Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe – Dabei will er doch nach Australien! (Filmrezension)

Support Your Local Sheriff!

Von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte

Westernkomödie // Immer wieder gern gesehen: Jack Elam (1920–2003). Sein schiefer Blick resultierte daraus, dass er als Zwölfjähriger einen Bleistift ins Auge gestochen bekam. Das verstärkte sein markantes Aussehen, was ihn als Sonderling und Schurke prädestinierte – ein Rollenbild, das er in etlichen Western unter großen Regisseuren gern annahm. So war er in Robert Aldrichs „Vera Cruz“ (1954) an der Seite von Gary Cooper, Burt Lancaster, Ernest Borgnine und Charles Bronson zu sehen. Mit John Wayne spielte er in „Die Comancheros“ (1961) unter der Regie von Michael Curtiz, mit James Stewart unter anderem in „Rancho River“ (1966) und mit Kirk Douglas, Robert Mitchum und Richard Widmark in „Der Weg nach Westen“ (1967), beide inszeniert von Andrew V. McLaglen. Ohne Nennung im Abspann blieb Elam in Fred Zinnemanns „12 Uhr mittags“ (1952) – der Part als Besoffener im Knast war wohl zu kurz. Unvergessen bleibt uns der Gute auch nicht zuletzt aufgrund eines anderen Kurzauftritts: Im Prolog von Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968) wartet er als Revolverschwinger mit zwei Spießgesellen auf einen Zug und vertreibt sich die Zeit damit, eine lästige Fliege zu beobachten und schließlich mit dem Lauf seiner Pistole zu fangen. Unmittelbar nach Eintreffen des Zuges beendet eine Kugel aus dem Revolver von Charles Bronsons „Harmonica“ sein Dasein.

Jack Elam durchbricht die vierte Wand

In „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ (1969) spielt Jack Elam den leicht vertrottelten Jake, der sich im Lauf der Zeit zur treuen Seele und zum Helfer der von James Garner verkörperten Titelfigur Jason McCullough mausert. In der letzten Szene des Films durchbricht Jake mit in die Kamera gerichtetem Blick sogar die vierte Wand, um dem Publikum zu berichten, was aus Sheriff McCullough, Prudy Perkins (Joan Hackett) und ihm selbst geworden ist. Da es sich um eine Westernkomödie handelt, bekommt das Publikum ein schönes Happy End geboten. Den Spoiler verzeihe man mir, man kann es sich von Anfang an denken.

Prudy Perkins geht keiner Schlammschlacht aus dem Weg

Jason McCullough will nach Australien auswandern. Jedenfalls wird er nicht müde, das zu behaupten. Weil ihm dafür das nötige Kleingeld fehlt, will er in Colorado Gold schürfen. Im Örtchen Calendar geht es drunter und drüber, wie das zu Zeiten des Goldrausches nun mal ist. Das Sagen hat die übel beleumdete Familie Danby. Pa Danby (Walter Brennan) kontrolliert die Frachtrouten nach außerhalb. Sohnemann Joe (Bruce Dern) beweist den miesen Ruf der Danbys, indem er im Saloon eiskalt einen Mann niederschießt. Das verlanlasst den just eingetroffenen McCullough zu der Bemerkung, es sei Mord gewesen. Spricht’s und zieht von dannen, den verdutzten Joe Danby ratlos zurücklassend.

Sheriffposten statt Goldsuche

Die Inflation nimmt in Calendar enorme Ausmaße an, was McCulloughs Absichten zuwiderläuft. Daher sagt er zu, den Posten des Sheriffs zu übernehmen, den ihm der Bürgermeister Olly Perkins (Harry Morgan) und die Stadträte Henry Jackson (Henry Jones) und Fred Johnson (Walter Burke) nachdrücklich anbieten. Seine erste Amtshandlung besteht darin, eine handfeste Massenkeilerei auf der schlammigen Hauptstraße von Calendar aufzulösen. Daran beteiligt ist auch des Bürgermeisters aufbrausende Tochter Prudy, der er kurz darauf erneut begegnet: Ihr Vater gewährt dem neuen Sheriff Kost und Logis. Weil Dorftrottel Jake gerade in der Nähe herumsteht, verpflichtet er ihn kurzerhand als Hilfssheriff. Zu Jakes Entsetzen muss dieser seinem neuen Chef sogleich dabei helfen, Joe Danby zu verhaften. Das gelingt ganz ohne Blutvergießen, aber im just neu errichteten Gefängnis von Calendar erlebt Sheriff McCullough eine Überraschung: Die Gitter wurden noch nicht geliefert.

Die Delle im Sheriffstern

„Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ strotzt vor brüllend komischen Einfällen. So dient es als Running Gag, wie es dem Sheriff immer wieder gelingt, den im gitterlosen Knast einsitzenden Joe Danby an der Flucht zu hindern. Eine andere schöne Pointe: Kurz nach seiner Ernennung hatte sich McCullough aus einer Sammlung ramponierter Sheriffsterne einen ausgesucht, der eine Delle von einer Revolverkugel aufweist. Auf seinen Kommentar, der Stern habe seinem Träger wohl das Leben gerettet, bekommt er zu hören: Das hätte er wohl, wären die Kugeln in dem Moment nicht von allen Seiten gekommen. Köstliche Dialoge wie dieser ziehen sich durch „Support Your Local Sheriff“, so der Originaltitel.

Sheriff McCullough bietet Pa Danby die Stirn – und den Finger

Man muss das Westerngenre schon gut kennen und sehr lieben, um es derart liebevoll zu verhohnepiepeln. Beides trifft zweifellos auf Burt Kennedy zu, der in seiner von 1961 bis 2000 währenden Karriere etliche anständige Genrebeiträge inszeniert hat. Er drehte mit namhaften Stars, etwa für „Nebraska“ (1965) mit Henry Fonda und Glenn Ford, „Die Rückkehr der glorreichen Sieben“ (1966) mit Yul Brynner sowie „Die Gewaltigen“ (1967) mit John Wayne und Kirk Douglas. 1971 hatte er für „In einem Sattel mit dem Tod“ (1971) Ernest Borgnine, Christopher Lee, Robert Culp und Raquel Welch vor der Kamera, 1973 für „Dreckiges Gold“ (1973) Rod Taylor und erneut John Wayne.

Walter Brennan parodiert seine eigene Rolle

Kenntnis des Westerngenres belegen auch die Reverenzen, die „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ zwei Genreklassikern erweist. Eine städtische Versammlung erinnert frappierend an eine ebensolche Zusammenkunft im bereits erwähnten Edelwestern „12 Uhr mittags“. Und Walter Brennan spielt Pa Danby als famose Parodie seiner Rolle des Patriarchen „Old Man“ Clanton in John Fords „Faustrecht der Prärie“ (1946) mit Henry Fonda als Wyatt Earp und Victor Mature als Doc Holliday.

Es geht los!

Der Erfolg von „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ an den Kinokassen führte zwei Jahre später zu „Latigo“ (1971), einer Westernkomödie mit ähnlichem Zungenschlag. Das war kein Zufall – in Cast und Crew befanden sich diverse Beteiligte des Vorgängers, beispielsweise Regisseur Burt Kennedy, Hauptdarsteller James Garner und Nebendarsteller Jack Elam. Mir gefällt „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ deutlich besser, was auch damit zusammenhängen mag, dass ich mit diesem Jugenderinnerungen an Fernsehabende im Kreis der Familie verbinde. Großer Unterhaltungswert lässt sich „Latigo“ aber ebenfalls nicht absprechen.

Endlich auf Blu-ray

Da das deutsche Label Black Hill Pictures „Latigo“ bereits 2018 als Blu-ray veröffentlicht hat, hatte ich für „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ mit einer Blu-ray vom selben Publisher gerechnet. Nun ist es Pidax Film geworden – auch gut, da Bild- und Tonqualität in Ordnung sind. Nur die Ausstattung hätte etwas üppiger ausfallen können, nicht einmal Untertitel gibt es. Ein kleiner Wermutstropfen, der sich verschmerzen lässt. Ein Western als Wohlfühlfilm ist gar nicht mal so häufig anzutreffen. Im Falle von „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ ist der Wohlfühlfaktor ausgesprochen hoch. Ein kontrastierendes Double Feature mit einem zynisch-brutalen Italowestern wäre ein interessantes Experiment.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Burt Kennedy sind bei „Die Nacht der lebenden Texte“ in der Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Walter Brennan, Bruce Dern, Jack Elam und James Garner unter Schauspieler.

Der Sheriff schnappt sich Prudy

Veröffentlichung: 15. Oktober 2021 als Blu-ray und DVD, 13. Juni 2008 und 30. Oktober 2006 als DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, nur MGM/Fox: Französisch, Spanisch, Italienisch
Untertitel (nur MGM/Fox): Französisch, Niederländisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, Rumänisch
Originaltitel: Support Your Local Sheriff!
USA 1969
Regie: Burt Kennedy
Drehbuch: William Bowers
Besetzung: James Garner, Joan Hackett, Walter Brennan, Harry Morgan, Jack Elam, Bruce Dern, Henry Jones, Willis Bouchey, Gene Evans, Walter Burke, Chubby Johnson, Kathleen Freeman
Zusatzmaterial: Bildergalerie
Label 2021: Pidax Film
Vertrieb 2021: Studio Hamburg Enterprises
Label/Vertrieb /2008/2006: MGM / Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 Pidax Film

Center Stage – Der Weg zum Ballettruhm? (Filmrezension)

Center Stage

Von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte

Tanzdrama // An der von Jonathan Reeves (Peter Gallagher) geführten American Ballet Academy von New York City treten zwölf neue Schülerinnen und Schüler ihr Training an. Sie alle hoffen, nach einem Jahr in Reeves’ American Ballet Company aufgenommen zu werden. Da ist beispielsweise die Starschülerin Maureen Cummings (Susan May Pratt), welche die Übernahme fast schon sicher zu haben scheint, aber an Bulimie leidet und letztlich nur den Traum ihrer Mutter Nancy (Debra Monk) lebt. Als sie den angehenden Medizinstudenten Jim (Eion Bailey) kennenlernt, merkt sie, dass es mehr im Leben gibt als Ballett.

Jonathan Reeves will nur die Besten der Besten

Jody Sawyer (Amanda Schull) ist mit Leidenschaft dabei, hat aber angeblich ein paar körperliche Defizite, die ihren Erfolg blockieren. Ganz anders Eva Rodriguez (Zoe Saldana), die mit unkonventionellem Verhalten aneckt, aber über massig Talent verfügt, das sie als Balletttänzerin immer besser werden lässt. Charlie (Sascha Radetsky) ist ebenso begabt und hat beim Training keine Probleme, verguckt sich nach und nach in Jody, die allerdings Cooper Nielson (Ethan Stiefel) anhimmelt. Der Topstar am New Yorker Balletthimmel ist gerade von einem Engagement in London zurückgekehrt. Seine Ex-Freundin Kathleen Donahue (Julie Kent) hat in der Zwischenzeit Jonathan geheiratet, was zu ein paar Spannungen zwischen den beiden Alpha-Männchen führt. Jonathan kann es sich allerdings nicht erlauben, seinen besten Tänzer vor den Kopf zu stoßen.

Tanzen mal ohne Trainingsdruck: Charlie und Jody entspannen sich

Der englische Theaterregisseur Nicholas Hytner hat nur eine Handvoll Kinofilme inszeniert, darunter 1994 sein Leinwanddebüt „King George – Ein Königreich für mehr Verstand“ und „Hexenjagd“ (1996). Seine erfolgreiche Arbeit an diversen Bühnenhäusern in Manchester, London und New York City erleichterte ihm zweifellos das Einfühlungsvermögen, das es benötigt, um ein Tanzdrama dieser Güteklasse zu drehen. Obwohl sich viel um Beziehungen, Liebeleien und Eifersüchteleien dreht, gleitet „Center Stage“ nie in trivialen Herzschmerz-Schmonzes ab, vielmehr porträtiert der Film seine Figuren mit Gefühl für ihre emotionalen Belange. Das bleibt bei einigen Themen an der Oberfläche, aber letztlich geht es ums Tanzen. Und Hytner kombiniert das zwischenmenschliche Geschehen mit hervorragend choreografierten Tanzeinlagen, ob im Training oder bei diversen Aufführungen.

Startänzerin doubelt Zoe Saldana

Dabei ist es – jedenfalls für einen Laien wie mich – unmöglich festzustellen, auf welchem balletttänzerischen Niveau sich die Schauspielerinnen und Schauspieler bewegen. In der Besetzung findet sich von Laien bis hin zu Akteurinnen und Akteuren mit professioneller Ballettausbildung die ganze Bandbreite. Für manche Szenen, speziell bei den Aufführungen, hielten Body Doubles her. So wurde beispielsweise Zoe Saldana („Guardians of the Galaxy“), die in „Center Stage“ ihr Filmdebüt gab, von der Startänzerin Aesha Ash gedoubelt.

Jody sucht anderswo Ausgleich vom stressigen Academy-Alltag

Die Tanzszenen choreografierte Susan Stroman, ihres Zeichens renommierte und vielfach preisgekrönte US-Choreografin. Tänzerinnen und Tänzer des New York City Ballet und des ebenfalls im Big Apple angesiedelten American Ballet Theatre agierten als Komparsen in den Übungseinheiten und Workshops von „Center Stage“. Ergebnis: Der Film atmet professionelles Ballett aus jeder Pore. Als Vorbild der American Ballet Academy diente offenbar die School of American Ballet, die dem New York City Ballet angeschlossene Ballettschule.

Freundinnen: Eva und Jody

Das Label justbridge entertainment hat „Center Stage“ ein schmales, gleichwohl attraktiv aufgemachtes Mediabook angedeihen lassen. Wer sich über das kompakte Mediabook-Format bei Koch Films erregen kann, mag sich auch über die dünnen Exemplare von justbridge ärgern, ich kann damit gut leben. Auf der Blu-ray findet sich kein neues Bonusmaterial, aber immerhin sind die erweiterten Tanzszenen, entfallene Szenen und das kurze Featurette enthalten, die 2001 auch schon die DVD ergänzten. Im ansprechend bebilderten Booklet lässt sich mit Christoph N. Kellerbach ein erfahrener Autor auf 20 Seiten über die Entstehung des Films aus, das wertet die Edition auf.

Vorbild „Fame – Der Weg zum Ruhm“

2008 folgte „Center Stage 2“, 2016 mit Center Stage – On Pointe“ sogar ein dritter Teil. Beide Fortsetzungen können dem Vorgänger nicht das Wasser reichen. „Center Stage“ hat sich einiges von Alan Parkers „Fame – Der Weg zum Ruhm“ (1980) abgeschaut, den ich beeindruckender in Erinnerung habe. Letztlich bewegen sich beide im Verbund mit Richard Attenboroughs „A Chorus Line“ (1985) in ähnlichem Terrain. Adrian Lynes „Flashdance“ (1983) hingegen erscheint mir in der Erinnerung weitaus schlechter gealtert, war aber vielleicht auch damals schon eher zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort. Seit 2000 hat sich das Genre des Tanzfilms von diesen eher realistisch inszenierten Tanzschul-Drill zeigenden Filmen entfernt. „Step Up“ (2006) mit Channing Tatum sei als Beispiel genannt – Darren Aronofskys „Black Swan“ (2010) mit Natalie Portman hingegen ist noch einmal von ganz anderem Schlag. „Center Stage“ wirkt im Vergleich zu modernen Produktionen gealtert, mir gefällt das aber deutlich besser.

Superstar: Cooper Nielsen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Zoe Saldana sind dort in der Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Peter Gallagher unter Schauspieler.

Die große Gala

Veröffentlichung: 13. August 2021 als Blu-ray im limitierten Mediabook, 1. Oktober 2009 als Best of Hollywood 2 Movie Collector’s Pack DVD (mit „Center Stage 2“), 23. Januar 2001 als DVD

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Center Stage
USA 2000
Regie: Nicholas Hytner
Drehbuch: Carol Heikkinen
Besetzung: Zoe Saldana, Peter Gallagher, Amanda Schull, Ethan Stiefel, Sascha Radetsky, Christine Dunham, Stephen Stout, Maryann Plunkett, Laura Hicks, Eion Bailey, Barbara Caruso, Jeff Hayenga, Victor Anthony, Susan May Pratt, Shakiem Evans, Ilia Kulik, Karen Shallo, Carlo Alban, Giselle Daly, Debra Monk
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Nicholas Hytner, erweiterte Tanzszenen, entfallene Szenen, Featurette, nur Mediabook: 20-seitiges Booklet mit einem Text von Christoph N. Kellerbach, nur DVD: isolierte Musiktonspur, Musikvideo „I Wanna Be with You“ von Mandy Moore, Kinotrailer, Künstlerprofile
Label Mediabook: justbridge entertainment
Vertrieb Mediabook: Rough Trade Distribution
Label/Vertrieb DVD: Sony Pictures Entertainment

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 justbridge entertainment

Oh Boy – Er will doch nur einen Kaffee (Filmrezension)

Oh Boy

Erneut ein Gastbeitrag von Volker Schönenberger, dem Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Tragikomödie // Ein Schwarz-Weiß-Film über einen Nichtstuer im heutigen Berlin, der sich auf einen kurzen Zeitraum zwischen einem Morgen und dem nächsten Morgen fokussiert – „Oh Boy“ von 2012 ist nicht gerade eine Produktion, die auf ein großes Publikum schielt, wobei die mehr als 300.000 Kinozuschauerinnen und -zuschauer dafür aller Ehren wert sind. Mit melancholischem Charme und einem guten Auge für sowohl die Hauptfigur als auch ihre Beobachtungen im Lauf dieses Tages hat sich das Werk eine Fangemeinde und viel Kritikerlob gleichermaßen erarbeitet. Und diverse Auszeichnungen: 2012 gab es unter anderem den Bayerischen Filmpreis für Jan-Ole Gersters Drehbuch und Hauptdarsteller Tom Schilling, 2013 folgten der Europäische Filmpreis in der Kategorie bester Nachwuchsfilm und sechs Deutsche Filmpreise in den Kategorien bester Spielfilm in Gold, beste Regie, bestes Drehbuch, beste Musik, beste männliche Hauptrolle und beste männliche Nebenrolle für Michael Gwisdek. Dabei schlug „Oh Boy“ in jenem Jahr sogar die Großproduktion „Cloud Atlas“ von Tom Tykwer und den Wachowskis, obwohl die mit Topstars wie Tom Hanks, Halle Berry, Hugh Grant und Susan Sarandon aufwartete.

Niko weiß nicht, wo sein Platz im Leben ist

Der 1982 in Ost-Berlin geborene Tom Schilling („Werk ohne Autor“, „Brecht“, „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“) gehört zu Deutschlands profiliertesten Schauspielern. In „Oh Boy“ verkörpert er den Endzwanziger Niko Fischer, der zwei Jahre zuvor sein Jurastudium abgebrochen hat, ziellos durchs Leben driftet und auch in puncto Frauen nicht recht weiß, wo die Reise hingeht. Gleich zu Beginn bietet ihm seine Freundin Elli (Katharina Schüttler) kurz vor seinem Aufbruch einen Kaffee an, den er ablehnt. Das erweist sich als Fehler, denn in der Folge versucht Niko vergeblich, anderswo einen Kaffee zu bekommen. Mal fehlt ihm das nötige Kleingeld, mal ist die Kaffeemaschine kaputt – ein schöner kleiner Running Gag, der einen roten Faden bildet.

Der väterliche Geldhahn versiegt

Merke: Wenn dich dein Vater fragt, was du mit den 1.000 Euro gemacht hast, die er dir zwei Jahre lang monatlich im Glauben überwiesen hat, damit dein Studium zu finanzieren, ist Ich habe nachgedacht. Über mich. Über dich. Über alles. wohl nicht die richtige Antwort. Dumm nur, dass Niko keine andere Antwort hat, nachdem ihn sein Vater (Ulrich Noethen) damit konfrontiert, über das abgebrochene Studium im Bilde zu sein. Folge: Der Geldhahn ist versiegt, was erklärt, weshalb Sohnemann kurz zuvor keine Scheine aus dem Geldautomaten ziehen konnte. Immerhin trifft Niko in einem Café auf seine Schulkameradin Julika (Friederike Kempter), die er nach dem Abitur nicht mehr gesehen hatte.

