazu bekommen konnte. Die Wichtigkeit von Titeln, die ich hier haben wollte, zeigt sich auch darin, dass, wenn ich sie nicht bekomme kann, ich sie dann auch antiquarisch besorge, weil ich sie hier für den Laden haben möchte. Und das finde ich noch immer eine sehr wichtige Entscheidung, es sollte kein Antiquariat sein, darum stehen die antiquarischen Bücher auch nicht separat, sondern haben einen kleinen orangefarbenen Punkt, der das signalisiert, und man muss sie tatsächlich suchen, so wenige sind es, und so finde ich das eigentlich eine ziemlich gut gelungene Angelegenheit. Ein weiteres Kriterium war zum Beispiel, um noch mal an der vorigen Frage anzuschließen, dass ich in allererster Linie Werkschriften ausstellen wollte und nicht so sehr die Sekundär- und Tertiärliteratur zu bestimmten Themen, nicht weil ich sie für unsinnig halte, sondern weil ich es erst einmal wichtiger finde, wieder die Schriftquellen präsent zu halten und deutlich zu machen und auch das Augenmerk auf Schriftquellen zu richten, die uns heute nicht ganz selbstverständlich im Blick sind wie zum Beispiel die Schriften der arabischen Philosophen in der europäischen Frühzeit. Und da gibt es eben Verlage, die das wunderbar machen, sogar in zweisprachigen Ausgaben, dafür bin ich ein begeisterter Beschaffer. Und es gibt ja auch viele Interessenten dafür, die dieses Interesse teilen. Dann hast Du eben gefragt, wie ich denn die Kunden hier zu dem Laden hinbringe oder sie an denselben binde.

Schaufenster artes liberales / Foto: Clemens Bellut

Schaufenster artes liberales / Foto: Clemens Bellut

Das bringt mich genau zu der nächsten Frage. Wir haben ja schon vorhin über den Kornmarkt gesprochen und wie sich hier ein bisschen die Atmosphäre geändert hat, auch durch die angrenzenden Häuser. Was ich nämlich ganz schön finde, dass man auch ein Buch aus dem Regal herausnehmen und dich fragen kann, ob man damit in das angrenzende Café gehen könnte, um es mal probezulesen. Ist das deine Art, wie man sich hier auch ganz praktisch mit der Umgebung vernetzen kann?

