Seenot, Plotlosigkeit und Gesichtserkennung (Werkstatt)

14. Oktober 2017 § 3 Kommentare

belmonte

Immer mehr NGOs ziehen sich mit ihren Seenotrettungsschiffen aus dem Mittelmeer zurück, da die italienische Regierung ihnen Kollaboration mit Schleppern vorwirft und sie zur Unterzeichnung eines Verhaltenskataloges zwingt, der dem Sinn und Zweck von Seenotrettung widerspricht. Aus meiner Sicht ist das eine Jämmerlichkeit der italienischen Politik, mehr noch aber ein jämmerlicher Mangel an europäischer Zusammenarbeit. Ich weiß allerdings auch nicht, ob ich das alles viel besser lösen würde.

Larry Brown: Fay

Larry Brown: Fay

Schnelle Lektüre von Larry Browns Südstaaten-Roman Fay. Die noch nicht ganz volljährige Fay verlässt ihre verwahrloste Familie und schlägt und schläft sich mit einigen Stationen an die Golfküste durch. Das Buch kommt nicht ganz an Joe R. Lansdale heran, längst nicht an Cormac McCarthy, ist aber eingängig zu lesen. Ich verstehe nicht ganz, was erzählt wird, was mir nicht andere schon erzählt haben. Einige Charakterisierungen finde ich nicht sehr glaubwürdig, innere Monologe bleiben gelegentlich im Ansatz stecken, Dreck wird an einigen Stellen sichtbar, aussichtsloses Treibenlassen und ein paar schlimme Morde und andere Tötungen. Mich hätte aber interessiert, wie das Buch von einer Schriftstellerin ausgefallen wäre. Ich werde schauen, welche Southern-Gothic-Autorinnen ich noch entdecken kann. Verbindendes Merkmal all dieser US-Südromane (McCarthy, Lansdale, Brown etc.) ist das scheinbar planlose (plotlose) Dahintreiben der Handlung, viele unwichtige Dinge passieren, ich frage mich, warum hat der Autor das eingebaut, aber es ist echtem Leben nachempfunden, zig Sachen, die heute passiert sind und für meinen eigenen Tagesplot (wie bitte?) völlig unbedeutend sind, aber eben geschehen sind („Ich stelle noch eben die Butter zurück in den Kühlschrank.“), hier werden sie bedeutungslos miterzählt.

Bei Larry Browns Fay hat mir die Geschichtslosigkeit nicht gefallen. Man kann das einem Roman eigentlich nicht vorwerfen, aber zur Zeit gefallen mir Bücher besser, die in einen historischen Rahmen eingefasst sind. Grossmanns Leben und Schicksal war von der Sorte. Tomasi di Lampedusas Gattopardo ebenso. Auch in der Fantasy fordere ich historischen Hintergrund ein. Tolkiens Herr der Ringe ist übervoll davon. Auch Mitchells Vom Winde verweht steht auf meiner Liste, obwohl es seit einiger Zeit in den USA als sehr gestrig gebrandmarkt wird.

17. August 2017

Abends lese ich die Nachrichten aus Barcelona, den schrecklichen Anschlag auf den Ramblas, diesmal kein Angriff auf ein Land oder eine Stadt sondern auf viele Nationalitäten. So schlimm es ist, es schweißt zusammen, zumindest über die sozialen Medien, obwohl noch viel mehr Gesichtserkennung aufgebaut werden dürfte, scheinbare Sicherheit, fast schon ein strukturelles Agreement zwischen Terroristen und westlichen Postdemokraten. Trump übertrumpft sich mal wieder selbst, man kann seine Tweets schon gar nicht mehr ernsthaft kommentieren.

(c) belmonte 2017

Larry Brown: Fay. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Gunkel. Wilhelm Heyne Verlag, München 2017, 652 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

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Rechte Sesselfurzer, Menschlichkeit und Epik (Werkstatt)

7. Oktober 2017 § 5 Kommentare

belmonte

Auf Facebook bin ich mit Horst Samson befreundet, der genau wie ich im Pop-Verlag publiziert, vor Jahrzehnten aus Rumänien nach Deutschland gekommen ist und seit längerer Zeit auf Facebook gegen Flüchtlinge, Islam, vermeintliche Indifferenz der Politik und Staatsversagen polemisiert. Ausgangspunkt ist häufig ein wie auch immer passender Zeitungsartikel, der sich natürlich immer findet und die vorausgesetzten Fakten liefert. Ich finde diese Verhärmtheit, die sich als Abgeklärtheit ausgibt, erbärmlich (und würde gerne den Zusatz „unter Schriftstellern“ vermeiden), Verbitterung mit gesteigerter Verschlossenheit, die in schlechten Nachrichten immer nur sich selbst erkennt.