Julika allerdings auch nicht

Ob „Oh Boy“ die urbane Atmosphäre der deutschen Hauptstadt korrekt abbildet und ihre Einwohnerschaft treffend porträtiert, vermag ich mangels ausreichender Berlinkenntnisse nicht zu beurteilen. Menschen bleiben aber Menschen und Drehbuchautor und Regisseur Jan-Ole Gerster gelingt ein präziser Blick auf diverse sehr unterschiedliche Figuren. Er wechselt dabei zwischen Situationskomik und Tragik und stellt seine Figuren nie bloß, nicht mal die Halbstarken Ronny (Frederick Lau), Pascal (Robert Hoffmann) und Kevin (Jakob Bieber), mit denen Niko eine unangenehme Begegnung hat. All seine Begegnungen lassen den jungen Mann ins Grübeln kommen, auch der betrunkene alte Mann (Michael Gwisdek), der von seiner Kindheit während der Nazizeit schwadroniert, dann aber unvermittelt ernste Töne anschlägt. Das ist unspektakulär im besten Sinne, lakonisch umgesetzt und von Kameramann Philipp Kirsamer in erlesenen Bildern jenseits plakativer Berlin-Tourismusansichten fotografiert. Ob diese „Oh Boy“ zu einem Berlinfilm machen, mögen andere bewerten.

Abschlussarbeit von Jan-Ole Gerster

Mit „Oh Boy“ debütierte Gerster 2012 als Spielfilmregisseur. Das Werk war sein Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Trotz der verdienten Lorbeeren inszenierte er seitdem allerdings nur einen weiteren Film: das Drama „Lara“ (2019) mit Corinna Harfouch, Rainer Bock und erneut Tom Schilling. Bedauerlich, dass ein Filmemacher mit einem solchen Händchen nicht mehr Engagements bekommt. Immerhin ist seine Lebensgefährtin Friederike Kempter als Schauspielerin gut ausgelastet. Mit „Oh Boy“ hat Gerster ein Kleinod des deutschen Films vorgelegt.

Diese drei Halbstarken noch viel weniger

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Tom Schilling sind dort in der Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Der alte Mann schon eher

Veröffentlichung: 24. Mai 2013 als Blu-ray und DVD

Länge: 86 Min. (Blu-ray), 82 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Oh Boy
D 2012
Regie: Jan-Ole Gerster
Drehbuch: Jan-Ole Gerster
Besetzung: Tom Schilling, Friederike Kempter, Katharina Schüttler, Justus von Dohnányi, Katharina Hauck, Inga Birkenfeld, Leander Modersohn, Martin Brambach, Ulrich Noethen, Frederick Lau, Michael Gwisdek, Tim Williams, Robert Hoffmann, Jakob Bieber, Rolf Peter Kahl, Theo Trebs, Steffen Jürgens, Ellen Schlootz,
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Jan-Ole Gerster und Tom Schilling, Outtakes, Making-of der Filmmusik (4 Min.), erste Improvisation (5 Min.), entfernte Szene „Dr. Motte“, Castingband Friederike Kempter (3 Min.), Trailershow, Wendecover
Label/Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2013 Warner Home Video

Die Überglücklichen – Verwirrte Psyche im Rausch der Gefühle (Filmrezension)

La pazza gioia

Von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte

Tragikomödie // In der in der malerischen Toskana gelegenen Villa Biondi führt Maria Beatrice Morandini Valdirana (Valeria Bruni Tedeschi) das große Wort, wenn sie mit Sonnenschirm übers Gelände flaniert. Doch schnell wird deutlich: Sie ist nicht freiwillig dort, denn bei dem Anwesen handelt es sich um eine Einrichtung für psychisch kranke Menschen, und bei Beatrice wurde eine bipolare Störung diagnostiziert.

Patientin als Ärztin

Als eine neue Patientin eingeliefert wird, weckt diese Beatrices Neugier. Bei ihrem ersten Aufeinandertreffen hält die junge Donatella Morelli (Micaela Ramazzotti) Beatrice für eine Ärztin, und diese erstellt auch sogleich eine Anamnese. Auch später sucht Beatrice Donatellas Nähe, nimmt die Jüngere unter ihre Fittiche. Eines Tages nehmen die beiden gemeinsam Reißaus. Auf der Flucht nimmt eine ungewöhnliche Freundschaft ihren Lauf.

Redeschwall ohne Ende

Puh, Beatrice erweist sich von Anfang an als Quasselstrippe, bei der sowohl das Filmpublikum als auch die Figuren, auf die sie trifft, aufmerksam bleiben müssen, um ihr zu folgen. Mit der Wahrheit nimmt sie es nicht immer genau, doch nicht alles, was sie erzählt, erweist sich in der Folge als Hirngespinst. Valeria Bruni Tedeschi („Die Bartholomäusnacht“) verkörpert ihre Rolle mit genau dem Maß an Überdrehtheit, das der Part erfordert. Wenn man sich erst an den nicht enden wollenden Redeschwall gewöhnt hat, wächst einem Beatrice unweigerlich ans Herz.

Zwei ungleiche Freundinnen

Will man Tedeschis Filmpartnerin Micaela Ramazzotti („Anni Felici – Barfuß durchs Leben“) Unrecht tun, kann man äußern, sie werde von der Älteren an die Wand gespielt. Doch das trifft es nicht im Geringsten. Vielmehr bildet die ungleich zurückhaltendere und bisweilen von tiefer Traurigkeit erfüllte Donatella einen famosen Gegenpol zu der aufgekratzten Beatrice, die von einer unbändigen Neugier aufs Leben und ihre Mitmenschen erfüllt ist. Da wachsen zwei enorm ungleiche Frauen zusammen, dass es die wahre Freude ist, ihnen dabei zuzusehen. Bevor man mehr von Donatella und ihrem Leben erfährt, vergeht allerdings eine Weile.

Von Psychologen beraten

Jetzt haben wir sogar ein Auto. Wir sind die Überglücklichen. So bemerkt es Beatrice, nachdem sich die beiden kurzerhand ein Fahrzeug unter den Nagel gerissen haben. Regisseur und Drehbuchautor Paulo Virzì („Die süße Gier“) skizziert seine Protagonistinnen mit sehr viel Gefühl. Er ließ sich auch von Psychologen beraten, um dem schwierigen Sujet psychischer Erkrankungen gerecht zu werden. Hier wird niemand zur Schau gestellt, weil er oder sie nicht in ein gesellschaftliches Schema passt und eine seelische Last mit sich herumträgt. Dramatische und humorvolle Momente stehen dabei in großer Harmonie nebeneinander. Von Lebensfreude zu Tragik ist es manchmal eben kein weiter Weg, erst recht nicht, wenn man sowieso sein Päckchen mit sich herumträgt. Die sommerlichen Bilder der Toskana bilden dazu einen reizvollen Kontrast. Das Roadmovie „Die Überglücklichen“ erweist sich als feine Tragikomödie über das Leben.

Veröffentlichung: 25. August 2017 als DVD

Länge: 112 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch, Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: La pazza gioia
Internationaler Titel: Like Crazy
IT/F 2016
Regie: Paolo Virzì
Drehbuch: Paolo Virzì, Francesca Archibugi
Besetzung: Valeria Bruni Tedeschi, Micaela Ramazzotti, Valentina Carnelutti, Tommaso Ragno, Sergio Albelli, Luisanna Messeri, Francesco Lagi, Paolo Vivaldi
Zusatzmaterial: Trailershow
Vertrieb: good!movies / Neue Visionen Medien

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Oberer Packshot & Trailer: © 2017 good!movies / Neue Visionen Medien

Schuld, Staub und Verfall – William Faulkner: Sartoris (Buchrezension)

valentino

Eine kurze Warnung vorweg: William Faulkners Buch Sartoris verstört und wirkt nach. Manche der Protagonisten sind lebensüberdrüssig oder sie folgen einer Todessehnsucht. Es gibt Schilderungen brutaler Gewalt, die Sprache ist derb, teils rassistisch. Wer es allerdings trotzdem liest, gewinnt einen tiefen Eindruck über das „Southern Gothic“-Genre.

Der Roman „Sartoris“ ist nach „Licht im August“ mein zweites Buch des US-Autors und Literatur-Nobelpreisträgers William Faulkner. Er handelt von vier Generationen einer Familie von Südstaaten-Aristokraten. Die Aristokratie befindet sich aufgrund der gesellschaftlichen Umbrüche in der Folge des Amerikanischen Bürgerkriegs im Niedergang. Das Buch erschien 1929 und stellt eine verkürzte Fassung des Werkes „Flags in the Dust“ dar, das posthum erstmals 1973 veröffentlicht wurde. Die Handlung spielt vor circa hundert Jahren, von 1919 bis 1920, also kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs.

William Faulkner: Sartoris

Das Haus der Sartoris liegt vier Meilen entfernt von Jefferson, der fiktiven Kreisstadt des Yoknapatawpha County, einem fiktiven Landkreis im Nordwesten von Mississippi, 75 Meilen entfernt von Memphis, Tennessee. Dort liegt es in einem Tal, das ein Hügelland im Osten, das sogenannte Oberland, begrenzt. Es gibt eine Veranda mit einer Kolonnade. Das Haus ist still und hell und sieht einladend aus:

„Die weiße Einfachheit des Gebäudes träumte ungestört zwischen uralten Bäumen …“

(S. 12)

Heimkehr und Flucht

Das Buch besteht aus fünf Teilen mit jeweils zwei bis neun Kapiteln. Gegen Ende des ersten Teils kehrt der junge Bayard aus dem Krieg heim. Er und sein Zwillingsbruder John waren Kampfpiloten. Die Staffel eines Schülers von Manfred Richthofen hatte John im Jahr zuvor bei Lille mit seinem Flugzeug abgeschossen, was Johnny das Leben kostete. Drei Monate später starben auch Caroline, Bayards Frau, und ihr neugeborener Sohn. Auch seine Eltern sind bereits tot: seine Mutter Lucy und sein Vater John.

Nach seiner Heimkehr kauft er sich in Memphis ein Automobil und rast damit fortan durch den Landkreis. Auf diese Weise versucht er, die Trauer über die Verluste und seine Schuldgefühle – er erlebt Flashbacks von Johns Flugzeugabsturz – im Geschwindigkeitsrausch zu vergessen, oder er versucht sie durch andere waghalsige Handlungen zu verdrängen, etwa indem er betrunken einen ungezähmten Hengst reitet, mit dem er stürzt. Während sich das Pferd aufrappelt, bleibt Bayard mit einer Kopfverletzung liegen.

Nachdem Doc Loosh Peabody ihn mit einem Kopfverband und einem Schluck Whiskey versorgt hat, soll ihn Suratt, ein Agent, mit seinem Firmenwagen nach Hause bringen. Stattdessen fahren sie jedoch in Begleitung eines weiteren Jünglings (Hub) zu einer Quelle, wo sie zu dritt aus einem Krug Whiskey trinken:

„ (…) und die drei saßen in ihrer kleinen friedlichen Mulde, fern von Welt und Zeit und umhaucht von dem kühlen und reinen Atem der Quelle und vom Sintern des Sonnenlichts zwischen den Holunderbüschen und Weiden, das wie verdünnter Wein war. Auf der Fläche der Quelle spiegelte sich der Himmel, betupft mit reglosen Buchenblättern.“

(S. 140 f.)

Familie, Tradition, Gewalt

Dann ist da sein Großvater, der alte Bayard, ein schwerhöriger Bankier, der Dumas liest. Er macht nachmittags Reitausflüge auf dem Pferd in die Umgebung, wobei ihn sein alter Hund begleitet. Sein Vater, Oberst John Sartoris, war ein Bürgerkriegsheld und hatte einst die Eisenbahn gebaut. Er erschoss bei einem Streit über das Wahlrecht für Schwarze mit seinem dreiläufigen Derringer kurzerhand zwei Yankees in ihrem Quartier, als die beiden gerade an einem Tisch saßen, auf dem ihre Pistolen lagen. Ein gewisser Redlaw tötete ihn, als er unbewaffnet und seiner Vergehen überdrüssig war. Der Geist des Obersten liegt wie ein Schatten über dem Haus, seinen Bewohnern und der Umgebung.

Oberst John Sartoris hatte zwei jüngere Geschwister: Bayard und Virginia (Tante Jenny). Bayard starb 1862 im Alter von 23 Jahren im Amerikanischen Bürgerkrieg vor der zweiten Schlacht von Manassas (Schlachten von „Bull Run“) als Adjutant von Jeb Stuart in Virginia. Tante Jenny kam sieben Jahre nach dessen Tod aus Carolina. Sie erzählt die Geschichte von Bayards Tod bis ins hohe Alter, wobei sie sie immer mehr ausschmückt.

Tante Jenny sorgt dafür, dass Sheriff Buck den jungen Bayard über Nacht ins Gefängnis steckt, weil dieser, statt mit seiner Kopfwunde nach Hause zu kommen, bis spät in die Nacht mit Hub, Mitch, einem Frachtagenten, und drei schwarzen Musikern eine Spritztour zum Nachbarort gemacht hat.

Bevor der alte Bayard im Automobil seines Enkels mitfährt, holt ihn Simon Strother, der oberste Hausdiener, jeden Feierabend mit der Kutsche aus Jefferson von der Bank ab und bringt ihn nach Hause. Während der Fahrt führen beide lange Gespräche. Simons Sohn Caspey, auch ein Kriegsheimkehrer, war bei einem Arbeitsbataillon in Frankreich. Nach seiner Rückkehr ist er demoralisiert und hat sich in den Kopf gesetzt, sich von den Weißen nichts mehr sagen zu lassen. Eines Nachmittags kommt der alte Bayard nach Hause. Als er bemerkt, dass Tante Jenny mit seinem Enkel ausgefahren und sein Pferd noch nicht gesattelt ist, prügelt er kurzerhand den aufsässigen Caspey mit einem Stück Feuerholz auf den Kopf die Treppe hinunter. Simon sagt daraufhin zu seinem Sohn:

„Und du solltest lieber Gott danken, daß (sic) Er dir so’n harten Kopf gemacht hat. Jetzt gehste und holst (sic) das Pferd und überläßt (sic) denen in der Stadt das Geschwätz von Niggerfreiheit: die könnens vielleicht verkraften. Wozu solln wir Nigger uns überhaupt ne Freiheit wünschen, möcht ich wissen? Haben wir jetzt nich so viele Weiße, wie wir aushalten können?“

(S. 86)

Die Handgreiflichkeit gegen Caspey war eine Übersprunghandlung, denn eigentlich war es Isom, Caspeys 16-jährigem Neffen, vorbehalten, das Pferd zu satteln. Die Bemerkung des alten Bayard kurz darauf, er könne sein Pferd auch selbst satteln, wirkt da recht bigott.

Die Sklaverei der Kolonialzeit ist ein dunkler Fleck in der Geschichte der Südstaaten. Nach ihrer Abschaffung 1865 erodierte diese zwar als Institution, die Gleichstellung der Schwarzen blieb jedoch in der Zeit der sogenannten Rekonstruktion – und bis heute – unerreicht. Außerdem war Hand in Hand mit der wirtschaftlichen Ausbeutung der schwarzen Arbeitskraft auf der Plantage die „White Supremacy“-Ideologie entstanden: Weiße fühlten sich Schwarzen gegenüber „rassisch“ überlegen und erwarteten von ihnen absoluten Gehorsam. In der Folge wirkten sich die Machtverhältnisse auch auf die Beziehungen der Schwarzen untereinander aus: So fühlten sich zum Beispiel die von einer aristokratischen Südstaaten-Familie als Dienerschaft in dessen „erweiterten Kreis“ integrierten Schwarzen wiederum denjenigen überlegen, die auf den Feldern Baumwolle pflückten. Darüber hinaus gibt es in „Sartoris“ auch Gewalt innerhalb der Kernfamilie der Diener – so prügelt Simon, der eine Zeit lang Dekan der Baptisten-Kirche war, seinen Enkel Isom.

Der Fleck und das Herz

William Faulkner beschreibt den moralischen Verfall der Sartoris schonungslos. Obwohl alle Familienmitglieder roh sind, empfindet man gleichwohl Empathie mit ihnen, weil sie innerlich zerrissen sind. Die Handlung ist oft ironisch gebrochen oder tragikomisch, wofür exemplarisch die Geschichte von dem Fleck steht, den der alte Will Falls von der Armenfarm des Countys eines Tages an der Wange des alten Bayard entdeckt. Wer das Buch noch nicht kennt, sollte die folgende Textstelle überspringen, weil ab hier gespoilert wird.

Tante Jenny geht mit ihrem Neffen gegen dessen Willen zum jungen Doktor Alford. Dieser schlägt vor, die Geschwulst zu entfernen, doch Bayard weigert sich. Zu seinem Glück betritt in diesem Moment Loosh Peabody, der „dickste Mann im ganzen County“, die Praxis seines Kollegen. Nachdem er seine Brille aufgesetzt und die Stelle untersucht hat, nimmt er Bayard mit in seine Praxis, die sich gegenüber, hinter einer abgewetzten Tür, befindet. Dort will er dessen Herz abhören, weil er sich mehr um Bayards allgemeinen Gesundheitszustand sorgt als um die Geschwulst – zumal er davon erfahren hat, dass er im Automobil seines Enkels mitfährt:

„ (…) und er zog eine Schublade hervor und entnahm ihr eine Kiste Zigarren und eine Handvoll künstlicher Fliegen zum Forellenfischen und einen schmutzigen Kragen, und zuletzt brachte er ein Stethoskop zum Vorschein; dann warf er die übrigen Sachen wieder in die Schublade zurück und drückte sie mit seinem Knie zu.“

(S. 105)

Später behandelt der alte Falls die Stelle in Bayards Gesicht mit einer Salbe, die seine Großmutter vor 130 Jahren von einer Choctaw-Indianerin bekommen hatte und von der niemand weiß, welche Bestandteile sie hat. Angeblich soll die Geschwulst am neunten Tag im Juli abfallen. Nachdem sich Tante Jenny und der alte Bayard mehrere Tage lang jeden Abend gestritten haben, fahren sie zusammen mit Doktor Alford zu einem Spezialisten nach Memphis. Als der Spezialist gerade mit seinen Fingern die Stelle betasten will, fällt der, inzwischen von der Salbe geschwärzte, Auswuchs ab und es erscheint auf seiner „Wange eine runde Stelle rosig-heller Haut, wie bei einem Baby.“ (S. 240) Drei Wochen später erhalten die Sartoris die Rechnung des Spezialisten über fünfzig Dollar für dessen Behandlung.

Die Benbows, die MacCallums und die Snopes

Neben den Sartoris treten zahlreiche weitere Figuren auf, die ebenfalls alle sowohl verloren als auch leicht exzentrisch sind: Die Benbows sind allerdings ganz anders als die Sartoris und bilden deshalb einen willkommenen Kontrast.

Die 26-jährige Narcissa Benbow lebt mit ihrer etwas altmodischen Tante Sally Wyatt, die nicht blutsverwandt mit ihr ist, in einem im Tudorstil errichteten Haus in einer beschaulichen Gegend in Jefferson. Etwa nach der Hälfte der Erzählung kehrt ihr sieben Jahre älterer Bruder Horace, ein Anwalt mit einer Leidenschaft für die Glasbläserei, aus dem Krieg aus Europa heim, ohne sich dort an Kampfhandlungen beteiligt zu haben. Er hat eine Affäre mit der verheirateten Belle Mitchell, was zwischenzeitlich zu einer Entfremdung zwischen ihm und seiner Schwester führt. Julia, die Mutter der beiden, starb kurz vor ihrem Mann Will:

„Julia Benbow starb eines sanften Todes, als Narcissa sieben war, sie war aus dem Leben der Geschwister entfernt worden, wie man wohl ein Lavendelbeutelchen aus einem Wäscheschrank entfernt, und sie hinterließ eine zart verweilende Unfaßlichkeit, und als Narcissa heranwuchs, sieben und acht und neun Jahre alt wurde, schmeichelte sie den anderen beiden und beherrschte sie.“

(S. 180)

Narcissa und der junge Bayard können einander nicht ausstehen – ob sich da etwa eine Liebesbeziehung abzeichnet?

Dann sind da die MacCallums, sechs Brüder, die mit ihrem Vater in einem 18 Meilen entfernten Blockhaus in den Bergen leben, sechs Meilen von Mount Vernon, dem nächsten Dörfchen. Dort leben sie recht abgeschieden von der Jagd. Im besten Wortsinn könnte man sie etwas spöttisch als Hinterwäldler bezeichnen. Einige der Brüder tauchen manchmal in Jefferson auf. Die Zwillinge Bayard und John hatten vor einigen Jahren in ihren Ferien mit ihnen Füchse und Waschbären gejagt. Eines Tages im Winter gelangt der junge Bayard – auf der Flucht vor den Konsequenzen seiner Handlungen – durch die Fährte einer Füchsin mit seinem Pferd zufällig wieder zu ihnen.