Unbedingt. Das war natürlich erstmal ein Geschenk der Situation, die ich so nicht konstruiert habe. Aber da hier nebenan so ein charmantes Café entstanden ist, war dann schnell die Idee da, mir vorzustellen, wenn es schon zwei getrennte Geschäfte sind – es hätte für mich durchaus ein gemeinsames Geschäft sein können –, dann so, dass jemand, der in den Laden kommt, ein Buch ins Café nebenan mitnehmen oder umgekehrt hier im Laden in angenehmer Ruhe sitzen und sich vom Café nebenan die Dinge ordern kann, die er gerne jetzt beim Durchschauen der Bücher haben möchte. Und da das so völlig problemlos geht mit dem Café, selbst mit dem Friseursalon, wo dann gelegentlich Leute kommen und fragen, ob sie sich ein bestimmtes Buch während der Trockenhaube oder so anschauen dürften, ist das durchaus ganz in meinem Sinne. Und in einer gewissen Scherzhaftigkeit, wenn ich in Facebook von diesen drei Geschäften spreche, dann nenne ich uns immer die drei Kopfarbeiter vom Kornmarkt. Und eine wichtige Sache zum Stichwort „Kunden“, dabei richten sich mir immer ein paar kleine Nackenhärchen auf, darum spreche ich viel lieber von Besuchern des Buchladens. Das hat selbst auch eine Unebenheit, weil es natürlich in dieser Diktion verdeckt, dass ich sehr wohl wirtschaftliche Interessen mit dem Buchladen habe, und insofern sind die Besucher des Buchladens auch meine Kunden. Aber derjenige, der hier hereinkommt, ist für mich nicht in allererster Linie derjenige, der die Bewirtschaftung dieses Ladens und meiner finanziellen Existenz ermöglicht, sondern eher jemand, der gewisse Anliegen womöglich mit mir teilt oder auch mit mir darin strittig ist, aber es auf dieser Ebene zu einer Beziehung kommt, die mir viel wichtiger ist, als mir zu überlegen, wie ich welche Bücher hier in welchen Umlaufzeiten so platzieren kann, dass sie möglichst großen Ertrag abwerfen. Der Berater des Barsortimentes, der mich sehr freundlich hier begleitet, hat solche Dinge natürlich als allererstes im Sinn und rät mir dazu, diesen Titel rauszunehmen und jenen reinzunehmen, um dann diese Umlauffristen zu verkürzen, aber das sind Dinge, die mich nicht interessieren. Ich habe gleich gesagt, alles was hier bei mir in den Regalen steht, gerade weil es so wenig ist, ist in allererster Linie etwas, was ich wirklich so als Bestand hier haben möchte und was auch, wenn es verkauft ist, gleich wieder nachbestellt wird. Und wenn Bücher auch zwei oder fünf Jahre lang nicht verkauft werden, werde ich sie nicht deswegen aus dem Programm nehmen. Gestern zum Beispiel war jemand hier, ein junger Mann, sagen wir mal von Anfang dreißig, der dann gerade so einen Kepler, die Harmonia Mundi, zur Hand genommen und eine halbe Stunde darin gelesen hat, und dann, quasi noch abstruser, das Corpus Hermeticum, was hier im Auftrag der Heidelberger Akademie der Wissenschaften herausgegeben worden ist, aus dem Regal genommen hat. Und es war mir klar, dass dieser junge Mann diese Bücher gar nicht kaufen würde oder gar nicht kaufen könnte, aber es war eine Riesenfreude zu sehen, dass sich überhaupt jemand für diese Bücher interessiert. Das ist mir erstmal wichtiger. Und die Frage für mich ist natürlich die – das ist ja kein Hobby hier sondern durchaus meine geistige und wirtschaftliche Existenz –, dass ich dabei eigentlich nur das Ziel verfolge selbst zu sehen, ob man mit dieser Art, einen Buchladen zu machen, tatsächlich auch seine eigenen wirtschaftlichen Grundlagen erwirtschaften kann oder nicht. Und wenn nicht, dann werde ich sicher auch zu der einen oder anderen moderaten Veränderung bereit sein oder Überlegungen dazu anstellen, aber auf keinen Fall das Konzept umwerfen. Denn es geht für mich nicht darum, überhaupt einen Buchladen zu machen oder überhaupt als Kaufmann tätig zu sein, sondern eigentlich geht es mir um dieses Verhältnis zu den Büchern und zu dieser Art von Wissenschaft und Disziplin und vielleicht einer gewissen philosophischen Orientierung, für die ich mir erstmal sozusagen die Probe aufs Exempel einräume, nämlich zu sehen, ob sich das auch wirtschaftlich tragen kann.

artes liberales Kolloquium / Foto: Clemens Bellut

artes liberales Kolloquium / Foto: Clemens Bellut

Vor kurzem hast du hier auch eine regelmäßige Werkstattrunde ins Leben gerufen, die alle zwei Wochen abendlich stattfindet. Du lädst die Leute über einen E-Mail-Verteiler direkt ein. Es geht um philosophische und philologische Themen, was sich dann auch ein bisschen erweitern lässt. Kannst du ein wenig zum Hintergrund dieser Werkstattserie, zu diesen Kolloquien sagen, an denen ich zwar selber teilgenommen habe, aber es noch mal von dir hören möchte.

