Eindringliche Bilder aus einem geteilten Amerika – Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few (Buchrezension)

10. November 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few

Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few

Ich lese regelmäßig Comics und fühle mich zwischen europäischen Alben und amerikanischen Heftformaten gleichermaßen heimisch, kann allerdings mit Superhelden und Mangas bis heute relativ wenig anfangen (mein Problem).

Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few (Escape in the Forest)

Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few (Escape in the Forest)

Reine Romannacherzählungen in Form von Comics verstehe ich oftmals auch nicht so ganz (etwa Kafkas Prozess oder Anne Franks Tagebuch). Da lese ich lieber die Originale. Vielleicht sind aber Romannacherzählungen als Comics zumindest eine Hinführung, um nicht gleich zu Beginn im Original steckenzubleiben. Von Moby Dick gibt es zumindest ein paar gekürzte Jugendfassungen, man muss hier nicht unbedingt zum Comic greifen.

Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few (Mama)

Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few (Mama)

Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich den Begriff Graphic Novel so sinnvoll finde. Es sind Comics. Und Comics können für mich, ebenso wie Romane, U oder E oder beides sein. Jedenfalls liegen die amerikanischen, aus so und so vielen Einzelheften zusammengesetzten Sammelbände gut in der Hand. Das oftmals hinzugefügte Skizzenmaterial und alternative Covers im Anhang tun ihr Übriges, um mein Lesevergnügen zu steigern.

Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few (Sketch)

Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few (Sketch)

Alle paar Comics bin ich dann mal wieder so richtig begeistert. Insbesondere Sean Lewis‘ und Hayden Shermans The Few hat es mir kürzlich angetan. Die Geschichte ist okay, nicht überwältigend, Hayden Shermans Grafik dagegen, und was sie aus der Geschichte macht, ist ein echter Wurf, kubistische Zeichnungen, die dennoch sehr real anrühren, die angedeuteten Gesichtszüge sind umso intensiver, Zeitsprünge und sehr viele zeichnerische Details erfordern aufmerksames und zurückblätterndes Lesen, die großformatigen Bilder der Winterwälder sind besonders eindringlich, die Geschichte der Rettung eines Babys durch die desertierte Söldnerin Edan Hale und alttestamentarische Zutaten (Herrod) in einem auseinandergebrochenen Amerika mit massakrierenden, vermummten Motorradfahrern und überwachten Restmetropolen sind wenig originell, die exzellenten Zeichnungen und ihre Choreographie lösen aber sehr viel in meinem Kopf aus. Unbedingte Leseempfehlung.

(c) belmonte 2018

Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few. Image Comics, Portland, OR, 2017.

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Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few (Faulkner Quote)

Sean Lewis, Hayden Sherman: The Few (Faulkner Quote)

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„Möchtest du nicht manchmal einfach nur … ein Mensch sein?“ – N. K. Jemisin: Zerrissene Erde (Buchrezension)

27. Oktober 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

N. K. Jemisin: Zerrissene Erde

N. K. Jemisin: Zerrissene Erde

Ich wollte nach einiger Zeit mal wieder Fantasy lesen und bin, ich weiß nicht mehr genau wie, auf N. K. Jemisins Broken-Earth-Trilogie gestoßen. Ich lese gut Englisch, aber es braucht eben doch ein wenig länger, und da der erste Band Zerrissene Erde gerade auf Deutsch erschienen ist, habe ich mich für die deutsche Übersetzung entschieden.

Das Buch war dann gar nicht so einfache Lektüre, wie ich anfangs dachte. Eine komplexe Welt erwartete mich da, mehr eine Mischung aus Fantasy und Science-Fiction. Irgendwo habe ich den Begriff Science Fantasy gehört. Der trifft es ganz gut. Es kommen ein paar unbekannte Tiere vor, keine Drachen, und was nach Magie klingt, sind eher wissenschaftlich untermauerte Fähigkeiten, zum Beispiel das Erspüren von seismischen Bewegungen oder aktiven Heißflecken im Erdinneren durch mentales Ertasten, so genanntes Mentasten. Wer in dieser auch Orogenie genannten Fähigkeit mächtig ist, kann ganze Erdplatten bewegen und sogar Erdbeben auslösen. Die Orogenen aber sind alles andere als hoch angesehen, denn wer von ihnen nicht trainiert ist, kann schnell mal durch einen Wutausbruch versehentlich eine ganze Stadt verwüsten. Selbst die besten Orogenen werden daher von noch mächtigeren Wächtern beaufsichtigt.