Und dann gibt es da noch die Snopes. Eine seltsame Familie, dessen Mitglieder einer nach dem anderen aus Frenchman’s Bend, einer kleinen Siedlung im Oberland, nach Jefferson kamen und dort nun alle erdenklichen Gewerbe ausüben. Byron Snopes, der Buchhalter des alten Bayard, schickt Narcissa anonyme Briefe und stellt ihr heimlich nach – heute würde man ihn einen Stalker nennen. Dieser Handlungsstrang ist allerdings recht lose in die Erzählung eingeflochten.

Hoffnung

Der Roman verwebt virtuos Gegenwart und Vergangenheit. Die Handlung spielt manchmal leicht zeitversetzt oder es gibt Passagen, die entweder Versatzstücke aus der Erinnerung darstellen oder aus einer bestimmten Perspektive teils weit in der Vergangenheit liegende Ereignisse erzählen. So entsteht – sofern man sich auf Faulkners verschachtelt-filmischen Stil einlässt – ein dichtes Panorama des Landstrichs und seiner Figuren.

Für all jene, die sich näher mit Faulkners Werk beschäftigen wollen, sei in diesem Zusammenhang das Projekt DIGITAL Yoknapatawpha wärmstens empfohlen – dort findet man bei „Flags in the Dust“ auch eine Landkarte des Countys mit einer Visualisierung aller relevanten Schauplätze, Figuren und Ereignisse des Romans.

„Sartoris“ ist übrigens William Faulkners erster Roman, dessen Handlung in dem County spielt und bildet somit den Auftakt zu seinem Südstaaten-Romanzyklus. Das Wort „Yoknapatawpha“ entstammt der Sprache der Chickasaw-Indianer und bedeutet soviel wie „Fluss, der das Land teilt“.

Am Ende bringt Narcissa ihr Kind zur Welt. Sie gibt ihrem Sohn den Namen Benbow: Der erste Sartoris, der weder Bayard noch John heißt – wenn der Name nicht Programm und das mal kein Zeichen ist für den endgültigen Bruch mit der Tradition.

(c) valentino 2021

William Faulkner: Sartoris, Verlag Volk und Welt, Berlin 1988, 380 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Withnail and I – Im Rausch von London aufs Land (Filmrezension)

Withnail and I

Einmal mehr eine Gastrezension von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Tragikomödie // Feine Klänge leiten „Withnail and I“ ein: „A Whiter Shade of Pale“, interpretiert von King Curtis (im Original von Procol Harum). Wir befinden uns im Jahr 1969 im Londoner Stadtteil Camden Town. Marwood Paul McGann – er ist der „I“ aus dem Filmtitel – verlässt die Wohnung, die er sich mit seinem Schauspielerkollegen Withnail (Richard E. Grant) teilt. Nach einem Frühstück in einem billigen Arbeiterlokal kehrt er gerade rechtzeitig zurück, damit sich Withnail darüber beklagen kann, dass ihnen der Wein ausgegangen ist. Beide sind offenkundig berauschenden Substanzen zugetan. Als sie über den vor sich hin gammelnden Abwasch in Panik geraten, verlassen, die beiden ihr Heim, um sich bei einem Spaziergang im Park in Selbstmitleid zu üben. Beruflich läuft es suboptimal. Withnail wird nicht einmal mehr zu Vorsprechen eingeladen, und auch Marwoods letzte Rolle liegt etwas zurück. Sie sehen sich als Dandys, die über das Leben philosophieren, obwohl sie nicht einmal ihr eigenes Dasein im Griff haben und es nur mit Drogen ertragen.

Ab in die Provinz!

Ein Erholungstrip aufs Land soll ihr Leben umkrempeln. Es gelingt ihnen, Withnails begüterten Onkel Monty (Richard Griffiths, „Harry Potter“-Reihe) zu überreden, ihnen den Schlüssel zu dessen Landhaus in Nordengland zu überlassen. Anderntags begeben sie sich in Marwoods Rostlaube von Jaguar auf die Reise. Sie ahnen nicht, dass auch die Provinz ihre Tücken hat.

Abgehalftert: Marwood (l.) und Withnail

Im Vereinigten Königreich hat sich „Withnail and I“ nach verhaltenem Start eine gewisse Kult-Anhängerschaft erarbeitet. Da die zwei verkrachten Schauspieler gern mal einen heben, gibt es sogar ein Trinkspiel zum Film. Bei einer von der ehrwürdigen britischen Tageszeitung „The Guardian“ vorgenommenen Umfrage unter Filmschaffenden landete die Tragikomödie 2009 hinter Danny Boyles „Trainspotting – Neue Helden“ (1996) auf einem respektablen zweiten Rang.

Was ist ein „Toilet Trader“?

Von der britischen Bekanntheit kann in Deutschland nicht die Rede sein, dabei sprüht die Tragikomödie vor Esprit. Aufgrund des englischen Sprachwitzes empfiehlt sich die Sichtung mit Original-Tonspur, auch wenn ihr nicht immer einfach zu folgen ist. Dies ist bedingt zum einen durch spezielle Formulierungen, die sich nicht immer adäquat übersetzen lassen, zum anderen durch ein paar Landbewohner mit rustikalem Slang. So musste ich beispielsweise erst einmal nachschlagen, was ein „Toilet Trader“ ist – so bezeichnet man im Englischen einen homosexuellen Mann, der auf öffentlichen Toiletten Sex mit Gleichgesinnten sucht. Dazu passt die Anekdote, dass Regisseur Bruce Robinson bei einer ersten Vorführung des Films regelrecht entgeistert registrierte, dass das Publikum mucksmäuschenstill blieb und bei keinem Gag zu lachen begann. Anschließend stellte er fest, dass der Saal ausschließlich mit deutschen Touristinnen und Touristen gefüllt war, die zufällig in einem benachbarten Hotel abgestiegen waren und von dem englischen Wortwitz überhaupt nichts verstanden. Ob die deutsche Synchronisation dem Original gerecht wird, vermag ich nicht zu beurteilen, da ich auf den Kauf einer deutschen Edition zugunsten des schönen englischen Steelbooks verzichtet habe.

Die beiden Schauspieler beschließen …

Auf eine sonderbare Art und Weise lässt „Withnail and I“ uns schmunzeln, auch wenn sich die beiden Titelhelden schnell als mitleiderregende, von Ängsten und Neurosen getriebene Gestalten entpuppen. Während Paul McGann eher zurückhaltend agiert, spielt sich Richard E. Grant die Seele aus dem Leib. Für beide war ihr jeweils erster Auftritt in einem Kinofilm ein Sprungbrett, das sie auch nach Hollywood führte: McGann spielte unter anderem in Steven Spielbergs „Das Reich der Sonne“ (1987), David Finchers „Alien 3“ (1992) und Stephen Hereks „Die drei Musketiere“ (1993). Von 2007 bis 2011 verkörperte er den achten „Doctor Who“. Grant war 1991 in „L.A. Story“ an der Seite von Steve Martin und in „Hudson Hawk – Der Meisterdieb“ neben Bruce Willis zu sehen, 1992 gab er den Dr. Seward in Francis Ford Coppolas „Bram Stoker’s Dracula“. Mit „Logan“ (2017) und „Star Wars: Episode IX – Der Aufstieg Skywalkers“ (2019) stehen sogar zwei große Hollywood-Franchises in seiner Filmografie zu Buche. Für seine Nebenrolle in der biografischen Krimikomödie „Can You Ever Forgive Me?“ (2018) wurde er immerhin für Oscar und Golden Globe nominiert. Während sich Grant in Hollywood etabliert hat, ist McGann stets dem englischen Fernsehen treu geblieben.

Von Franco Zeffirelli angebaggert

Der „on location“ gedrehte „Withnail and I“ wirkt trotz des Wechsels zwischen London und dem Lande reduziert, konzentriert sich auf wenige Schauplätze, die aber umso präziser ins Bild gesetzt sind. Ungewöhnlich, in den späten 80er-Jahren einen Blick auf die ausklingenden 60er zu werfen, in der zwei kauzige Gestalten wie aus der Zeit geworfen erscheinen. Etwas aus der heutigen Zeit gefallen sind sowohl die aufdringlichen Avancen, die Withnails schwuler Onkel Monty Marwood macht, als er den beiden einen Überraschungsbesuch auf dem Lande abstattet, als auch Marwoods unbeholfene Abwehr derselben. Schuld daran ist eine kleine Gemeinheit Withnails, der zuvor Monty gegenüber eine homosexuelle Veranlagung Marwoods angedeutet hatte. Dem Vernehmen nach beruht diese Szene auf Erfahrungen, die Regisseur Bruce Robinson als Schauspieler am Set von Franco Zeffirellis „Romeo und Julia“ (1968) einst selbst gemacht hatte, als ihn der Regisseur persönlich anbaggerte.

… aufs Land zu fahren

Für den Engländer Bruce Robinson war „Withnail and I“ das Regiedebüt, das er nach eigenem Drehbuch inszenierte – sein zweites Skript nach dem zu Roland Joffés Kambodscha-Kriegsdrama „Killing Fields – Schreiendes Land“ (1984), für das er Oscar- und Golden-Globe-Nominierungen erhalten hatte. Bedauerlich, dass ihm als Drehbuchautor wie Regisseur nur eine kurze Karriere beschieden war. Nach „Kopf an Kopf“ (1989, erneut mit Richard E. Grant), „Jennifer 8 ist die Nächste“ (1992) mit Andy Garcia und Uma Thurman sowie „Rum Diary“ (2011) mit Johnny Depp wurde es ruhig um Robinson.

Schaut es euch an, ihr Deutschen!

Trotz des Alkohol- und Drogennebels, der speziell Withnail konstant umwabert, ist die Tragikomödie von großer Klarheit erfüllt. Bruce Robinson enthüllt seine Figuren, stellt sie aber niemals bloß, sondern behandelt sie mit Respekt und Liebe. „Withnail and I“ hat seinen Abdruck in der britischen Popkultur und im englischen Sprachgebrauch gleichermaßen hinterlassen. Ein höherer Bekanntheitsgrad auch in Deutschland ist der wunderbar melancholischen Tragikomödie zu wünschen. Sie hat es verdient, und bei allen britischen Eigentümlichkeiten stellt sie auch für deutsche Filmfans einen Hochgenuss dar.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Richard E. Grant sind dort in der Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Im betulichen Café machen sie sich schnell unbeliebt

Veröffentlichung: 7. September 2012 als Blu-ray und DVD, 19. Januar 2007 als DVD

Länge: 107 Min. (Blu-ray), 103 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Withnail and I
GB 1987
Regie: Bruce Robinson
Drehbuch: Bruce Robinson
Besetzung: Richard E. Grant, Paul McGann, Richard Griffiths, Ralph Brown, Michael Elphick, Daragh O’Malley, Michael Wardle, Una Brandon-Jones
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Bruce Robinson, Audiokommentar mit Paul McGann und Ralph Brown, Featurette „Die Handmade Story“ (24:36 Min.), Featurette „Postcards from Penrith (20:54 Min.), Interview mit Bruce Robinson (14:20 Min.), 2 englische Trailer, deutscher Trailer, Dokumentation „Withnail & Us“ (24:49 Min.), Hinter-den-Kulissen-Bildergalerie (0:59 Min.), Featurette „Swear-a-Thon“ (1:14 Min.), Featurette „Drinking Game“ (14:57 Min.)
Label 2012: Black Hill Pictures / Spirit Media
Vertrieb 2012: Koch Media (Koch Films)
Label/Vertrieb 2007: Sunfilm (Tiberius Film

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2012 Black Hill Pictures / Spirit Media

Die letzten Glühwürmchen – Trauriger geht’s nimmer (Filmrezension)

Hotaru no haka

Wieder ein Gastbeitrag von Volker Schönenberger von unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“.

Anime-Kriegsdrama // Am 21. September 1945 bin ich gestorben. Dieser „Ich“, das ist Seita, der zerlumpt und abgemagert in einer japanischen Bahnhofshalle kauert, zusammensackt und seinen letzten Atemzug aushaucht. Ein Bahnbediensteter entdeckt den Leichnam, nimmt das tragische Ereignis achselzuckend hin, weil es offenbar an der Tagesordnung ist.

Der Prolog von „Die letzten Glühwürmchen“ nimmt das Ende vorweg, und das ist auch gut so. Das Anime-Kriegsdrama von 1988 ist traurig genug. Hätten wir auch noch die Hoffnung auf ein Happy End, die aber im Finale zerstört würde, würden wir anschließend womöglich noch bedrückter und bewegter sein, als wir es ohnehin sind.

Bomben auf Kōbe

Die Handlung springt zurück in die Zeit der
Luftangriffe auf Kōbe, die von Februar bis August 1945 andauerten. US-Bomber nähern sich der japanischen Großstadt. Seita und seine kleine Schwester Setsuko verpassen den Zeitpunkt, die Luftschutzbunker zu erreichen. Um sie herum entfachen Brandbomben einen Feuersturm, dem die in typisch japanischer Leichtbauweise errichteten Häuser reiche Nahrung bieten. Er und seine auf seinen Rücken geschnallte Schwester überleben knapp. In einem behelfsmäßig eingerichteten Lazarett trifft Seita auf seine Mutter, die schwerste Verbrennungen erlitten hat und im Sterben liegt. Kurz darauf wird ihr Leichnam gemeinsam mit vielen anderen verbrannt.

Ein Junge stirbt

Die Geschwister kommen für eine Weile bei einer Tante unter, die sich nach einer Phase der Eingewöhnung als recht kaltherzig erweist. So wirft sie Seita Faulheit vor, weil er nichts tut, außer sich um Setsuko zu kümern, der sein gesamtes Pflichtbewusstsein gilt. Schließlich entscheidet der Junge, mit seiner Schwester in eine Höhle umzuziehen, die er entdeckt hat. Dort müssen die beiden fortan dem Hunger und den Krankheiten trotzen.

„Warum sterben die Glühwürmchen so schnell?“

Schon wenn Setsuko kurz nach dem Bombenangriff Ich will zu meiner Mama schluchzt, zerreißt es einem das Herz, und es wird nicht weniger traurig, im Gegenteil. Selbst wenn die Kleine unbeschwerte Gedanken äußert, bringt das keine Erholung von der Tragik, sondern vertieft sie noch, da wir wissen, dass Setsukos Unbeschwertheit eine Illusion ist. Eines Tages entdeckt Seita, wie seine Schwester ein kleines Grab für einen Haufen Glühwürmchen buddelt. Mama ist doch auch in einem Grab, oder? Längst hat Setsuko von der Tante vom Tod der Mutter erfahren. Wenn Seita daraufhin zum ersten Mal die Tränen nicht mehr zurückhalten kann, muss man schon ein arg grober Klotz sein, um keinen Kloß im Hals zu verspüren. Warum sterben die Glühwürmchen bloß so schnell, Seita? So fragt ihn Setsuko und beginnt ebenfalls zu weinen. Wir ahnen: Auch die beiden sind Glühwürmchen, die viel zu schnell verglühen werden.

Vom Regisseur von „Heidi“

Von den deutschen Anime-Fans abgesehen, dürfte die 52-teilige Anime-Serie „Heidi“ von 1974 hierzulande die bekannteste Regiearbeit von Isao Takahata sein – sie lief ab 1977 im ZDF. „Die letzten Glühwürmchen“ bildete 1988 Takahatas Debüt für die heute legendäre Anime-Schmiede Studio Ghibli, zu deren Gründern er zählt und das solche Klassiker wie „Prinzessin Mononoke“ (1997), „Chihiros Reise ins Zauberland“ (2001) und „Das wandelnde Schloss“ (2004) hervorbrachte. Er selbst inszenierte noch das Melodram „Tränen der Erinnerung – Only Yesterday“ (1991), das Märchen „Pom Poko“ (1994), die Familienkomödie „Meine Nachbarn die Yamadas“ (1999) und das Märchen „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ (JAP 2013).

Seita und Setsuko fliehen vor den Flammen

Nach einem auf Kriegserinnerungen des Schriftstellers Akiyuki Nosaka basierenden Roman gedreht, hebt sich „Die letzten Glühwürmchen“ visuell von Takahatas übrigen Ghibli-Regiearbeiten und vielen anderen Animes ab, weil viele der Hintergründe und Landschaften deutlich naturalistischer als üblich gezeichnet sind. Die Gesichter erscheinen mir recht typisch gezeichnet, wenn ich mir diese Bemerkung als Anime-Laie erlauben darf. Doch selbst wem dieser Zeichenstil fremd bleibt, wird nicht umhin kommen, das Leid von Seita und Setsuko hautnah nachzuempfinden. „Die letzten Glühwürmchen“ belässt den Fokus ununterbrochen auf den beiden Geschwistern, die uns dadurch sehr ans Herz wachsen. Das macht insbesondere das Ertragen des knapp 20-minütigen Schlussakkords umso schwerer.

Sehr erwachsenes Anime-Meisterwerk

Abschließend möchte ich auf die Rezension von „Die letzten Glühwürmchen“ bei „Die Nacht der lebenden Texte“ verweisen. Durch deren Autor Matthias Holm bin ich erstmals nachhaltig mit dem Anime-Sektor in Berührung gekommen. Ich bin kein großer Fan dieses urjapanischen Bereichs der Animationsfilme geworden, habe aber ein paar herausragende Animes entdeckt. „Die letzten Glühwürmchen“ ist eines davon. Trotz zweier Kinder als Protagonisten sehr erwachsen, meisterhaft und dabei tieftraurig. Eine Antikriegsbotschaft in Vollendung, auch wenn Isao Takahata die pazifistische Intention seiner Arbeit verneint hat.

Veröffentlichung: 30. November 2018 als Collector’s Candybox Edition Blu-ray, 27. September 2013 als Blu-ray, 26. November 2007 als Deluxe Edition Doppel-DVD, 27. August 2002 als DVD

Länge: 89 Min. (Blu-ray), 85 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Hotaru no haka
DDR-Titel: Das Grab der Leuchtkäfer
Internationaler Titel: Grave of the Fireflies
JAP 1988
Regie: Isao Takahata
Drehbuch: Isao Takahata, nach einem Roman von Akiyuki Nosaka
Zusatzmaterial: Interview mit Isao Takahata, Making-of, Gespräch mit dem Filmstab, nur Candybox Edition: 24-seitiges Booklet, 3 Artcards, Novelle „Das Grab der Leuchtkäfer“
Label/Vertrieb: KAZÉ / AV Visionen GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenbilder & Packshots: © KAZÉ / AV Visionen GmbH

Private Parts – Über den Superstar der Radio-DJs (Filmrezension)

Private Parts

Nächster Gastbeitrag von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Komödie // Ich möchte wissen, was er als Nächstes sagt. So begründen bei einer Umfrage unter Radiohörern die Fans von Howard Stern, weshalb sie dem kontroversen Moderator eine Stunde und 20 Minuten die Treue halten, obwohl der durchschnittliche Radiohörer allgemein lediglich schlappe 18 Minuten bei der Stange bleibt. Überraschenderweise übertreffen die Howard-Stern-Hasser diesen Wert deutlich – sie hören ihm satte zweieinhalb Stunden am Tag zu. Ihre häufigste Begründung: Ich möchte wissen, was er als Nächstes sagt.

Vom linkischen Anfänger zum …

Der 1954 im New Yorker Stadtteil Queens geborene Howard Stern spielt sich in 1997er-Biopic von Betty Thomas („Dr. Dolittle“) selbst. Der Filmtitel wartet mit einer schönen Doppeldeutigkeit auf: Zum einen ist „Private Parts“ ein Euphemismus der prüden Amerikaner und Engländer für die Geschlechtsteile der Menschen, zum anderen hat Howard Stern im Lauf seiner Karriere als Radio-DJ und -Moderator nie davor zurückgeschreckt, höchst private Details seines Lebens über den Äther zu verbreiten. Der Film beruht auf Sterns gleichnamiger Autobiografie.

Ein Kindheitstraum erfüllt sich

Nach einem Einstieg aus der Zeit des schon landesweit bekannten Unruhestifters Howard Stern springt „Private Parts“ weit zurück bis in die Kindheit. Als erzählerische Klammer fungiert ein Flug, bei dem sich die schöne Gloria (Carol Alt) widerwillig neben den berüchtigten Moderator setzt und er ihr daraufhin seine Lebensgeschichte erzählt: Sein missmutiger Vater (Richard Portnow) lässt am kleinen Howard (Bobby Boriello) kein gutes Haar. Vater-und-Sohn-Unternehmungen beschränken sich darauf, dass der Junge einmal im Jahr zu dem Radiosender mitkommt, bei dem sein alter Herr arbeitet. Die Art und Weise, wie Daddy den renitenten Radio-DJ Symphony Sid (Richard B. Shull) zurechtweist, beeindruckt Howard so sehr, dass er von da an den Traum hat, beim Radio zu arbeiten. Nach kurzen Impressionen des zwölfjährigen (Michael Maccarone) und des 16-jährigen Howard (Matthew Friedman) übernimmt der echte Howard Stern ab der Zeit an der Universität von Boston selbst. Aus dem Off kommentiert er: Okay, ich weiß, was Sie sagen. Sie sagen, ich seh’ ein bisschen alt aus für’n Studenten. Aber für diesen Film müssen Sie Ihre Skepsis einfach mal vergessen. Ein schönes Durchbrechen der vierten Wand.