Horst Samson auf Facebook

Horst Samson auf Facebook

Da wird irgendein Artikel geteilt, in dem Flüchtlinge (natürlich synonym für: Terroristen) als gefährlicher als Nazis bezeichnet werden, worauf sich augenblicklich die Follower-Glocke an rechten Sesselfurzern, die nie aus ihrer Mulde herausgeschaut haben, zu Wort meldet. Dabei hat Samson vor Jahrzehnten selbst Aufnahme gefunden, jetzt will er womöglich besonders deutsch sein. Es ist läppisch. Was mich zuversichtlich macht: Rechte Schriftsteller fallen erfahrungsgemäß reihenweise der Vergessenheit anheim. Ich frage mich aber, ob Nichtbeachtung die bessere Strategie wäre.

Es ist jetzt schon über einen Monat her, dass ich Wassili Grossmanns Leben und Schicksal ausgelesen habe, das mich am Ende sehr beeindruckt hat. Es ist ein Krieg und Frieden der Stalingradschlacht mit unglaublicher Eindringlichkeit in der Darstellung der deutschen Vernichtungsindustrie. Viele Personen sind mir ans Herz gewachsen. Es ist schwierig, unschuldig zu bleiben, aber unter den Schuldigen machen sich viele sehr schuldig. Menschlichkeit ist dennoch der einzige Ausweg und Lichtblick. Kern des Werkes ist eine Phänomenologie der Menschlichkeit, die im Mahlstrom der zerstörerischen Gesellschaftssysteme und Ideologien immer wieder durchleuchtet. Es war „dem Weltschicksal, dem verhängnisvollen Lauf der Geschichte, dem Zorn des Staates, dem Ruhm und der Schmach im Schlachtengetümmel doch nicht überlassen, die Wesen zu verändern, die sich Menschen nannten. Was immer sie erwartete – Ruhm für ihre Leistungen oder Einsamkeit, Verzweiflung und Elend, Lager und Hinrichtung –, sie würden als Menschen leben und als Menschen sterben, und jene, die umgekommen waren, hatten es geschafft, als Menschen zu sterben.“ (1037)

Wassili Grossmann

Wassili Grossmann / Foto: Unbekannter Fotograf (Public domain)

Ich habe Wassili Grossmann erst spät entdeckt. Er gehört für mich in dieselbe Riege der großen russischen Romanautoren des 20. Jahrhunderts wie Pasternak, Bulgakow und Bunin, ein Dichter, dessen Werk von tiefer Epik durchdrungen ist. Gerade habe ich Grossmanns ebenso umfangreiches Vorgängerwerk Wende an der Wolga in der Post gefunden. Es ist ein wunderbares Gefühl zu wissen, dass dieses Buch noch vor mir liegt.

Epik ist das Erscheinen eines hellen Sternes im finsteren All, der immer näher kommt und nach und nach immer mehr Details und Personen und Schicksale erkennen lässt und daran teilhaben lässt und Freiheit und Verhängnis und den Kampf in diesem Verhängnis miterleben lässt und am Ende unvermittelt wieder herauszoomt und sich in den Weiten des dunklen Alls verliert. Von genau dieser Art ist Tomasi di Lampedusas Gattopardo, der in den beiden zwanzig bzw. fünfzig Jahre nach der Haupthandlung angefügten Schlusskapiteln den entschwindenden Stern sogar in der Kapitelstruktur sichtbar werden lässt.

Ich mag deshalb das Theater sehr, weil es mich an diesem hellen Stern aus einem dunklen Raum heraus teilhaben lässt. Womöglich bin ich auch deshalb ein begeisterter Science-Fiction-Leser.

Ich beobachte auf Twitter und Facebook das Phänomen, dass Leute Markenprodukte (z. B. Strohhalmgetränke) zu ihrem Erkennungsmerkmal machen, dabei aber nicht merken, dass sie sich selbst zum Konsumierten machen und von der Marke gemacht werden.