Die Geschichte handelt

  • von der jungen Damaya, die gerade ihre Orogenie entdeckt,
  • von der bereits in Orogenie trainierten Syenit, deren orogene Fähigkeiten sich als außerordentlich mächtig herausstellen,
  • von der bereits älteren Essun, deren Mann gerade ihren Sohn getötet und sich mit ihrer Tochter auf und davon gemacht hat. Auch sie ist eine Orogene.

Bevor die drei im späteren Verlauf auf erstaunliche Weise zusammenkommen, gehen sie ihrer unterschiedlichen Wege – und das stets in Begleitung, etwa des Wächters Schaffa, der als Zeichen seiner Macht Hände zerbricht, oder des zehnberingten (also ebenfalls sehr mächtigen) Orogenen Alabaster, von dem vor allem Zeugungsfähigkeit erwartet wird, oder des Jungen Hoa, der gar kein Junge ist, sondern ein steinalter Steinesser. Alle haben ihre besonderen Fähigkeiten. Steinesser zum Beispiel verwandeln dich gern mal in Stein, ziehen dich unter die Erde und stoßen dich irgendwo an anderer Stelle wieder aus der Erde hervor. Sicherlich schmerzhaft. Kann aber auch mitunter die letzte Rettung vor den Wächtern sein.

N. K. Jemisin: The Fifth Season

N. K. Jemisin: The Fifth Season

Nicht nur mit den Orogenen spiegelt Jemisin den Rassismus unserer eigenen Welt. Nicht von ungefähr werden die Orogenen von Nicht-Orogenen Rogga genannt, da klingt Nigga an. Die Orogenen sind die Ausgestoßenen, die Verfolgten, die schnell mal umgebracht werden, bevor sie irgendein Unheil anrichten.

Alabaster fragt Syenit: „Möchtest du nicht manchmal einfach nur … ein Mensch sein?“ und sie antwortet: „Wir sind keine Menschen.“. Er aber besteht darauf: „Dass wir keine Menschen sind, ist genau die Lüge, die sie sich erzählen, damit sie sich nicht schlecht angesichts der Tatsache fühlen müssen, wie sie uns behandeln“ (376).

Jemisin hat sicherlich noch viele weitere Spiegelungen aus unserer Welt in ihre Erzählung eingebaut. Ich habe bestimmt nicht alles erkannt. Aber dass die Welt gerade im Innern auseinanderbricht und die Menschheit sich auf eine sehr lange, wenn nicht gar endgültige Dunkelheit vorbereiten muss, ist ein bedrohliches Menetekel unserer eigenen Welt.

Der Roman ist wunderbar schnell und abwechslungsreich und hält einige hervorragende Wendungen bereit. Von einigen Kleinigkeiten abgesehen erscheint mir auch die Übersetzung gelungen. Mir gefällt das Cover der englischen Ausgabe allerdings deutlich besser. Ohnehin bin ich der Ansicht, dass die Amerikaner derzeit ansprechendere Cover kreieren.

N. K. Jemisin hat für jeden der drei Bände als erste Autorin in drei aufeinanderfolgenden Jahren jeweils den Hugo Award erhalten und ist als schwarze Autorin in eine weiße Domäne gestoßen, was dem Genre mehr als gut tut. Einen Eindruck davon, wie viel Skepsis ihr von Agenten und Lektoren entgegengebracht wurde, erhält man von ihrer Rede bei der Hugo-Preisverleihung:

(c) belmonte 2018

N. K. Jemisin: Zerrissene Erde. Übersetzt von Susanne Gerold. Knaur, München 2018, 494 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Jeremy Shaw: Liminals (Filmkurzrezension)

22. September 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

Ich habe Jeremy Shaws Kurzfilm Liminals zuerst auf der Biennale di Venezia 2017 gesehen und dann nochmal vergangenen Oktober in den Store Studios in London. Der 20-minütige Film ist hervorragend anspruchsvoll.