… Superstar der Radiomoderatoren: Howard Stern

Als College-Student versucht er so hartnäckig wie vergeblich, beim weiblichen Geschlecht zu landen. Mit Schnauzbart, schräger Lockenfrisur und überdimensionaler Brille fällt ihm das allerdings schwer – bis er Alison (Mary McCormack) trifft, in die er sich stehenden Fußes verliebt. Seine Anfänge beim Collegeradio gestalten sich holprig, da er sich eher unbeholfen und nervös gebärdet. Im Mai 1977 beginnt Howard aber endlich seine professionelle Laufbahn als Radio-Discjockey beim Sender WRNW (heute WXPK) in Briarcliff Manor, einem Vorort von New York City (Wikipedia datiert Sterns Karrierestart allerdings auf 1976). Nach einiger Zeit wechselt er zum Sender WCCC in Hartford, Connecticut, wo er sich mit seinem Kollegen Fred Norris (spielt sich ebenfalls selbst) anfreundet, den er später zu einen anderen Arbeitgeber nachholen wird.

Keine Lust auf Countrymusik

Das Biopic arbeitet die Stationen seiner Laufbahn wohl einigermaßen akkurat ab. Das klingt nicht unbedingt mitreißend. Mitreißend gestaltet es sich aber, wie Howard nach und nach seinen anarchischen Humor entwickelt und sich am Mikrofon zum einen von spontanen Einfällen leiten lässt, zum anderen bizarre Einlagen ausarbeitet. Nachdem er bei einem Detroiter Sender gekündigt hat, weil der sein Programm in Richtung Countrymusik ausrichtete, kommt ihm der Geistesblitz: Ich sollte über mein Privatleben reden, ich muss jetzt intim werden. Und jedes Mal, wenn ich das Gefühl habe, ich sollte etwas nicht sagen, sollte ich es vielleicht gerade sagen. Damit rausplatzen, verstehst du? Das setzt er bei seiner nächsten Station WWDC um, wo er auf die Nachrichtensprecherin Robin Quivers (auch sie spielt sich selbst) trifft, mit der er sich fortan die bizarren Bälle zuspielt. Als seine dortige Chefin Dee Dee ist die spätere Oscar-Preisträgerin Alison Janney („I, Tonya“) zu sehen.

Howards große Liebe: Alison

Howard scheut sich nicht, Wörter wie „Penis“ und „Hoden“ ins Mikrofon zu sprechen. Mal behauptet er, in Vietnam Kinder mit einer Handgranate getötet zu haben (obwohl er für den Vietnamkrieg viel zu jung ist); mal verpasst er einer Hörerin einen Orgasmus, indem er sie verleitet, sich auf ihren Lautsprecher zu setzen, woraufhin er tiefe Basstöne ins Mikrofon brummt, die ihre Tieftöner zum Vibrieren bringen. Howard thematisiert in der Sendung sogar die Fehlgeburt, die seine Ehefrau Alison erlitten hat. Das missfällt ihr erwartungsgemäß ein wenig.

Ein paar Obszönitäten gehören dazu

Ein Biopic über einen Radiomoderator – klingt nicht ausgesprochen fesselnd. Kann das als Film funktionieren? Lasst euch versichern: Es kann! Aber zugegeben: Mit Anzüglichkeiten und Körperflüssigkeits-Gags sollte man umgehen können. „Private Parts“ ist schreiend komisch und bis in Nebenrollen famos besetzt. Als Programmdirektor Kenny „Pig Vomit“ Rushton beim Sender WNBC in New York City ist Paul Giamatti („Die Truman Show“) zu sehen. Rushton versichert den Bossen des Radiosenders, den hemmungslosen Moderator zu zähmen, beißt sich daran aber die Zähne aus.

Mit Kenny „Pig Vomit“ Rushton (r.) liefert er sich erbitterte Scharmützel

Heavy-Rock-Fans sollten von Anfang an aufmerksam sein, da einige echte Helden durchs Bild wandern. So faucht ihn Dee Snider von Twisted Sister kurz an, und von Ozzy Osbourne bekommt Stern ein Was für’n verdammtes Arschloch! (im Original: „What a fucking jerk!“) um die Ohren geraunzt. Das sagt der Richtige, möchte man meinen. Da Howard Stern ein ausgewiesener Fan von Rockmusik und speziell auch harter Rockmusik ist, ist sein Biopic passend dazu mit den richtigen Klängen versehen. Bis am Ende sogar AC/DC aufspielen.

Superstar und Multimillionär

Seit 2006 ist Howard Stern bei einem digitalen Satellitenradio-Sender beschäftigt, da er dort vor Zensurbestrebungen der Aufsichtsbehörde Federal Communications Commission weitgehend sicher agieren kann. Das üppige Salär wird ebenfalls eine Rolle gespielt haben – dem Vernehmen nach ist er Multimillionär. „Private Parts“ erzählt die Geschichte, wie es dazu kam. Unbedingt sehenswert!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Allison Janney sind dort in der Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Paul Giamatti unter Schauspieler.

Howard und sein Team in ihrem Element

Veröffentlichung: 5. November 2020 als Blu-ray, 10. April 2003 als DVD

Länge: 109 Min. (Blu-ray), 105 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch
Originaltitel: Private Parts
USA 1997
Regie: Betty Thomas
Drehbuch: Len Blum, Michael Kalesniko, nach einer Vorlage von Howard Stern
Besetzung: Howard Stern, Mary McCormack, Robin Quivers, Fred Norris, Paul Giamatti, Allison Janney, Gary Dell’Abate, Jackie Martling, Carol Alt, Richard Portnow, Kelly Bishop, Henry Goodman, Michael Murphy, John Stamos, Flavor Flav, Jenna Jameson, M. C. Hammer, Ted Nugent, Ozzy Osbourne, John Popper, Slash, Dee Snider, David Letterman, AC/DC (Brian Johnson, Angus Young, Malcolm Young, Phil Rudd, Cliff Williams), Iggy Pop
Zusatzmaterial: keins
Label: Paramount Pictures
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Paramount Pictures

Am Ende der Krieg – Květa Legátová: Der Mann aus Želary (Kurzrezension)

belmonte

Květa Legátová: Der Mann aus Želary

Die Brünner Ärztin Eliška arbeitet 1942/43 für den Widerstand gegen die Deutschen und muss fliehen. Unter neuem Namen lebt sie in dem kleinen Bergdorf Želary. Ihre vorbereitete Heirat mit dem Sägewerkarbeiter Joza, einem liebevollen Hünen, dient ihrem Schutz, und es stellt sich heraus, dass Joza gar nicht der Dorftrottel ist, für den ihn die Dorfbewohner ausgeben.

Eliška wandelt sich, unter ihrem neuen Namen Hana, von einer modernen Städterin in eine Dorfbewohnerin, die nach und nach die Geheimnisse des Dorfes Želary und seiner Bewohner kennenlernt – einer stolzen Gruppe von Menschen, die sich weder von den Deutschen noch von den Russen unterkriegen lässt. Sie lernt ihren Mann lieben, nachdem sie ihre anfängliche Angst überwunden hat. Und von der wilden und weisen Alten Lucka lernt sie, dass es noch ganz andere Wege gibt, um Krankheiten zu heilen, als die moderne Medizin, die sie in Brünn gelernt hat.

Das Buch ist sehr kurz, die Thematik ist alles andere als neu, aber der angeschlagene Ton rührt auf seltsam unanrührige Weise an, die Natur, die Holzhütten, der Wald und die Eigenheiten der Leute werden mit wenigen Strichen gezeichnet, so dass kein Raum für Rührseligkeit bleibt.

Am Ende kommt der Krieg direkt ins Dorf.

Die unter Pseudonym schreibende Věra Hofmanová war dem kommunistischen Regime der Tschechoslowakei nicht genehm. 1919 geboren, schrieb sie erst in den 2000er Jahren ihre wichtigen Romane. Das Buch Der Mann aus Želary wurde 2003 unter dem Titel Želary verfilmt und für den Oscar nominiert. Ich bin gespannt, den Film irgendwann zu sehen und mich an dieses schöne kurze Buch zu erinnern.

(c) belmonte 2020

Květa Legátová: Der Mann aus Želary. Aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2009, 254 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Der rote Korsar – Lustig ist das Piratenleben (Filmrezension)

The Crimson Pirate

Die nächste Gastrezension von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte

Abenteuer // Gleich in der ersten Szene schwingt sich Burt Lancaster mit einem Tampen von einem Segelbaum zu einem anderen und präsentiert uns sowohl seinen durchtrainierten Oberkörper als auch sein berühmtes Grinsen mit gebleckten Zähnen. Dann durchbricht er sogar die vierte Wand, richtet das Wort ans Publikum und kündigt an, wir seien nun zur letzten Reise des roten Korsaren geschanghait worden. Stellt keine Fragen! Glaubt nur, was Ihr seht! … Nein – glaubt nicht einmal die Hälfte davon! Diese Ansage gibt den Ton vor, wir bekommen es also mit zünftigem Seemannsgarn zu tun.

Es winkt eine fette Prise

Nach dem Vorspann setzt die Handlung im späten 18. Jahrhundert auf einer mit 30 Kanonen bestückten Fregatte der königlich britischen Marine ein, die sich auf einer Mission in der Karibik befindet. Ein anderer Segler wird gesichtet – ein vermeintliches Totenschiff voller Leichen, die wohl der Skorbut dahingerafft hat. Doch das erweist sich als Finte des Piratenkapitäns Vallo (Burt Lancaster), der den englischen Segler mit seinen Männern im Handstreich kapert.

Kapitän Vallo (l.) und Ojo werden von Consuelo befreit

Unter den nun Gefangenen befindet sich Baron Gruda (Leslie Bradley), Sondergesandter des Königs, der sich auf dem Weg zur Insel Cobra befindet, um dort eine Rebellion niederzuschlagen. Vallo beabsichtigt, die erbeuteten Waffen an den Rebellenführer El Libre (Frederick Leister) zu verkaufen, lässt sich dann aber auf einen Handel mit Gruda ein: Er willigt ein, dem Baron gegen Bezahlung El Libre auszuliefern.

„Es lebe die Republik!“

Welch ausgelassener Klamauk: Kaum auf Cobra eingetroffen, provoziert Vallo mit kernigen Ausrufen Es lebe die Republik! und Es lebe El Libre! eine Schar britischer Soldaten und lässt sich mit seinem stummen Begleiter Ojo (Nick Cravat) auf eine zünftige Verfolgungsjagd durch die Gassen des Örtchens ein. Dieses Spektakel dient offenbar dem Zweck, die Rebellen auf ihre Seite zu ziehen. Wie sich zeigt, befindet sich El Libre allerdings im Kerker der Festung des Königs auf der Insel Pero, und Pablo (Noel Purcell), der deshalb das Kommando über die Rebellen übernommen hat, traut Vallo nicht über den Weg. El Libres schöne Tochter Consuelo (Eva Bartok) hingegen hilft dem roten Korsaren. Es geht komödiantisch weiter: Als Vallo als Baron Gruda getarnt auf Pero eintrifft, um El Libre zu befreien, sprengen er und Ojo einen ihm zu Ehren gegebenen Empfang des Obersts (Frank Pettingell) der dortigen Garnison. Generell zeigt der Film die britischen Soldaten gern als unbeholfene Trottel, die sich einfach überrumpeln lassen.

Gewagtes Spiel in der McCarthy-Ära

Dennoch geht es nicht nur komödiantisch zu. Vallo verliebt sich natürlich in Consuelo – und sie sich in ihn –, woraufhin er von seinem Plan abkommt, El Libre auszuliefern. Das führt zu dramatischen und auch tragischen Verwicklungen, wobei das Abenteuer aber nie seine Leichtigkeit verliert. Positiv hervorzuheben ist auch der politische Subtext, beginnend schon beim Titel, der als Anspielung auf die Roten – mithin Kommunisten – verstanden werden kann. Auch der Kampf der Freibeuter und Rebellen gegen die herrschende Macht trägt durchaus linke Züge, bemerkenswert mitten in der McCarthy-Ära. Vielleicht verhinderte der farbenfrohe Charakter des Spektakels, dass die Kommunistenjäger des Komitees für unamerikanische Umtriebe bei „The Crimson Pirate“ Lunte rochen.

Der Pirat und die Schönheit stechen in See

Den Trivia der IMDb zufolge war Vallos Adjutant Ojo deshalb stumm, weil der breite Brooklyn-Akzent des New Yorkers Nick Cravat in einem derartigen Historienfilm deplatziert gewesen wäre. Lancaster und Cravat waren seit Kindesbeinen Freunde und ab 1932 gemeinsam als Akrobaten tätig. Dazu passen einige Show-Einlagen, die die beiden im Film präsentieren. Cravat war keine große Karriere als Schauspieler beschieden, immerhin brachte sein Kumpel Lancaster ihn gelegentlich unter. In „Trapez“ (1956) war er sogar dessen Stunt-Double – kaum zu glauben, da er deutlich kleiner war als der Superstar. Cravat ist in insgesamt elf Filmen mit Lancaster zu sehen, darunter „U 23 – Tödliche Tiefen“ (1958), „Valdez“ (1971), „Keine Gnade für Ulzana“ (1972) und „Die Insel des Dr, Moreau“ (1977), wenn auch bisweilen nur in Komparsenrollen. Er starb 1994 im Alter von 82 Jahren.

Lancasters erste Produktion, Siodmaks letzte Hollywood-Arbeit

„Der rote Korsar“ markiert Burt Lancasters erste Arbeit als Produzent, auch wenn er im Vorspann nicht als solcher genannt ist. Diese Funktion ermöglichte es ihm, massiven Einfluss auf die Dreharbeiten zu nehmen, um sich im Film selbst zu inszenieren und als strahlende Hauptfigur zu präsentieren; sehr zum Missfallen von Robert Siodmak, der das Heft als Regisseur verständlicherweise selbst in der Hand behalten wollte. Der Deutsche war womöglich schon vorher von Hollywood frustriert, und die Reibereien mit seinem „The Crimson Pirate“-Titeldarsteller brachten das Fass zum Überlaufen: Siodmak kehrte der Traumfabrik den Rücken und drehte bis zu seinem Karriereende 1969 nur noch in Europa. Vier Jahre später starb er im Alter von 72 Jahren. Vor „Der rote Korsar“ hatte er mit Lancaster die beiden Noirs „Die Killer“ (1946) und „Gewagtes Alibi“ (1949) gedreht.

Dort wird die Lage brenzlig

Die 2006 veröffentlichten DVDs sind längst vergriffen, da war es höchste Zeit für eine Neuauflage des jederzeit launigen Piraten-Abenteuers. Ganz frei von Kritik ist die DVD von Pidax Film nicht. Zwar zeigt das Bild im 4:3-Format (1,33:1) die Technicolor-Farben des Films in guter Qualität, und auch die deutsche Synchronisation klingt anständig; die englische Originaltonspur lässt aber etwas zu wünschen übrig, wirkt unsauber und zu dumpf. Auch fehlen sowohl deutsche als auch englische Untertitel. Manche Fans von „Der rote Korsar“ werden obendrein enttäuscht sein, dass Robert Siodmaks Regiearbeit parallel nicht auch auf Blu-ray erschienen ist. Das mag aber nicht dem Label anzulasten sein, da es meines Wissens weltweit überhaupt keine Blu-ray des Films gibt. Womöglich existiert kein HD-fähiges Material. Bedauerlich, eignet sich gerade Technicolor doch vorzüglich fürs Blu-ray-Format. Nennenswertes Zusatzmaterial enthält die neue DVD nicht, immerhin hat Pidax als gedruckten Bonus ein Faksimile der Illustrierten Film-Bühne Nr. 1821 beigelegt. Wie für die zeitgenössische Publikation üblich, enthält auch diese Ausgabe eine vollständige Inhaltsangabe, die Lektüre empfiehlt sich somit erst nach Sichtung des Films (wobei man sie dann natürlich gar nicht mehr benötigt). „Der rote Korsar“ bringt auch heute noch viel Freude – ein prächtig ausgestattetes Freibeuter-Spektakel mit einer Paraderolle für Burt Lancaster.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Robert Siodmak sind dort in der Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Burt Lancaster und Christopher Lee unter Schauspieler. Ansgar Skulme hat 2016 für „Die Nacht der lebenden Texte“ eine Rezension von „Der rote Korsar“ verfasst.

Veröffentlichung: 14. August 2020 als DVD, 9. November 2006 als DVD (SZ Junge Cinemathek), 23. Juni 2006 als DVD

Länge: 100 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: The Crimson Pirate
USA 1952
Regie: Robert Siodmak
Drehbuch: Roland Kibbee
Besetzung: Burt Lancaster, Nick Cravat, Eva Bartok, Torin Thatcher, James Hayter, Leslie Bradley, Noel Purcell, Christopher Lee, Frederick Leister, Frank Pettingell
Zusatzmaterial: Trailershow, Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne Nr. 1821, Wendecover
Label 2020: Pidax Film
Vertrieb 2020: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2006: Süddeutsche Zeitung bzw. Warner Home Video

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & oberer Packshot: © 2020 Pidax Film

Als Hitler den Krieg überlebte – Fesselndes Gedankenspiel über Gerechtigkeit (Filmrezension)

Já, spravedlnost

Gastrezension von Volker Schönenberger, Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte

SF-Thrillerdrama // Das optional vorangestellte Intro zeigt Bilder letzter Straßenkämpfe und vorrückende Militäreinheiten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Eine Texteinblendung verrät, Adolf Hitler habe am 29. April 1945 im Bunker sein politisches und persönliches Testament verfasst und im Anschluss Eva Braun geheiratet. Am 30. April nahmen sich beide das Leben, ihre Leichen seien mit Benzin übergossen und vor dem Notausgang des Bunkers im Garten der Neuen Reichskanzlei verbrannt worden. Der Führerbunker wurde zerstört, Berlin war gefallen und das 3. Reich existierte nicht mehr. Der Führer war tot. Jedoch wurde nie wirklich bewiesen, was mit Hitler geschah.

Kann es Gerechtigkeit für millionenfachen Mord geben?

Die tschechoslowakische Produktion „Als Hitler den Krieg überlebte“ beginnt mit ein paar Bildern vom Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. Eine Stimme aus dem Off äußert: Die Richter sollen Gerechtigkeit üben – Gerechtigkeit gegenüber millionenfachen Mördern. Reichen dazu die Gesetze aus? Hat nicht jeder, der diesen Weltbrand überlebt hat, seine eigene Vorstellung von Gerechtigkeit?

Wird Hitler hingerichtet?

Irgendwann in der Nachkriegszeit erreicht ein Auto Schloss Lilienburg in der Schweiz, in welchem sich das Privatsanatorium von Professor Doktor Rolf Harting (Jirí Vrstála) befindet. Er und ein paar Gleichgesinnte schmieden einen Plan. Dazu benötigen sie den in einer Prager Klinik praktizierenden Doktor Josef Herman (Karel Höger), der einem verstorbenen anderen Arzt ähnelt. Herman wird entführt, man versucht, ihn einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Man redet ihm ein, er sei ein gewisser Doktor Bruno Wollmann. Dann wird er von Männern in Nazi-Uniform zu einem Patienten (Fritz Diez) gebracht. Der entpuppt sich als Adolf Hitler persönlich! Er steht offenbar unter Medikamenteneinfluss und hält Herman tatsächlich für Wollmann.

Wer kennt „Vaterland“?

Hitler hat also überlebt. Der Gedanke ist nicht neu, dazu existieren diverse Verschwörungstheorien, auf die ich hier nicht eingehen will. Auch Literatur und Film haben das Thema bereits in fiktionaler Form aufgegriffen, erinnert sei an Robert Harris’ 1992 veröffentlichten Debütroman „Vaterland“, der seinerzeit in Deutschland kontrovers aufgenommen wurde. Darin hat Hitler-Deutschland den Zweiten Weltkrieg gewonnen, die Handlung spielt zu einem Zeitpunkt, als sich das Deutsche Reich mit den USA im Kalten Krieg befindet. Ich kann die Lektüre empfehlen, auch die zwei Jahre später entstandene gleichnamige Verfilmung mit Rutger Hauer als Kriminalbeamter hat ihren Reiz.