(c) belmonte 2017

Wassili Grossmann: Leben und Schicksal. Aus dem Russischen übersetzt von Madeleine von Ballestrem, Arkadi Dorfmann, Elisabeth Markstein und Annelore Nitschke. Claassen, Berlin 2007, 1084 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Wassili Grossman. Wende an der Wolga. Aus dem Russischen übersetzt von Leon Nebenzahl. Dietz, Berlin 1958, 927 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Soy Nero – Green Card gegen Kriegseinsatz? Von wegen (Filmrezension)

12. August 2017 § Ein Kommentar

Soy Nero

Von Volker Schönenberger

Kein Mensch ist illegal.

Drama // Der sogenannte DREAM Act ermöglicht es als illegale Einwanderer geltenden US-Immigranten, unter bestimmten Voraussetzungen eine permanente Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten, die später sogar in eine US-Staatsbürgerschaft übergehen kann. Das Akronym „DREAM“ steht dabei für „Development, Relief, and Education for Alien Minors“. Seit 2001 gab es verschiedene Versuche, das Gesetz durch den Kongress und den Senat zu bringen, stets begleitet von teils heftig geführten Debatten.

Nero (l.) schlägt sich per Anhalter …

 

Eine der Voraussetzungen für die begehrte Green Card: Militärdienst – inklusive Auslandseinsatz, der bekanntermaßen durchaus mit Lebensgefahr verbunden ist. Diese Möglichkeit offeriert die US-Army anscheinend bereits seit dem Vietnamkrieg. „Soy Nero“ basiert lose auf den Erlebnissen des Mexikaners Daniel Torres, der bei den Dreharbeiten als technischer Berater fungierte und bei der Weltpremiere des Films auf der Berlinale im Februar 2016 anwesend war.

Mit dem Ausweis des Bruders in die US-Armee

Der Protagonist im Film heißt Nero Maldonado (Johnny Ortiz). In Los Angeles aufgewachsen, ist er bereits mehrmals nach Mexiko abgeschoben worden. In einer Silvesternacht folgt der nächste Grenzübertritt. Nero schlägt sich zu seinem Bruder Jesus (Ian Casselberry) nach Beverly Hills durch. Der überlässt ihm nach einiger Zeit seinen Ausweis, sodass sich Nero als Jesus Maldonado in der US-Armee einschreiben kann. Er wird im Irak auf einem kleinen Kontrollposten stationiert.

… und zu Fuß nach Los Angeles durch

Eskapistisches Kino, Hollywood-Blockbuster ohne echten Bezug zu unserem Hier und Heute – das hat seine Existenzberechtigung. Dennoch: Das Kino hätte keine Existenzberechtigung, würde es nicht auch politische Filmemacher geben, die ihr Talent und ihre Arbeit für klare Botschaften einsetzen oder zumindest Beiträge zu aktuellen Debatten liefern. Der britisch-iranische Filmschaffende Rafi Pitts („Zeit des Zorns“, 2010) steuert mit „Soy Nero“ einen klugen Kommentar zur seit langer Zeit laufenden Diskussion um die Einbürgerung mexikanischer Einwanderer bei – speziell um die Behandlung solcher, die als illegal gelten.

Dort trifft er seinen Bruder Jesus

Mit Neros Stationierung im Irak erhält das Sozialdrama auch einen Unterton als Kriegsdrama. Mit einem Kriegsdrama haben wir es allerdings nicht zu tun, als Kommentar zu Auslandseinsätzen der USA ist der Film weniger geeignet. Das nimmt ihm jedoch nichts von seiner gesellschaftlichen Relevanz. Wir verfolgen den Weg von Nero gern, auch wenn seine Erlebnisse zum Teil etwas bruchstückhaft zusammengefügt wirken. Wenn sich Nero und ein paar mexikanische Kumpels an einem Strand mit ein paar US-Boys auf der anderen Seite der Grenze ein Beachvolleyball-Match liefern, dann ist das zwar eine schöne Szene, sie bleibt aber eine Momentaufnahme ohne direkten Bezug zu Neros Trip. Rafi Pitts‘ Botschaft wird dennoch problemlos deutlich, seine scharfe Kritik an der Einbürgerungspraxis der USA ist nicht zu übersehen. Geradezu zynisch mutet zu Beginn des Films die mit militärischen Ehren erfolgende Beerdigung eines gefallenen Soldaten mexikanischer Abstimmung an: Unter der Erde ist der Tote den Amerikanern willkommen.