In einer dystopisch-verkümmerten Zukunft gibt es keine Religion mehr, wodurch auch das menschliche Gehirn immer mehr versiecht. Eine Gruppe von Spiritualisten versucht durch Gruppenekstase und Maschinen-DNA die Spiritualität eines Paraspace, den sie Liminals nennen, wiederzuentdecken, um so die menschliche Evolution doch noch zu retten.

Artistisch, linguistisch, endzeitlich, psychedelisch. Liminals wirkt bei mir immer noch nach.

Womöglich brauchen wir alle irgendwann Maschinen-DNA, um uns in einer Zeit zu transzendieren, in der unsere Gehirne nicht mehr in der Lage sind, an irgendetwas zu glauben.

Leider ist der gesamte Film nirgendwo im Netz komplett zu sehen.

(c) belmonte 2018

Siehe auch https://thevinylfactory.com/news/jeremy-shaw-liminals-exhbition-store-studios/

Ein Jahrhundertroman – Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka) (Buchrezension)

14. Juli 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

Meine nächste Lektüre wählte ich nach der Rastermethode aus:

  • Ich wollte das Buch einer Schriftstellerin lesen. Mir war aufgefallen, dass ich zu viele Bücher von Männern lese.
  • Das Buch sollte möglichst in einem Indie-Verlag erschienen sein.
  • Mehr als sechshundert Seiten sollten es schon sein, und bitte recht episch.
  • Mehrere Generationen sollte das Buch umfassen, das wäre nicht schlecht.
  • Aktuelle deutschsprachige Literatur war auch mal wieder an der Reihe, die habe ich lange vernachlässigt.
  • Vielleicht ein wenig Europa und Geschichte und Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit und Umbrüche 1989, von allem ein bisschen.

Genau so ein Buch zu finden, das kam mir etwas unwahrscheinlich vor. Aber dann hielt ich Nino Haratischwilis monumentalen Georgien-Roman Das achte Leben (für Brilka) in meinen Händen, und er entsprach genau dem Raster, nach dem ich gesucht hatte. Jetzt musste mich das Buch nur noch mitreißen.

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka)

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka)

Und es hat mich mitgerissen. Es ist alles drin, was das europäische Zwanzigste Jahrhundert ausgemacht hat. Erster Weltkrieg, Russische Revolution, Stalin, Hitler, Verfolgung, Zweiter Weltkrieg, lähmende Jahrzehnte danach, Prager Frühling, Moskau, London, Berlin, Amsterdam, Wien, und vor allem Tbilissi und Georgien.

Immer wieder kommt eine unwiderstehliche Schokoladenmischung vor, die für den, der sie kostet, meist im Unglück endet. Diese Schokoladenmischung, erfunden (oder besser: entdeckt) vom namenlosen Schokoladenfabrikanten, der die Familiendynastie der Jaschi begründet, zieht sich wie ein roter (brauner?) Faden durch das gesamte Buch.

Erzählerin ist Niza Jaschi, die ihrer Nichte Brilka die gesamte Familiengeschichte über sechs Generationen erzählt, während diese mir nichts, dir nichts aus Amsterdam nach Wien entschwindet. Warum? Lest das Buch.

Ich erinnere mich gern an die vielen Personen, die Nino Haratischwili allesamt mit Meisterschaft einführt. Da ist zum Beispiel Stasia Jaschis Tante Thekla in Sankt Petersburg, bei der Stasia kurz nach der Revolution unterkommt und in deren großbürgerlichem Haus ihr ein Lehrer Ballett beibringt. Thekla ist eine herrliche Person, sie trotzt den Bolschewiken, aber lange geht es nicht gut und Stasia muss zurück nach Georgien.