Harting (l.) und Herman haben unterschiedliche Vorstellungen von Gerechtigkeit

Handelt es sich bei „Vaterland“ um eine Form der Alternativweltgeschichte, so verfolgt „Als Hitler den Krieg überlebte“ einen anderen Ansatz. Hier geht es nicht um einen alternativen Verlauf des Zweiten Weltkriegs, sondern darum, dass sich Hitler nach dem Untergang des „Dritten Reichs“ der Verantwortung entzogen hat und geflohen ist, dabei aber der Gruppierung um Doktor Harting in die Hände fiel. Wir haben es eher mit einer Parabel zu tun, welche die Frage aufwirft, ob es möglich ist, dass fanatischer Antifaschismus selbst in eine Form des Faschismus mutieren kann. Ebenso bekommt das Thema Gerechtigkeit in Bezug auf Schuld und Sühne breiten Raum.

Ab hier zwei Absätze mit Spoilern

Die Organisation um Doktor Harting hält Hitler gefangen, um ihn zu quälen. Dabei zeigt sie sich von einer Skrupellosigkeit ergriffen, die der Adolf Hitlers nicht viel nachsteht. Dass dem ehemaligen GröFaZ eine Scharade vorgespielt wird, kann man womöglich noch rechtfertigen, auch wenn es völlig sinnlos erscheint. Aber die Verschwörer schrecken auch vor Mord nicht zurück, spielen sich als Richter und Henker auf, speziell nach einem Überfall von Faschisten. Auch mit Scheinhinrichtungen vermeintlicher Nazis wird Hitler getäuscht. Dies nimmt Doktor Herman alias Wollmann sichtlich mit. Schließlich kommt Hitler unter die Guillotine, doch bevor das Fallbeil ihn enthauptet, befreien ihn wiederum uniformierte Nazis. Befreien? Von wegen, auch hierbei handelt es sich um eine Illusion.

Einmal mehr verlangt Herman von Harting, Hitler der Gerechtigkeit in Nürnberg zu überantworten. Hartings Antwort: Ich bin selbst die Gerechtigkeit! Ein Anhänger rechtsstaatlicher Strukturen und Verfahren ist der Verschwörer sicher nicht. Der entführte Arzt ist zwar auch emotional mittendrin, fungiert aber auch als Meta-Ebene, auf die sich das Publikum des Films stellen kann. Mit Hermans Augen erkennen wir das perfide Spiel, das mit Hitler gespielt wird. Welchem Zweck es dient, wird nie deutlich ausgesprochen, weshalb es spekulativ bleibt. Womöglich soll es eine besondere Form der Bestrafung darstellen, weil Hitlers Taten so monströs sind, dass sie mit herkömmlichen Methoden – ob rechtsstaatlich oder diktatorisch – überhaupt nicht gesühnt werden können. Dafür spricht die von mir eingangs erwähnte, von der Stimme aus dem Off in den Raum gestellte Frage, ob die Gesetze gegenüber millionenfach verübtem Mord ausreichen, Gerechtigkeit zu üben.

Ab hier wieder spoilerfrei

Die Schwarz-Weiß-Produktion mag in den 1970er-Jahren auch im Fernsehen der Bundesrepublik oder der DDR gelaufen sein, womöglich sogar im DDR-Kino. Bemerkenswert, dass ein derartiger SF-Thriller aus der sozialistischen Tschechoslowakei es 2017 in Deutschland auf DVD geschafft hat. Wer hat den Film wohl noch in Erinnerung? Oder überhaupt je von ihm gehört? Ebenso bemerkenswert, dass ein Film, der derart differenziert Faschismus und Antifaschismus thematisiert, seinerzeit hinter dem Eisernen Vorhang überhaupt entstehen konnte. Aber vielleicht protestiert jetzt jemand und wirft mir Unkenntnis der tschechoslowakischen Filmlandschaft vor. Ich bekenne: Der Vorwurf wäre gerechtfertigt.

Regisseur Zbynek Brynych (1927–1995) hat während seiner Laufbahn auch fürs deutsche Fernsehen gearbeitet, schon 1969 und 1970 beispielsweise vier Folgen der Krimiserie „Der Kommissar“ inszeniert. Auch Episoden von „Derrick“, „Der Alte“ und „Polizeiinspektion 1“ finden sich in seiner Filmografie. Mit „Als Hitler den Krieg überlebte“ hat er einen überaus interessanten Science-Fiction-Film gedreht, der als Drama und Thriller gleichermaßen gesehen werden kann. Ein kaum bekanntes, außergewöhnliches Werk, das zum Nachdenken anregt.

Veröffentlichung: 8. Dezember 2017 als DVD

Länge: 86 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Tschechisch/Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Já, spravedlnost
Alternativtitel: Ich, die Gerechtigkeit
Internationaler Titel: I, Justice
CSSR 1968
Regie: Zbynek Brynych
Drehbuch: Zbynek Brynych
Besetzung: Karel Höger, Angelica Domröse, Jirí Vrstála, Fritz Diez, Jindrich Narenta, Karel Charvat, Otto Sevcik, Jindrich Blazicek, Karel Peyr, Rudolf Macharovsky, Oldrich Stodola
Zusatzmaterial: Intro (3:12), Bilderschau, Trailershow, Wendecover
Label: Ostalgica
Vertrieb: Media Target Distribution GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2017 Ostalgica

Das Lager als verborgenes Paradigma der Nation – Giorgio Agamben: Homo sacer – Die souveräne Macht und das nackte Leben (Kurzrezension)

belmonte

Giorgio Agamben: Homo sacer

Giorgio Agamben: Homo sacer

Auch wenn Giorgio Agamben in diesen Monaten schon mal komplett danebengelegen und die Corona-Pandemie kurzerhand dementiert hat (siehe z. B. hier …), ist sein 1995 erschienenes Buch Homo sacer nach wie vor bahnbrechend.

Auf der Basis des Begriffes des nackten Lebens veranschaulicht er unter anderem die negative Beziehung zwischen Flüchtlingen und Nationalität:

„Wenn die Flüchtlinge … in der Ordnung des modernen Nationalstaates ein derart beunruhigendes Element darstellen, dann vor allem deshalb, weil sie die Kontinuität zwischen Mensch und Bürger, zwischen Nativität und Nationalität, Geburt und Volk, aufbrechen und damit die Ursprungsfiktion der modernen Souveränität in eine Krise stürzen.“ (140)

Homo sacer ist brandaktuell und erklärt, warum sich so viele in ihren nationalen Kartenhäusern gemütlich eingerichtete Leute von Flüchtlingen so bedroht fühlen.

Agamben verknüpft die Geburt der Nation mit der Geburt des Lagers „als die verborgene Matrix der Politik“ (185). Die Lager sind nie verschwunden. Insellager und Transitzonen hinter Stacheldraht, die dem Begriff Transit Hohn sprechen. Das gesamte Mittelmeer als ein Schwellenbereich, in dem der nackte Mensch sich auf keinerlei Recht berufen kann.

Es ist eine der vornehmlichsten Aufgaben der Weltgemeinschaft, diese institutionalisierten Ausnahmezustände endlich abzuschaffen.

(c) belmonte 2020

Giorgio Agamben: Homo sacer: Die souveräne Macht und das nackte Leben. Übersetzt aus dem Italienischen von Hubert Thüring. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2002, 213 S.

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod – Der Privat-Genozid von Leopold II. (Filmrezension)

White King, Red Rubber, Black Death

Diesmal rezensiert Volker Schönenberger von unserem Partner-Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ hier eine Doku über das Wüten eines westeuropäischen Monarchen in Zentralafrika

Historien-Doku // Wer hat je den Begriff Kongogräuel vernommen? Ein Geheimnis sind die Missetaten des belgischen Königs Leopold II. (1835–1909) in seinem zynisch Kongo-Freistaat benannten Eigentum in Zentralafrika nicht. Aber ich bin kürzlich nur zufällig darauf gestoßen. Die Geschichte des Kolonialismus ist an Gräueln ohnehin nicht arm, aber das Wüten von Leopold II. ist schon ein besonderes Kapitel.

Tribunal gegen Leopold II.

Der britische (?) Regisseur Peter Bate hat die blutige Geschichte dieser belgischen Kolonie 2003 in seinem Dokumentarfilm „Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod“ festgehalten. Er verwendete dafür Archivaufnahmen in Form von Fotos und Bewegtbildern, führte Interviews mit Historikern und stellte Szenen nach. Heraus kam ein beklemmendes Werk, das uns auf nachhaltige Weise das Wüten der Weißen in Afrika in Erinnerung ruft. Zu diesem Zweck inszenierte Bate ohne jede Effekthascherei in zurückhaltenden Bildern ein Tribunal gegen Leopold II. inklusive Zeugenaussagen. In Wirklichkeit hat es einen solchen Prozess nie gegeben.

Der belgische König Leopold II. (Foto gemeinfrei, Fotograf unbekannt)

Leopold II. folgte 1865 seinem verstorbenen Vater auf den belgischen Thron. Leopold I. (1790–1865) war 1831 nach der Unabhängigkeit des Landes von den Niederlanden zum ersten belgischen König gekrönt worden. Als Monarch konnte Leopold II. seine kolonialistischen Ideen für Belgien nicht in die Tat umsetzen, zumal viele Weltregionen bereits aufgeteilt waren. Dank üppigen Vermögens war er aber in der Lage, dies als Privatmann zu tun. 1876 gründete er das Komitee zur Erforschung des oberen Kongo, das nach außen hin wissenschaftliche Forschung und humanitäre Missionen unterstützen sollte, dem König aber den Weg zu umfangreicher Landnahme ebnete. Als seine Speerspitze fungierte der bekannte Afrikaforscher Henry Morton Stanley (1841–1904), dessen Expeditionen er über das Komitee für fünf Jahre finanzierte. Der drang auf rücksichtslose Weise ins Innere Afrikas vor und ließ von zahlreichen Stammeshäuptlingen deren Land auf Leopold II. umschreiben. Nebenbei gründete er zu Ehren seines Finanziers die Stadt Leopoldville, das heutige Kinshasa, Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo.

Der belgische König als Großgrundbesitzer in Afrika

Die Kongokonferenz in Berlin regelte 1885 den Freihandel in Afrika und zementierte die Ansprüche des belgischen Königs: Die Association Internationale du Congo (AIC, Internationale Kongo-Gesellschaft, Nachfolge-Organisation des oben erwähnten Komitees) wurde als Eigentümerin des Gebiets bestätigt, und da Leopold II. mittlerweile der einzige Anteilseigner war, gehörte nun ihm das gesamte Gebiet: der Kongo-Freistaat mit von ihm erlassener Verfassung, eigener Armee (der bis 1960 existierenden Force Publique) und von ihm eingesetzter Regierung, die einzig ihm verantwortlich war – ein Paradebeispiel für absolutistische Herrschaft. Peter Bates Doku zufolge war der belgische König somit Eigentümer über eine Million Quadratmeilen zentralafrikanischen Bodens, er herrschte über 20 Millionen Menschen.

Elfenbein und Kautschuk

Was ich hier tue, geschieht aus Christenpflicht gegenüber den armen Afrikanern, und ich will von all dem Geld, das ich ausgegeben habe, keinen einzigen Franc zurück. So zitiert „Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod“ Leopold II. Kann sich jemand mehr in die Taschen lügen, die er sich zuvor rücksichtslos und grausam vollgestopft hat? In der Tat steckte der König viel Geld in die Erschließung des Gebiets. Diese Investition diente jedoch in erster Linie der Ausbeutung. Wichtigster Rohstoff noch vor dem ebenfalls begehrten Elfenbein war Naturkautschuk, das per Vulkanisation zu Gummi wurde und so verarbeitet für die Industrie der Kolonialstaaten einen wichtigen Werkstoff darstellte.

Völkermord an zehn Millionen Kongolesen

Zur systematischen Ausbeutung des Landes wurde ein System der Zwangsarbeit eingerichtet, dem von 1888 bis 1980 bis zu zehn Millionen Kongolesen zum Opfer fielen, mithin die Hälfte der einheimischen Bevölkerung. So wurden nicht nur Befehlsverweigerung und Widerstand hart bestraft, sondern auch nicht erreichte Mengenvorgaben bei der Kautschukgewinnung. Das übernahmen angeworbene Söldner und die oben erwähnte Force Publique, deren 19.000 afrikanische Soldaten von europäischen Offizieren angeführt wurden. Um ihre Arbeiter zum Erreichen von Lieferquoten und -fristen zu bewegen, nahmen die Aufpasser deren Ehefrauen als Geiseln, die ermordet wurden, wenn die Männer verspätet oder mit zu wenig Ertrag aus dem Dschungel zurückkehrten. Prügelstrafe, Auspeitschungen mit der aus Nilpferdhaut hergestellten Chicotte, Vergewaltigungen, Verstümmelungen, Mord und Massenmord (wenn sich etwa ein gesamtes Dorf unkooperativ zeigte) waren gängige Mittel.

Ein Soldat der Force Publique züchtigt einen Mann mit einer Peitsche aus Nilpferdhaut (Foto gemeinfrei, Fotograf unbekannt)

Besonders beliebt und auch in „Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod“ thematisiert: das Abhacken von Händen. So mussten die afrikanischen Soldaten der Force Publique über jede verschossene Gewehrpatrone genau Rechenschaft ablegen, indem sie die rechte Hand des oder der Erschossenen vorlegten. Diese brutale Amputation erstreckte sich selbstverständlich nicht nur auf Leichen. Und weil ein Arbeiter mit nur einer Hand natürlich nutzlos war, hackte man einem seiner Kinder die Hand ab. Diese grausame Praxis wurde nicht zuletzt durch das Foto „ Nsala of Wala in the Nsongo District (Abir Concession)“ in Europa bekannt, zu deutsch: „Nsala aus Wala im Nsongo-Distrikt (Konzessionsgebiet Abir)“. Es zeigt einen Mann namens Nsala, der auf die abgehackte Hand und den abgehackten Fuß seiner etwa fünfjährigen Tochter Boali blickt. Die Kleine war zuvor erschossen, Teile von ihr sind womöglich auch verspeist worden. Das Bild hatte die englische Missionarin Alice Seeley Harris (1870–1970) am 14. Mai 1904 geknipst.

Früher Menschenrechtler: Edmund Morel

Dass die Kongogräuel in Europa Aufmerksamkeit erhielten, lag in erster Linie an dem britischen Journalisten Edmund Dene Morel (1873–1924), dem Peter Bate in seiner Doku breiten Raum gewährt. Morel nahm als junger Mann eine Beschäftigung bei der britischen Reederei Elder Dempster an, die das Monopol auf den Transport der Handelsgüter aus dem Kongo-Freistaat besaß. Morel bemerkte, dass die Schiffe, die mit Kautschuk beladen im Hafen von Antwerpen eintrafen, diesen mit Waffen und Munition beladen wieder verließen. Weitere Nachforschungen ergaben ein Bild von Zwangsarbeit und Sklaverei. Fortan schrieb sich Morel den Kampf dagegen auf die Fahnen; er gründete zu diesem Zweck die Congo Reform Association, die als eine der ersten Menschenrechtsorganisationen gesehen werden kann, und wurde als Publizist aktiv. So war er es auch, der das erwähnte Foto von Alice Seeley Harris veröffentlichte.

„Nsala of Wala in the Nsongo District (Abir Concession)“ (Foto gemeinfrei, Fotografin: Alice Seeley Harris)

Der öffentliche und internationale Druck auf Leopold II. wuchs durch Edmund Dene Morels leidenschaftlichen Einsatz enorm, was den König 1908 zwang, den Kongo-Freistaat an den belgischen Staat zu verkaufen. So wurde daraus bis zur Unabhängigkeit 1960 eine herkömmliche Kolonie: Belgisch-Kongo. Aufgrund der ans Tageslicht gekommenen Machenschaften im Kongo-Freistaat war Leopold II. bei anderen europäischen Herrschaftshäusern nicht mehr unbedingt gern gesehener Gast. Er starb am 17. Dezember 1909, ohne je für die Kongogräuel zur Rechenschaft gezogen worden zu sein.

Die belgische Königsfamilie drückt ihr Bedauern aus

Die belgische Königsfamilie schreibt auf ihrer offiziellen Internetpräsenz: Aufgrund der durch die Europäer in Afrika begangenen Exzesse wird der Ruf von Leopold sowie der seines überseeischen Werkes in Frage gestellt. Etwas euphemistisch formuliert, aber wer gibt schon gern zu, einen für Massenmord bis hin zum Genozid verantwortlichen Vorfahr in der Familie zu haben? Erlaubt sei allerdings die Frage: Hat das belgische Königshaus der kongolesischen Bevölkerung einen nennenswerten Anteil des Privatvermögens der Familie überlassen, um wenigstens ein Mindestmaß an Entschädigung zu leisten? Jedenfalls ist das Thema dank #BlackLivesMatter in Belgien wieder aktuell geworden, jüngst entbrannte eine heftige Debatte um Standbilder Leopolds II. und die koloniale Vergangenheit. Erstmals drückte der belgische König Philippe am 30. Juni 2020, dem 60. Jahrestag der Unabhängigkeit der Demokratischen Republik Kongo, in einem Schreiben an den kongolesischen Staatspräsidenten Félix Tshisekedi sein tiefstes Bedauern über die Verletzungen der Vergangenheit aus. Ich bin gespannt, wie sich der Diskurs dort entwickelt.

Verstümmelte Kongolesen, Anfang des 20. Jahrhunderts (Fotos gemeinfrei, Fotografinnen/Fotografen: Alice Harris, Daniel Danielson u. a.)

Die internationale Koproduktion „Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod“ wirft einen Blick zurück auf unfassbares Unrecht. Das Leid, das die Kolonialmächte ohne jeden Skrupel über die Menschen gebracht haben, lässt sich nicht erspüren, aber mit Dokumentationen wie dieser in der Erinnerung halten. Jede Nation, die als Kolonialmacht in Erscheinung getreten ist, hat großes Unrecht begangen. König Leopold II. war ein Despot, der sich besonders übel hervorgetan hat, auch ohne sich persönlich die Hände blutig zu beflecken.

In den USA auch auf DVD erschienen

„Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod“ ist nur in den USA auf DVD veröffentlicht worden. Die Doku kann in englischer Sprache gratis und legal im Internet Archive angeschaut und heruntergeladen werden. In Deutschland hat der Fernsehsender Arte sie seinerzeit mit deutschem Sprecher ausgestrahlt, diese Version findet sich noch bei YouTube, wenn auch vermutlich nicht autorisiert, weshalb ich auf das Verlinken verzichte.

Buch und Doku „Schatten über dem Kongo“

Ein ausführlicher Bericht über die Geschehnisse im Kongo-Freistaat findet sich bei „all that’s interesting“. Wer das gedruckte Wort einem Online-Text vorzieht, kann auf das Sachbuch „King Leopold’s Ghost – A Story of Greed, Terror, and Heroism in Colonial Africa“ zugreifen, das der US-Publizist Adam Hochschild 1998 veröffentlichte. Es ist zwei Jahre später unter dem Titel „Schatten über dem Kongo – Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechens“ auch in Deutschland erschienen. 2006 entstand eine gleichnamige Doku zu Hochschilds Buch. Sie ist 2014 als DVD-Beilage der Zeitschrift „Geo Epoche – Afrika“ in Deutschland erschienen und kann ebenfalls bei YouTube gefunden werden.

Joseph Conrads „Herz der Finsternis“

Einen literarischen Kommentar zur Ausbeutung der Menschen im Kongo-Freistaat gab 1899 Joseph Conrad mit seinem Roman „Heart of Darkness“ („Herz der Finsternis“) ab. Francis Ford Coppola nahm sich 1979 ganz viele Freiheiten, verlegte die Handlung des Buchs in den Vietnamkrieg und schrieb mit „Apocalypse Now“ Filmgeschichte.

Veröffentlichung (USA): 28. Februar 2006 als DVD

Länge: 84 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Niederländisch, Englisch, Französisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: White King, Red Rubber, Black Death
Französischsprachiger Titel: Le Roi blanc, le caoutchouc rouge, la mort noire
BEL/AUS/KAN/DK/FIN/F/D/NL/GB 2003
Regie: Peter Bate
Drehbuch: Peter Bate
Mitwirkende: Elie Lison, Roger May, Steve Driesen, Tshilombo Imhotep, Annette Kelly, Dirk Beirens, Nick Fraser (Erzähler), Guido Grysseels, Elikia M’Bokolo, Maria Misra, Daniel Vangroenweghe
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: Art Mattan

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2006 Art Mattan

Flug der Schmetterlinge – Die lange Reise der Supergeneration (Filmrezension)

Flight of the Butterflies

Diesmal hat uns Volker Schönenberger die Rezension einer sehenswerten Natur-Doku zur Verfügung gestellt – dafür herzlichen Dank an den Betreiber unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Natur-Doku // Dem kanadische Zoologen und Schmetterlingskundler Frederick Urquhart (1911–2003) gelang es in den 1970er-Jahen, bahnbrechende Erkenntnisse über den Monarchfalter zu erlangen, die geradezu als Naturwunder angesehen werden können. Bei diesen auch Amerikanischer Monarch genannnten Schmetterlingen handelt es sich um sogenannte Wanderfalter, also Tiere, die gezielt in Schwärmen große Strecken zurücklegen.