Zu wenig Beachtung in den USA

In den USA lief „Soy Nero“ auf nur zwei Festivals, die reguläre Kinoauswertung des Dramas hat vermutlich auch nicht in vielen Sälen stattgefunden. Das ist bedauerlich, gerade nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsident und dessen klar geäußerter Absicht, an der Grenze zu Mexiko eine Mauer hochzuziehen. Solche Stellungnahmen wie die von Rafi Pitts sind im „Land of the Free“ dringend vonnöten.

„Soy Nero“ endet bitter – und mit dem Hinweis, der Film sei allen Green-Card-Soldaten gewidmet, die ausgewiesen wurden, nachdem sie in der US-Armee gedient hatten. Offenbar ist es also eine trügerische Hoffnung, für das Land in den Krieg zu ziehen, um von ihm im Gegenzug als Einwanderer akzeptiert zu werden.

Als GI strandet er in der irakischen Wüste

Veröffentlichung: 5. Mai 2017 als DVD

Länge: 113 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Soy Nero
D/F/MEX/USA 2016
Regie: Rafi Pitts
Drehbuch: Rafi Pitts, Razvan Radulescu
Besetzung: Johnny Ortiz, Ian Casselberry, Aml Ameen, Rory Cochrane, Khleo Thomas, Michael Harney, Joel McKinnon Miller, Alex Frost, Kyle Davis, Pollyanna Uruena, Dennis Cockrum, Richard Portnow, Chloe Farnworth
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

David Attenborough präsentiert: Könige der Lüfte – Wie Tiere das Fliegen lernten (Filmrezension)

17. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Conquest of the Skies with David Attenborough

Gastrezension von Matthias Holm, Autor bei unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ und der „Welle Nerdpol“.

Natur-Doku // Sir David Attenborough hat in seinem langen Leben schon viele beeindruckende Dokumentationen hervorgebracht. Ganz vorn dabei sind natürlich „Planet Erde“ und „Das Wunder Leben“. Dementsprechend gespannt darf man als Freund der informativen Filme sein, wenn Attenborough wieder etwas Neues herausbringt – und dann noch in 3D, welches sich für Naturaufnahmen wunderbar eignet.

Wer ist fotogener?

Wobei „neu“ relativ ist – „Könige der Lüfte“ wurde bereits 2014 produziert. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Herangehensweise an den Film interessant bleibt: Der Naturfilmer zeigt Lebewesen, die sich in die Lüfte erheben können. Es wäre einfach, sich hier nur auf Vögel zu konzentrieren, daher werden in vier Folgen, die alle fast eine Stunde dauern, auch Insekten gezeigt und Fossilien ausgestorbener Tierarten analysiert.

Animierte Flugsaurier

Das alles wird von Attenborough routiniert erklärt und gezeigt. Lediglich mit der Computertechnik hapert es: Immer wieder werden animierte Tiere gezeigt. So sollen bestimmte Dinosaurier zum Leben erweckt werden, jedoch fehlt es den Animationen an Glaubhaftigkeit. So wirkt es eher peinlich als beeindruckend, wenn Attenborough in einem Wald steht und vorgibt, einem Flugsaurier hinterherzuglotzen.

Ja, auch solche Käfer können fliegen

Außerdem verunsichern die Effekte den Zuschauer. Gerade im 3D-Modus, in dem die Bilder an Farbintensität und Schärfe gewinnen, ist man sich nicht sicher, ob man nun echte Kameraarbeit bewundert oder nur im Computer entstandene Bilder. Das ist umso bedauerlicher, als ähnliche Produktionen wie „Der magische See – Tale of the Lake” bewiesen haben, dass gerade Naturdokumentationen mit tollen Bildern vom 3D-Effekt profitieren können.

Der Flügelschlag einer Libelle

Regisseur David Lee hat den einen oder anderen netten Einfall, etwa die Darstellung der Luftströme beim Flügelschlag einer Libelle. Doch man hat selten das Gefühl, hier etwas Neues vorgesetzt zu bekommen. Mit dem ausführlichen „Behind the Scenes“ aus dem Bonusmaterial hat man so etwas weniger als fünf Stunden nette Unterhaltung, die aber leider nicht mehr als eben das ist – nett. Dann doch lieber noch einmal „Planet Erde“ schauen.

Auf, auf und davon

Veröffentlichung: 22. Juni 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 208 Min.
Altersfreigabe: Infoprogramm gemäß § 14 JuSchG
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Conquest of the Skies with David Attenborough
GB 2014
Regie: David Lee
Zusatzmaterial: Behind the Scenes
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Matthias Holm

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Koch Films

Die letzte Sau – Kleinbauer begehrt auf (Filmrezension)

3. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Die letzte Sau

Erneut ein Gastbeitrag von Volker von „Die Nacht der lebenden Texte“.