Generationenbäume

Generationenbäume

Unter den zahlreichen Hauptpersonen gibt es nur wenige, die ich nicht ins Herz geschlossen habe. Selbst Kostja Jaschi, der Betonkommunist, ist bei aller Brutalität gegen seine Töchter oder gegen vermeintliche Regimegegner eine sehr nachfühlbare Persönlichkeit. Eine frühe tragische Liebe in Leningrad während der deutschen Belagerung hat ihn gefühlskalt werden lassen.

Da ist die wunderschöne Christine Jaschi, die den Parteifunktionär Ramas heiratet, aber von dessen Chef – keinem Geringeren als dem Millionenschlächter Lawrenti Beria – immer wieder sexuell missbraucht wird. Auch diese Episode endet tragisch und in Verstümmelung.

Wunderbar gezeichnet ist auch Kitty Jaschi, die nach tragischer Liebe (mit schlimmster Folter und Abtreibung) über Prag in den Westen abgeschoben, in London eine gefeierte Sängerin wird und auf dem Höhepunkt ihrer Sängerkarriere nach Prag fährt, um während des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen mit ihrer Gitarre auf dem Wenzelsplatz ein altes Volkslied (oder doch eine Freiheitshymne?) zu singen. In London verliebt sie sich in die faszinierende, aber tief verzweifelte Wienerin Fred Lieblich, deren Familie von den Nazis ermordet wurde. Daraus wird eine alles andere als stabile Beziehung. In diesem Buch ist nichts stabil.

Nino Haratischwili

Nino Haratischwili / Foto: Julia Bührle-Nowikowa (gemeinfrei)

Ganz wie Elsa Morante in ihrem Roman La Storia (Rezension siehe hier …) bindet Haratischwili immer wieder die historischen Umstände und Geschehnisse ein. Familiengeschichte ist Weltgeschichte.

Allen Kapiteln wird ein Motto oder Zitat oder Vers vorangestellt, von Zwetajewa, Achmatova, Lenin, Schostakowitsch über Tschechow, Depeche Mode zu Gorbatschow und vielen anderen. So auch Stalin, der Generalissimus:

„Der Tod eines Mannes ist eine Tragödie, aber der Tod von Millionen – nur eine Statistik.“

Das Buch ist mit knapp 1300 Seiten ein echter Ziegelstein. Ich bin dennoch gut durchgekommen. Aus meiner Sicht handelt es sich gar nicht um einen Roman. Wenn das Buch verfilmt würde, wäre es eine Serie mit zig Handlungssträngen.

Ohnehin ist der Autor dieser Zeilen der Ansicht, dass der bürgerliche Roman tot ist und sich mittlerweile in Serie oder Epos verzweigt hat.

In diesem Buch wird viel gestorben. Aber wenn über sechs Generationen erzählt wird, sterben eben viele. Und die Toten sitzen am Gartentisch und spielen Karten. Genau wie in Wassili Grossmans Roman Leben und Schicksal (siehe hier …) ist es dennoch das Leben, das zählt:

„Wir hatten es nicht schön. Es war die Hölle auf Erden.“
„Rede keinen Unsinn. Erinnere dich. Wir haben gelebt, Kitty. Wir waren da.“ (1019)

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka) (Buchrücken)

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka) (Buchrücken)

Mit Das achte Leben (für Brilka) hat Nino Haratischwili (1983 in Tiflis geboren) ein Buch über Georgien, über die Sowjetunion, über Europa und über das Zwanzigste Jahrhundert geschrieben, das als Vorbereitung auf die diesjährige Frankfurter Buchmesse mit Gastland Georgien unbedingt zu empfehlen ist.

Mal schauen, ob das nächste 1000-seitige Familienepos, das ich in der Hand habe, Miljenko Jergovićs Die unerhörte Geschichte meiner Familie, an Haratischwilis Jahrhundertroman herankommt. Jedenfalls freue ich mich auf Haratischwilis neuen Roman Die Katze und der General.