Die Raupe des Monarchfalters

Das Beeindruckende an den Monarchfaltern, deren Lebenserwartung vier bis sechs Wochen beträgt: Ihr Wanderungszyklus dauert mehrere Generationen. Drei Generationen sind erforderlich, bis die Tiere in Nordamerika ihren nördlichsten Lebensraum im Norden der USA und Süden Kanadas erreicht haben. Der schlüpft eine Art „Supergeneration“ – besonders kräftige Falter mit längerer Lebenserwartung, die in der Lage sind, den Rückweg anzutreten und am Ziel anzukommen: mexikanische Gebirgstäler, die ihre Vorfahren einige Generationen zuvor verlassen haben. Sie erreichen also eine alte Heimat, die sie überhaupt nicht kennen! Auf ihrem Zug ins Winterquartier legen die Falter durchschnittlich 75 Kilometer am Tag und insgesamt eine Strecke von beinahe 4.000 Kilometern zurück. Dabei orientieren sie sich an der Sonne und dem Magnetfeld der Erde.

Im Kokon

Drei Generationen wandern nach Norden, eine Generation wandert nach Süden – ob es dieses Phänomen bei anderen Tieren gibt? Dem Natur-Dokumentarfilmer Mike Slee („Bugs!“) gelangen wunderbare Aufnahmen dieser so zerbrechlich wirkenden Geschöpfe. Um den gesamten Wanderzyklus abbilden zu können, drehte er über den Zeitraum eines Jahres bis März 2012. Die Bilder der Monarchfalter werden eingerahmt von Spielszenen, die eine kurze Chronik von Fred Urquharts Schmetterlingsforschung zeigen – von seiner Kindheit bis ins hohe Alter. Urquharts Faszination für diese winzigen „Wanderchampions“ überträgt sich aufs Publikum.

In ganzer Pracht

„Flug der Schmetterlinge“ wurde 2013 von der Giant Screen Cinema Association mehrfach prämiert, darunter mit dem Preis für den besten Kurzfilm, den besten Film für lebenslanges Lernen und die beste Kamera. Weitere Preise folgten. Nach Sichtung von „Flug der Schmetterlinge“ sieht man die Monarchfalter mit anderen Augen.

Es wird ausgeschwärmt

Veröffentlichung: 11. Dezember 2015 als Blu-ray 3D (inkl. Blu-ray), Blu-ray und DVD

Länge: 45 Min. (Blu-ray), 43 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Flight of the Butterflies
GB/MEX/KAN 2012
Regie: Mike Slee
Drehbuch: Wendy MacKeigan, Mike Slee
Besetzung: Gordon Pinsent, Patricia Phillips, Shaun Benson, Stephen Bogaert, Megan Follows
Zusatzmaterial: deutscher Trailer, Originaltrailer, Behind the Scenes, Trailershow, Vertikalschuber, Wendecover
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2015 Ascot Elite Home Entertainment

Diva – Der Postbote und die Star-Sopranistin (Filmrezension)

Diva

Erneut eine Rezension eines Autors unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“ – herzlichen Dank an den Blogger Volker Schönenberger persönlich.

Thriller // Der junge Pariser Postbote Jules (Frédéric Andréi) stellt des Abends sein Mofa vor der Opéra Garnier ab und betritt das Opernhaus. Auf dem Programm: ein ausverkauftes Konzert von Cynthia Hawkins (Wilhelmina Fernandez) – Jules verehrt die berühmte Sopranistin. Er nimmt im Parkett Platz und harrt des Auftritts. Sie beginnt ihre Darbietung mit der Arie „Ebben? Ne andrò lontana“ aus Alfredo Catalanis Oper „La Wally“. Niemand bemerkt, wie Jules heimlich sein eingeschmuggeltes Aufnahmegerät einschaltet und das Konzert mitschneidet. Wirklich niemand? Hinter ihm sitzen zwei sonnenbebrillte Taiwanesen (Jim Adhi Limas, zweiter Darsteller nicht bekannt).

Gefeierte Opern-Diva: Cynthia Hawkins gibt ein Gastspiel in Paris

Nach dem Konzert gelingt es Jules sogar, sich sein Programmheft von der Diva signieren zu lassen. In all dem Trubel nimmt er sich noch ein besonderes Souvenir mit: das Kleid, das Hawkins bei ihrem Auftritt getragen hat. Sein größter Schatz ist aber natürlich die Tonaufnahme, denn die Sopranistin hat sich bisher jedem Versuch verweigert, ein Album aufzunehmen oder überhaupt irgendeinen Mitschnitt ihres Gesangs anfertigen zu lassen.

Postbote Jules stößt mit einer Flüchtenden zusammen

Tags darauf trifft eine gehetzt wirkende Frau (Chantal Deruaz) per Bahn in Paris ein. Die Barfüßige wird bereits von der Kriminalbeamtin Paula (Anny Romand) und ihrem Informanten Krantz (Jean-Jacques Moreau) erwartet, doch auch die beiden Gangster Cure (Dominique Pinon) und der Antillaner (Gérard Darmon) sind hinter der Frau her. Kurz darauf ist die Frau tot, doch vorher hat sie eine Audiokassette mit einer belastenden Aussage in der Seitentasche von Jules’ Mofa verschwinden lassen. Nun ist der junge Postbote im Besitz von zwei brisanten Aufnahmen und wird bald von den Gangstern, den Taiwanesen und dem Polizeichef Saporta (Jacques Fabbri) gejagt. Die unbekümmerte junge Vietnamesin Alba (Thuy An Luu) und ihr älterer Freund Gorodish (Richard Bohringer) erweisen sich als unverhoffte Unterstützung.

„Diva“-Kult in den 80er-Jahren

„Diva“ erspielte sich seinerzeit einen Status als Kultfilm. In manchen Kinos lief er jahrelang, galt in puncto Kinovorführungen als Rekordfilm, wenn ich mich recht entsinne. Ich schaute den Thriller erstmals irgendwann Mitte der 80er in einer Spätvorstellung im „Broadway“ in der Hamburger Innenstadt, wo er im fünften oder sechsten Jahr lief, auch hier: wenn mich die Erinnerung nicht trügt. Das Kino war allerdings nur mit einer Handvoll Personen gefüllt (ich war dort mit einer Mitschülerin, in die ich damals verknallt war – vergeblich, aber über den Liebeskummer kam ich hinweg). Die fast schon surreal anmutende Bilder- und Farbenpracht zogen mich jedenfalls in ihren Bann, und es ist in der Tat die visuelle Kraft, die den größten Reiz von „Diva“ ausmacht. Gleichwohl ist auch die Thriller-Story gar nicht schlecht, der Film ist keineswegs nur „Mehr Schein als Sein“, wie es einige zeitgenössische Rezensenten wahrgenommen haben wollen.

Die Gangster schlagen zu …

Gleichwohl ist das Setdesign atemraubend. Das beginnt bei Jules’ skurriler Bude mit Airbrush an den Wänden und am Boden im oberen Stockwerk eines maroden Lager- oder Parkhauses, in dessen Erdgeschoss schrottreife Luxusautos vor sich hin rosten; es endet nicht bei Gorodishs weitläufigem Loft mit Badewanne mitten im Raum, in welchem Alba mit Rollerskates herumdüst. Selbstverständlich ist auch Paris einige faszinierende Impressionen wert.

… und nehmen sich auch Jules vor

Mir hat aber auch bei meiner erneuten Sichtung die Verflechtung der beiden Kriminalhandlungen ausgesprochen gut gefallen. Jules’ Raubkopie führt zu Erpressung, und die andere Tonaufnahme ist noch härteres Kaliber. Die Fäden laufen bei dem Postboten zusammen, um ihn schart sich das durchaus stattliche Ensemble. Wie kann sich der junge Mann dort herauswinden und gleichzeitig die Gunst von Cynthia Hawkins gewinnen? Das hat Thriller-poetische Qualitäten. Dennoch ist nicht zu leugnen, dass sich Jean-Jacques Beineix („Betty Blue“) in seinem Langfilm-Regiedebüt bisweilen von der opulenten Bilderflut seines Kameramanns Philippe Rousselot hinreißen ließ, im Visuellen zu schwelgen. „Diva“ wirkt dabei detailverliebt, nahezu jede Einstellung macht einen penibel durchdachten Eindruck, auch und besonders in der Interaktion der Figuren. Ein Blick hier, eine Berührung oder Bewegung dort. Faszinierend und gleichzeitig fesselnd, ein Thriller bleibt es zu jeder Zeit. Sogar ein paar urbane Verfolgungsjagden bekommen wir zu sehen.

Kamera vom späteren Oscar-Preisträger

Rousselot ließ sich ab Mitte der 1980er-Jahre verstärkt international und auch in Hollywood buchen. Nach zwei Oscar-Nominierungen – für „Hoffnung und Ruhm“ (1987) und „Henry & June“ (1990) – gewann er den Academy Award schließlich mit seiner dritten für die Kamera von Robert Redfords „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“ (1992). 2013 erhielt er in Cannes für sein Wirken den in jenem Jahr erstmals verliehenen Pierre Angénieux ExcelLens in Cinematography. Auch für „Diva“ wurde Rousselot geehrt: Der Kameramann erhielt 1982 den französischen Filmpreis César, mit dem auch die Musik und der Ton des Thrillers prämiert wurden. Regisseur Beineix gewann den César für das beste Erstlingswerk.

Was führen die Taiwanesen im Schilde?

Für die amerikanische Sopranistin Wilhelmina Fernandez blieb es trotz ansprechender Leistung ihr einziger Spielfilm. Sie singt im Film auch selbst – außer der eingangs erwähnten Arie auch das „Ave Maria“ von Charles Gounod. Heimlicher Held von „Diva“ ist meines Erachtens aber Gorodish, von Richard Bohringer („Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“) mit Savoir-vivre und unnachahmlicher Coolness gespielt.

Meine Erinnerung nach all den Jahren hat mich nicht getrogen: „Diva“ ist ein Gesamtkunstwerk.

Ein seltsames Paar: Gorodish und Alba

Veröffentlichung: 2. April 2020 und 23. Februar 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 113 Min. (Blu-ray), 117 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Diva
F 1981
Regie: Jean-Jacques Beineix
Drehbuch: Jean-Jacques Beineix, Jean Van Hamme, nach einem Roman von Daniel Odier alias Delacorta
Besetzung: Frédéric Andréi, Wilhelmenia Fernandez, Richard Bohringer, Thuy an Luu, Gérard Darmon, Dominique Pinon, Jacques Fabbri, Chantal Deruaz, Roland Bertin, Anny Romand, Jean-Jacques Moreau, Patrick Floersheim, Raymond Aquilon, Jim Adhi Limas
Zusatzmaterial: Interview mit Jean-Jacques Beineix, Wendecover
Label/Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Studiocanal Home Entertainment

Der Gott des Gemetzels (Virtueller Theaterabend)

Da zur Zeit viele Bühnen Theateraufzeichnungen online stellen, haben wir am 25. April auf Facebook zu einem virtuellen Theaterbesuch eingeladen.

Nach ebenso virtueller Abstimmung haben wir uns auf Yasmina Rezas Der Gott des Gemetzels verständigt. Die parallele Videokonferenz war wenig sinnvoll. Dafür gab es Sekt und Brezeln.

Das Stück in seiner Premiere von 2006 am Schauspielhaus Zürich ist fabelhaft. Auch wenn das alte Thema des Abgrundes hinter der bürgerlichen Fassade nicht neu ist, ist die Ausführung umso hervorragender. Die Figuren geben sich nichts. Wer weiß, wie oft ich mich selbst im Spiegel wiedererkannt habe.

Mir war gar nicht klar, dass das Stück mit Christoph Waltz, Jodie Foster und Kate Winslet verfilmt wurde (Polański). Den Film muss ich mir irgendwann nochmal zu Gemüte führen.

Beauty and the Boss – Wenn der Chef seine Meisterin findet (Filmrezension)

Beauty and the Boss

Einmal mehr eine Rezension eines Autors unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“ – herzlichen Dank an Tonio Klein, der auch für die Print-Publikation „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ schreibt.

Komödie // Warren William war zwar für seine Rollen als übergriffiger (mal böser, mal dennoch liebenswerter) Chef in Pre-Code-Filmen bekannt, konnte aber auch mal etwas ganz anderes spielen. Zum Beispiel den guten, zurückhaltenden und nicht mal charmant-verschlagenen Anwalt in „Three on a Match“. Oder eine äußerst interessante Variation seiner Typenbesetzung in „Beauty and the Boss“. In „Employees’ Entrance“ (1933) war der Weg zu Harvey Weinstein nicht weit. „Beauty and the Boss“ ist nicht minder interessant, denn da ist er als Wiener Bankdirektor Baron Josef von Ullrich weiblichen Reizen zwar nicht abgeneigt, wird aber seine Meisterin finden. Diese heißt Susie Sachs (Marian March mit entfernten Anklängen an die ganz junge Bette Davis). Manchmal „Säääx“, oft aber, nun ja, „Sex“ ausgesprochen. Zufall? Wohl kaum! Wobei es nicht nur um Sex geht, sondern vor allem um Liebe, oder: um die Frage, ob das Liebesspiel, welches der Baron äußerst gern betreibt, wirklich nur ein Spiel ist. Susie meint es ernst! Und hat die Hosen an. Wie übrigens alle Frauen in dieser frivolen und doch lebensklugen Komödie.

Pre Code und Warner: ungeschminkt und effizient

Falls es dem geneigten Leser unbekannt sein sollte: „Pre-Code“ nennt man die Phase in der Geschichte Hollywoods, in der aus Angst vor drohenden staatlichen Repressalien die Selbstzensurbestimmungen (der sogenannte Production Code, auch als Hays Code bekannt) der Traumfabrik zwar schon beschlossen waren, aber noch nicht durchgesetzt wurden. Von 1930 bis zur Verbindlichkeit der Vorgaben Mitte 1934 tobte sich die Traumfabrik noch mal aus, als gäbe es kein Morgen. Natürlich sind nicht alle Filme dieser Zeit zwanghaft „versaut“, aber die besten erreichen einen knochenehrlichen Blick auf die ältesten Gefühle der Welt.

So auch dieser, der zudem ein typisches Beispiel dafür ist, wie Warner Brothers seinerzeit funktionierte. Eine A-Film-Abteilung gab es faktisch nicht, die Brüder ließen kurze Programmfüller (Filme als Teil eines Doppelprogramms) äußerst kostengünstig herstellen. Und das machten sie oft so gut, dass auch Filme ohne dezidiert künstlerischen Anspruch zum einen sehr effizient und unterhaltsam sind, zum anderen manches Erhellende über ihre Zeit und Produktionsmethoden erkennen lassen. Beispielsweise, wie man mit einfachen Mitteln „production values“ suggeriert, die der Film nicht hat. Da kann es anhand von Schrifttafeln, Footage-Postkartenansichten und rückprojizierten wie gemalten Hintergründen durch die ganze Welt gehen, natürlich im Studio. Wien? Gemalt. Wobei man rätseln kann, ob die Hintergründe besonders expressionistisch-avantgardistisch sind oder schlicht dem Budget geschuldet. Auch aus der Not kann Kreativität entstehen. Ein Flug nach Paris? Der Propeller dreht sich vor einem Allerweltshintergrund (ein Hangar, eine Miniatur?), und Aufnahmen vom Eiffelturm und vom Triumphbogen finden sich als Montagenmaterial in den Archiven. Herrlich! 65 Minuten allerbeste Unterhaltung.

Ein Geschäftsmann und das älteste Geschäft der Welt

Und durchaus hintersinnige wie selbst für 1932 gewagte Unterhaltung. Baron von Ullrich hat immerhin so viel Ehre im Sinn und Beherrschung in der Hose, dass er mit seinen Sekretärinnen nichts anfängt. Nein, er entlässt sie erst … Wobei er es sich leisten kann, ihnen noch monatelang Gehalt zu zahlen. Weniger verklausuliert gab es einen Hurenlohn selten. Wobei es die Damen sind, die den Mann verführen, das merkt er nur nicht. „Beauty and the Boss“ beginnt mit einem typischen „Frollein, zum Diktat“, und Stenotypistin Ollie Frey (Mary Doran) ist willig, wenn auch unwillig, die Arbeit zu leisten. Sie schlägt die Beine übereinander, sodass der Rock die Knie-Ansicht freigibt. Er: „Yes, I see it. But I’ve seen better.“ Sie kokett geheuchelt: „I didn’t think you could see my, äh …“. Ollie wird sich bei denjenigen Damen einreihen, die von von Ullrich nur das eine wollen. Und zwar nicht, weil sie ihm verfallen sind. Sondern weil sie Spaß dran haben, den Mann scharf zu machen und sich dann mit ihm zu vergnügen.

Auf einer Geschäftsreise in Paris dreht der Film die Schraube noch einmal gewaltig an. Die Liste der Damen, die von Ullrich dort aus nichtgeschäftlichen Anlässen, ähem, sehen wollen, ist so absurd lang wie Leporellos Leporello, in dem er die Betthäschen Don Giovannis vermerkt hat. Und am Telefon müssen diverse heiße Feger mehrmals, manchmal sogar zugleich, abgewimmelt werden, die sogar nackt in der Badewanne nach ihrem, pardon, Stecher rufen. Auch 1932 gab es keine „full frontal nudity“, aber eine sehr effektive Suggestion in den Badewannenshots. Mädels im Unterrock und mit Strümpfen waren sowieso Standard.

Liebe nicht als Geschäft: das hässliche Entlein …

Warum nun werden sie abgewimmelt? Auftritt Susie Sex, äh, Sachs, oder auch Miss Church Mouse. Als typisches „poor girl of the Great Depression“ (die es ja auch in Wien gab) wird die Figur äußerst interessant eingeführt. Sie drückt sich die Nase an einem Studiowiener Kaffeehaus platt, in dem ein reicher Mann üppig speist. Man hat sich nicht nur Mühe gegeben, den schönen Schwan als hässliches Entlein zu verpacken, man hat noch mehr getan. Dadurch, dass wir nur das ungeschminkte Gesicht oberhalb eines Vorhangs sehen, von einem Hut bedeckt, ist nicht einmal erkennbar, dass Susie bereits im fraulichen Alter ist. Das poor little girl wirkt tatsächlich noch wie ein girl im Sinne von Kind! Erst als wir die Person im Ganzen sehen: aha, eine Frau. Diese stürmt dann mit Chuzpe in das Büro von Ullrichs und ergattert die freie Sekretärinnenstelle. Dass sie den Portier als Tippgeber dafür hat, wann eine Stelle frei wird, lehrt uns, sie nicht zu unterschätzen. Zudem ist sie im Job spitze und garantiert nicht willig, den Geschäftsmann vom Geschäft abzubringen. Sie wird schnell von Ullrichs beste rechte Hand ever und wirbelt nicht nur sein Geschäftsleben durcheinander. Dabei liebt sie diesen Mann, sieht, dass er sich seinen Reichtum wirklich verdient hat und sogar noch viel mehr Potenzial hätte, wenn er sich nicht gelegentlich mit Frauengeschichten ablenken würde. Also wird sie es sein, die die erwähnte Damenriege abwimmelt und stattdessen lieber daran arbeitet, dass eine wichtige, in Paris abgeschlossene Fusion auf bestem Wege wächst, blüht und gedeiht. Einen vollen Terminkalender mit Geschäftsleuten und einflussreichen Politikern statt oh là là, Can Can und Séparées wird sie ihm bescheren – um lieber selbst einen draufzumachen.