Tragikomödie // Der Traktor streikt, der Boiler ebenfalls, die Schubkarre hat einen Platten, und sogar die Schaufel fällt auseinander – der Schweinehof von Kleinbauer Huber (Golo Euler) ist marode. Die Konkurrenz der großen Agrarbetriebe macht dem Landwirt zu schaffen. Zwar offenbart ihm Birgit (Rosalie Thomass), Tochter des ansässigen Großbauern, deutlich ihre Gefühle, aber der mundfaule Huber kann sich einfach nicht überwinden. Überschuldet ist er auch noch: Bei der Bank muss der Landwirt einer Umschuldung zu hohen Zinsen zustimmen.

Meteroriteneinschlag zerstört Bauernhof

Nachdem er einem Banküberfall mit tragischem Ausgang und der folgenden Beerdigung beiwohnen musste, kommt es für Huber ganz dicke: Ein Meteorit schlägt in seinem Hof ein und zerstört sein Hab und Gut. Ihm bleibt lediglich seine letzte Sau. Nun hält ihn nichts mehr. Er packt die Sau und zieht mit ihr fortan als Vagabund in seinem Seitenwagen durchs Land. Huber wird zum Rebellen, der gegen die Obrigkeit und industrialisierte Viehzucht aufgebehrt. Hier lässt er die Schweine eines vollbeladenen Viehtransporters frei, dort laufen bald Kühe frei über die Straße. Auf seinem Trip trifft Huber andere Menschen, die ebenfalls vor dem Nichts stehen.

Birgit macht Bauer Huber schöne Augen

Kapitalismuskritik in Form eines etwas grotesken Landwirtschaftskomödien-Roadmovies – mal was anderes. Regisseur Aron Lehmann wagte sich 2012 mit „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ bereits an eine interessante Reflexion über Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“-Novelle, in der es ebenfalls um das Aufbegehren eines Mannes gegen die Mächtigen geht. 2015 inszenierte Lehmann mit „Highway to Hellas“ einen Kommentar zur Griechenland-Krise. Die Auswüchse unseres modernen Wirtschaftssystems liegen ihm offenbar am Herzen.

Ein Meteoriteneinschlag gibt Hubers Hof den Rest

Lehrreich ist das Ganze obendrein: Oder wusstet Ihr, dass es den Berufsstand des Wanderimkers gibt? Hubers Begegnung mit einem solchen Wanderimker (Thorsten Merten) bringt eine von vielen Sequenzen voller Situationskomik, wenn Huber und der Imker einem Bauer auf den Pelz rücken, von ihm mit dem Traktor verjagt werden und sich durch die Grillparty einiger reicher Schnösel in den See retten, um sich vom fies juckenden Düngemittel reinzuwaschen.

Ton Steine Scherben

Es wird übrigens mächtig geschwäbelt, was nicht mal alle handelnden Figuren so richtig verstehen. In einer Nebenrolle als Revoluzzer hat Christoph Maria „Stromberg“ Herbst einen klitzekleinen Auftritt – allerdings im Dunkeln, man erkennt ihn in erster Linie an seiner Stimme. Als Sprecher ist Herbert Knaup zu hören. Und nicht erst wenn „Ton Steine Scherben“ erst erklingen und dann auch zu sehen sind, wissen wir, welche politische Botschaft Aron Lehmann verbreiten will.

Systemkritik und sympathische Verlierer

„Die letzte Sau“ ist mit dem Herz auf dem rechten Fleck gedreht worden, da sehen wir über ein paar inszenatorische Mängel bei Tempo und Storytelling gern hinweg. Verlierergeschichten sind manchmal eben doch sympathischer als Gewinnerstorys – erst recht, wenn es sich bei den Verlierern um kleine Leute handelt, die aufbegehren, auch wenn sie sich dabei etwas trottelig anstellen und irgendwie auch an sich selbst scheitern. Wenn sich für Huber ganz am Ende doch noch einiges zum Guten wendet, stellt sich nach einigen grotesken Situationen immerhin ein gewisser Wohlfühlfaktor ein. Und mal ehrlich: Sind wir nicht alle bisweilen von unserem System überfordert?