Im Prinzip ist das ja das primäre Hauptanliegen gewesen, solche Versuche zu machen, wie man bei meinem eigenen Bedauern über die Entwicklung von Universität heute womöglich eine Praxisform entwickeln könnte, die jetzt nicht dazu in Konkurrenz tritt, sondern einfach in einem sehr kleinen Rahmen zeigt, dass etwas, was viele für unmöglich halten, sehr wohl möglich und vielleicht sogar heute im wörtlichen Sinne notwendig ist und wofür doch bei uns heute nach meiner Wahrnehmung – die ist sicher auch sehr beschränkt – relativ wenig Raum geschaffen wird, ich meine institutioneller Raum. Es gibt natürlich viele private und informelle Räume dafür, und auch dieses Kolloquium, das ich hier veranstalte, ist ja halb informell, halb privat, soll aber trotzdem im Prinzip erstmal für alle zugänglich sein, was bei zwanzig Quadratmetern viel gesagt ist. Aber ich habe nur zwei Grundvoraussetzungen gestellt, ich erwarte keine Vorlegung von Zeugnissen, von Diplomen, sage dazu umgekehrt auch, es gibt keine Zertifikate und gar nichts dafür, man hat eigentlich nichts davon auf der institutionellen Seite. Die beiden Voraussetzungen sind (a), dass man das Risiko auf sich nimmt, herzukommen und keinen Zugang mehr zu finden, weil es zu voll ist, und (b), dass jeder, der daran teilnimmt, in dieser von mir so angestrebten sehr ernsthaften Art an bestimmten Fragestellungen zu arbeiten, das so tut, dass jeweils einer in einer knappen Zeit von 15 bis höchstens 25 Minuten eine Arbeitssituation, in der er gerade steckt, als Forscher und Wissenschaftler, als Dozent oder auch als Doktorand hier vorstellt, und zwar gerade an der Stelle, an dem es für ihn oder für sie selbst ein neuralgischer Punkt ist und an dem er gerade quasi nicht weiterkommt und das Bedürfnis hat, in einen nicht vorgeprägten Austausch zu treten. Und die Voraussetzung neben dem Hierplatzfinden ist die, dass jeder, der hier hereinkommt, sich vorstellen kann, auch selbst einmal der aktive Part in dieser Runde zu sein. Wie lange das jetzt in dieser Form sich tragen und so funktionieren wird, weiß ich nicht, aber die ersten vier Sitzungen, die wir gemacht haben, waren aus meiner Sicht sehr bestätigend für diese Grundidee, und interessanterweise sind einige junge Leute dabei, die mich hinterher angesprochen und gesagt haben, es wäre so merkwürdig für sie, weil sie sich selbst eine Zeitlang immer wieder untereinander darüber besprochen hätten, dass sie eigentlich so etwas dieser Art immer hätten machen wollen, und sich dann doch überrascht finden dabei, auf meine Initiative hin genau das mit großer Begeisterung zu tun und darin eine Erfahrung zu machen, die sie in ihren Hochschulseminaren so nicht machen würden, dass der Austausch viel lebhafter, dass der Streitgeist einerseits angenehmer und freundlicher, aber auch heftiger ist. Und ich hatte früher selbst solche Erfahrung, und meine Idee ist eigentlich, das weiter auszubauen, dass auch verschiedene Arten von Veranstaltungen entstehen werden, durchaus auch Publikumsveranstaltungen. Das wird jetzt am Ende des Monats starten mit kleinen Vorträgen und Lesungen auch von Gästen, die nicht hier aus Heidelberg kommen. Und mein Wunsch ist, dass sich das disziplinär noch ein bisschen ausweitet und nicht nur Philologen und Philosophen kommen, sondern, wie derzeit ja auch schon von den Teilnehmern gegeben, Historiker, Kunstwissenschaftler, Theologen, aber gerne eben auch Physiker und Ökonomen zum Beispiel oder Juristen, da würde für mich dann sozusagen ein Clue daraus entstehen, der noch über das aktuelle hinaus geht. Das hängt für mich mit dem Namen zusammen, den ich dem ganzen gegeben habe. Den Laden und diese ganze Institution nenne ich „artes liberales“ (die Freien Künste), weil sie in einer gewissen Weise eine Anknüpfung sein soll an das, wie mir die Geschichte der ganz frühen Universität in Europa entgegentritt, um diese damalige Praxis der Lehre und des Forschens nicht aus nostalgischen Gründen bloß zu revitalisieren, sondern um daraus zu lernen, was vielleicht heute nicht einfach schlechthin überflüssig, sondern im Gegenteil vielleicht notwendig geworden ist.

Vielen Dank.

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Das Gespräch führte Belmonte.

Adresse:
Buchladen artes liberales
Kornmarkt 8
69117 Heidelberg
http://www.artesliberales.name

(c) belmonte 2013

„… was man in die Hand nimmt und sagt, ja, das ist ein Buch.“ – Ein Gespräch mit Clemens Bellut über seinen Buchladen „artes liberales“ in der Heidelberger Altstadt | Teil 1 von 2

29. Oktober 2013 § 5 Kommentare

artes liberales Logo

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Vnicornis:
Du bist kürzlich von Zürich nach Heidelberg gezogen und hast hier am Kornmarkt in der Heidelberger Altstadt die Buchhandlung artes liberales eröffnet. Ich weiß von dir, dass du gar kein ausgebildeter Buchhändler bist. Kannst du ein wenig über deinen Hintergrund erzählen?