(c) belmonte 2018

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka). Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2014, 1280 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

„When someone is ready to kill herself, does she consider if the poison is bitter or sweet?“ – Saratchandra Chattopadhyay: Devdas (Buchrezension)

7. Juli 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

Saratchandra Chattopadhyay: Devdas

Saratchandra Chattopadhyay: Devdas

Zum soundsovielten Mal habe ich Saratchandra Chattopadhyays 1917 erschienenen bengalischen Roman Devdas gelesen.

Es ist die Geschichte von Devdas Mukherjee, Sohn eines reichen Großgrundbesitzers, der seine Kinder- und Jugendliebe Parvati (Paro) Chakravarti, die aus einer Händlerfamilie stammt, nicht heiraten darf und daran zerbricht und sich zu Tode säuft.

Das Buch ist bei aller Bitternis packend bis zum Schluss. Es hätte ein hunderte Seiten langer Wälzer sein können, mit 128 Seiten bleibt es ein schmaler Band mit kurzen Kapiteln, sehr viel Dialog, aufs Nötigste kondensiert. Die englische Übersetzung von Sreejata Guha bringt alles auf den Punkt und ist alles andere als süßlich.

Louis Aragon nennt Tschingis Aitmatows Novelle Dshamilja „die schönste Liebesgeschichte der Welt“ (Rezension siehe hier). Ich sage, Devdas ist der schönste, zumindest aber der bittersüßeste Liebesroman der Welt. Obwohl Parvati bereits weiß, dass sie Devdas nicht heiraten wird, ist er für sie doch ihr wahrer Gemahl, wie sie ihrer Freundin Manorama mitteilt: „If he wasn’t my husband, beyond all my shame and embarrassment, I wouldn’t be in this state today. Besides didi, when someone is ready to kill herself, does she consider if the poison is bitter or sweet?“ (31)

Saratchandra Chattopadhyay: Devdas (bengalisch)

Saratchandra Chattopadhyay: Devdas (bengalisch)

Nachdem Devdas Parvati verlassen hat und sie mit einem verwitweten Großgrundbesitzer verheiratet wird, dessen Kinder so alt wie sie selbst sind, fällt aller Lebenssinn von ihm ab und er überlässt sich dem Alkohol: „As the night wore on, the realization dawned on Devdas, that the very meaning of his life had suddenly fallen, paralyzed, by the wayside, and left him bereft for all times to come. (…) It would be wrong to even recall it as a right he once had.“ (52)

In Kalkutta lernt er die Kurtisane Chandramukhi kennen (sanskr. „schön wie der Mond“), die sich in Devdas verliebt, während er im Alkohol ertrinkt. Chandramukhi wird zur Seele der Geschichte. An besseren Tagen vermag sie Devdas zu trösten, aber nach einer Irrfahrt durch Indien erinnert er sich an sein Versprechen an Parvati: „I will never forget this promise: if it makes you happy to take care of me, I will come. If it’s the last thing I do. I’ll come to you.“ (82)

Häufig verfilmt, 2002 mit den Hindi-Filmstars Shah Rukh Khan, Aishwarya Rai und Madhuri Dixit in einer aufwändigen und farbexplosiven Version, die mit ebenso opulenter Musik aufwartet, finde ich die neorealistische Schwarz-weiß-Version von 1955 mit Dilip Kumar schöner.

Allerdings findet die 2002er Verfilmung eine schöne Interpretation im Treffen Parvatis mit Chandramukhi, die im Buch lediglich mythologisch angedeutet wird. Wie in vielen Hindi-Filmen üblich, tanzen sie dann auch gemeinsam.

Eine aufwühlende Variation des Devdas-Themas zeigt übrigens der Film Leaving Las Vegas von 1995 (Nicolas Cage, Elisabeth Shue), ebenso bitter und packend bis zum Schluss.

(c) belmonte 2018

Saratchandra Chattopadhyay: Devdas. Aus dem Bengalischen ins Englische übersetzt von Sreejata Guha. Penduin Books, New Delhi 2002, 128 S.

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Natürlich stürzt auch die Freiheitsstatue – Elfriede Jelinek: Am Königsweg (Theaterkritik)

2. Juni 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

belmonte

Ein wunderlicher Abend am Theater Heidelberg. Unbeugsame Schauspielerinnen bespielen ein überaltertes, bildungsgesättigtes und verkapseltes Theaterpublikum.