Der Landwirt schnappt sich die letzte Sau und begehrt auf

Veröffentlichung: 9. Juni 2017 als DVD

Länge: 83 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Hörfilmfassung für sehbehinderte Menschen
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch
Originaltitel: Die letzte Sau
D 2016
Regie: Aron Lehmann
Drehbuch: Stephan Irmscher, Aron Lehmann
Besetzung: Golo Euler, Emma Bading, Heinz-Josef Braun, Eckhard Greiner, Christoph Maria Herbst,Thorsten Merten, Arnd Schimkat, Rosalie Thomass, Daniel Zillmann
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

Botticelli Inferno – Florentiner Zeichentrip durch die Hölle des Dante Alighieri (Filmrezension)

23. Mai 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Botticelli Inferno

Ein weiterer Gastbeitrag von Volker von unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“.

Malerei-Doku // Sandro Botticelli (1445–1510) gehört zu den bedeutendsten Malern der Frührenaissance. In Florenz geboren und gestorben, arbeitete er zwischenzeitlich auch in Rom, malte für den Vatikan Wandgemälde der Sixtinischen Kapelle. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Die Geburt der Venus“ und „Primavera“.

Die „Göttliche Komödie“ auf Pergament

Besonders fasziniert zeigte sich Botticelli von der „Göttlichen Komödie“ des Dante Alighieri (1265–1321). Über ein Jahrzehnt zeichnete er auf Pergament Illustrationen zu Dantes Hauptwerk, dem wichtigsten italienischen Literaturgut. Die Zeichnungen sind mehrheitlich einfarbig, nur einige sind koloriert.

Der Hamburger Filmschaffende Ralph Loop begab sich für sein Langfilm-Regiedebüt auf Spurensuche nach Florenz, Rom, Berlin und anderswo in Europa. Er lässt Stadtführer und Kunsthistoriker zu Wort kommen und Kuratorinnen den Zuschauerinnen und Zuschauern ihre Ansichten über Botticelli und seine Kunst vermitteln. Der Sprecher zitiert auch Botticelli selbst und kurze Auszüge aus der „Göttlichen Komödie“.

Der Höllentrichter

In der Doku erfahren wir, dass das Berliner Kupferstichkabinett 85 Zeichnungen verwahrt. Weitere sieben befinden sich in der Apostolischen Bibliothek im Vatikan. Somit gelten von ursprünglich wohl 102 Pergamenten dieses bedeutenden Zyklus zehn Blätter als verschollen. Eine der im Vatikan befindlichen Zeichnungen wurde für „Botticelli Inferno“ eigens aus der Klimakammer geholt und mit modernen technischen Methoden untersucht: die „Mappa dell‘ Inferno“, die „Karte der Hölle“, im Deutschen aufgrund ihrer Form auch „Höllentrichter“ genannt. Das Blatt war vermutlich als Titelblatt von Botticellis Zyklus über die „Göttliche Komödie“ vorgesehen. Das Gesamtwerk war über Jahrhunderte verschollen. 1882 gelangte es von Schottland nach Berlin – ein hoch spannender Weg war vorerst zu Ende gegangen.

Nach seiner Weltpremiere am 27. Oktober 2016 erhielt „Botticelli Inferno“ in Italien sogar eine Kinoauswertung. Der Zeitpunkt war gut gewählt, das Interesse am Thema aufgrund der kurz zuvor im Kino gestarteten Dan-Brown-Verfilmung „Inferno“ mit Tom Hanks vorhanden.

Bildende Kunst und Dokumentationen über Kunst gehören gleichermaßen nicht zu meinem Fachgebiet. Wenn ich mich als interessierten Laien bezeichne, ist das fast schon etwas hoch gegriffen. Dennoch hat mich „Botticelli Inferno“ fasziniert. Der Enthusiasmus der zu Wort kommenden Kunstexperten überträgt sich vom Bildschirm auf die Zuschauer, die interessante Einblicke in die Historie eines bedeutenden Kunstwerks erhalten. Wir erfahren einiges über Botticelli und seine Arbeit über Dantes „Göttliche Komödie“, die zum Mythos wurde. Die Doku mag kein großer Beitrag für die Kunstwissenschaft sein, wissbegierige Nicht-Fachleute kommen aber voll auf ihre Kosten. Botticelli war ein großer Künstler, „Botticelli Inferno“ ist ein sehenswerter Dokumentarfilm, durchaus auf Kinoniveau.