Clemens Bellut:
Ich bin überhaupt nicht ausgebildet als Buchhändler, sondern bin ausgebildeter Philologe und Philosoph und habe als solcher denn auch die letzten Jahre in Zürich an der Zürcher Hochschule der Künste gearbeitet bis zum vorigen Jahr. Dann ist das dortige Institut für Designforschung „Design2context“, das ich zusammen mit Ruedi Baur geleitet habe, wegen eines Rektoratswechsels geschlossen worden. Und auch das Haus, in dem ich gelebt habe, wurde zum Abriss freigegeben. Da habe ich beschlossen, die Stadt zu wechseln, und habe aus einer vergleichsweise unkomfortablen Situation eine komfortable Entscheidung gemacht, nämlich die Stadt auszusuchen, wo ich mir wünschen konnte, leben zu wollen. Daraus ist dann aus wiederum vergleichsweise zufälligen Gründen Heidelberg geworden. Und dann habe ich hier in der Altstadt am Kornmarkt eine wunderbare Wohnung gefunden. Und es war eines der ganz wenigen Dinge, die mir hier in Heidelberg als Manko aufgefallen sind, dass ich hier für meine Art, einen Buchladen zu verwenden, keine geeignete Buchhandlung gefunden habe. Ich hatte genau das Gegenteil erwartet und angenommen, es gäbe hier zahllose Buchhandlungen dieser Art, und war dann etwas verblüfft, weil ich dergleichen Buchhandlung, in der man sich hinsetzen und stöbern und lesen mag und interessante Leute trifft, in allen Städten hatte, in denen ich gelebt habe, in Frankfurt, in Bonn, Tübingen und Zürich, aber hier in Heidelberg witzigerweise nicht, obwohl von Heidelberg immer noch gesagt wird, es sei die Stadt mit der größten Buchhandlungsdichte, manchmal heißt es sogar, in der Welt. Ich weiß, dass das nicht der Fall ist. Aber es gibt sehr gute Antiquariate hier, große und kleine, und so etwas wie eine Universitätsbuchhandlung, die aber zu einer Kette gehört und die zwar ein gutes Buchangebot hat und man auch schnell mit Bestellungen bedient wird, aber kein Ort ist, wo ich hingehen würde, um mich dort hinzusetzen und einen halben Samstagnachmittag zu verbringen, obwohl die Leute dort sehr freundlich sind. Und dann war in dem Haus, in dem ich wohne, unten ein sehr kleines Ladenlokal frei. Dafür gab es verschiedene Verwendungsvorschläge, und ich habe mich irgendwann gefragt, ob ich hier nicht eine Idee sich kristallisieren lassen wollte, die sich gar nicht so sehr auf einen Buchladen gerichtet hat, sondern auf eine winzig kleine Art von Akademie. Das verfolge ich schon seit bestimmt 25 Jahren, und da natürlich der Raum für so etwas viel zu klein ist, bin ich auf die Idee gekommen, das ganze von einer Keimzelle aus anzugehen, was dann ein Buchladen sein könnte. Und er heißt somit auch nicht Buchgeschäft, nicht Buchhandlung, sondern Buchladen, weil er so klein ist, dass er einfach ein Laden ist und sonst nichts. Und dann habe ich mit dieser Idee ein paar Wochen lang Umgang gepflegt, erst für mich und dann so peu à peu auch mit Freunden. Und da ich nicht nur kein Buchhändler bin, sondern auch gar keine Kaufmannsvergangenheit habe, auch familiär nicht, war das schon eine, sagen wir mal, nicht ganz einfache Überlegung, so etwas überhaupt tun zu wollen, weil ich wusste, dass da viele Anforderungen auf mich zukommen, die mir nicht in die Wiege gelegt worden sind, zum Beispiel die sinnvolle Bewirtschaftung und Organisation. Aber irgendwann hat dann die Schönheit dieser Vorstellung überhand genommen über all diese einschränkenden Überlegungen, die mir selbst dazu gekommen sind. Und wohlmeinende Freunde haben betriebswirtschaftliche Überlegungen angestellt, an die ich so vorher nicht gedacht habe und die sehr hilfreich waren. Aber es war dann gut zu sehen, dass sich meine Vorstellungen davon auch durch diese Einwände hindurch haben anreichern lassen. Also nicht einfach zu sagen, oh, es geht gar nicht, oder auch einfach zu sagen: Trotzdem! Sondern dass es sich da durchgewirkt hat. Und ich bin von dem, was daraus geworden ist, dann auch ganz entzückt.