… und der schöne Schwan

Es folgt natürlich die erwartete Schwan-Szene, aber sie kommt erfreulich spät und Susie wird auch dann nicht ihre Kirchenmaus-Tugenden verleugnen! Des Barons Firmenkumpel, mit denen sie ausgeht, sind harmlose und wirklich freundliche Gefährten. David Manners spielt einen von ihnen (wobei seine Figur zugleich von Ullrichs jüngerer Bruder ist), eigentlich der klassisch junge leading man, aber er wird nicht viel zu melden haben. Susie hat die Hauptrolle! Während im sehr bösen „The Match King“ (1932) die William-Figur andauernd nervige Frauen reinlegt, ist es hier Susie, die dies mit von Ullrichs Damenriege tut. Wobei der Film, was ich positiv werte, daraus nicht das große Drama macht. Ollie, die das wichtigste Opfer ist, nimmt’s als sportlichen Zickenkrieg und verklickert Susie einmal sogar in kameradschaftlicher Weise, wie man es mit kleinen Tricks anstelle, einen Mann in die Arme zu bekommen – und ins Bett, was natürlich nicht offen gesagt wird. Als Susie diese Tricks bei von Ullrich ausprobiert und er sofort darauf anspringt, ist sie mächtig enttäuscht und zeigt Größe: Ja, sie will ihn. Aber sie sagt auch: Wenn du mich haben willst, musst du mehr sein als ein allerweltstestoreongesteuerter Heini. „When I love a man, … he must be hungry and thirsty forever, since I came along. I, Susie Sachs. No other woman on earth must do. That’s the sort of love I want.”

Lust ist auch lustig

Das ist natürlich ein romantisches, vielleicht utopisches Ideal. Aber für den Film wie Susie spricht, dass sie kompromisslos ist und sich nicht mit weniger zufriedengibt. Äußerst vergnügliche Elemente wie ein von Begehren und Koketterie geprägtes „Fangenspielen“ als wilde Hatz im „top shot“ sowie herrlich schräge Nebenfiguren runden den Eindruck ab. Einer dieser großen kleinen Warner-Filme, zudem mit dem Jäger als Beute. Veröffentlicht ist der Film bis heute nicht in Deutschland, aber in den USA in der Warner Archive Collection. Dort wird übrigens nicht der Bankdirektor höchst charmant über den Tisch gezogen, sondern der Kunde: Das Cover ziert nicht die Hauptfigur, die Kirchenmaus, sondern die Dame, die nackt aus der Badewanne heraus nach von Ullrich telefoniert.

Veröffentlichung (USA): 22. April 2010 als DVD

Länge: ca. 65 Min.
Altersfreigabe: ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Beauty and the Boss
USA 1932
Regie: Roy Del Ruth
Drehbuch: Joseph Jackson, nach einem Theaterstück von Ladislas Fodor
Besetzung: Marian Marsh, Warren William, Mary Doran, David Manners
Zusatzmaterial: keines
Label/Vertrieb: Warner Archive

Copyright 2020 by Tonio Klein

Filmplakat: Fair Use

Employees’ Entrance – #metoo im Pre-Code (Filmrezension)

Employees’ Entrance

Erneut eine Rezension eines Autors unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“ – herzlichen Dank an Tonio Klein, der auch für die Print-Publikation „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ schreibt. Der Text enthält ein paar Spoiler.

Drama // Willkommen in der beinharten Geschäftswelt in Zeiten der Krise und in einem brettharten Pre-Code-Knaller, der sich selbst für damalige Verhältnisse weit aus dem Fenster lehnt und doch nicht voyeuristisch ausfällt, sondern knochenehrlich und erfrischend ungeschminkt. Dirty rotten scoundrel „King of Pre-Code“ Warren William („Beauty and the Boss“, 1932) gibt den rücksichtslosen Unternehmer Kurt Anderson, dem der Erfolg recht gibt. Weil dies vermutlich tatsächlich so ist, kann man den Film auch als Kapitalismuskritik lesen. Vielleicht gerade weil er sich der moralischen Bestrafung des Skrupellosen widersetzt. Und bei seinem Kampf schmeißt dieser nicht nur Leute raus (und einmal definitiv in den Ruin sowie einmal in den Freitod), sondern nimmt auch noch alles Weibliche mit, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Die von Loretta Young gespielte Arbeitslose Madeline Walters bekommt er vor den Kussmund und andeutungsweise schon zu Beginn in die Kiste, indem er ihre Not ausnutzt und ihr einen Job gibt. Später ist dann ziemlich deutlich, dass Anderson sie nach der Abblende, in der sie hinreißend schön und ziemlich besoffen in seinem Bett wie hingegossen liegt, „nimmt“.

Von Kurt Anderson zu Harvey Weinstein

Aber unserem Harvey Weinstein der Kaufhausbranche in der Depressionszeit wird es nicht an den Kragen gehen! Der aus heutiger Sicht vielleicht grenzwertige Plot ist gleichwohl zu genießen, verehrt er den Hauptcharakter doch nicht als tollen Hecht, sondern zeigt, dass gegen eine brutale Wirtschaftskrise nur ein noch brutalerer Manager hilft. Damit ist der Film genauso hässlich-zynisch wie vermutlich leider wahr, und er braucht den Vergleich mit so manchem Billy Wilder, wie zum Beispiel „Extrablatt“ (1974), sowie den vorherigen „Front Page“-Verfilmungen nicht zu scheuen. Eine hier nicht zu verratende Chance für die Liebe gibt es gleichwohl, aber auch so rotzfrech-erfrischende Figuren wie Polly Dale (Alice White). Sie wird von Anderson wie eine Prostituierte für das Stellen von Honigfallen bezahlt, wobei sie dessen Widersacher vielleicht mehr als nur umgarnt. White spielt diese Polly schon nach dem Zenit ihrer kurzen, aber heftigen Flapper-Karriere, und auch wenn sie diesmal vielleicht etwas überzieht, ist ihre Figur ein stimmiger Charakter, weiß diese doch genau, was sie tut, und dies macht sie gleichsam effektiv wie irritierend gern.

„Employees’ Entrance“ hat dann noch die Chuzpe, ein paar Anspielungen auf Homosexualität einzubauen. Ein findiger Verkäufer schlägt einmal vor, Damen- neben Herrenartikeln zu platzieren, da Damen für ihre Männer nicht nur Krawatten kauften, sondern auch andere (zum Teil recht intime) Dinge – und dass die Männer dann auch die Damen bei der Unterwäschewahl sehen, wird als willkommener (Verkaufs-)Appetizer angesehen. Ein brüskierter Kollege wird von Anderson nur gefragt: „Don’t you like women?“ Und auch Anderson selbst scheint gelegentlich an dem findigen Verkäufer Martin West (Wallace Ford), den er unter seine Fittiche nimmt, mehr als nur berufliches Interesse zu haben, wird insoweit sogar Konkurrent für Young, die Ford heimlich geheiratet hat – fortan hat er keine Zeit mehr für sie. So werden am Schluss auch nicht Kurt und Polly als seelenverwandte dirty rotten scoundrels zusammenkommen. Pre-Code, wie er sein muss, immer in die Vollen, doch nie selbstzweckhaft.

Der effektive Regie-Handwerker Roy Del Ruth

Dass die Machart nur im besten Sinne konventionell ist, muss man schlucken. Aber was heißt schon „nur“? Roy Del Ruth („Der kleine Gangsterkönig“, 1933) war seinerzeit ein vielbeschäftigter Warner-Auftragsregisseur. Es mag seine Gründe haben, dass er nicht so bekannt wurde wie die damaligen Kollegen Michael Curtiz und Mervyn LeRoy. Aber er liefert effektives Handwerk ab, mit schnörkellosem, hohem Tempo (etwa durch die damals üblichen und heute noch bei „Star Wars“ gebräuchlichen Überblendungen von allen und in alle möglichen Richtungen). Auch die bei hohem Kostendruck sehr effiziente Technik der Montagen funktioniert, in denen zum Beispiel zu Beginn sehr schnell, aber ohne neumodisches Schnittgewitter die Unternehmensgeschichte der vergangenen Jahrzehnte vorgestellt wird. Der übliche Blick auf Zeitungsschlagzeilen unterstreicht den Realismus. Und das Einstreuen von Footage gibt die effektive Illusion von Production Values (der wiederkehrende flucht-/vogelperspektivische Blick auf eine Fabrikationshalle kommt mir aus dem Autofabrik-Streifen „Unser Boss ist eine Lady“ (1933) merkwürdig bekannt vor, aber ich mag mich irren). Zudem gibt es zwar – wie seinerzeit oft – noch keinen durchkomponierten Soundtrack, aber musikalische Leitmotive, beispielsweise „I Found My Million Dollar Baby in a Five and Ten Cent Store“. Eine hübsche Umkehrung der Tatsache, dass hier alle in einem Million Dollar Store zu „billigen“ Personen zu werden drohen.

Fazit: Hard, fast and beautiful. In 75 Minuten Wahrheit, Unterhaltung, Gemeinheit, aber nie Nihilismus. Wem seinerzeitiger MGM-Edelkitsch auf den Zeiger geht, der greife zu diesem Film. Pre-Code vom Derbsten und zugleich Feinsten. Nun braucht’s nur noch eine deutsche Heimkino-Veröffentlichung. Im Zuge der #metoo-Debatte mag ein findiges Label hoffentlich mal auf „Employees’ Entrance“ stoßen.

Veröffentlichung (USA): 30. April 2013 als DVD (Bestandteil der Box „Forbidden Hollywood – Volume 7“)

Länge: 65 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Employees’ Entrance
USA 1933
Regie: Roy Del Ruth
Drehbuch: Robert Presnell Sr., nach einem Theaterstück von David Boehm
Besetzung: Warren William, Loretta Young, Wallace Ford, Alice White, Hale Hamilton, Albert Gran, Marjorie Gateson, Ruth Donnelly, Frank Reicher, Charles Sellon
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: Warner Archive

Copyright 2020 by Tonio Klein
Filmplakat: Fair Use

Redacted – Die Verdammten des Bilderkriegs (Filmrezension)

Redacted

Nach einer Pause mal wieder eine Rezension eines Autors unseres Partner-Blogs „Die Nacht der lebenden Texte“ – herzlichen Dank an Tonio Klein. Der Text enthält ein paar Spoiler.

Kriegsdrama // Ein Herr schickte seinen Diener in Bagdad auf den Markt. Dort erschien ihm der Tod; er kehrte angsterfüllt zu seinem Herrn zurück und bat um ein Pferd, um nach Samarra zu reiten; dort würde ihn der Tod nicht finden. So geschah es. Der Herr ging selbst zum Markt, erkannte dort den Tod und warf ihm vor, wie er denn seinen Diener so erschrecken könne. Darauf entgegnete der Tod: „Aber ich wollte ihn gar nicht erschrecken. Ich war nur erstaunt, ihn in Bagdad zu sehen. Ich hatte nämlich heute Abend mit ihm eine Verabredung in Samarra.“

Wache schieben am Kontrollpunkt

Was sagt uns diese Geschichte? Sie wird vorgetragen im Kreise von US-Soldaten in – Samarra, Irak. Am Ende wird einer von ihnen ziemlich deutlich aussprechen, es gebe keinen guten Grund, aus dem die USA im Irak einen Krieg führten. Alles also ein Missverständnis („der Irak hat Massenvernichtungswaffen“), das aber doch den Hintersinn hat, dem tödlichen Schicksal nicht zu entgehen? „Mit jedem Tag kommen wir der Verabredung näher“, wird der Soldat sagen, der täglich im Buch „Verabredung in Samarra“ liest (Auszug siehe oben). Die Terroristen von 9/11 hatten die USA erschreckt, um sie dann in den Irak zu locken und dort zu erwarten. Möglicherweise. Die Parabel vom Tod und dem Diener eines Herren (Soldaten als Diener ihres Landes vielleicht) lädt zu vielfältigen Interpretationen und Spekulationen ein. Und das ist schon einmal gut, in einem Film des großen Brian De Palma, der zumindest teilweise extrem ungewöhnlich und interessant ist.

Vier GIs im Irakkrieg

Von den GIs rücken vier in den Vordergrund. Angel Salazar (Izzy Diaz) ist der Chronist, der sämtliches Geschehen mit der Videokamera dokumentiert; er will sich damit an der Filmhochschule bewerben. Angel Salazar – Engel! Tod! Wohl kaum ein zufälliger Name. McCoy (Rob Devaney) ist der etwas zurückhaltendere Typ, an Gerechtigkeit interessiert, ein Anwalt der Schwachen, darum heißt er mit Vornamen tatsächlich Lawyer. B. B. Rush (Daniel Stewart Sherman) und Reno Flake (Patrick Carroll) sind die ungehobelten (Front-)Schweine. Reno ist nach einem Ort des Glücksspiels benannt, sein Bruder heißt Vegas. Dies zeigt nicht nur, dass Reno in einer Welt für sich lebt und das Verbrechen, das er begehen wird, nicht nach außen dringen dürfe (so sei dies bei Geschichten, die in Las Vegas passierten, sagt er einmal). Dies hat auch mit einer seltsamen Art von Glücksrittertum zu tun. Daddy nannte Reno und Vegas immer seine Joker. Vegas wurde, wie Reno erzählt, einmal als Trumpfkarte eingesetzt, als andere nicht den Mumm hatten, einen Mord zu begehen. Doch das Glück hatte Vegas danach verlassen; er wurde erwischt, ging ins Gefängnis und starb dort. Reno überschreitet nun ebenfalls eine rote Linie: Unsere Vier wollen oder sollen ein 15-jähriges irakisches Mädchen vergewaltigen. Reno und B. B. Rush schreiten zur Tat und erschießen dabei noch gleich einen Gutteil der Familie des Opfers. McCoy kommt zwar mit, aber als er merkt, dass seine Kameraden es tatsächlich ernst meinen, versucht er vergeblich, sie von der Tat abzuhalten. Bei Salazar siegt die Lust am Dokumentieren über die Skrupel – er filmt die Tat. Später wird er von Verwandten der Opfer entführt und vor laufender Kamera enthauptet (ausgerechnet Salazar, der selbst immer die Kamera laufen ließ), ein Bild, das wir aus der Realität kennen. Um dieses Enthauptungsvideo herum baut Brian De Palma seine ansonsten weitgehend fiktive Geschichte auf.

Lebensgefahr oder willkommene Abwechslung?

Dennoch hat „Redacted“ etwas Dokumentarisches. De Palma hat in HD statt auf Zelluloid gefilmt. Die ansonsten bei ihm übliche optische Opulenz ist deutlich zurückgenommen. Bei uns kam das Kriegsdrama gar nicht erst in die Kinos; vielleicht ist es auch eher fürs Fernsehformat geeignet. Die Ästhetik erinnert an Reportagen. Dokumente aus dem Internet und geschwärzte Akten (eben „redacted“, also editiert, wie schon der Vorspann eindrucksvoll zeigt) werden immer wieder eingeblendet. Wir haben hintereinander geschnittene, aber nicht ineinander übergehende Szenen. Diese erzählen zusammengenommen zwar eine geschlossene Geschichte, aber den Fluss dieser Geschichte müssen wir uns selbst im Kopf zusammenbasteln. De Palma zeigt Momentaufnahmen; ein Szenenwechsel bedeutet auch einen Stilwechsel. Vieles ist mit (Salazars) Handkamera oder mit festinstallierten (Überwachungs-)Kameras gefilmt, ab und zu sehen wir Internetvideos, die als solche erkennbar sind, und (fiktive) Kriegsreportagen. Halt Dinge, die es auch in der Realität gibt. Beispielsweise kommt ein paarmal ein irakischer Internetkanal vor – ein feststehendes Bild mit arabischem Design und Schriftzeichen am Rand und einem Videobildschirm in der Mitte. Dort sehen wir einmal, mit Nachtsichtkamera aufgenommen, ein paar Wache schiebende US-Soldaten und ein paar unerkennbare Männer, die dort herumschleichen, anscheinend unbemerkt. Beim ersten Sehen ist kaum klar, worum es geht. Es folgt eine Szene im Vollbildmodus, von Salazar gefilmt und daher fast ohne die üblichen Farbbearbeitungen, sondern mit gleißendem und kaltem Licht, wie man das von Dokumentationen statt von Spielfilmen kennt – dieser Effekt kommt mehrfach vor. Wir sehen, wie ein Soldat Opfer einer Mine wird. Nun ist klar, dass die voranstehende Szene gezeigt hatte, wie Iraker diese Mine gelegt hatten. Immer wieder kommt es zu solchen Ellipsen, wechselt der Film die Perspektiven.

Über Schuld und Mitschuld

Hierdurch bleiben einige Dinge offen; wir müssen uns selbst Gedanken machen. Ob Flake und Rush belangt werden, ist so wenig klar wie die Frage, ob McCoy sein Trauma überwinden wird. Irritierend ambivalent verhält sich der Film ferner zu der Frage, ob Filmen (Salazar) und Dabeisein, aber Nichtverhindern (McCoy) genauso schlimm ist wie die aktive Begehung der Tat. Am Ende sehen wir in einem Internetvideo eine wütende junge Frau, die die Täter beschimpft und ihnen wünscht, Opfer einer archaischen Selbstjustiz zu werden. Man weiß nicht genau, ob sie alle oder nur die beiden aktiven Täter meint. Jedenfalls Salazar betreffend gibt es deutliche Anzeichen, dass De Palma ihn in der Mitschuld sieht. Hier hat „Redacted“ De-Palma-typische Stärken; bei dem Regisseur ging es immer um Voyeurismus und die Macht der Bilder. Die Kamera als Waffe; diese uralte Metapher passte selten so gut wie hier. De Palma zeigt ja zu einem Großteil Filme im Film und macht schon am Anfang klar, dass Bilder ein Eigenleben bekommen und die Realität machen, statt sie nur abzubilden. Salazar filmt so viel, dass er irgendwann nur noch einen anderen Filmer filmt; und die Soldaten schwadronieren darüber, ob das jetzt schwachsinnig sei, wenn „ich ’nen Film von einem drehe, der ’nen Film von mir dreht.“ Aber genau darum geht es: Filmen als selbstbezügliche Angelegenheit, die sich im Kreis dreht und auf sich selbst zurückwirft; die Realität kann hier schon einmal ausgeschlossen sein und unter den Tisch fallen – sozusagen „deleted scenes from the cutting room floor“. Auf diese Weise hatte De Palma auch in seinen großen, anscheinend ganz anderen, durchgestylten Thrillern über die Bilder und den Voyeurismus nachgedacht.

Objekte männlicher Begierde

De Palma geht nun einen Schritt weiter und macht seine Aussagen auch zum Stil. „Was ihr hier sehen werdet, ist kein Hollywoodfilm mit durchgehender Handlung“, so Salazar am Anfang über seine Doku – das könnte auch De Palma über „Redacted“ gesagt haben. „Film ist vierundzwanzigmal Wahrheit pro Sekunde“; das berühmte Godard-Zitat gibt Salazar leicht abgewandelt wieder, und auch hier spricht De Palma. Im einen wie im anderen Fall lädt er uns zu kritischen Reflexionen ein, denn „Das erste Opfer des Krieges [und also auch des Filmens] ist immer die Wahrheit“, so heißt es an anderer Stelle. Und wie sehr der Dokumentarist in Wirklichkeit mitmischt, wird bei „Redacted“ mehr als deutlich. Bezeichnenderweise entgleiten dem Filmer Salazar genau nach seinem 24-Sekunden-Spruch die Dinge, denn just dann wird er entführt und später enthauptet. Die Kamera aber überlebt. Es findet sich immer ein anderer, der sie bedienen wird.

Vom quälend langweiligen Dienst in der Fremde

Dem Zuschauer etwas über die Bildermacht zu erklären, aber ihn nicht mit selbiger zu verführen – das ist aller Ehren wert, aber De Palma geht damit ein Teil seiner emotionalen Kraft verloren. Es ist fast wie eine Rückkehr zu seinen Wurzeln, zum Beispiel zu „Murder à la Mod“ (1968), wo er zwar kunstvoll zeigte, wie man den Zuschauer mitnehmen kann, aber dies nicht tat. Wie in dem alten Film haben wir nun ebenfalls wieder eine maximale Fülle an Stilmitteln von einem Extrem ins andere. Den nüchtern ausgeleuchteten Aufnahmen steht paradoxerweise gegenüber, dass ausgerechnet in einer eingeschobenen fiktiven französischen Dokumentation die Bilder ganz anders sind: Alles ist in warmen Brauntönen gehalten, entsprechend der Hitze, den staubigen Straßen und der Bauweise in Samarra. Doch auch hier gibt es unspektakuläre Chronistenaufnahmen, die eine Durchsuchung an einem Kontrollpunkt zeigen – sehr streng, zwar kontrolliert, aber irgendwie demütigend für die Iraker, obwohl ihnen nichts passiert und sie schließlich weiterfahren dürfen. In einer Zeitrafferszene sehen wir, wie dies zum Alltag der Soldaten und der Iraker gehört. Andererseits ist der Dienst in der Fremde teilweise so quälend langweilig, dass das Knacken beim Drücken einer leeren Plastikflasche zum ohrenbetäubenden Geräusch in der Ödnis werden kann. Zeitlupe des Tons gegen Zeitraffer des Bildes. Und dann Chaos gegen Routine, Handkamera, andere Ausleuchtung, wenn es zu einem dramatischen und blutigen Zwischenfall an diesem Kontrollpunkt kommt. Sicherlich nicht von ungefähr wegen eines Missverständnisses. Gleichsam erfreulich wie verstörend ist, dass man dem handelnden Soldaten nach Betrachten der Bilder kaum einen Vorwurf machen kann – aber dann vermischt das Drama die Ebenen schon wieder: Einer der Soldaten der französischen Dokumentation ist Flake; er hat eine schwangere Frau erschossen, was man ihm nicht einmal vorwerfen kann – aber sehr wohl die Art, wie er damit umgeht. Man kann sich in „Redacted“ nie ganz sicher sein in seinem moralischen Urteil.