Veröffentlichung: 19. Mai 2017 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Botticelli Inferno
D 2016
Regie: Ralph Loop
Drehbuch: Ralph Loop
Zusatzmaterial: Trailer
Vertrieb: Indigo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Packshot & Trailer: © 2016 good!movies / Neue Visionen Medien

Brief aus Speyer

16. Mai 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

valentino

Was wird in tausend Jahren von uns übrig geblieben sein? Nicht viel, wie ich meine: Digitale Datenträger werden weitgehend unbrauchbar, Papier wird zu Staub zerfallen sein. Bis auf wenige Ausnahmen verschwanden auch die Codices, Faltbücher aus Rindenpapier, der mesoamerikanischen Maya – zur Zeit der Konquistadoren ließ der Franziskaner Diego de Landa sie verbrennen, weil sie in seinen Augen heidnisch waren.

Heute ist die Schrift der Maya größtenteils wieder entziffert. Die Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz in Speyer zeigt unter anderem Fragmente von Maya-Inschriften auf Stelen, Türstürzen und Wandtafeln aus ihrer Blütezeit, der sogenannten späten Klassik circa von 600 bis 900 nach Christus. Aus dieser Zeit hinterließen die Maya der Nachwelt auch monumentale Steinbauten.

Vor einer grauen Wand ragen am Horizont verschieden gestaltete Betonklötze in den Himmel. Ich schaue an einem Aprilvormittag aus dem Busfenster. Felder, Strommasten und Bahngleise rauschen vorbei. Hinter Hildesheim wird die Landschaft interessanter: baumbestandene Hügel, zwischen denen hier und da weiße Kästchen mit roten Mützen kleben. Manchmal stehen Höfe, Scheunen und Hochsitze an den Wegesrändern. Ankunft abends in Speyer.

Am nächsten Morgen entdecke ich im Kulturhof Flachsgasse die Winkeldruckerey, eine Werkstatt mit interessanten druckgrafischen Arbeiten: Unter anderem gibt es eine Grafik mit dem Titel „Die Rheintöchter“. Die Konturen der Töchter entdecke ich erst auf den zweiten Blick. Sie durchscheinen malerische Pflanzenelemente auf der Wasseroberfläche. Danach besuche ich den im romanischen Stil aus Sandsteinquadern errichteten Dom.

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Speyerer Dom / Foto: Valentino

Nach Überquerung des Domplatzes betrete ich die Ausstellungsräume des Museums und tauche in den Lebensraum der Maya ein: Ein mit Rock und Lendenschurz bekleideter Mann imitiert vor einer Regenwald-Kulisse die Lauerstellung einer Wildkatze auf der Pirsch. Die überlebensgroße Skulptur besitzt die Merkmale eines Jaguars: die typische Form der Ohren sowie die Nasen- und Mundpartie der Maske mit Fangzähnen. Das faszinierende Objekt aus der Frühklassik stellt auf geheimnisvolle Weise die Verschmelzung des Menschen mit seiner Umwelt dar.

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Skulptur eines Mannes mit Jaguargott-Maske / Foto: Valentino

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Detail eines Stelenfragments, das einen Königskopf als gefiederte Schlange darstellt / Foto: Valentino

Die Schreiber der Maya verwendeten Muscheln als Tintenfässchen. Sie sind in Glasvitrinen der nächsten Station zu bewundern. Ein ausgeklügelter Kalender bestimmte den Lebensrhythmus der Maya. Davon zeugt der Dresdner Codex, eine der drei erhaltenen Handschriften. Die Ausstellung zeigt eine Kopie desselben.

Danach wird es konkret: Am Beispiel des südyukatekischen Uxul rekonstruiert ein Film das Alltagsleben seiner Bewohner, bevor sie die Stadt circa 700 nach Christus verließen. Eine Karte auf dem Boden lädt per Tablet zu einem interaktiven Rundgang durch die digital rekonstruierte Stadt ein.

Als Grabbeigabe entdeckte, einzigartige kleine Keramikfiguren zeigen einen königlichen Hofstaat der späten Klassik: Neben Königspaar und Dienern bewohnten unter anderem auch Schreiber, Musikanten und Hofzwerge den Palast.

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Figurinen boxender Zwerge des „Königlichen Hofstaates“ / Foto: Valentino

Ihre hohe Kunstfertigkeit bewiesen die Maya ebenso bei der Gestaltung von Weihrauchgefäßen.