Clemens Bellut vor seinem Schaufenster / Foto: Clemens Bellut

Clemens Bellut vor seinem Schaufenster / Foto: Clemens Bellut

Der Kornmarkt hier in der Heidelberger Altstadt liegt sehr zentral, Blick aufs Schloss, die meisten geisteswissenschaftlichen Institute sind innerhalb von Gehminuten erreichbar. Wie fühlst du dich hier?

Perfekt. Ich fühle mich hier schon wie die Spinne in ihrem Netz, weil es zwar einerseits zentral und andererseits eben so haarscharf nicht zentral ist, weil es nicht an der Heiliggeistkirche ist, nicht auf der Hauptstraße. Es ist sogar ein Platz, der, obwohl er vielleicht der schönste in Heidelberg ist, bei den Heidelbergern selbst, wenn man in der Stadt irgendwo nach dem Kornmarkt fragt, völlig unbekannt ist, oder wenn mich jemand fragt, wo ich wohne, und ich sage, am Kornmarkt, dann fällt ihm offensichtlich immer der danach folgende Karlsplatz und nicht der Kornmarkt ein. Und wenn man dann das Stichwort gibt: Dort, wo die Madonna steht, die Kornmarktmadonna, dann dämmert es ihm, ach, da ist ja auch noch so ein kleiner Platz. Und hier gab es fast keine Geschäfte auf dem Kornmarkt, damals als ich hergekommen bin, dieses Schuhgeschäft dort hinten und dieses Haushaltswarengeschäft, ein Hotel, und ansonsten gewerblich überhaupt nichts. Dann sind hier in relativ schneller Folge in zwei benachbarten Häusern ein Friseursalon von Susanna Beck, das Café GRANO von Ertjon Doci und dann eben als letztes von den dreien mein Buchladen entstanden. Und dass wir drei auch untereinander ein bemerkenswert freundschaftliches Verhältnis und auch sehr viel Freude aneinander und an unseren drei Geschäften haben und wir auch diese Veränderung des Kornmarkts, die durch diese drei Geschäfte entstanden ist, jeden Tag mit Freude genießen – mit Freunden und Freuden –, das sind sicher Seiten, an die ich vorher überhaupt nicht gedacht habe, dass sich das so zeigen könnte. Und ansonsten mit den Instituten hier drum herum, die Altstadt als sozusagen der Standort für die geisteswissenschaftlichen Disziplinen und Fakultäten, das war schon zu Beginn in meiner Überlegung eigentlich eine Entstehungsbedingung, weil ich jetzt nicht einfach einen Buchladen für jedes erdenkliche Lesebedürfnis, sondern schon einen Laden machen wollte für die Bücher, die mir wichtig sind und von denen nahegelegen hat anzunehmen, dass das am ehesten Philosophen, Philologen, Historiker, vielleicht noch Gesellschaftswissenschaftler und Ethnologen sein könnten, die hier herkommen, die Theologen auch noch in der Nähe. Und all diese sind hier in diesem hinteren Teil der Altstadt mit Buchläden nun deutlich unterversorgt. Tatsächlich war es durch die ungefähr dreißig Meter entfernt liegende Studien- und Forschungseinrichtung der Germanistik wie vorherzusehen, dass ich von dort her die meisten Leute habe, die den Buchladen aufsuchen und das auch regelmäßig tun. Das war auch zu Beginn eines der Dinge, die mir Heidelberg so erfreulich gemacht haben, dass ich mich erstens in einer ganz grundsätzlichen Weise hier sehr willkommen gefühlt habe, obwohl ich keinen einzigen Menschen hier kannte, und dann aber beim Besuch von Cafés und Kneipen und Lokalen die schöne Beobachtung gemacht habe, dass man mit einer gewissen Regelmäßigkeit am Nachbartisch hat Leute jeglichen Alters miteinander sprechen hören, von zwanzig bis achtzig, die sich mit einer wunderbaren Häufigkeit über einen Film, über eine Theateraufführung, oder worüber sie gerade von Husserl oder Hegel gelesen haben, oder über ein Goethe- oder Paul-Celan-Gedicht unterhalten haben. Das hatte ich früher in meiner Studienzeit vor allem in Tübingen so auch und habe das dann in der Zeit in Frankfurt und Zürich so nicht mehr erlebt und auch sehr vermisst, und hier war es dann plötzlich wie ein Flashback zu meinen besten Studienzeiten. Und das sind die Menschen, die auch hier herkommen und mit denen dann irgendwie eine Verdichtung dieser Gesprächsmöglichkeiten für mich hier stattfindet, die ich mit Freuden beobachte.