Nähe zu „Die Verdammten des Krieges“

Was allerdings ein bisschen bedauerlich ist, ist die meines Erachtens zu enge Anlehnung De Palmas an seinen eigenen Film „Die Verdammten des Krieges“ (1989). Weniger störend ist, wenn jemand in unterschiedlichen Varianten stilistische Wiederholungen betreibt wie etwa Hitchcock oder De Palma selbst, die dergestalt eine künstlerische Meisterschaft variier(t)en und perfektionier(t)en. Hier geht es aber um inhaltliche Übereinstimmungen bei stilistisch großen Unterschieden. „Die Verdammten des Krieges“ war die für De Palma typische große Oper; vielen zu sentimental. Man kann verstehen, dass der Regisseur an dasselbe Thema („Mord bleibt Mord, auch im Krieg“) noch einmal heranwollte, aber den Plot betreffend klaut er entschieden zu viel von sich selbst. Wir haben die frustrierten Soldaten, die murren, dass ihr Einsatz verlängert wird (im alten Film: dass sie kurz vor Einsatzende auf eine beschwerliche Mission müssen). Ein dunkelhäutiger Soldat (im alten Film dito) nimmt den Gutmenschen McCoy (Rob Devaney, im alten Film Michael J. Fox in ähnlicher Rolle) an die Kandarre, etwas misstrauischer gegenüber der vermeintlich freundlichen einheimischen Bevölkerung zu sein. Ausgerechnet der Schwarze muss wenig später Opfer einer Gewalttat werden, die von den Einheimischen ausging. Die anderen Soldaten sind gerade deshalb so frustriert, weil die gesamte Dorfbevölkerung von der Falle gewusst haben muss. Im alten Film ein Hinterhalt des Vietcong, in „Redacted“ eine Mine, die an anderer Stelle im alten Film auch vorkommt. Das Opfer hat jeweils einen Namen, der „süß“ klingt, im alten Film „Brownie“ (oder zeigt dies auch einen latenten Rassismus?), im neuen „Sweet“. Für beide Filme gilt: Nach der Gewalttat ist der Mann, der nicht mitmacht, Einschüchterungen ausgesetzt. Er stößt zunächst auf taube Ohren, als er den Vorfall melden will. Am Ende setzt er aber doch eine Untersuchung in Gang. Beide Filme enden mit einem Bild, in welchem klar ist, dass dieser Mann an seinen Traumata noch knabbern muss. Die Übereinstimmungen sind teils sehr detailliert, bis hin zu Dialogen à la „Jeder hier hat es gewusst“ (dass eine Mine gelegt wurde / dass der Vietcong wartet). Bei aller Meisterschaft im Übrigen: Man hätte sich hier ein bisschen mehr Kreativität des Regisseurs und Autors De Palma gewünscht.

Aufgesetztes Finale mit Musik von Puccini

Im Übrigen liegt aber ein weitgehend guter Film vor, zu dem noch gesagt werden sollte, dass er eben nur scheinbar semidokumentarisches Kino bietet. Wie eben auch in seinen großen Opern überlässt De Palma nichts dem Zufall, ist alles genau durchkomponiert. Opernhaft wird Musik von Händel und am Ende Puccini eingesetzt; wobei ich mich schon fragte, ob die Schlussbilder einen Verrat am vorher Gesehenen darstellen. Zu Puccini sehen wir grausam verstümmelte Leichen als „Kollateralschäden“ des Krieges; teilweise offenbar Originalaufnahmen, da die Augen geschwärzt sind, aber bei De Palma kann man nie ganz sicher sein, ob dies nicht auch nur simulierte Originale sind. Oftmals Kinder mit abgetrennten Gliedmaßen, viel Blut und schmerzverzerrtem, hilfeschreiendem Ausdruck. „Das erste Opfer des Krieges ist immer die Wahrheit“; der Voyeur, der Chronist, der Kameramann beteilige sich wie ein Kämpfer und erzeuge seine eigene Wahrheit. Wollte De Palma am Ende noch einmal genau dies zeigen, indem er offen auf große Gefühle setzt? Mir scheint es gerade auch angesichts des gegenüber dem Restfilm völlig anderen Musikeinsatzes eher so, als verrate der schlaue Fuchs seine eigene Idee. Er instrumentalisiert diese (Kinder-)Leichen fürs große Gefühl und hinterfragt alles, was er vorher eindrucksvoll demonstriert hatte. Vielleicht hätte er besser bei seinem nüchterneren Ansatz bleiben sollen. Der emotionsgeladene „Die Verdammten des Krieges“ ist ebenfalls nicht schlecht, aber bei einer Mischung aus beidem entsteht eine Reibung, die sich nicht auflöst. Die letzte Szene ist in einem Film wie diesem Sand im Getriebe, und das ist schade. De Palma hätte mit dem irritierten Bild McCoys schließen sollen, das den Leichenbildern vorangeht. McCoys Freunde geben eine Party für den heimgekehrten „Kriegshelden“, aber er und seine Freundin können nicht glücklich sein. Das Bild friert ein; wieder ist es ein Bild im Film, genauer: ein Foto, das Freunde von den beiden schießen („Bilder schießen“; diese im Amerikanischen noch häufiger gebräuchliche Metapher passte selten so gut wie in „Redacted“). Der verstörte Gesichtsausdruck der beiden brennt sich ein, bleibt lange haften. Ein Foto zeigt endlich einmal mehr Wahrheit als das, was vorher immer nur eine vermeintliche Wahrheit war. Dies wäre ein gutes Schlussbild gewesen, aber De Palma setzt noch einen drauf. Nichtsdestoweniger ein ungewöhnlicher, interessanter und wichtiger Film, der zum Nachdenken und zum Überdenken des Schauens an sich einlädt. Im Interview zu „Redacted“ wünschte sich De Palma, sein Werk möge wütend machen.

Bei „Die Nacht der lebenden Texte“ hat Blogbetreiber Volker Schönenberger bereits einen Text über „Redacted“ veröffentlicht. Alle dort berücksichtigten Filme von Brian De Palma finden sich in der Rubrik Regisseure.

Ein Kamerad wird zum Schweigen verdonnert

4. Februar 2009 als Blu-ray, 6. Februar 2009 als DVD

Länge: 90 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Redacted
USA/KAN 2007
Regie: Brian De Palma
Drehbuch: Brian De Palma
Besetzung: Patrick Carroll, Rob Devaney, Izzy Diaz, Daniel Stewart Sherman, Ty Jones, Mike Figueroa
Zusatzmaterial: Interview mit Brian de Palma, Interviews mit Flüchtlingen, Hinter den Kulissen, Trailer, Wendecover
Label/Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2020 by Tonio Klein
Szenenfotos & Packshot: © 2009 Studiocanal Home Entertainment

„Nimmt man einer Gesellschaft die Begegnungsmöglichkeiten, kann auch das Theater nicht mehr existieren.“ – Ein Gespräch mit der Dramatikerin Ingeborg von Zadow

Ingeborg von Zadow, in Berlin geboren und in Deutschland, den USA und Belgien aufgewachsen, schreibt seit ihrer Kindheit Theaterstücke. Sie studierte 1990 bis 1993 Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und absolvierte 1994 ihren Master of Arts an der State University of New York in Binghamton, USA. Neben Regieassistenzen in Oper und Schauspiel reiste sie mit Unterstützung des Goethe-Instituts nach Australien, England, Griechenland, Kroatien, Polen, Sri Lanka und in die USA. Seit ihrem Debüt 1993 mit Ich und Du gab es zahlreiche Inszenierungen ihrer Stücke auf deutschen und internationalen Bühnen. Es liegen Übersetzungen in elf Sprachen vor. Ingeborg von Zadow lebt in Heidelberg. Für mehr Information siehe Ingeborg von Zadows Website: www.ingeborgvonzadow.com

Ingeborg von Zadow

Ingeborg von Zadow / Foto: Jens Fiedler

Vorbemerkung aus aktuellem Anlass:

Dieses Interview wurde geführt, als sich das Leben durch das Corona-Virus noch nicht für uns alle verändert hatte. Inzwischen sind die beiden Inszenierungen, von denen im nachstehenden Gespräch die Rede ist, die Oper Die Kinder des Sultans für das Theater Dortmund sowie die Komödie Liebe oder Leben! für das Theater Carnivore in Heidelberg verschoben worden, letztere auf den 8. Mai 2021. Die Inszenierung am Jungen Theater Biel/Solothurn probt derzeit via Skype und plant, hierüber auf Facebook zu berichten. Das Theater Bautzen hält weiterhin am Premierendatum von Hallo Nachbar im September fest.

Diese Krise und die damit momentan verbundenen neuen zwischenmenschlichen Verhaltensregeln haben gezeigt, dass das Theater doch verwundbar ist. Nimmt man einer Gesellschaft die Begegnungsmöglichkeiten, kann auch das Theater nicht mehr existieren. Ohne den lebendigen Raum, in dem Menschen gemeinsam Dinge erleben können, verliert das Theater das, was es besonders macht. Hoffen wir, dass diese lebendigen Räume bald wieder möglich werden.

Wir haben uns entschlossen, das Anfang März 2020 geführte Interview als Zeitdokument trotzdem zu veröffentlichen, auch wenn manche Aussagen im Moment wie aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen. Das Theater ist so alt wie unsere Kultur und wird gemeinsam mit ihr bald wieder neu anfangen.

Vnicornis:
Ingeborg, du schreibst Theaterstücke. Welche Kraft liegt aus deiner Sicht heute in dramatischen Werken im Vergleich zu Prosa und Lyrik?

Ingeborg von Zadow:
Dramatische Texte werden immer für den lebendigen Raum geschrieben. Es sind gesprochene Texte, die von vielen Menschen gemeinsam wahrgenommen werden. Sie evozieren die Konzentration vieler unterschiedlicher Menschen zur gleichen Zeit auf einen Sachverhalt, ein Gefühl, eine Situation. Darin liegt eine Kraft, ein lebendiger Austausch zwischen DarstellerInnen und Publikum, die für mich mit nichts anderem zu vergleichen ist. Es ist ein gemeinsames Erlebnis, von dem man nicht nur die eigenen Empfindungen und Sichtweisen mitnehmen kann, sondern auch die von anderen Menschen. Es ist eine andere Erfahrung, als einen Text für sich allein zu lesen.

Vnicornis:
Am 5. April 2020 wird die Oper Die Kinder des Sultans am Theater Dortmund uraufgeführt, zu der du das Libretto geschrieben hast. Was erwartet die Zuschauer?

Ingeborg von Zadow:
„Eine fantastische Oper in 9 Szenen“. Es ist die Geschichte der beiden Kinder Fadeya und Taseh, die sich auf die Suche nach ihrem Vater machen, der in ihrem Leben bisher noch nicht aufgetaucht ist. Sie müssen auf ihrem Weg durch Sultanien einige Prüfungen bestehen, um letztendlich an ihr Ziel zu gelangen. So begegnen ihnen zum Beispiel eine hungrige Riesenschlange, ein reißender Fluss und eine schier unüberwindbare Wand. Aber den Zwillingen stehen auch magische Figuren und Gegenstände zur Seite und vor allem eines: ein sprechendes Kamel.

Die Kinder des Sultans ist eine für die Oper neu erfundene Geschichte, was ungewöhnlich ist und für mich auch den besonderen Reiz dieses Auftrags der Jungen Oper Rhein Ruhr ausgemacht hat – es ist keine weitere Bearbeitung von einer der unzähligen schon vorhandenen Bücher oder Märchen. Ich durfte die Handlung tatsächlich neu erfinden, was in der heutigen Kinder- und Jugendtheaterlandschaft, gerade in der Arbeit für die großen Bühnen, einem Sechser im Lotto gleicht.

Die Zuschauer können sich auch freuen auf die wunderschöne, aufregende, melodische, berührende Musik des versierten Komponisten Avner Dorman. Eine bessere Umsetzung meines Librettos hätte ich mir nicht wünschen können. Sie können sich freuen auf die angeblich sechstgrößte Bühne der Bundesrepublik, auf die hervorragende Sängerinnen und Sänger und auf den großen Opernchor des Theater Dortmund, auf die von Tatjana Ivtschina geschaffenen Kostüme und Bühnenbilder, die schon in den Entwürfen von viel Einfallsreichtum und einem ganz individuellen Zugriff zeugen, und außerdem natürlich auf die vielversprechende Regie von Anna Drescher und die musikalische Leitung von Christoph JK Müller, der schon in der Leseprobe vor einem Jahr praktisch jeden Ton der Klavierpartitur auswendig konnte.

Mehr Informationen zur Oper gibt es auf der Website des Theater Dortmund: https://www.theaterdo.de/detail/event/20709/

Vnicornis:
Wie bist du zum Drama gekommen?

Ingeborg von Zadow:
Ich habe als Kind mit acht Jahren eine Aufführung im Schultheater gesehen und wollte ab dem Zeitpunkt Theater machen. Also habe ich begonnen, Bühnenbilder zu entwerfen, Stücke zu planen, eine Theatergruppe zu gründen. Ich wollte spielen, hatte keine Texte und habe deswegen angefangen, sie selber zu schreiben. Diese Theaterstücke habe ich dann meine ganze Jugend hindurch mit meinen Freundinnen und Freunden in vielen Proben und Aufführungen auf ihre Machbarkeit abgeklopft.

Mit Anfang zwanzig wurde ich dann in den Theaterverlag Verlag der Autoren in Frankfurt am Main aufgenommen. Es kamen die ersten professionellen Inszenierungen und Übersetzungen und parallel dazu auch die Arbeit im Theater selbst, zum Beispiel als Regieassistentin. Nebenbei machte ich auch meinen MA in Theatre an der State University of New York at Binghamton in den USA, der aber nur am Rande mit Szenischem Schreiben zu tun hatte.

Vnicornis:
Du schreibst vor allem Theaterstücke für Kinder und Jugendliche. Ist das in Zeiten von Online-Medien, Fernsehserien und Streaming-Diensten überhaupt noch zeitgemäß?

Ingeborg von Zadow:
Ja, natürlich. Und meines Erachtens ist es nötiger denn je, die Kinder und Jugendlichen mit einer Welt in Berührung zu bringen, in der reale Menschen in Aktion sind, bei der sie unmittelbar Zeugen sind und wo ihr Vorhandensein im Raum wahrgenommen wird.

Man darf nicht vergessen, dass die meisten Kinder und Jugendlichen nicht aus eigenem Antrieb ins Theater gehen – sie kommen meist im Klassenverband während der Schulzeit. Dies eröffnet die Chance, alle Bevölkerungsschichten zu erreichen und sie mit dieser lebendigen Kunstform zu konfrontieren – in der Hoffnung, dass die Kinder mehr davon wollen, weil es der lebendige Raum ist, der sie reizt. Mich hat er damals jedenfalls nicht mehr losgelassen.

Liebe oder Leben

Liebe oder Leben – Theater Carnivore, Heidelberg / Foto: Stefan Hartleib

Vnicornis:
Es ist vor dem Hintergrund der Klimakrise nicht ausgeschlossen, dass die Menschheit in 100 Jahren nicht mehr existiert. Was kann dramatische Literatur vor diesem potenziellen Szenario leisten und welche Rolle spielt das überhaupt in deiner Arbeit?

Ingeborg von Zadow:
Zwar habe ich bisher kein Theaterstück geschrieben, dass sich speziell mit der Klimakrise auseinandersetzt. Aber ich merke, dass sie sich in meine Phantasien reinschleicht. So kann man ein wesentliches Element meines neuen Stückes Hallo Nachbar (Arbeitstitel) durchaus auch mit der Klimakrise in Verbindung bringen. Was das genau ist, will ich hier jetzt aber noch nicht verraten, da die Uraufführung des Stückes erst im September am Theater Bautzen stattfindet und wir auch noch dabei sind, am Text zu feilen.

Was dramatische Literatur generell leisten kann vor dem Szenario des Verschwindens der Menschheit in 100 Jahren, ist eine herausfordernde Frage. Man kann hoffen, dass das, was man auf der Bühne verhandelt, Denkprozesse in den Köpfen der Aufführenden und Zuschauenden in Gang setzt, die dann zu Handlungen führen, die das Szenario abwenden oder zumindest abschwächen. Wie real eine solche Hoffnung ist? Leider handeln die Wenigsten, solange ihnen das Wasser noch nicht bis zum Hals steht.

Vnicornis:
Vor einem Jahr haben wir zusammen bei einem Hörspielprojekt der Musikhochschule Trossingen gearbeitet. Im Herbst 2019 wurden unsere Hörspiele bei den ARD-Hörspieltagen in Karlsruhe aufgeführt. Welchen Stellenwert hatte das Projekt in deinem Werk?

Ingeborg von Zadow:
Im Grunde war es mal eine willkommene Gelegenheit, das Hörspielschreiben auszuprobieren, das mir schon seit einigen Jahren mehrere Leute nahegelegt hatten. Ich habe jedoch für das Projekt vor allem aus Zeitgründen eine Geschichte ausgewählt, an der ich sowieso schon saß – von Oda und das Pferd der Götter gibt es nicht nur das Hörspiel, sondern auch ein Theaterstück, das umfangreicher ist und eben auch ganz dezidiert mit der Bühne spielt, die ich ja im Hörspiel nicht zur Verfügung habe. Das Theaterstück ist also in manchem anders als das Hörspiel, und diese Unterschiede waren für mich interessant herauszuarbeiten, aber irgendwie auch nicht wirklich neu. Stellenwert in meinem Werk: eher ein Nebensache, aber trotzdem eine schöne Erfahrung.

Vnicornis:
An welchen Stücken arbeitest du gerade und worauf können wir uns freuen?

Ingeborg von Zadow:
Neben der Uraufführung der Oper Die Kinder des Sultans am 5. April 2020 gibt es dieses Jahr im Mai und im September weitere Uraufführungen von mir. Am 9. Mai 2020 hat bei der Wanderbühne Theater Carnivore in Heidelberg Liebe oder Leben! – eine Komödie in 6 Akten Premiere. Darauf freue ich mich besonders, weil dieses Stück für die Aufführung unter freiem Himmel geschrieben wurde und sich an Erwachsene wendet. Ich hatte beim Schreiben sehr viel Spaß und hoffe, dass sich dieser Spaß auch auf die Zuschauer überträgt. Das Stück ist inspiriert von einem historischen Wanderbühnenstück und wird in Heidelberg und Umgebung gespielt, zum Beispiel auf Weingütern der Region.

Mehr Informationen und Vorstellungstermine: https://wanderbuehne.com/liebe-oder-leben.html

Über Lang oder Kurz

Über Lang oder Kurz – Theater Bautzen / Foto: Miroslaw Nowotny

Am 11. und 12. September 2020 wird dann mein Theaterstück Hallo Nachbar (Arbeitstitel) am Theater Bautzen uraufgeführt. Dies ist mein erster Auftrag für ein Stück für das Puppentheater. Das Stück ist, wie Liebe oder Leben!, für Erwachsene konzipiert. Die Anforderungen an einen Text für Puppen sind ein wenig anders, was für mich spannend ist zu entdecken. Hier arbeite ich intensiv zusammen mit dem Regisseur Stephan Siegfried, der auch schon mein Stück Über Lang oder Kurz für Kinder ab 8 inszeniert hat. Das Stück zum Thema Mobbing wird in Bautzen von den Schulen auch in der zweiten Spielzeit immer noch angefragt, so dass sie es wohl auch eine dritte Spielzeit lang weiter im Spielplan behalten werden.

Ansonsten gibt es am 26. Mai 2020 am Theater Biel/Solothurn noch die Schweizer Erstaufführung von Filipa Unterwegs – mit dem Tonomat durch Europa, einem Stück für Kinder ab 6, das ich vor etwa 15 Jahren geschrieben und jetzt auf Wunsch des Theaters leicht modernisiert habe. Die Inszenierung von Stefanie Rejzek soll mobil in Schulen und Freizeiteinrichtungen gespielt werden.

Weitere Informationen: https://www.tobs.ch/de/junges-publikum/theater-und-schule/klassenzimmerstueck/

Das Gespräch führte belmonte.

(c) belmonte 2020