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Weihrauchgefäß im Teotihuacan-Stil: In einer Art Bühne steht eine menschliche Figur, die einen großen Ohr- sowie Halsschmuck und einen T-förmigen Nasenanhänger trägt / Foto: Valentino

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Weihrauchgefäß als sitzende Figur mit Pflanzen in den Händen / Foto: Valentino

Auch gibt es zahlreiche kunstvolle Keramikgefäße mit Tierköpfen zu bestaunen sowie ein Trinkgefäß mit der Darstellung des Maisgottes.

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Detail eines Kakaogefäßes mit Maisgott, der einen aufwendigen Kopfputz trägt und mit einem Zwerg tanzt / Foto: Valentino

Die Wandmalereien von Bonampak unterstreichen auf eindrucksvolle Weise die rituelle Bedeutung des Tanzes für die Maya. Die Fresken stellen Tänzer und Musiker mit Kürbisrasseln, Trommeln aus Schildkrötenpanzern und Trompeten dar. Aus Tikal, einem der Machtzentren der klassischen Maya, ist sogar ein mit Schnitzereien verzierter hölzerner Türsturz erhalten. Tikal habe ich auf meiner ersten Reise nach Guatemala besucht. Damals war ich ziemlich überwältigt vom Ambiente – die Stadt liegt mitten im Regenwald – und von der Größe. Ich hätte gut und gern zwei Tage dort verbringen können, um den Komplex vollständig zu besichtigen.

So ähnlich ging es mir auch in der Speyerer Ausstellung. Allerdings fand ich die durchgehend weiße Schrift auf dem schwarzem Grund der Wandtexte und die teilweise redundanten Informationen etwas ermüdend. Nichtsdestotrotz lohnt sich ein Besuch in jedem Fall – nicht nur wegen der beeindruckenden Exponate und der spannenden interaktiven Installationen sondern auch, weil sie den Besucher auf den neuesten Forschungsstand bringt. Beim Eintritt erhält man übrigens einen Audioguide, und für Kinder gibt es tolle Mitmachstationen.

Die klassischen Maya waren bereits kurz nach ihrer Blütezeit dem Untergang geweiht. Ständige Kriege, insbesondere zwischen zwei Stadtstaaten im Tiefland, stellten schließlich ein Ungleichgewicht zwischen den Machtzentren her: Die siegreiche Königsstadt vermochte es nicht, die Vasallenstaaten des besiegten Konkurrenten zu übernehmen. Im Zuge eines Prozesses der Balkanisierung in Verbindung mit ökologischen Faktoren wurden die Städte aufgegeben.

Zwar gab es in der Postklassik noch einmal ein Aufblühen der Maya-Kultur im Norden der Halbinsel Yukatan. Allerdings war das Gottkönigtum vorbei und der Einfluss jener Stämme bereits so groß, die aus Zentralmexiko eingedrungen waren, dass es zu einer Vermischung der Stile kam. Eine Stele im letzten Raum zeigt exemplarisch, wie die Maya fremde Einflüsse in ihre Kultur integriert haben. So sieht man auf dem Relief typische Maya-Figuren neben solchen, die keine deformierten Schädel haben, wie es dem Schönheitsideal der Maya entsprach. Auch ist die Stele, anders als es in der Klassik üblich war, in Register unterteilt, und Maya-Schriftzeichen stehen neben mexikanischen Zeichen.

Neben dem herausragenden künstlerischen Schaffen der Maya beleuchtet die Ausstellung auch das Alltagsleben der Menschen. Der Besucher bekommt einen Eindruck davon, wie das Leben in den Städten organisiert war und welcher Aufwand betrieben wurde, um die städtische Bevölkerung mit Wasser und Nahrung zu versorgen. Darüber hinaus wirft die Ausstellung auch aktuelle Fragen über unser globales Handeln auf. Inwieweit könnte unserer globalen Gesellschaft ein ähnliches Schicksal wie den Maya in ihrem begrenzten Lebensraum durch Raubbau an der Natur, Ausbeutung von Arbeitskräften, Revolten oder Kriege drohen?

Die nächste große kunst- und kulturhistorische Ausstellung widmet das Historische Museum der Pfalz vom 17. September 2017 bis zum 15. April 2018 dem Leben und Wirken des englischen Königs Richard Löwenherz, der ganz in der Nähe auf Burg Trifels gefangen gehalten wurde.

(c) valentino 2017

„MAYA – Das Rätsel der Königsstädte“. Sonderausstellung im Historischen Museum der Pfalz Speyer 2016/2017.

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