Clemens Bellut / Foto: Clemens Bellut

Clemens Bellut / Foto: Indre Doci

Als wir uns kennengelernt haben, hast du erzählt, dass ein Student hier hereingekommen sei und gefragt habe, ob er bei dir die Antigone-Übersetzung von Friedrich Hölderlin bestellen könne, und du hast gesagt, du bräuchtest sie gar nicht zu bestellen, die stehe hier im Regal. Tatsächlich hast du hier eine ganze Menge an klassischer Literatur. Wie wählst du dein Sortiment aus?

Das ist interessanterweise eine häufig gestellte Frage, die mich tatsächlich ein bisschen verblüfft, dass sie so kommt, nicht dass sie jetzt von dir kommt, sondern dass sie so häufig hier gestellt wird, was ich als Reaktion auf diese sehr kleine Büchersammlung sofort nachvollziehen kann. Es sind ja nur vielleicht, wenn es hoch kommt, 1500 Titel hier. In Parenthese gesagt, heute habe ich einen Artikel gelesen mit einer Bemerkung über eine sehr kleine Buchhandlung in Berlin, die nur 5000 Bände vorrätig habe, und dann finde ich natürlich, dass mein Buchladen winzig klein ist, es sind ja nur zwanzig Quadratmeter. Und das Prinzip, nach dem ich die Bücher ausgesucht habe, sie mit diesem beschränkten Platz auszustellen, war, dass ich mir überlegt habe, welche Bücher ich bei mir selbst habe und welche Bücher davon wiederum diejenigen sind, die ich gerne einem öffentlichen Blick zugänglich machen möchte, in der Annahme, dass es nicht ganz selbstverständlich ist, sie überhaupt präsent zu haben, in einer Buchhandlung oft sowieso nicht. Dann aber sind es auch oft Titel, die man nicht auf den allerersten Blick, wenn man über ein Thema oder über einen Autoren nachdenkt, gleich im Sinn hat. Da gab es dann auch Sachen, die durchaus auch sehr teuer sein können, und mir viele Freunde gesagt haben, dass ich ja ganz schnell einen Rückzieher machen müsste, zum Beispiel eine sehr schöne Reprint-Ausgabe von Keplers Weltharmonik, die fast ein Folioband ist, und bei der mir schon mancher gesagt hat, das Buch wirst Du noch bis zum Ende Deiner Tage hier haben, und ich habe es inzwischen schon zweimal verkauft. Beim ersten Mal war ich tatsächlich ein bisschen traurig, dass es rausgegangen ist, weil ich es gerne hier haben wollte, um auch noch selbst reinschauen zu können. Und dann ist auch eine ganze Reihe von Büchern durchaus hier, weil sie mir von Kollegen, von Freunden empfohlen worden sind, und die sind manchmal so gelagert, dass sie mit anderen Interessen hier hereinkommen, wie meine Kollegin Kristina Koturic, die mir als Kunstwissenschaftlerin einige Dinge vorgeschlagen hat, die ich tatsächlich nicht im Blick hatte und froh war, darauf aufmerksam gemacht zu werden. Aber es gibt schon noch ein wichtiges Prinzip für mich, dass ich zu über neunzig Prozent der Bücher, die im Laden sind, auch irgendwie etwas sagen können möchte, und zwar nicht den Klappentext sondern mindestens mein Verhältnis zu diesem Buch, und sei es auch, dass ich es gar nicht gelesen und trotzdem etwas mit diesem Buch angefangen habe.

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Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2013

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