Komme ich rein, alles mit Theaternebel vorvernebelt. Was soll das? Ach so, ein Schlechte-Laune-Stück. Bühne ein quadratischer Holztrichter, auf dessen Rand sich nach und nach graugekleidete Frauen setzen. Klageweiber, dumpfes Schlagen. Amerikanische Flagge. Alles auf Effekthascherei. Antikes Augen-Ausstechen, die Darstellerinnen laufen mit blutenden Augenhöhlen herum, und noch manch andere antikisierende Manier.

Ach so, es geht um Donald Trump.

„Wenn der König blind ist, was können Sie dann sehen?“

Ach so, es geht um uns.

„Wo ist das ganze Geld hin?“

Elfriede Jelinek: Am Königsweg, Katharina Uhland und Sheila Eckhardt

Elfriede Jelinek: Am Königsweg, Katharina Uhland und Sheila Eckhardt / Foto: Sebastian Bühler

Immer wieder rieselt Goldstaub nieder. Die blinden Klageweiber treten auch mal mit roten Haaren und rosa Häschenohren auf und halten „Not my president“-Tafeln in die Höhe. Eine Leinwand wird heruntergelassen, Kermit der Frosch hangelt sich filmisch an einem Goldbaum zum vergoldeten Wolkenkuckuckskratzer hinauf. Später wird ein vergoldeter Adler von oben hinabgelassen, der natürlich Gold auf die Bühne scheißt.

Nach Sheila Eckhardts eindrucksvoller Amazing-Grace-Interpretation gibt es Szenenapplaus. Publikum kurzzeitig wach. Später fliegt sie als roter Teufel über die Bühne.

Elfriede Jelinik: Am Königsweg, Katharina Quast

Elfriede Jelinik: Am Königsweg, Katharina Quast / Foto: Sebastian Bühler

„Wenn die Weisen wütend werden, werden die Blinden blindwütig.“ Der König ist nicht nackt, sondern blind. Alles leider sehr abgeschmackt. Natürlich stürzt auch die Freiheitsstatue. Sie wird von Micky Maus‘ Maschinenpistolensalven niedergemäht. Danach treten kleine Trumps mit überlangen Schlipsen auf. Am Ende erscheint eine Jelinek im bunten Stofftierekostüm.

Ich weiß nicht, wovon Elfriede Jelineks Stück Am Königsweg mich überzeugen möchte. Dass Donald Trump echt kacke ist? Ach wirklich, wusste ich noch gar nicht. Warum spielt Ihr es nicht im Garten des Weißen Hauses oder – besser noch – am Strand von Mar-a-Lago. Würde aber selbst dann nichts nützen, wenn Trump zuschaute. Er würde nur sagen: Stimmt, ich steh auf Titten und Ärsche.

Elfriede Jelinek: Am Königsweg, Elisabeth Auer

Elfriede Jelinek: Am Königsweg, Elisabeth Auer / Foto: Sebastian Bühler

Ach so, das Stück will der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Aber die Gesellschaft sagt auch nur „That’s what it is.“ In diesen Spiegel habe ich schon zu oft geschaut. Ach so, wir sind alle Trump. Goldstaub überall.

Regie (Mirja Biels Debüt in Heidelberg) und Bühne (Frauke Löffel) schaffen es leider nicht, aus dem Stück irgendetwas Essentielles herauszuholen. Das Stück gibt dazu überhaupt nichts her. Die fünf Schauspielerinnen sind gut, am Halbschlaf des Provinzpublikums ändert das nichts. Kostüm (Katrin Wolfermann) lässt sich sehen, hilft dem Stück leider auch nicht weiter. Trump ist echt kacke, und die, die ihn gewählt haben, natürlich auch, und die ganze Gesellschaft und wir alle und natürlich das Wahlsystem. Ein brisanter Text, wie es im Heidelberger Theater-Magazin heißt? Fehlanzeige. Da kann man noch so viel klassische Stoffe herbeizitieren – Kassandra und so – macht es auch nicht vielschichtiger.

Ein Glück wurden nur 35 Seiten des 90 Seiten langes Hörspieltextes für die Inszenierung verarbeitet.

(c) belmonte 2018

Elfriede Jelinek: Am Königsweg. Theater Heidelberg. Premiere 14. April 2018.

Mit:
Elisabeth Auer
Nicole Averkamp
Sheila Eckhardt
Katharina Quast
Katharina Uhland

Regie: Mirja Biel
Bühne: Frauke Löffel
Kostüm: Katrin Wolfermann

God Loves the Fighter – Karibische Träume (Filmrezension)

25. Januar 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

God Loves the Fighter

Von Volker Schönenberger, der unseren Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ führt.

Drama // Wird in Port of Spain tatsächlich alle 17 Stunden ein Mensch ermordet? Jedenfalls behauptet das der Rückseitentext des Films über die Hauptstadt des karibischen Inselstaats Trinidad und Tobago. Einer ihrer Bürger, Damian Marcano, nahm sich einfach vor, seine Heimatstadt mit einem Spielfilm zu porträtieren. Zuvor hatte er lediglich einen Kurzfilm gedreht.

Kindheit in Armut

Der Filmemacher hat sich für seine Geschichte den Stadtstreicher King Curtis (Lou Lyons) ausgesucht, der durch die Straßen von Port of Spain streift und dabei von kleinen und großen Schicksalen erzählt – zum Teil als Stimme aus dem Off. Da ist die Prostituierte Dinah (Jamie Lee Phillips), die sich wegen ihres Jobs unwürdig fühlt. Wir lernen Charlie (Muhammad Muwakil) kennen, der sich nach einem Leben jenseits der Kleinkriminalität sehnt. Der Knirps Chicken (Zion Henry) kann nicht zur Schule, weil seine Mutter (Penelope Spencer) kein Geld für die Busfahrkarte hat. Sie alle und andere träumen davon, aus der Armut auszubrechen – mal mit legalen, mal mit illegalen Mitteln. Einige von ihnen ahnen jedoch, dass daraus nichts werden wird.

Charlie (l.) will raus aus dem Elend

Damian Marcano will der Welt keine pittoresken Bilder des vermeintlichen Karibikparadieses Trinidad und Tobago zeigen, er präsentiert uns die Schattenseiten der Hauptstadt. „God Loves the Fighter“ könnte so für Port of Spain das sein, was seinerzeit „The Harder They Come“ mit Jimmy Cliff für Jamaikas Hauptstadt Kingston war – ein düsteres Abbild von Armut und Kriminalität. Die Hoffnung lässt Marcano allerdings nicht fahren. King Curtis behält bei seinen poetischen, gereimten Erzählungen stets ein fröhliches Timbre in der Stimme. In Verbindung mit den kräftigen Farben ergibt das einen reizvollen Kontrast zur Trübnis des Geschehens. „God Loves the Fighter“ beschert den Filmguckern einen mal faszinierenden, mal verstörenden, aber immer authentischen Blick in eine fremde Welt. Damian Marcano hat es verdient, weitere Spielfilme zu drehen. Bleibt zu hoffen, dass er mal wieder die Chance dazu erhält.

Auch die Prostituierte Dinah träumt von einem besseren Leben

Veröffentlichung: 31. Dezember 2016 als Blu-ray, 2. November 2015 als limitierte Blu-ray (inklusive Soundtrack-CD), 30. Oktober 2015 als DVD

Länge: 96 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: God Loves the Fighter
TTO 2013
Regie: Damian Marcano
Drehbuch: Damian Marcano, Alexa Marcano
Besetzung: Muhammad Muwakil, Jamie Lee Phillips, Darren Cheewah, Zion Henry, Simon Junior John, Lou Lyons, Tyker Phillips, Penelope Spencer, Abdi Waithe
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover, nur limitierte Blu-ray: Soundtrack-CD, Schuber
Label: Mad Dimension
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2015 Mad Dimension

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